LIFESTYLE
09/06/2018 21:23 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 22:42 CEST

Ich bin als Frau allein um die Welt gereist – und habe es nie bereut

Auch ihr solltet es tun.

Agatha Kremplewski
Ich reise gerne alleine – und lebe dabei nicht ständig in Angst. 

“Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein” heißt es in dem alten Volkslied. Klein Hanna könnte das allerdings genauso gut wie klein Hans.

Auch heute noch trauen sich viele Frauen nicht, alleine zu verreisen. Und andere trauen es ihnen immer noch nicht zu.

Ende 2016 bin alleine nach Südosteuropa gefahren, danach nach Zentralamerika und nach Australien. Ich war insgesamt neun Monate unterwegs, auf drei verschiedenen Kontinenten, in fast 20 Ländern.

Die häufigste Frage, die ich zu meiner Reise gestellt bekomme, ist: Bist du ganz alleine gereist? Gefolgt von: Und wie hast du das gemacht, so ganz alleine als Frau?

Ganz einfach: Reiseroute geplant, Sachen gepackt und los.

Anfangs hatte ich Bedenken

Und tatsächlich hatte ich anfangs auch Bedenken: Als junge blonde Frau falle ich in vielen Ländern natürlich schnell als Touristin auf – was, wenn ich die Gefahren nicht richtig einschätze? Was, wenn ich blöd angemacht oder sogar sexuell belästigt werde? Was, wenn ich ausgeraubt werde?

►  Dann stand mein Entschluss allerdings fest: Ich wollte diese Tour unbedingt alleine machen.Und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Entgegen ihres schlechten Rufs habe ich die meisten Länder, die ich besucht habe, als äußerst gastfreundlich erlebt und überwiegend positive Erfahrung gesammelt. 

► Aber: Man muss natürlich auch seinen gesunden Menschenverstand einsetzen, wenn man alleine als Frau unterwegs ist.

Agatha Kremplewski
Ich war in Ländern wie Albanien, Mazedonien und Kosovo, aber auch in Zentralamerika und Australien.

Frauen werden dazu erzogen, Angst zu haben

Wir Frauen werden großgezogen in dem Bewusstsein, Angst haben und ständig auf der Hut sein zu müssen – nicht nur vor der großen Welt da draußen, sondern auch schon vor unserer Heimatstadt oder unserem Heimatdorf, unserem Viertel oder vielleicht sogar vor unseren Nachbarn.

Nach dem Motto: Als Mädchen oder Frau sollte man möglichst nicht nachts alleine unterwegs sein, an jeder Ecke lauern Gefahren.

Schließlich kennt jeder Geschichten von sexueller Belästigung, Überfällen, Vergewaltigung und Mord, teils schon aus dem nächsten Bekanntschaftskreis. Ich selbst wurde schon oft genug von besorgten und männlichen Freunden nach Hause begleitet. Für den Fall der Fälle.

Noch schlimmer scheint es zu sein, wenn man sich alleine in fremde Länder begibt: Gerade der Gedanke, in einem fremden Kulturkreis zu sein, der vielleicht zusätzlich noch von patriarchalen Strukturen oder einer höheren Kriminalitätsrate geprägt ist, sorgt gerade bei vielen Frauen für Unbehagen. Männer scheinen sich oft freier bewegen zu können.

Die Angst, so angreifbar zu sein, ist oft berechtigt und bewahrt uns davor, uns in riskante Situationen zu bringen.

Die Angst hemmt unser Selbstbewusstsein

Gleichzeitig hindert uns die Angst allerdings daran, uns zu emanzipieren: Wie sollen wir den öffentlichen Raum zurückgewinnen, wenn wir uns davor scheuen, ihn zu betreten?

Wie sollen Orte, an denen Frauen abwesend sind, sicherer für Frauen werden? Warum sollten nur Männer bedenkenlos alleine in den Urlaub fahren dürfen, während wir uns mindestens mit einer Gruppen Freundinnen, besser noch mit unserem männlichen Partner, umgeben sollten, der uns vor jeglichem Bösen beschützt?

Wenn Frauen sich nicht trauen, alleine zu verreisen, überlassen sie das Feld kampflos den Männern.

Vermissen zahlreiche positive Erfahrungen, die sie machen könnten, weil sie in der Fremde allein auf sich gestellt sind. Wenn wir gemeinsam Präsenz zeigen, können Reisebedingungen auch eher an unser Sicherheitsbedürfnis angepasst werden.

