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25/06/2018 17:39 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 09:25 CEST

Frauen in Saudi-Arabien dürfen jetzt Auto fahren – wir haben mit zweien gesprochen

"Endlich bin ich nicht mehr von einem Fahrer, meinem Bruder oder Vater abhängig.”

Oben im Video: “Werden nicht unser Leben verschwenden” – saudi-arabischer Kronprinz verspricht “moderaten Islam”.

Es ist der 17. Mai 2011. Manal Al-Scharif setzt sich hinter das Steuer eines Autos, fährt los und lässt sich dabei von einer Freundin filmen. Danach stellt sie das Video online, es verbreitet sich rasant. Doch um 2 Uhr nachts rückt die Geheimpolizei an und verhaftet Al-Scharif. Neun Tage lang saß sie in Haft. 

Das war 2011. Dass Frauen Autofahren ist damals eine Straftat in Saudi-Arabien.

Begründungen dafür gab es viele. Eine der skurrilsten lieferte 2015 der Historiker Saleh al-Saadoon. Er behauptete laut einer Übersetzung in einem TV-Interview mit “Rotana Khalijiyya TV”: Wenn ein Auto liegenbleibe, könnten Frauen vergewaltigt werden. Anders als andere Staaten schütze Saudi-Arabien seine Frauen vor diesem Risiko, indem es ihnen verbiete, Auto zu fahren.

“In Saudi-Arabien finden Sie Frauen als Professorinnen an Universitäten“, sagte Al-Scharif 2011. “Aber nicht am Steuer eines Autos. Beim Autofahren sind wir Analphabetinnen. Das wollen wir ändern.”

Sieben Jahre später hat sich das geändert.

1957 wurde das Verbot eingeführt, seit 1990 gab es Proteste gegen die rückständige Regelung. Um Mitternacht am Sonntag endete das Fahrverbot für sie – das Verbot ist gesetzlich aufgehoben. 

Viele Frauen hatten diesen Tag herbeigesehnt. Wir haben mit zweien von ihnen gesprochen.

Unabhängigkeit, Kontrolle, Freiheit – und ein großer Schritt Richtung Gleichberechtigung

“Ich will unbedingt bald einen Roadtrip mit meinen Cousinen machen. Vielleicht in den Osten des Landes oder nach Bahrain. Ich will dieses Gefühl von Freiheit spüren”, erzählt Nada im Gespräch mit der HuffPost.

Sie hat ihren Führerschein schon vor einigen Jahren gemacht. Allerdings in Dubai, als sie dort für ein paar Monate gearbeitet hatte. Jetzt darf sie die Fahrerlaubnis auch in ihrem Heimatland nutzen.

“Es geht vor allem darum, sich unabhängiger zu fühlen. Endlich bin ich nicht mehr von einem Fahrer, meinem Bruder oder Vater abhängig”, sagt sie der HuffPost. 

Diese Abhängigkeit hat die 38-Jährige in ihrem Alltag sehr eingeschränkt – manchmal hatte einfach keiner Zeit, sie zu fahren. Und für ihren Bruder hat es viel Stress bedeutet, jeden Tag Zeit aufzubringen, um seine Schwester durch die Gegend zu fahren.

“Es ging ja nicht nur darum, zum Supermarkt zu kommen. Ich arbeite für einen Pharmakonzern – ohne meinen Bruder bin ich nie zur Arbeit gekommen”.

Frauen dürfen überall auf der Welt Autofahren? Warum sollten sie es nicht auch in Saudi-Arabien dürfen? Enaam

Nada ist in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, geboren. Doch schon als junges Mädchen hat sie die weite Welt kennen gelernt, ein paar Jahre mit ihrer Familie in den USA gelebt und in Großbritannien studiert. Sie ist überzeugt, dass die Fahrerlaubnis ein wichtiger Schritt ist, der zeigt, dass vieles in Saudi-Arabien im Wandel steckt.

Davon ist auch Enaam überzeugt. Die Situation hat sich drastisch geändert, ein Großteil der Bevölkerung und Politiker ist dafür, dass Frauen Auto fahren. Frauen dürfen überall auf der Welt Autofahren? Warum sollten sie es nicht auch in Saudi-Arabien dürfen?”

privat
Enaam fährt ab sofort nicht mehr mit einem Fahrer durchs Land, sondern ist selbst Fahrerin.

Kritiker habe sie kaum welche getroffen, sagt die 33-Jährige. Sie lebt in Jeddah, ist geschieden und hat zwei erwachsene Söhne.

“Autofahren gibt uns Frauen in Saudi-Arabien viel mehr Freiheit. Wir können jetzt unser Leben, unsere Zeit selber kontrollieren. Für mich ist die Fahrerlaubnis ein großer Schritt auf dem Weg, Frauen mehr Rechte zu geben. Gleichzeitig kommen wir Frauen auf der ganzen Welt näher”, sagt Enaam der HuffPost.

Für sie bedeutet die Fahrerlaubnis auch einen neuen Job. Als erste Frau überhaupt wird sie für Careem – ein Transportdienstleister wie Uber – als Fahrerin arbeiten. 

Vieles verändert sich schneller, als erwartet

Für Nada und Enaam ist Autofahren Freiheit, Unabhängigkeit und mehr Gleichberechtigung – für viele andere Frauen in Saudi-Arabien steckt noch ein weiterer Aspekt dahinter: Geld.

