POLITIK
02/05/2018 19:49 CEST | Aktualisiert 09/05/2018 15:19 CEST

Trumps Orakel: Wie die Sendung "Fox & Friends" in den USA Politik macht

"Fox & Friends" ist die mächtigste TV-Show der Welt. Wir haben Trumps Lieblingssendung vier Wochen lang geschaut. Ein Höllentrip.

Es beginnt mit Wäsche und einem schwedischen Popsong. Eine blonde Frau wird umrahmt von zwei Männern. Einer ist sehr alt. Der andere ist sehr bemüht, nicht über 50 zu wirken.

Sie lachen, denn sie unterhalten sich über den Start in die Woche, und darüber wie schwer es ist, sich an einem Montag den richtigen Anzug auszusuchen – schließlich hatte die Reinigung am Sonntag ja zu.

Probleme, wie sie jeder Amerikaner kennt. Oder zumindest glauben sie das an diesem Tag Anfang April bei “Fox and Friends”, der einflussreichsten Fernsehsendung der Welt. 

Sie, das sind die Moderatoren Steve Doocy, Ainsley Earhardt und Brian Kilmeade.

Für ihr eitles Gerede ist in der Sendung jedoch nicht lange Zeit. Nach nur einer Minute sirrt eine Sirene: “FOX NEWS ALERT”. Und auf einmal geht es um Syrien, um die Stadt Duma und kleine Kinder, die an Gas ersticken. Um den “brutalsten Mörder auf diesem Planeten” und die Raketen, die diesen aufhalten sollen.

Dann ist Syrien auf einmal verschwunden und alles dreht sich um mögliche Verbrechen von Hillary Clinton, einen Flugzeugunfall, um Migranten und um angebliche Zensur auf Twitter. 

“Fox & Friends”, das ist Frühstücksfernsehen auf Speed, ein News-Trip im ständigen Wechsel zwischen aggressiver Heiterkeit und exaltierter Empörung.

Jeden Morgen zwischen 6 und 9 Uhr New Yorker Zeit erreicht die Sendung im Schnitt fast 1,6 Millionen Menschen – so viele wie kein anderes Morgenmagazin in den USA. 

Die HuffPost hat sich “Fox & Friends” vier Wochen lang angeguckt – und dadurch einen bizarren Einblick in den Kopf eines der mächtigsten Männer der Welt erhalten. 

Denn einflussreich macht die Sendung nicht nur ihre enorme Reichweite, sondern vor allem ein sehr treuer und manipulierbarer Zuschauer: US-Präsident Donald Trump

Die wichtigsten Trump-Berater sitzen in einem Fernseh-Studio

Es gibt kein Medium und keine Sendung, über die Trump öfter twittert. Während seiner bisherigen Amtszeit erwähnte er “Fox & Friends” allein 113 Mal namentlich in seinen Posts. Hinzu kommen noch weit mehr Tweets, in denen sich der Präsident auf den Inhalt der Sendung bezieht. 

Tatsächlich hat der Politikwissenschaftler Dan Snow von der University of Chicago festgestellt, dass der US-Präsident zu keiner Zeit mehr twittert, als zur Sendezeit von “Fox & Friends”. 

Don Snow/Reddit
Trumps Twitterfrequenz steigert sich, sobald "Fox & Friends" läuft. 

Das zeugt von dem gewaltigen Einfluss, den die Sendung hat. Allein in den vergangenen vier Wochen war mehrfach zu beobachten, wie viel Macht “Fox & Friends” über Trumps Gedanken hat: 

Am 11. April ist der republikanische Kongressabgeordnete Newt Gingrich zu Gast in der Sendung.

Der ultrakonservative Gingrich ist einer der “Fox & Friends”-Stammgäste. Er wettert über die linke “Anti-Trump-Justiz” in den USA und die “Stalin-Methoden” des FBI. Vize-Justizminister Rod Rosenstein habe “seinen Job nicht gemacht” und Sonderermittler Robert Mueller “nichts zu Trump und Russland”. 

