POLITIK
16/02/2018 17:24 CET | Aktualisiert 16/02/2018 18:38 CET

Frankfurt: Obdachlosenhilfe soll von Bauunternehmer vertrieben werden

“Diese Bauunternehmen denken, die können machen, was sie wollen”

  • Bewohner eines Hauses in Frankfurt berichten von Einschüchterungsversuchen durch den neuen Hausbesitzer
  • Im Haus ist auch eine Obdachlosenhilfe, denen Strom, Wasser und Heizung abgestellt wurde
  • Oben im Video: Wohnungs-Abzocke aufgedeckt – So leicht können euch Vermieter aus der Wohnung drängen

“In der Teestube sieht es wirklich schlimm aus”, sagt Kerry Reddington, stellvertretender Vorsitzender der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung in Frankfurt gegenüber der HuffPost. “Jetzt haben sie sogar den Briefkasten abmontiert.”

Kerry Reddington spricht von der Frankfurter Teestube “Jona”, einem Treffpunkt für die Obdachlosen der Stadt. Hier erhalten die Bedürftigen Beratung, eine Essensmöglichkeit und einen Ort zum Aufwärmen.

Journal Frankfurt/ Nils Bremer

 Eine Katastrophe für 450 Obdachlose

Doch warm ist es hier schon lange nicht mehr. Im Sommer 2017 haben die neuen Eigentümer das Haus übernommen. Seitdem gibt es nur noch Ärger.

Wie das “Journal Frankfurt” berichtet, drohten die Unternehmen bereits bei der ersten Kontaktaufnahme mit den sofortigen Rauswurf. Den Hausbewohnern – und der Obdachlosenhilfe. Für die 450 Obdachlosen, die die Teestube nutzen, wäre das eine Katastrophe.

Der Vertrag der Teestube geht glücklicherweise noch bis November 2018. Daher glaubten die Verantwortlichen, zumindest noch eine Gnadenfrist zu haben, um an einen anderen Standort zu wechseln.

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Strom, Wasser und Heizung im Haus wurden abgestellt

Doch die Probleme nahmen zu. Wie das “Journal Frankfurt” berichtet, sei eines Tages plötzlich der Strom weg gewesen.

► Nach Angaben der Teestuben-Verantwortlichen sollen die Vermieter die Stromleitung gekappt haben und die Sozialarbeiter hätten einen Elektriker besorgen müssen, um das wieder zu reparieren. 

► Dann soll der Hauptwasserhahn abgedreht worden sein, vermutlich auch von den Hausbesitzern.

► Nachdem die Mitarbeiter der Teestuben den Hahn wieder aufgedreht hatten, sei das Schloss zum Keller ausgetauscht worden – und damit der Zugang zu Wasser- und Stromleitungen. 

Journal Frankfurt/ Nils Bremer

 Weiter gibt es Berichte von herausgedrehten Sicherungen, eingetretenen Türen und Einschüchterungsversuchen.

Wie das “Journal Frankfurt” schreibt, berichten auch die anderen Mieter des Hauses Ähnliches. Eine Familie erzählte der Zeitung, sie würden Wasser aus dem nahegelegenen Main holen, um zum Beispiel die Toilette spülen zu können.

Mit Namen wolle aber keiner in der Zeitung auftauchen, die Vermieter hätten demnach gedroht, dass es dann noch schlimmer würde.

Der Hausbesitzer gibt sich ahnungslos über die Missstände. “Ich erfahre erst durch Ihren Anruf davon”, sagt einer der Geschäftsführer des Bauunternehmens auf Anfrage des Stadtmagazins. 

Der Hauseigentümer will das ganze Gebäude sanieren

Warum der neue Hauseigentümer so vorgeht, ist für die Mitarbeiter der Teestube klar.

“Der Käufer ist ein Investor, der unverzüglich und ohne Rücksicht auf unser Mietrecht mit der kompletten Sanierung des Hauses beginnen will“, schreiben sie in einem Brief, der dem Frankfurter Journal vorliegt.

Journal Frankfurt/ Nils Bremer

 “Diese Bauunternehmen denken, die können machen, was sie wollen”, klagt Reddington, der stell. Vorsitzender der Kommunale Ausländer- und Ausländerinnenvertretung der Stadt Frankfurt gegenüber der HuffPost. “Man darf schon mit Immobilien Geld verdienen, aber doch nicht um jeden Preis.”

Der Wohnungsmarkt in Frankfurt ist wie in allen deutschen Großstädten brutal geworden. Aktuell fehlen bereits über 30.000 Wohnungen, bis 2030 werden es 90.000 sein.

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Kein Wunder also, dass Frankfurt die zweitteuerste Stadt für Mieter in Deutschland ist. Teurer ist nur München.

“Die Mietsituation in Frankfurt läuft aus dem Ruder”, sagt Reddington. Einige Investoren würden das ausnutzen und jede Skrupel verlieren. “Nicht alle Immobilien-Investoren sind als Verbrecher anzusehen. Es gibt ein paar wenige schwarze Schafe.“

Die Obdachlosenhilfe lässt sich nicht einschüchtern

Die Teestube wird weitermachen. Die Stadt hat bereits einen neuen Standort in der Gutleutstraße für die Obdachlosenhilfe versprochen. Bis dahin heißt es durchhalten.

Denn obwohl Wasser, Strom und Heizung oft fehlen, wird die Teestube noch immer rege genutzt. Die Obdachlosen lassen ihre Jacken an und wenn der Strom ausfällt, werden eben Kerzen angezündet.

Hilfe bekommt die Teestube auch von den Menschen aus dem Viertel. Zum Beispiel hat der Besitzer eines Kiosks eine Palette Wasserflaschen geliefert. So ist auch trotz zugedrehtem Haupthahn etwas zu Trinken da.

Wenn auch ihr der Teestube “Jona” helfen wollt, könnt ihr es hier tun,

(cho)