Wenn verwandte Männer keine Zeit haben, hatten saudische Frauen bislang Chauffeure benötigt, um von A nach B zu kommen. Doch nicht jeder kann sich den leisten. Viele arbeitende Frauen mussten einen großen Teil ihres Gehalts in einen Fahrer investieren.  

Vorerst sind es nicht viele Frauen, die jetzt einen Führerschein haben und durch das Land fahren. Nada weiß, dass die Fahrschulen im Land einen hohen Zulauf haben.

“Aber der Verkehr in Saudi-Arabien ist wild. Und noch ist es für alle Verkehrsteilnehmer ungewohnt, dass Frauen auf den Straßen unterwegs sind. Ich werde die erste Zeit gemeinsam mit meinem Bruder fahren, bis ich mich sicher fühle.”

Der junge Kronprinz will Saudi-Arabien grundlegend verändern – und macht große Versprechungen

Sie glaubt auch, dass es viele Frauen gibt, die sich nicht trauen, selbst zu fahren – und einige auch gar nicht fahren wollen würden. 

Wandeln wird sich jedenfalls das Bild auf Saudi-Arabiens Straßen. Im Vorfeld der Fahrerlaubnis hatten Frauen im Land vor allem Autos gekauft, die umwelt- und familienfreundlich sind – und bunte, helle Farben haben.

Zu verdanken haben die Frauen die neue Freiheit dem Kronprinzen Mohammed bin Salman, den vor allem die jungen Saudis als Reformer sehen. 

Dinge verändern sich in Saudi-Arabien. Und das viel schneller, als wir es erwartet hatten. Nada

Der 32-Jährige gilt als starker Mann des Königreichs und will dem Land eine Kur verpassen. Vor allem geht es ihm darum, die Wirtschaft umzubauen, damit sie weniger abhängig vom Öl ist, das das Land reich gemacht hat, aber eines Tages erschöpft sein wird.

“Danke an Mohammed bin Salman”, twitterten Frauen am Sonntag. Und auch Nada und Enaam sind überzeugt, dass er mit seinen Visionen noch viel im Land verändern wird – und schon verändert hat.

HUSSAIN RADWAN via Getty Images
Einige Frauen sind direkt um Mitternacht ins Auto gestiegen und haben ihre neue Freiheit gefeiert.

“Dinge verändern sich in Saudi-Arabien. Und das viel schneller, als wir es erwartet hatten”, sagt Nada der HuffPost.

So müssen Frauen zum Beispiel keinen Mann mehr um Erlaubnis bitten, um zu studieren oder zu arbeiten. Und der Kronprinz hat angekündigt, dass er gleiche Bezahlung für Männer und Frauen schaffen will.

“Wir haben schon jetzt viel mehr Möglichkeiten als früher. Und es wird sich noch mehr ändern”, gibt sich Nada zuversichtlich.

Neun Frauen-Aktivistinnen sitzen in Haft 

Enaam glaubt, dass auch der Druck von außen gewirkt hat. ”Über das Internet verbinden sich Menschen in Saudi-Arabien mit Menschen in anderen Ländern. Die Welt wird kleiner. Das verändert die Einstellungen vieler und stellt den Grundgedanken, dass Männer und Frauen unterschiedliche Rechte haben, in Frage.”

Die 33-Jährige ist sicher, dass Frauen in ihrer jetzt immer gleichberechtigter werden. 

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Doch die Freude der saudischen Frauen über die neu gewonnene Freiheit wird getrübt.

Wenige Wochen vor dem Ende des Frauenfahrverbots nahmen Sicherheitskräfte ausgerechnet jene Aktivisten fest, die sich für die Aufhebung eingesetzt hatten.

Mindestens neun von ihnen sitzen weiter in Haft und müssen das historische Ereignis von dort aus beobachten.

Auf den ersten Blick scheint der Zeitpunkt der Festnahmen bizarr – doch die Botschaft, die die Führung vermittelte, war deutlich: Das Königshaus will die absolute Kontrolle über Reformen behalten.

Es wird nur solche geben, die die Mächtigen im Palast von Riad für angebracht halten. Um jeden Preis will die Regierung verhindern, dass eine aktive Zivilgesellschaft entsteht.

Damit wurde auch klar, dass die Reformen allenfalls eine gedrosselte Freiheit zulassen werden. Eine politische Öffnung wird das wohl nicht nach sich ziehen.

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Deshalb schauen auch saudische Aktivistinnen wie Manal al-Scharif mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Auch weil die persönlichen Freiheiten der Frauen in ihrem Heimatland weiter eingeschränkt bleiben.

Die IT-Expertin gehört zu jenen Menschenrechtlern, die über Jahre für das Ende des Frauenfahrverbots gekämpft haben und dabei auch nicht vor Provokationen zurückschreckten.

Über das Ende des Frauenfahrverbots sei sie sehr glücklich, sagte sie dem Sender CNN. Gleichzeitig startete sie am Sonntag eine Kampagne, um die männliche Vormundschaft abzuschaffen, der Frauen in Saudi-Arabien weiterhin unterworfen sind.

So brauchen Frauen in vielen Fällen noch immer die Zustimmung eines männlichen Vormunds. Etwa wenn sie ins Ausland reisen oder heiraten wollen.

Der Vormund kann der Ehemann, der Vater oder sogar ein Bruder sein. “Wir sind noch immer Bürger zweiter Klasse in meinem Land”, sagt Al-Scharif, die mittlerweile in Australien lebt. “Meine Hoffnung ist, dass der Autoschlüssel der Schlüssel zum Wandel ist.” 

Mit Material der dpa.

(jds)