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24/04/2018 12:02 CEST | Aktualisiert 24/04/2018 12:02 CEST

"Ich wurde in Saudi-Arabien verhaftet – weil ich auf einer Party war"

Kholoud Bariedah wird zu vier Jahren Gefängnis verurteilt – doch mit einer List kommt sie vorher frei.

Thomas Duffe/Reuters/Getty
Kholoud Bariedah (links) wurde in Saudi-Arabien inhaftiert

Kholoud Bariedah ist eine wunderschöne junge Frau. Und macht, was eine Frau mit 20 eben so tut: Sie besucht eine Party mit Freundinnen und Freunden. 

Nur lebt Bariedah im Jahr 2006 noch in Ddschidda, Saudi-Arabien. Und dort ist eine solche Feier unter Freunden ein Vergehen.

Die Religionspolizei stürmt die Party. Kholoud wird zu vier Jahren Gefängnis und 2000 Stockhieben verurteilt. Weil sie es schafft, den Koran auswendig zu lernen, wird sie nach eineinhalb Jahren und 600 Hieben entlassen. 

Heute lebt Bariedah in Berlin. Und ist bekennende Atheistin. 

In ihrer Heimat macht derweil Kronprinz Mohammed bin Salman, der De-Facto-Herrscher des Landes, Schlagzeilen, wirft mit Reformen geradezu um sich. Frauen dürfen ab Juni den Führerschein machen. Die Macht der berüchtigten Religionspolizei ist eingeschränkt. Frauen sollen sich nicht mehr ausschließlich schwarz verhüllen müssen.

Ob das den Frauen tatsächlich mehr Freiheit bringt, muss sich erst noch zeigen.

Das Buch, das Bariedah nun über ihr Martyrium veröffentlicht hat, zeigt, wie bitter nötig Reformen sind. Und wie bitter nötig eine Reform der Justiz mit ihrer Prügel- und Todesstrafe wäre. Ein Auszug:

Die ersten Hiebe

Das Berufungsgericht bestätigte mein Urteil von vier Jahren Haft und zweitausend Stockhieben. Offenbar hatte Gott meine Gebete erhört und meine Strafe nicht noch verschärft. Nun war also auch ich dran, die verordneten Schläge zu bekommen.

Ich stand gerade mit Manal und Ahlam am Ende des Gefängniskorridors, als eine Wärterin hereinkam und ein paar Gefangene zur Körperstrafe mitnehmen wollte, die im- mer freitags stattfand. Sie stritt mit Azza Rashid wegen der Dicke des Stoffes ihres Gewandes und verlangte, sie möge sich gefälligst etwas Dünneres anziehen, sonst würde es der Prügelsoldat bemerken, wenn er ihr mit seinem Bambusstock auf den Rücken schlug, und sie dann zurückschicken.

Panik erfasste mich

“Mach uns keine Kopfschmerzen”, war die wichtigste Mahnung der Aufseherin.

Dann wandte sich die Wärterin an mich: “Und du, Kholoud, stehst heute auch auf der Liste. Zieh dir schnell was Dünnes an, ohne Unterhemd.”

Ich sollte mich zu meiner eigenen Prügelstrafe bereit machen! Wut stieg in mir hoch, und eine große Panik erfasste mich. Ich hatte keine Kraft für Diskussionen und Protest, nur Angst, und so tat ich, was sie mir befahl. Ich hatte schon viel vom Auspeitschen gehört, wie wir die Stockhiebe nannten.

Die einen sagten, wir Mädchen hätten es noch gut, weil wir dabei, anders als verurteilte Männer, überhaupt etwas auf der Haut tragen durften. Zudem seien es nur schnell ausgeführte Hiebe mit einem Bambusrohr, und alles sei nach wenigen Minuten vorüber. Andere verfluchten den Freitag, weil es der Prügeltag der Woche war.

Azza presste die Hände an den Mund

Wir saßen vor einem der Verwaltungsbüros und warteten, dass sie Aisha aus dem Prügelraum führten. Azza presste die Hände an den Mund und stammelte ein paar Koranverse, dabei wankte ihr Körper vor und zurück.

