LIFE
26/11/2018 19:30 CET | Aktualisiert 26/11/2018 20:01 CET

Erst als Soldat habe ich meine wahre Sexualität gefunden

Mit Mitte 40 hatte ich mich immer noch nicht geoutet...

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Meine Teenagerzeit fand Mitte der 70er- bis Anfang der 80er-Jahre statt. Damals schlossen sich die meisten kleinen Mädchen Pfadfindergruppen an. Auch ich wurde Pfadfinderin. Aber eigentlich habe ich nur darauf gewartet, dass ich mich den Kadetten der Luftwaffe und danach dem Territorialheer anschließen konnte.

Doch es reichte mir nicht aus, lediglich Teilzeit-Soldatin zu sein und nebenbei in einem Geschäft zu arbeiten. So trat ich schließlich dem Berufsheer bei. Beim Sport lief ich so lange ich konnte ohne Oberteil herum. Ich spielte Fußball und Hockey. Später betrieb ich auch Kampfsport. Ich war ein Kind, das in kein Klischee passte und das sich gegen die gängigen Geschlechterstereotypen auflehnte.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich trans war. Ich hatte damals sogar noch nie etwas davon gehört. Erst als Soldatin bei der Army bekam ich die Gelegenheit, endlich ich selbst sein zu können: Ich war eine nicht besonders feminine Person, die ihre Haare kurz trug und lieber Cargohosen und Stiefel als Kleider und Strumpfhosen trug. Durch meine Tätigkeit als Soldatin konnte ich mich ein wenig verstecken und besser rechtfertigen, dass ich etwas maskulinere Züge hatte.

Mit Mitte 40 hatte ich mich immer noch nicht geoutet

Ich will damit nicht sagen, dass es eindeutige Anzeichen dafür gibt, dass jemand trans ist. Doch rückblickend hat bei mir einiges darauf hingedeutet. Und ich war eigentlich auch immer ganz froh darüber, dass ich ein bisschen anders war. Ich kannte es gar nicht anders.

Als 2009 mein Vertrag bei der Armee nach 22 Jahren endete, begann ich zu studieren. An der Universität lernte ich eine viel entspanntere und diversere Welt kennen, als ich sie vorher erlebt hatte. Es war ein Ort, an dem jeder seine eigene Identität erkunden und festigen konnte. Ich war damals Mitte vierzig und noch immer nicht trans. Der Wendepunkt kam schließlich im Jahr 2011.

Ich hatte eine Dokumentation über eine Gruppe von Transmenschen im Fernsehen gesehen. Das waren Leute, mit denen ich mich verbunden fühlte. Doch selbst danach versuchte ich mir noch ein ganzes Jahr lang zu beweisen, dass ich nicht trans war. Irgendwann gestand ich es mir dann aber ein.

Mir wurde klar: Ich bin ein Transmann 

Einer der entschiedensten Punkte war dabei die Tatsache, dass ich nicht lesbisch war. Das ist auch eines der wichtigsten Argumente, das mir in der Debatte um den Gender Recognition Act aufgefallen ist. Es handelt sich dabei um eine vor kurzem geschlossene öffentlichen Befragung in Großbritannien, durch die das rechtliche Verfahren zur Änderung der Geburtsurkunde verändert werden soll.

Es gibt die Auffassung, dass wir Transmänner lediglich betont maskuline Lesben sind und dass wir einfach unser Leben weiterleben sollten, ohne an unseren Körpern herumzupfuschen. Nachdem ich mit meiner Geschlechtsumwandlung begonnen hatte, fand ich heraus, dass viele Menschen dachten, dass ich auf Frauen stand. Das hatte ich jedoch noch nie getan. Ich war einfach ein sehr maskuliner Typ und dennoch nicht lesbisch.

Warum sollte man den anstrengenden Prozess auf sich nehmen und einen Arzt davon zu überzeugen zu versuchen, dass er in die Gabe von Hormonen oder in Operationen einwilligt, wenn man nicht wirklich das Bedürfnis danach hat? Dieser Prozess ist auf gewisse Weise eine Beurteilung, weil trans zu sein bis zum Juni diesen Jahres noch als psychische Erkrankung eingestuft wurde. Ich betrachte es jedoch mehr als Möglichkeit zur Überprüfung, ob man auch wirklich komplett verstanden hat, was man da vorhat.

Mein Leben hat sich durch meine gelebte Sexualität verändert 

Sich als trans zu identifizieren und sich Operationen zu unterziehen ist nicht gerade angenehm. Und deshalb nimmt es mit Sicherheit auch niemand auf die leichte Schulter. Für viele kommen Operationen sogar überhaupt nicht in Frage.
Und vielen wird es nie ganz gelingen, ihr Aussehen an die binäre Geschlechterordnung anzupassen.

Andere wiederum versuchen es gar nicht erst. Denn dieser Prozess kann emotional und körperlich sehr schwierig werden. Und das trifft sogar zu, wenn man keine Freunde oder Familienmitglieder hat, die kein Verständnis zeigen und sich herablassend verhalten oder sogar noch Schlimmeres tun.

Mein Leben hat sich verändert. Doch ich selbst habe mich eigentlich gar nicht so stark verändert. Doch plötzlich musste ich mich nicht mehr verstecken und klein machen oder mich für bestimmte Teile meiner Persönlichkeit entschuldigen. Das ist es auch, was ich an der aktuellen Transgender-Debatte so unbegreiflich finde.

Trans zu sein ist irgendwie “nicht echt”. Denn schließlich muss man ja einfach nur Geschlechterstereotypen durchbrechen, eine Therapie machen und akzeptieren, dass man homosexuell ist. Denn dann ist schon alles in
Ordnung.

Doch das stimmt nicht. Menschen, die gegen die Selbstbestimmung der Geschlechtsidentität sind, verbreiten oft vollkommen absurde Vorschläge, was Transmenschen tun sollten. Das sind im Übrigen genau die Dinge, die ich selbst über 40 Jahre lang versucht habe. Doch es hat einfach nicht gereicht.

Ich war trans, ohne es zu wissen oder bewusst zu steuern. Manche Menschen sind einfach trans. Und ganz egal, wie viele Verzögerungstaktiken sie auch anwenden: Daran etwas ändern werden sie nichts können. Und das ist auch gut so.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

(mf)