ELTERN
23/02/2018 18:30 CET | Aktualisiert 23/02/2018 20:04 CET

Ärzte warnen: Geburten werden oft zu früh eingeleitet

Nach Angabe der Weltgesundheitsorganisation verlaufen sowohl die Wehen als auch die Geburt bei jeder Frau anders.

Image taken by Mayte Torres via Getty Images
  • Bei Geburten werden laut der WHO oft unnötige Eingriffe durchgeführt
  • Frauen sollten stärker in den Entscheidungsprozess einbezogen werden, fordert die Organisation

Nach Meinung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten Ärzte schwangeren Frauen mehr Zeit lassen, bevor die Geburt durch medizinische Eingriffe wie beispielsweise einen Kaiserschnitt einleitet wird. Außerdem sollten die Frauen stärker in den Entscheidungsprozess eingebunden werden.

Die meisten Frauen könnten ihre Kinder ohne Komplikationen auf die Welt bringen, schreibt die WHO in den neuen Richtlinien mit 56 Empfehlungen, die die Organisation vergangene Woche veröffentlicht hatte.

Und dennoch würde bei einer “bedeutenden Zahl” von Frauen mindestens ein medizinischer Eingriff vorgenommen werden, wie beispielsweise die Gabe von Oxytocin zur Einleitung der Wehen oder ein Kaiserschnitt.

► Außerdem würden an vielen Frauen “unnötige und potenziell schädliche Routineuntersuchungen durchgeführt werden.”

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Es könne negative Einwirkungen haben

“Wir wollen, dass Frauen ihre Kinder in einer sicheren Umgebung mit erfahrenen Geburtshelfern und in gut ausgestatteten Einrichtungen zur Welt bringen können”, sagte Dr. Princess Nothemba Simelela, die stellvertretende Generaldirektorin der WHO-Abteilung Familien, Frauen, Kinder und Jugendliche, in einer Presseerklärung.

Sie fügte hinzu: “Das zunehmende medizinische Eingreifen in normale Geburtsprozesse untergräbt jedoch die Fähigkeit von Frauen, ein Kind zur Welt bringen zu können. Und das wirkt sich negativ auf die Geburtserfahrung der Frauen aus.”

Und: “Wenn die Wehen sich normal entwickeln und Mutter und Kind bei guter Gesundheit sind, sind zusätzliche Interventionen zur Beschleunigung der Wehen nicht nötig.”

Geburten in Kanada

Nach Angaben der Fachzeitschrift “Journal of Obstetrics and Gynaecology Canada” wurde im Jahr 2010 bei 27 Prozent aller Geburten ein Kaiserschnitt durchgeführt. Im Jahr 1997 lag die Zahl noch bei 19 Prozent.

Nach Angaben des kanadischen Instituts für Gesundheitsinformationen wurde laut Erhebungen aus den Jahren 2015 und 2016 bei Frauen über 35 Jahre häufiger ein geplanter Kaiserschnitt durchgeführt.

Wie eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab, würden Frauen in den verschiedenen Provinzen und Territorien Kanadas bei der Geburt äußerst unterschiedliche Erfahrungen machen.

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Ob bei den werdenden Müttern eine Geburtseinleitung, eine Epiduralanästhesie oder ein Dammschnitt durchgeführt wird, würde stark davon abhängen, in welchem Teil des Landes sie lebten, so die Studie.

 ► “Die Anzahl an Eingriffen in die Wehen und in die Geburt variiert in den verschiedenen Gebieten Kanadas sehr stark. Dies lässt darauf schließen, dass diese Eingriffe nicht immer evidenzbasiert durchgeführt werden”, so die Autoren der Studie.

Die Wehen und die Geburt sind bei jeder Frau anders

Die Wehen und die Geburt würden bei jeder Frau anders verlaufen, so die WHO in ihrer Pressemitteilung. Außerdem würde auch die Dauer und der Verlauf der ersten Wehenphase bei jeder Frau variieren.

In ihren Empfehlungen sprach die WHO sich auch gegen den traditionell angewandten Richtwert aus, dass der Muttermund der Frauen sich während der ersten Wehenphase um einen Zentimeter pro Stunde weiten müsse.

Die Organisation erklärte, dies sei “bei manchen Frauen unrealistisch und man kann daran nicht zuverlässig erkennen, ob bei einer Frau die Gefahr von Komplikationen bei der Geburt besteht.”

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► Die WHO empfahl darüber hinaus, dass man den werdenden Müttern erlauben solle, sich von einem Geburtsbegleiter unterstützen zu lassen.

► Außerdem sollten sie sich aussuchen dürfen, in welcher Position sie ihr Kind auf die Welt bringen wollen und man solle ihnen Schmerzmittel anbieten.

“Und falls doch ein medizinischer Eingriff gewünscht wird oder erforderlich ist, müssen die Frauen unbedingt in den Entscheidungsprozess über die geplanten Behandlungsmethoden mit einbezogen werden. Denn nur so kann man sicherstellen, dass die Frauen eine positive Geburtserfahrung erleben können”, sagte Ian Askew, der Leiter der WHO-Abteilung für Reproduktionsmedizin und Forschung, in der Presseerklärung.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost Kanada und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.