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12/02/2018 14:04 CET | Aktualisiert 12/02/2018 14:04 CET

An die Frau, die denkt, dass Mädchen einen Selbstverteidigungskurs brauchen

"Wieso denn das?", will ich in dem Moment fragen.

skynesher via Getty Images

Ich zurre die Schleife meines Wickelrocks zu und betrachte mich im Spiegel. Der Rock ist ganz schön kurz, denke ich, aber die Verkäuferin meinte, “das muss so sein, die Lehrerin muss ja Ihre Beine bewerten können.” Um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: Ich befinde mich in der Umkleidekabine eines Ballettgeschäfts.

Nach einigen Jahren der sportlichen Untätigkeit, habe ich vor kurzem wieder angefangen zu tanzen – Ballett, eine Kunstform, die mich fasziniert hat, seit ich ein kleines Mädchen war.

“Meine Tochter hat früher auch Ballett getanzt”, höre ich eine Frau vor der Umkleidekabine sagen. “Oh schön”, sagt die Verkäuferin. Doch dann beendet die Kundin ihren Satz:

► “Heute wünschte ich, ich hätte sie stattdessen ins Judo geschickt.”

Diese Aussage macht mich traurig

Ich halte inne. “Wieso das denn?” will ich fragen, doch die Verkäuferin kommt mir zuvor. “Na, weil es für junge Frauen heutzutage ja wieder so gefährlich ist”, erklärt die Kundin.

Und ich muss sagen: Diese Aussage macht mich verdammt traurig.

Denn im Kern suggeriert sie, dass wir Frauen für unsere körperliche Unversehrtheit selbst verantwortlich sind. Dass wir auf uns allein gestellt sind.

Sie macht mich auch deshalb so traurig, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass einen Kampfsport zu können oder einen Selbstverteidigungskurs belegt zu haben das Problem nur in der Theorie löst.

Ich war elf Jahre alt, als ich einen Selbstverteidigungskurs machte. Allerdings nicht auf Wunsch meiner Eltern, sondern auf meinen eigenen. Ich hielt das damals für äußerst sinnvoll.

Im Kurs spielten wir verschiedene bedrohliche Situationen durch: Der ältere Mann, der im Bus die Hand zwischen deine Beine wandern lässt. Der Klassenkamerad, der dich von hinten umklammert, um dich zu begrapschen. Der Bekannte, der dich nach Hause fährt und übergriffig wird.

Sexuelle Gewalt gab es lange vor den Flüchtlingen

Wir lernten, wie man sich in solchen Situationen zur Wehr setzt. Und trotzdem: als die sechs Unterrichtsstunden verstrichen waren, fühlte ich mich kein bisschen stärker – ganz im Gegenteil, ich war zutiefst bestürzt darüber, welche alltäglichen Gefahren anscheinend auf junge Frauen lauern.

► Und dass die Gesellschaft, in der ich lebte, das anscheinend einfach so akzeptiert hatte.

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Das war viele Jahre vor der Flüchtlingskrise in einer 5000 Seelengemeinde, in der es fast keine “Zugezogenen” gibt. Dass Frauen sich alleine auf der Straße nicht sicher fühlen, ist keineswegs ein neues, “importiertes” Phänomen, auch wenn rechte Politiker alles dafür tun, um uns das weiß zu machen.

Mein Selbstverteidigungskurs half nichts, als ich belästigt wurde 

Es machte mir Angst, dass ich einmal in eine Situation kommen könnte, wie wir sie im Kurs durchgespielt hatten und dass ich im Ernstfall vielleicht vergessen würde, was ich gelernt habe.

So war es dann auch: Als ich 17 war, jobbte ich in einem Restaurant. Eines Abends bot mein Kollege an, mich heimzufahren. Kurz nachdem wir auf dem Weg waren, wanderte seine Hand zwischen meine Beine und unter meinen Rock. Ich schob seine Hand weg, doch er blieb beharrlich. Ich sagte ihm, er solle aufhören. Er ignorierte mich.

Ich war fassungslos und dachte keine Sekunde daran, was ich im Kurs gelernt hatte: Dass ich meinen Schlüssel rauskramen und sein Amaturenbrett zerkratzen sollte – um ihn zum Anhalten zu bewegen und so aus dem Auto springen zu können.

Stattdessen wartete ich, bis wir bei mir zuhause waren, sprang aus dem Wagen und fuhr ab diesem Tag meist selbst mit dem Auto oder mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Doch selbst wenn ich mich in dem Moment an die Lektionen des Kurses erinnert hätte, hätte ich vermutlich nicht danach gehandelt.

► Denn das ist leichter gesagt als getan. Vor allem, wenn man den Täter, gut kennt, ihn jeden Tag sehen muss, ja sogar im Job von ihm abhängig ist.

Als ob sexuelle Gewalt eben dazu gehört

Die Aussage der Kundin im Ballettgeschäft macht mich nicht nur traurig, sie macht mich wütend. Denn sie kommt für mich einer Kapitulation gleich.

Als ob sexuelle Gewalt eben zum Leben einer Frau dazu gehört. Als ob wir damit rechnen und uns so gut es geht dagegen wappnen müssen – durch weniger aufreizende Kleidung, indem wir nachts nicht alleine unterwegs sind, keinen Alkohol trinken und lernen, wie man sich körperlich gegen einen Angreifer zur Wehr setzt.

Was wenn eine Frau keine Lust hat, einen Selbstverteidigungskurs zu machen – sondern lieber Ballett? Ist sie dann etwa selbst schuld, wenn sie vergewaltigt wird?

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Liebe Frau im Ballettgeschäft, würden sie ihre Tochter allen Ernstes der Entscheidung berauben, einen Sport auszuüben, der ihr Spaß macht? Weil sie sich dann unter sehr eingeschränkten Umständen vielleicht gegen einen etwaigen Angreifer wehren könnte?

Wir müssen Männern endlich beibringen, Frauen zu respektieren

Ist es nicht wirkungsvoller, jungen Männern von klein auf beizubringen, dass sich die Welt nicht um sie und ihre Impulse dreht? Dass Frauen keine Objekte sind, mit denen man tun und lassen kann, was man will?

Dass sexuelle Belästigung und Vergewaltigung vollkommen inakzeptabel sind und ernste Konsequenzen nach sich ziehen? Nicht nur in strafrechtlicher Form für den Täter – sondern psychische, für das Opfer.

Es ist einfach, Frauen in einen Selbstverteidigungs- oder Kampfsportkurs zu schicken und zu glauben, dass das Problem damit gelöst sei.

Denn die Alternative, ein langfristiger gesellschaftlicher Wandel, ist langsam und zäh – und erfordert unangenehme Debatten. Solche, wie wir sie seit einigen Monaten unter dem Schlagwort MeToo führen zum Beispiel.

Liebe Frau im Ballettgeschäft, wenn Sie Ihre Tochter ins Judo geschickt hätten, hätte das etwa so viel Wirkung wie Aspirin Complex. Denn die Ungleichheit der Geschlechter ist eine Krankheit unserer Gesellschaft und es ist Zeit, dass wir nicht nur ihre Symptome bekämpfen, sondern vor allem ihre Ursachen.

Damit Mütter ihre Töchter irgendwann unbesorgt ins Ballett schicken können.