LIFE
13/10/2018 11:18 CEST | Aktualisiert 14/10/2018 14:44 CEST

Mutter mit zwei schwulen Söhnen: "Ich flehte Gott an, sie zu ändern"

"Ich betete und weinte mich jeden Abend in den Schlaf, während ich Gott anflehte, Luke zu ändern."

BIRD AND ROSE PHOTOGRAPHY
Luke and Will Beischel.

Ich fühle mich wie ein Hochstapler, wenn ich die Hochzeitsfotos meiner beiden schwulen Söhne ansehe.

Sie zeigen zwar eine verständnisvolle, moderne und liebevolle Familie. Ich habe die Fotos auch in den sozialen Netzwerken geteilt – und viele meiner Freunde haben mich für meine Mutterliebe, Akzeptanz und Offenheit gelobt. Sie sagten sogar, ich würde sie inspirieren.

Was sie jedoch nicht wissen: Ich schäme mich zutiefst für meine Reaktion, als meine beiden schwulen Söhne sich outeten.

Dieser Tag ist schon fast ein Jahrzehnt her. Doch noch lange danach plagten mich schlaflose Nächte. Ich sorgte mich um ihre Sicherheit – in einer Welt, in der Menschen, die nur ein wenig anders sind, an den Rand der Gesellschaft gedrängt, geschlagen oder sogar getötet werden.

Meine Scham hat mich jahrelang zerfressen

Bisher habe ich noch nie über diese Nächte gesprochen. Aber jetzt ist es Zeit, einen Blick zurück zu werfen – auf die Scham, die mich jahrelang zerfressen hat.

Als mein ältester Sohn, Luke, 17 Jahre alt war, fand ich sein Tagebuch in seinem Zimmer. Er hatte es absichtlich dort liegen lassen – aufgeschlagen war eine Seite, auf der folgende Frage stand: “Lieber Gott, wenn Homosexualität eine Sünde ist, warum hast du mich dann so geschaffen?”

Sofort fragte ich Luke geradeheraus: “Bist du schwul?”

Er antwortete: “Ja”.

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Augenblicklich begann ich zu weinen. Ich wollte es nicht wahrhaben.  In meinem Kopf hatte ich mir Lukes Leben schon perfekt ausgemalt. In meinen Träumen habe ich von ihm einen gesunden, blauäugigen, lieben Enkel bekommen. Ich hatte alles geplant. Und an diesem schwülen Nachmittag im Juni starben meine Träume einen plötzlichen, qualvollen Tod.

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Luke und sein Ehemann Hans an ihrem Hochzeitstag.

Bevor Luke sich mir offenbarte, sagte ich Dinge wie, “Homosexualität muss vererbt werden, niemand würde sich ein solch schwieriges Leben freiwillig aussuchen” und “Warum sollten wir Homosexuelle nicht akzeptieren?”

Bis es meinen Sohn betraf.

Plötzlich fand ich mich wieder in einer Spirale aus Scham, Verleugnung und Ärger. Ich war unfähig, zu akzeptieren, dass Luke seinen eigenen Weg geht. Ich flehte ihn an, sich zu ändern. Ich flehte sogar Gott an, ihn zu ändern.

Doch Luke änderte sich nicht.

Mein Mann und ich suchten sogar Hilfe bei einem Psychiater, um unsere Gedanken und Gefühle aufzuarbeiten und verließen die Sitzung aufgewühlt und erschöpft.

Furcht davor, unsere Familie zu verlieren

Wir verheimlichten die Wahrheit über Luke wie ein Geheimnis, das einfach zu gefährlich ist, um es preiszugeben. Wir fürchteten uns davor, dass unsere Verwandten ihn ablehnen würden. Wenn das passiert wäre, hätten wir uns zwischen ihnen und Luke entscheiden müssen – und wir hätten ihn gewählt.

Der Gedanke, dadurch möglicherweise unsere Familie zu verlieren, erschütterte uns sehr.

Nach einiger Zeit fühlte sich das Schweigen über Luke jedoch wie eine Lüge an. Wir erzählten unseren Verwandten schließlich von Lukes Sexualität, nur um herauszufinden: Wir hatten grundlos so lange gelitten. Die meisten unserer Freunde und Verwandten waren nicht einmal überrascht und unterstützten uns großartig.

Einige wenige Familienmitglieder verurteilten ihn jedoch tatsächlich. Wenn wir mit ihnen zusammentrafen, lagen meine Nerven blank. Ich fühlte mich wie eine Seiltänzerin über einer Löwengrube.