Auch Manal ließ Stoßgebete hören, blies sich in die Hände und streichelte sich damit am ganzen Körper. Ashdjan spielte mit einer Haarsträhne und ließ ihr linkes Bein ungeduldig auf und ab hüpfen. Am seltsamsten fand ich, wie ruhig Amani dasaß, als ob Sanftmut und Unschuld über sie gekommen seien.

Sie hatte Tränen in den Augen

Plötzlich og die Tür auf, und Aisha stürmte heraus. Sie riss sich das Kopftuch und den Gesichtsschleier herunter und warf alles auf einen Stuhl. Ihre Nase war rot, und sie hatte Tränen in den Augen. Sie lief sichtlich wütend in Richtung Flur, aber eine Wärterin hielt sie zurück. Wir mussten warten, bis alle von uns dran waren, erst dann würde sie uns zurück in unseren jeweiligen Trakt führen.

Nun legte Azza den Überwurf an, ohne ein Wort zu sagen, und verschwand hinter der Tür des Raumes. Ich versuchte vergeblich, einen Blick hineinzuwerfen.

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“O Gott, mein Einziger, erbarme Dich meiner”

Manal beugte sich zu mir herüber und flüsterte: “Sag nichts, und heul nicht, sonst fängt der Soldat mit dem Prügeln von vorne an.”

Ich sah sie an, ohne zu antworten. Sie begann wieder Gebete zu murmeln. Nach ein paar Minuten kam Azza heraus und streifte den Überwurf ab. Sie sah nicht gut aus und grummelte vor sich hin: “O Gott, mein Einziger, erbarme Dich meiner.”

“Sie dulden es nicht, die Stimme einer Frau zu hören”

“Kholoud!” Die Wärterin blickte mich an und reichte mir den Umhang. “Egal wie weh es dir tut, lass den Soldat keinen Ton hören! Sonst fängt er wieder von vorne an. Es sehen Scheichs bei deiner Bestrafung zu, und sie dulden es nicht, die Stimme einer Frau zu hören. Du hast es selbst in der Hand.”

Die Tür ging auf, und hinter einem schwarzen Vorhang standen vier Religionswächter und ein Wachmann mit einem langen Bambusstock in der Hand. Die Wärterin flüsterte mir fast unhörbar zu, ich solle auf die Erde knien und mich dabei an dem vor mir stehenden Stuhl festhalten.

Ich hörte den Stock durch die Luft sausen

Ich befolgte ihre Anweisung wie in Trance, dann hörte ich den Stock durch die Luft sausen. Als er meinen Rücken traf, hätte ich am liebsten laut aufgeschrien.

Ich hatte nicht erwartet, dass es so wehtat, aber ich riss mich zusammen und versuchte, den Thronvers aus dem Koran zu zitieren, mich irgendwie von diesem Horror abzulenken. Doch es gelang mir nicht.

Ich fühlte mich unendlich erniedrigt

Zu schnell war der Rhythmus der Schläge und zu groß der Schmerz. Das Blut stieg mir zu Kopf und ich spürte, wie mir Tränen über die Wangen liefen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Dabei war es nicht so, dass ich es nicht hätte ertragen können: Die Schmerzen hielten sich in Grenzen. Aber ich fühlte mich dabei unendlich erniedrigt.

Und wieder und wieder musste ich Woche für Woche auf eigenen Füßen dorthin gehen, musste im Gang warten, mich vor ihnen hinknien und ihren Schlägen ausliefern.

Traumatisiert für den Rest meines Lebens

Was ich nicht ertragen konnte und was mir bis heute schlaflose Nächte bereitet, ist die Tatsache, dass sie glaubten, mich bestrafen zu müssen. Dass sie glaubten, mich in dieser Weise bestrafen zu dürfen.

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Die ganze Situation würde ich im Leben nicht mehr vergessen können. Ich wusste vom ersten Tag an, dass ich traumatisiert war für den Rest meines Lebens. Was für eine perfide Strafe diese Zwangserniedrigung doch war. Und was sie in mir auslöste, kann ich bis heute kaum beschreiben, so quält mich die Erinnerung.

(sk / amr)

Knaur

Der Text ist eine Auszug aus dem Buch “Keine Tränen für Allah. Wie ich von Tugendwächtern verurteilt wurde und dem Frauengefängnis von Mekka entkam” von Kholoud Bariedah, erschienen im Knaur-Verlag.