► Zwanzig Minuten nach Gingrichs Interview reagiert Trump auf Twitter und geißelt die “falschen und korrupten Russland-Ermittlungen”, die von Obama-Leuten und befangenen Personen wie Mueller und Rosenstein durchgeführt würden.

Am 13. April ist das Hauptthema bei “Fox & Friends” das neue Buch des von Trump gefeuerten FBI-Direktors James Comey, in dem dieser mit dem US-Präsidenten abrechnet.

Die Moderatoren der Sendung kritisieren Comey auf’s Schärfste – und provozieren sechs wütende Trump-Tweets über dessen ehemaligen Polizeichef

Moderatorin Ainsley Earhardt fragt den zugeschalteten Fox-“Experten” Geraldo Rivera sogar: “Wäre es nicht eine größere Geschichte als Comeys Buch, wenn der Präsident Syrien angreifen würde?”

► Noch vor der nächsten Sendung schießt Trump Raketen auf syrische Stützpunkte. 

Am 26. April verschwindet die Grenze zwischen Trump und “Fox & Friends” völlig.

Trump ruft live im Studio an – und beginnt, eine halbe Stunde lang über alles zu reden, was ihm gerade in den Sinn kommt: Er verteidigt seinen skandalumwobenen Leibarzt Ronny Jackson, distanziert sich von seinem jahrelangen Anwalt Michael Cohen, gegen den das FBI ermittelt, lobt sich mehrfach selbst und empört sich über das Justizministerium. 

► Selbst die “Fox & Friends”-Moderatoren sind überfordert und beschämt.

Steve Doocey erinnert Trump daran, dass der Präsident auch für das Justizministerium verantwortlich sei. Und Brian Kilmaede unterbricht die fahrigen Wutausbrüche Trumps schließlich, um den US-Präsidenten abzuwürgen: “Sie haben sicherlich noch Millionen andere Dinge zu tun.” 

Es sind nur drei Beispiele aus dem täglichen Tête-à-Tête zwischen Trump und seinen Freunden beim Fernsehen.  

Beispiele, die zeigen: “Fox & Friends” ist eine Propagandashow, in der der US-Präsident sowohl der große Star als auch das Ziel der Manipulation ist. 

Mehr zum Thema: Sie haben geholfen, Trump ins Amt zu heben – das ist das neue Ziel ultrarechter Medien in den USA

Dank zahlreicher Insider-Berichte ist bekannt: Trump liest keine Briefings. Er hört in Meetings nicht zu. Er misstraut seinen Beratern. 

► Trump traut lieber: Dem Sender Fox News. Und vor allem: “Fox & Friends”.

Die Sendung bestimmt sein Weltbild. Sie definiert in großem Maße seine Politik. Doch was ist das für eine Welt, in die der US-Präsident jeden Morgen eintaucht? 

1. “Fox & Friends” funktioniert wie das russische Staatsfernsehen 

“Fox & Friends” ist keine Nachrichtensendung. Selbst ihr Sender Fox News sieht das so und bezeichnet seine Morgenshow als “Unterhaltungsprogramm”

Tatsächlich wird bei “Fox & Friends” nicht journalistisch gearbeitet – sondern propagandistisch. Die Berichterstattung der Show folgt immer dem gleichen Muster: Eine Nachricht wird präsentiert, sofort im Sinne Trumps eingeordnet und schließlich kommentiert. 

► So etwa am 10. April: Thema sind die Betrugsermittlungen gegen Trumps Anwalt Michael Cohen. Moderator Steve Doocey erklärt sorgfältig, was Cohen vorgeworfen wird – Geldwäsche und Bankbetrug etwa. 

Sofort kommt der Fox-Justizexperte Andrew Napolitano ins Studio und erklärt, dass es in der Sache gar nicht um Cohen, sondern um die Russland-Affäre ginge. Schnell hat er einen Schuldigen ausgemacht: “All das passiert nur, weil Justizminister Jeff Sessions sein Ministerium so schlecht führt.” 

Moderatorin Ainsley Earhardt fragt, was wohl passieren würde, wenn Sessions kündigen würde. Und ihr Kollege Brian Kilmeade erklärt sofort, dass dann auch Vize-Justizminister Rod Rosenstein gefeuert werden könnte und damit die Russland-Affäre hinfällig wäre. 