Deshalb beschloss ich, mich von jenen Menschen zu entfernen, die sich weigerten, Luke zu akzeptieren. So schwer es auch war, es brachte mir Frieden.

Doch trotz allem fühlte ich mich mit Lukes Sexualität immer noch nicht wohl. Sie bedrückte mich.

Wie ein schmutziges Geheimnis

Bevor wir unserer ganzen Familie davon erzählten, sagten wir es unserem jüngsten Sohn, Will. Wir versicherten ihm, dass wir Luke streng verboten hatten, sich vor Wills Klassenkameraden als schwul zu outen. Wir hatten Angst davor, wie andere Will behandeln würden, wenn sie über seinen Bruder Bescheid wüssten.

Will war ziemlich durch den Wind – nicht, weil Luke schwul war, sondern weil mein Mann und ich diese Tatsache vor ihm geheim gehalten hatten wie ein schmutziges Geheimnis. Er war außerdem wütend, weil wir Luke verboten hatten, über seine Sexualität zu sprechen. So wirkte es für Will, als wäre Lukes Homosexualität etwas, für das er sich schämen sollte – das sah Will anders. 

Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, dass Will ebenfalls schwul ist. Wir haben Will so viel Leid zugefügt, indem wir ihm gegenüber unsere wahre Meinung über Homosexualität geäußert haben – das quält mich bis heute. 

Kurz vor seinem Schulabschluss beschloss Luke, an der privaten Uni zu studieren, an der ich als Dozentin arbeitete. Ich hatte panische Angst vor seiner Entscheidung – würde seine Sexualität meine Position gefährden?

So lächerlich das heute auch klingen mag, damals haben meine Scham und meine Ängste mich geradezu aufgefressen und ich wusste nicht, wie ich sie überwinden konnte.

Eine Woche, bevor Luke auf den Campus ziehen sollte, bemerkte ich, wie er seine Wintersachen packte. Der Campus war nur 20 Minuten von Zuhause entfernt, was bedeutete, dass er seine Winterklamotten – und alles andere, was er brauchen könnte – auch problemlos dann abholen konnte, wenn es an der Zeit war.

Wir haben uns für die Liebe entschieden

Das war der Zeitpunkt, an dem ich bemerkte: Luke wird nicht mehr zurückkommen. Als mein Mann an diesem Abend heimkam, sagte ich zu ihm: “Wenn wir uns nicht dazu durchringen, Luke zu lieben und akzeptieren, wie er ist, verlieren wir ihn.”

Also haben wir uns für die Liebe entschieden. Oder wir haben es zumindest versucht. Leider war das nicht so einfach, wie gedacht, und ich hatte immer noch mit Lukes Sexualität und ihren Auswirkungen auf sein (und mein) Leben zu kämpfen.

Als Luke für sein Studium umzog, betete ich und weinte mich jeden Abend in den Schlaf, während ich Gott anflehte, Luke zu ändern. Wenn Gott allmächtig ist, könnte er mir diesen Wunsch bestimmt erfüllen. Er ist schließlich zu allem fähig!

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Ich erinnere mich lebhaft an Gottes Antwort auf meine Gebete. Kennt ihr diese Art von Erinnerungen, die sich mit jedem Detail geradezu in euer Hirn einbrennen? So fühlt sich jener Moment für mich an.

Während ich zu meinem Auto ging, hörte ich eine Stimme sagen – und ich glaube, es war Gott – “Deine Gebete sind nicht richtig. Dein Gebet sollte lauten: ‘Gott, bitte lehre mich, Luke zu lieben und zu akzeptieren, wie er ist.’

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Von da an hatte ich die starke Überzeugung, dass Gott mir sagen wollte, ich solle Luke lieben – mein Kind, und seines. Ich beschloss, mein Denken und mein Empfinden zu verändern und nahm mir vor, meine Söhne, so, wie sie sind, zu unterstützen. 

Wenn man mir heute sagt, dass die Bibel Homosexualität verurteilt, vertraue ich lieber auf das, was Gott mir gesagt hat als auf ein Buch, das der Mensch seit mehr als tausend Jahren manipuliert hat.

Zwei Jahre später outete sich auch Will während eines Abendessens in einem örtlichen Restaurant. Obwohl ich mich bereits verändert und verstanden hatte, dass ich meine Kinder genau so lieben muss, wie sie sind, drehte sich mir der Magen um, mein Hals schnürte sich zu, mir kamen die Tränen. Mein erster Gedanke war: “Nein, nicht auch du. Den Verlust eines weiteren Traums ertrage ich nicht.”