Das soll nicht heißen, dass wir bedenkenlos umherirren können. Wie gesagt, es gibt Situationen, die unangenehm oder sogar gefährlich werden können. Emanzipiertes Reisen um jeden Preis sollte tabu sein und der gesunde Menschenverstand genutzt werden. Meine Erfahrung war zwar größtenteils gut, es gab allerdings auch ein paar Situationen, die ich besser vermieden hätte.

Vorsicht: Emanzipiertes Reisen um jeden Preis ist nicht drin

Zum Beispiel war ich einmal mit zwei jungen Frauen, die ich im Hostel kennengelernt habe, zu Fuß an einer Landstraße in Montenegro unterwegs. Ein Auto hielt neben uns, der Fahrer bot in gebrochenem Englisch an, uns bis zum nächsten Ort mitzunehmen.

► Da wir zu dritt waren, fühlten wir uns sicher genug, in das Auto einzusteigen.

► Das Ende vom Lied war, dass der Fahrer vor uns masturbierte und wir die Situation fluchtartig verließen.

Die Geschichte ist glimpflich ausgegangen, zeigt aber: Man sollte nicht zu übermütig werden in seinem Freiheitsgedanken. Und Mama hatte Recht: Steig niemals zu einem Fremden ins Auto.

► Ein anderes Mal wurde ich, ebenfalls in Montenegro, von einem Hostelmitarbeiter bedrängt, der unbedingt wollte, dass ich bei ihm schlafe.

► Er packte mich von hinten, legte eine Hand auf meinen Mund und sagte: “Na, was sagst du jetzt? Jetzt kannst du ja gar nicht mehr Nein sagen.”  

Ich biss ihn in die Hand und ging schnell weiter in die Hostelküche, wo die anderen schon auf mich warteten.

Agatha Kremplewski
Natürlich sollte man nicht jedem trauen. 

Dennoch glaube ich nach wie vor, dass sich Frauen nicht verunsichern lassen sollten, alleine zu verreisen. Die positiven Erlebnisse überwiegen allemal.

So lernt man, gerade wenn man alleine unterwegs ist, leicht neue Leute kennen. Ich habe gelernt, offener auf andere Menschen zuzugehen. Vor allem in Hostels klappt das sehr gut, mit einem einfachen: “Hi, where are you from?” ist das Gespräch schon eröffnet.

Mit ein wenig Improvisation klappt’s

Als besonders witzig ist mir ein Erlebnis im Süden Albaniens, in einer Grenzstadt zu Mazedonien, in Erinnerung geblieben. Ich lief alleine durch die Stadt, weil ich einen Bus suchte, der mich über die Grenze bringen sollte.

Mit den Händen und ein paar Brocken Albanisch fragte ich mich durch, aber niemand wusste so genau, ob es einen Bus gibt und wenn ja, von wo er fährt.

Also lief ich in ein Hotel, in der Hoffnung, dass ich dort jemand Englisch spricht. Leider wurde auch dort nur Albanisch gesprochen – aber der Hotelbesitzer rief prompt jemanden an, der Englisch konnte und drückte mir den Hörer in die Hand. Die fremde Dame am Telefon erklärte mir, dass ich nur mit einem Taxi über die Grenze kommen würde. So hab ich’s dann auch gemacht.

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An einem Ort unterwegs zu sein, an dem ich weder eine gemeinsame Sprache mit den Menschen um mich herum noch eine Bushaltestelle fand, war zwar ein wenig nervenaufreibend – aber am Ende lernte ich, wie selbstständig ich sein kann und dass am Ende, mit ein wenig Improvisation, doch alles gut gehen kann.

“Das ist nun eure Bar”, sagte der Barkeeper zu uns

Ich war alleine zu sämtlichen Tages- und Nachtzeiten in Städten und Dörfern unterwegs.

Ich war in einer Bar, in der der Barkeeper mich und einen anderen Reisenden, den ich gerade erst kennengelernt hatte, zum Schluss allein ließ mit den Worten: “Trinkt, was ihr wollt und spielt eure Musik. Es ist nun eure Bar.”

Ich bin über einsame Strände spaziert, über Berge gewandert, an entlegene Seen gefahren und habe mich im Dschungel an Lianen festgehalten, während ich steile Hänge hinuntergeklettert bin. 

Ich habe Menschen kennengelernt, die seit Jahren die Welt bereisen, an entlegenen Orten Hostels eröffnet oder mir einfach ihr normales Leben gezeigt haben. Mit einigen von ihnen bin ich heute befreundet.

