WIRTSCHAFT
03/05/2018 17:56 CEST | Aktualisiert 03/05/2018 19:51 CEST

Wir können von den USA in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf lernen

"Wir übersteigern das Muttertum in Deutschland extrem."

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"Ich bin gewachsen und aufgestiegen wegen meiner Leistung und nicht wegen meiner Präsenz" (Symbolbild).

Managerin, Bereichsleiterin, Gründerin – Barbara Lutz hat sich in ihrem Leben viele Berufstitel erarbeitet. Sie arbeitete für die Commerzbank oder die renommierte Werbeagentur Ogilvy & Mather.

Doch die Geschäftsfrau trägt noch ein weiteres Label: Mutter von zwei Kindern.

In anderen Ländern, besonders in den USA, stellte die Verbindung zwischen Familie und Karriere für die 52-Jährige nie ein Problem dar. In Deutschland sah die Situation jedoch ganz anders aus. 

Wir haben mit Barbara Lutz über Unterschiede zwischen Deutschland und den USA gesprochen – und was wir von den Unternehmen und den Kolleginnen jenseits des Atlantiks lernen können.

“Kind und Karriere sind in den USA völlig normal”

Frau Lutz, ist das Thema Frau, Familie, Karriere in Deutschland wirklich so schwierig?

Das Thema Karriere und Frau ist an sich schon schwierig. In Deutschland haben wir ganz wenig Frauen in der Führung. In Deutschland haben wir auch weniger Kinder. Würden sich die beiden Knackpunkte bedingen, müssten die Zahlen anders sein.

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Das Thema Frau und Karriere ist eben so schon kompliziert. Kommt dann noch die Variable Familie hinzu, wird es noch komplizierter. Ich persönlich kenne viele Frauen, die in Top-Positionen sind. Schaut man sich jedoch nur die Zahlen an, ist es ein sehr geringer Prozentsatz.

In Deutschland waren laut dem Statistischen Bundesamt 2014 29 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt. Im Vergleich zu anderen Ländern der EU lag die Bundesrepublik damit im unteren Drittel.

Was machen die USA in diesem Bereich besser?

In den USA gibt es eine ganze Reihe an guten Ansätzen. Einerseits ist die Verbindung zwischen Kind und Karriere eine große Normalität und nichts Seltenes. Es gibt in Amerika generell mehr Kinder als in Deutschland –  somit ist auch eine Frau, die Kinder hat und arbeitet, normal. Dieser Konflikt, keine gute Mutter zu sein, wenn man arbeitet oder der Begriff “Rabenmutter”, den gibt es einfach nicht. Es herrscht eine weniger vorwurfsvolle Haltung.

Weiter ist beispielsweise auch das Schulsystem anders strukturiert als in Deutschland. In den USA gibt es Unterricht von acht bis 15 Uhr und anschließend machen die Kinder noch Aktivitäten, wie Sport oder Musik. In Deutschland haben die Kinder oft um 12 Uhr Schluss und werden nicht mehr betreut. Da braucht es dann jemanden, der die sie abholt, gemeinsam die Hausaufgaben macht und seine Zeit investieren muss. 

“Wir übersteigen das Muttertum extrem”

Sind Arbeitgeber gegenüber Frauen in Deutschland kritischer?

Tendenziell ja, aber Ausnahmen gibt es natürlich auch. Besonders mittelständische oder eigenständige Unternehmen sehen das Thema Frauen und Kindern anders. Eigentümergeführte Unternehmer sehen es auch als Mehrwert, Frauen einzustellen.

Aber natürlich gibt es auch heute noch die Arbeitgeber, die lieber den jungen Mann einstellen, als die Frau, die noch ein Kind bekommen könnte.

Gegensätzlich kann beobachtet werden, dass internationale Unternehmen mehr Frauen in Führungspositionen beschäftigen. Generell würde ich sagen, dass Frauen ihre Karriere selbst in der Hand haben und sich mit der Thematik Karriere und Familie beschäftigen können. So kann das Unternehmen den eigenen Bedürfnissen entsprechend ausgesucht werden. 

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Was machen Mütter in Deutschland eventuell falsch?

Ich finde, dass wir das Muttertum so extrem übersteigern. Wir machen einen solchen Irrsinn rund um das Thema Schwangerschaft. Überall wird einem gezeigt, was man alles nicht darf, was alles schiefgehen kann und es wird eine solche Schwere hineingetragen. Das ist ein extremer Unterschied zu den USA, wo eher Unbeschwertheit und Leichtigkeit rund um Schwangerschaft und Kinder-Haben herrscht.

In den USA ist es eine völlig andere Denke als in Deutschland. Hier sind Frauen total verunsichert mit dem Thema Kinderbekommen.

Wenn eine schwangere Frau in den USA Highheels anziehen will, dann macht sie das auch. Da gibt es keine Diskussion.

Herrscht in den USA ein anderes Rollenbild in Unternehmen?

Also zumindest die Rolle der arbeitenden Mutter ist dort völlig okay. Viele deutsche Frauen berichten mir auch immer wieder, dass sie im Büro ständig auf ihre Schwangerschaft angesprochen werden oder ihnen beispielsweise auf den Bauch gefasst wird.