Es ist ein effektiver Propaganda-Spin: Innerhalb von wenigen Minuten ist aus einer bedrohlichen Nachricht für Trump und seinen Anwalt eine Empfehlung für das Vorgehen des Präsidenten in der Russland-Affäre geworden. 

Und es ist eine Methode, die sich auch im russischen Staatsfernsehen beobachten lässt. Dessen ehemaliger Mitarbeiter Dimitri Skorobutov berichtete im vergangenen Dezember der HuffPost, wie dieses eine alternative Realität für seine Zuschauer schaffe.

► Was für Skorobutov und seine Kollegen dabei der Kreml war, ist für “Fox & Friends” Donald Trump: der wichtigste Zuschauer. 

2. “Fox & Friends” ist bizarr, unterhaltsam – und extrem professionell 

Wer wie der US-Präsident jeden Tag “Fox & Friends” schaut, versteht tatsächlich, warum die Sendung so erfolgreich ist: Sie wird einfach nicht langweilig.

Und das, obwohl jede Sendungsstunde nahezu vollkommen gleich aufgebaut ist: Zunächst wird über das große Thema des Tages berichtet, dann folgen eine Reihe kleinerer, meist politischer Themen, die im Gespräch mit Interviewpartnern – meist republikanischen Politikern – buchstäblich abgefrühstückt werden.

► Der Senderahmen bei “Fox & Friends” ist so professionell durchexerziert, dass er fast eintönig wirkt – wären da nicht zwei Dinge, die die Show so besonders machen. 

Das sind zum einen deren Moderatoren, die immer die gleichen Rollen spielen: Der 61-jährige Steve Doocy mimt den freundlich-traditionellen Nachbarn, die 41-jährige Ainsley Earhardt wechselt hin und her zwischen taffer Karriere- und devoter Hausfrau und der 53-jährige Brian Kilmeade gibt den eifernd-wütenden Welterklärer. 

Was “Fox & Friends” darüberhinaus sehenswert macht, ist der Wahnwitz der Sendung: Da fliegt ein Reporter mit abstruser Jagdgier in der Stimme auf der Suche nach Migranten über die Grenze zwischen den USA und Mexiko. Da präsentiert eine Mitarbeiterin der Sendung vor jeder Werbepause ihr neugeborenes Baby. 

Oder es taucht zwischen zwei News Alerts auf einmal der Country-Musiker Larry Gatlin auf, schwadroniert minutenlang zusammenhangloses Zeug über Johnny Cash, wird dann vom ebenfalls dazustoßenden Sänger Billy Dean unterbrochen, der Gaitlin ein Happy Birthday singt, obwohl dieser gar nicht Geburtstag hat.

Und am Ende essen alle Kuchen. 

Screenshot
Larry Gaitlin macht Mel Tillis nach und bringt Billy Dean zum Lachen. 

3. Für einen großen Teil der USA spielt “Fox & Friends” keinerlei Rolle – und das macht die Sendung besonders gefährlich

Es ist dieser Hang zum Absurden, der den Gelegenheits-Zuschauer von “Fox & Friends” besonders verwirrt. Die Sendung wirkt bisweilen wie eine Show aus einem Paralleluniversum. 

Eines der wichtigsten und am häufigsten behandelten Themen der Sendungen der vergangenen Woche war so etwa ein Treffen des Ex-Präsidenten Bill Clinton mit der Obama-Justizministerin Loretta Lynch auf einem Flughafen im Juni 2016. 

“Fox & Friends” ist sicher: Bei diesem Treffen sprachen sich Clinton und Lynch ab, wie mit der E-Mail-Affäre der damaligen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton umzugehen sei. Lynch bezeichnet das Treffen heute als “harmlos”, Clinton habe vor allem über seine Enkel gesprochen.

► “Fox & Friends” hingegen spekuliert über eine Verschwörung. 

Es ist eine perfide Doppelmoral. Im Fall des US-Präsidenten Trump wird jeder Skandal übergangen oder beschönigt. Gleichzeitig wird selbst zwei Jahre nach der US-Präsidentschaftswahl noch versucht, Trumps damaliger Gegenkandidatin Hillary Clinton Verbrechen anzuhängen. 