Agatha Kremplewski
Ich bin über einsame Strände spaziert, durch Berge gewandert, an entlegene Seen gefahren – und das ganz allein. 

Wenn ihr, liebe Frauen, alleine verreisen wollt: Tut es

Das sind Erfahrungen, die ich nicht missen möchte, und deswegen möchte ich euch sagen: Wenn ihr den Drang habt, eine ähnliche Reise zu machen – tut es.

Damit der Urlaub alleine gut klappt, könnt ihr folgende Punkte beachten: 

  • Informiert euch vorherüber die Länder, die ihr bereisen wollt - die Seite des Auswärtigen Amts ist eine gute erste Anlaufstelle. Ich recherchiere zusätzlich noch in Reiseblogs, vorzugsweise von Frauen geschrieben. So bekommt ihr Informationen aus erster Hand von Frauen, die die Länder tatsächlich selbst bereist haben.

  • Informiert euch vor Ort, welche Viertel zu meiden sind. Am besten, man unterhält sich mit Einheimischen – einfach eure Gastgeber in Hostels, Hotels oder Ferienwohnungen fragen. Ich spreche auch öfter Bedienungen in Cafés an, ob sie Tipps haben. Versucht auch, Frauen zu fragen und nicht nur Männer, sie können euch genauere Auskunft darüber geben, in welchen Situationen und an welchen Orten sie sich unwohl gefühlt haben.

  • Wenn es irgendwie möglich ist: Versucht, ein paar Brocken der Landessprache zu lernen. Meist fährt man besser, wenn man sich ein wenig in der jeweiligen Sprache verständigen kann, sei es auch nur ein Smalltalk. Zumindest wird man dann nicht mehr so schnell für eine naive Touristin gehalten, die man schnell übers Ohr hauen kann.

  • Legt euch ein Ersatz-Portemonnaie zu, das lediglich abgelaufene Karten und einen kleinen Geldbetrag enthält. Gerade in Gegenden, in denen es etwas brenzliger zugehen kann, habe ich so ein falsches Portemonnaie zur Hand: Sollte ich ausgeraubt werden, kann ich den Dieben dieses Portemonnaie hinwerfen, ohne dass meine Karten und mein Reisepass verloren gehen.

  • Zeigt keine Angst. Ich habe die Erfahrung gemacht: Je mehr Unsicherheit ich zeige, umso öfter werde ich blöd angemacht. Deswegen versuche ich mich gerade in unangenehmeren Situationen zu entspannen, mich nicht ständig ängstlich umzuschauen und nicht geduckt zu laufen.

  • Und am allerwichtigsten: Setzt euren gesunden Menschenverstand ein. Lasst euch einerseits nicht von Horrorgeschichten aus der Fassung bringen – schlimme Dinge passieren überall auf der Welt, in Zweifelsfall auch vor der eigenen Haustür. Verlasst euch allerdings auch auf euer Bauchgefühl, wenn euch eine Situation nicht geheuer ist. Nehmt lieber ein Taxi, wenn der Weg zu dunkel ist. Sprecht andere Reisende an, wenn ihr eine Strecke nicht alleine zurücklegen wollt.

Wir brauchen mehr selbstbewusste Frauen

► Ich bin durch meine Reise definitiv selbstbewusster geworden und habe gelernt, Situationen und Menschen besser einzuschätzen.

► Ich habe das Gefühl, mich freier durch die Welt bewegen zu können – meine Grenzen haben sich erweitert. Der Gedanke daran, alleine in einem fremden Land zu sein, vielleicht sogar an einem Ort fernab des gängigen Tourismus, erfüllt mich nicht mehr mit Unbehagen.

Auch wenn der Gedanke daran, als Frau alleine zu verreisen, erst einmal gruselig klingen mag: Lasst euch nicht einschüchtern. Wenn ihr wirklich alleine andere Länder besuchen wollt, ist das möglich und eine wertvolle Erfahrung.

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Gerade als Alleinreisende verlässt man eher seine Komfortzone, kann seinen Trip viel freier gestalten sowie viele neue Orte entdecken und Menschen kennenlernen. Und auch wenn das nach einem Klischee klingen mag: Man lernt tatsächlich eine Menge über sich selbst und entdeckt ein neues Selbstbewusstsein.

Wir brauchen in sämtlichen Lebenslagen mehr selbstständige Frauen, die keine Angst davor haben, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen - alleine zu verreisen, ist ein guter Anfang. Freiheit erlebt man nur, wenn man geht.

(sk)