Aus meiner Verzweiflung wurde Wut

Obwohl ich dachte, ich sei weit gekommen, was meine Meinung über Homosexualität angeht, fühlte ich wieder die gleiche Scham und Angst wie bei Lukes Coming-Out.

Luke sagte uns, dass er wenig überrascht sei, weil Homosexualität oft in der Familie liege. Das heißt, dass wir zwar nicht wissen, warum jemand schwul ist, es aber durchaus genetisch bedingt sein könne. Aus meiner Verzweiflung wurde Wut, die ich an meinem Ehemann Joe ausließ: “Was stimmt mit deinem Sperma nicht?”, fragte ich ihn, völlig außer mir.

Obwohl wir heute darüber lachen, war es damals alles andere als lustig. So hart ich auch daran arbeitete, zu akzeptieren, dass Luke schwul ist – und so sehr ich meine Söhne auch bedingungslos liebte – , machte ich mir Sorgen über die Probleme, die er und jetzt auch Will wegen ihrer Sexualität bekommen würden.

Als Will sich outete, war mein erster Impuls nicht, ihn trösten zu wollen – auch nicht mein zweiter oder dritter, wenn ich ehrlich bin. Stattdessen tröstete Will meinen Mann und mich, indem er uns einen Brief schrieb. Darin erklärte er, dass er schon immer wusste, dass er anders sei und dass er endlich gelernt hatte, diese Tatsache zu akzeptieren. 

Er schrieb außerdem, dass er sich eher Sorgen um uns als um sich selbst machte, und dass er verstehe, dass es ein wenig dauern würde, bis wir seine Sexualität akzeptieren können würden.

KELLY BEISCHEL
Will beim "March for Science" in Ann Arbor, Michigan.

Nach reichlicher Überlegung merkte ich, dass es nicht die Sexualität meiner Söhne war, die mir Sorge bereitete, sondern ihre Sicherheit. Ich machte mir Sorgen, dass jemand ihnen Gewalt antun würde, weil sie schwul sind.

► Ich machte mir Sorgen über ihre emotionale und geistige Gesundheit.

► Ich machte mir Sorgen über die Gefahren, denen sie in einer Welt, die grausam zu denen sein kann, die anders sind, ausgesetzt sein könnten.

► Ich machte mir Sorgen über ihr sexuelles Wohlergehen.

► Und ich machte mir auch über unsere ältere Tochter Beth Sorgen, die schon wieder das Minenfeld unseres Familiendramas durchschreiten musste.

Ich begann damit, ein Dankbarkeits-Tagebuch zu führen

Ich bemerkte, dass ich gegen den endlosen Sorgen-Strudel kämpfen musste, der mich nirgendwohin führte. Ich erinnerte mich an die Botschaft, die Gott mir gesendet hatte und begann damit, ein Dankbarkeits-Tagebuch zu führen und Atemübungen zu machen, um meine Angst zu bekämpfen. Langsam, aber sicher, begannen die Maßnahmen zu wirken und ich richtete mich in unserer neuen Realität ein.

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Gerade als sich unsere Familie damit abgefunden hatte, zwei schwule Söhne zu haben, fing Will damit an, sich mit Drag zu beschäftigen. Als ich von seinem neuen Hobby erfuhr, überrollte mich die Scham, mit der ich all die Jahre gerungen hatte, wieder.

Ungefähr ein Jahr später verstand ich, dass es ein wichtiger Teil von Wills Leben war, eine Drag-Queen zu sein. Anstatt es zu verurteilen, entschied ich mich dafür, meiner Empathie und Neugier nachzugehen und kaufte für die ganze Familie Karten für eine Drag-Show.

Ich kann mit Glück sagen, dass die Show uns dazu motivierte, mit Will über Sinn und Zweck von Drag zu sprechen. Ich lernte die Schönheit dieser Kunst zu schätzen.

JOEL AUTEN (@DIGITAL_ARTS_COLLECTIVE)

Vor kurzem postete Will bei Facebook, dass er jetzt genderfluid sei. Dieses Mal fühlte ich keine Schande, sondern lobte Will – sowohl privat als auch in den sozialen Medien – dafür, dass er er selbst war und damit auch andere ermutigte, sie selbst zu sein.