Und dann werden noch intime Fragen, beispielsweise zum Stillen, gestellt. Dadurch rutscht man sofort von der Business- in die Mutterrolle und der Arbeitskontext wandelt sich plötzlich in das persönliche Umfeld. Das gibt es in internationalen Unternehmen so nicht.

“In den USA herrscht der ‘Can Do–Charakter’”

Können Sie ein positives Beispiel aus den USA nennen?

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, damals Mitte der 90er Jahre. Die Chefin eines 20.000-Mitarbeiter-Unternehmens ist zu einem sehr wichtigen Kundenmeeting gegangen. Dort erklärte die CEO: “Ich werde um 17:30 Uhr gehen, weil meine Tochter eine Aufführung hat.”

Und sie ist dann auch gegangen.

Das hatte natürlich eine unglaubliche Signalwirkung. Das hat gezeigt, dass es mich nicht meinen Job kostet, wenn ich mich auch um meine Kinder kümmere. Ja, ich habe ein wichtiges Meeting und ja, ich muss pünktlich gehen, weil meine Tochter auch einen wichtigen Termin hat.

Warum sind in den USA Frauen in der Chefetage keine Seltenheit?

Das hat eine sehr lange Kultur. In den USA gab es bereits in den 30er Jahren weibliche CEOs, die ihr eigenes Unternehmen geführt haben. In den USA herrscht dieser “Can-Do-Charakter” und dieser betrifft eben auch die Frauen. Die Entwicklung in der Karriere liegt bei einem selbst, dafür ist man eigenverantwortlich.

Eine ganze Reihe an sozialen Möglichkeiten sind in den USA nicht gegeben und das fördert zumindest, dass man sich mit dem eigenen Vorankommen beschäftigen muss.

Dadurch, dass es üblicher ist, dass Frauen auch Karriere machen, fühlt man sich als Frau selbst damit wohler. Man hat immer Frauen im Umfeld, die sich bemühen, dass sich das Unternehmen entwickelt. Und, die sich auch gegenseitig unterstützen und fördern.

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Wie ist das Verhältnis zwischen Karriere Mann und Karriere Frau in den USA?

In Paarbeziehungen haben die Frauen einen entscheidenden Anteil am Einkommen. Der Mann muss nicht mehr verdienen als die Frau. Es gibt viele Familien, in denen beide das gleiche Einkommen haben. In Amerika gibt es diese “Power-Couples”. Wenn bei denen der Mann mal ausfallen würde, könnte die Frau das finanziell weiter abdecken.

In Deutschland ist es immer noch eher der Mann, der mehr verdient oder der alleiniger Ernährer ist. Das erzeugt ja auch bei den Männern einen extremen Druck, wenn diese für alles verantwortlich sind.  

“In Deutschland herrscht eine Präsenzkultur”

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit dem Thema Frau, Karriere und Kinder gemacht?

Barbara Lutz
Barbara Lutz, geschäftsführende Gesellschafterin und Mutter von zwei Kindern.

Im Jahr 2000 habe ich für einen französischen Konzern die Einführung des Euros betreut und ein großes internationales Team in Frankfurt aufgebaut. In meiner Position als Chefin des Eurobüros bekam ich zu diesem Zeitpunkt auch mein erstes Kind. Von Seiten des internationalen Managements war es überhaupt keine Frage, dass ich schwanger war.

Dass mir ein deutscher Konzern ein Budget von 80 Millionen Euro anvertraut hätte und gleichzeitig dieses “Kinderrisiko” eingegangen wäre, bezweifle ich.

Und in Deutschland?

Ich habe anschließend bei einer Bank in Frankfurt gearbeitet und dort gab es nie die Möglichkeit, Homeoffice zu machen. Das wurde hart abgelehnt. Das habe ich nie verstanden, dass es diese Flexibilität nicht gibt. Anstatt einer Leistungskultur wird eine Präsenzkultur gepflegt. Ich bin gewachsen und aufgestiegen wegen meiner Leistung und nicht wegen meiner Präsenz. Die Präsenzkultur–Haltung ist Gift für alle Frauen mit Kindern.

Wurde Ihre Rolle als Karriere-Frau und Mutter akzeptiert?

Ja und Nein. Von meinen deutschen Kollegen wurde auch ich ständig gefragt ‘Wie machst du es eigentlich mit den Kindern?’ oder ‘Wie schaffst du das denn?’. De facto gab es dort einfach weniger Frauen in Führungspositionen und deshalb wurde ich anders wahrgenommen.

Daher kamen solche Sätze wie ‘Wie kannst du das verbinden? Beruf und Familie?’. Diese Fragen haben aber auch immer den Hintergrund ‘Warum machst du das eigentlich und bleibst nicht zuhause?’ Es entstehen Situationen, die auf einmal kompliziert werden und vorher gar nicht von Belang waren.

Zuvor war es normal, dass ich eine Frau mit zwei Kindern auf der Chef-Etage eins internationalen Konzerns war. In Deutschland war es auf einmal nicht mehr normal. Mein Ziel ist es, dass Frauen und Karriere auch hier normal werden.

(ks)