Ein großer Teil der US-Amerikaner bekommt davon nichts mit. Zwar ist Fox News der meistgesehene Sender in den USA, doch auch er erreicht nur etwa die Hälfte aller TV-Zuschauer. Der Rest der Amerikaner schaut liberalere Sender wie CNN, MSNBC, NBC oder ABC. 

► Es ist eine gefährliche mediale Spaltung.

Denn die Menschen, die “Fox & Friends” erreicht, sind auch die Menschen, die US-Präsident Trump erreicht – meist streng konservative, systemmüde Protestwähler.

Wollen die liberalen Politiker des Landes diese Wähler wieder für sich gewinnen, müssen sie verstehen, was diesen Menschen wichtig ist – und sollten anfangen, “Fox & Friends” zu schauen. 

4. Auch “Fox & Friends” kann das Phänomen Donald Trump nicht erklären

Wer jedoch hofft, dass regelmäßiger “Fox & Friends”-Konsum dazu führt, das Phänomen Donald Trump endlich zu verstehen, der täuscht sich. 

Steve Doocey, Ainsley Earhardt und Brian Kilmeade vermögen es nicht, den wirren politischen und persönlichen Wendungen des US-Präsidenten Bedeutung zu geben, sie in einen größeren politischen Rahmen einzuordnen.

► Die drei Moderatoren können auch trotz ihres Rufs, Trumps wichtigste Berater zu sein, nicht als Auslöser der trumpschen Politik herhalten.

Vielmehr versteht es “Fox & Friends” an Trumps Instinkte zu appellieren oder diese zu antizipieren. Die Macher der Sendung wissen darum, dass der US-Präsident sie jeden Morgen beobachtet. Deshalb gestalten sie ein Programm, das voll des Lobes für Trump und voller Häme für seine Kritiker ist. Aber ohne echtes Verstehen. 

“Fox & Friends” ist sich dabei nicht zu schade, Trumps Angriffe auf die Justiz und Demokratie in den USA zu verteidigen oder gar zu unterstützen.

► Die wahren Totengräber Amerikas sind immer die anderen: die Demokraten, das Establishment, die Sonderermittler. 

Die Verantwortlichen von “Fox & Friends” haben erkannt, dass Trump eine Marke ist, die in den USA gerade enorm gut funktioniert. Und ohne sich darum zu scheren, warum das so ist, haben sie diese Marke kopiert. 

5. “Fox & Friends” ist größer als Trump

Dabei bleibt stets klar: “Fox & Friends” ist nicht von Donald Trump abhängig. Er ist für die Sendung nur das Vehikel zu einem bisher unerreichten Erfolg. 

Auch wenn dieser Erfolg bedeutet, dass die Sendung einen für ein Fernsehprodukt noch nie da gewesenen Einfluss auf die Politik in den Vereinigten Staaten hat, ist Trump für “Fox & Friends” kein Selbstzweck. 

► Es ist die Bewegung hinter Trump, die der Sendung ihren Erfolg bringt.

Die Bewegung, die in Form der Tea Party die Republikanische Partei in radikale und systemtreue Politiker spaltete. Die Bewegung, die sich acht Jahre lang an Ex-Präsident Barack Obama abarbeitete, weil dieser diplomatisch, demokratisch und schwarz war. Die Bewegung, die im Jahr 2016 die Brandbombe Donald Trump auf Washington DC warf. 

Trump hat diesen Menschen im Wahlkampf viel versprochen: Jobs, geringe Steuern, eine nicht von Eliten dominierte Politik und ein nicht von Migranten bewohntes Land. Nicht alle Versprechen wird Trump halten können. 

Ob durch eine Wahl oder eine Amtsenthebung: Trump wird in den USA irgendwann Geschichte sein. Die Wut seiner Wähler aber wird bleiben. 

Und sich jeden Morgen in den Episoden von “Fox & Friends” widerspiegeln – zwischen Wäsche, Popsongs und Propaganda. 

(mf)