Ich brauchte lange dafür, aber am Ende entschied ich mich für die Liebe – wahre, bedingungslose Liebe. Am Ende akzeptierte ich meine Söhne – wahrhaftig und und bedingungslos. Ich bin der Beweis dafür, dass Veränderung möglich ist.

Ich habe kein Verlangen mehr danach, dass mein Leben anders sei oder dass meine Familie irgendetwas anderes sei als das, was sie ist. Man fühlt sich erleichtert, wenn man lernt zu lieben, was man hat.

Wenn ihr ein LGBTQ+-Kind habt und in einem Netz aus Scham lebt, möchte ich euch sagen: Ihr seid nicht allein.

► Ich wünschte, mir hätte vor elf Jahren jemand gesagt, dass alles gut werden würde – jemand, der seine Träume auch begraben musste und am Ende gestärkt daraus hervorging.

Es ist in Ordnung, wenn ihr Zeit braucht

► Jemand, der erlebt hat, dass die Gesellschaft Kinder wie Luke und Will ausschließt, aber auch erlebt hat, dass sie aufblühen und glücklich werden können, wenn sie genau sie selbst sind.

► Jemand, der mir zuhört und mir den Raum dafür gibt, zu trauern,  anstatt dass er meinen Schmerz abblockt oder abwinkt, in dem er sagt, dass meine Söhne ja Kinder adoptieren könnten und dass Schwulsein ja keine große Sache sei.

Heute hoffe ich, dass ich dieser Mensch sein kann.

Es wird alles gut werden. Ich behaupte hier mutig, dass eure Leben besser sein können als zuvor. Ihr werdet erleben, wie tapfer eure Kinder sind und eure Leben werden erfüllt sein.

Es ist in Ordnung, wenn ihr euch Zeit nehmt, um zu akzeptieren, was passiert. Erlaubt euch selbst, alle Gefühle zu verarbeiten, die ihr spürt – Trauer, Schaum, Angst, Verwirrung – und geißelt euch nicht selbst dafür, dass ihr diese Dinge fühlt.

Jemand in einer Selbsthilfe-Gruppe sagte einmal zu Luke: “Gib deinen Eltern Zeit. Du hast 17 Jahre dafür gebraucht, zu akzeptieren, dass du schwul bist. Du kannst nicht erwarten, dass deine Eltern es in einer Viertelstunde akzeptieren.”

Ich lege euch denselben Rat nahe.

Es ist in Ordnung, die lärmende Gesellschaft auszublenden, die euch einredet, dass eure homosexuellen Kinder eine Fehlentwicklung seien und stattdessen eurer unendlichen Liebe für sie zu folgen.

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Meine Liebe war mein Kompass, und das hat alles für mich verändert – ähnliches kann es euch ergehen. Die Menschen werden es euch gleich tun und wenn nicht, ist das auch in Ordnung.

Heute macht es mich glücklich, meine Kinder bei ihren Träumen zu unterstützen

Wir alle haben Träume für unsere Kinder. Den Tod dieser Träume mitzuerleben, kann vernichtend sein.

Die wichtigste Lektion, die ich als Mutter von zwei schwulen Söhnen gelernt habe, ist, dass ich nicht von meinen Kindern erwarten kann, dass sie meine Träume erfüllen.

Genauso wenig, wie sie erwarten können, dass ich deren Träume erfülle. Eigentlich ist es ungerecht, von irgendjemandem zu erwarten, dass er meine Träume erfülle oder mich glücklich mache.

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Familie Beische:Brandon Casey (Beths Ehemann), Beth, ich, Hans, Luke, Joe (mein Ehemann) und Will bei Hans and Lukes Hochzeit. 

Heute bin ich am glücklichsten damit, meine eigenen Träumen zu verfolgen und meine Kinder bei ihren Träumen zu unterstützen – ganz egal, welche das sind und wie unterschiedlich sie im Gegensatz zu denen sind, die ich anfangs für sie träumte.

Kelly Beischel  ist Coach, Sprecherin, Autorin und ein richtiger Wirbelwind. Mithilfe von Glücksstrategien will sie Frauen dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen. Sie ist die Gründerin von “Dr. B. Presents”, einem Projekt, bei dem sich Frauen, Dozenten und Absolventen des Gesundheitswesens zusammengeschlossen haben, um ein bisschen mehr positive Energie und Zauber in unsere Leben zu bringen. Für weitere Infos, besucht ihre Website hier

Dieser Text erschien ursprünglich in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde aus dem Englischen übersetzt von Moritz Diethelm, Franziska Kiefl und Agatha Kremplewski.