Annika Weertz
LIFE
08/03/2019 15:42 CET | Aktualisiert 08/03/2019 16:12 CET

Fotografin Annika Weertz: "Männer kennen Penisse nur aus Pornos"

Sie kämpft für ein authentischeres Rollenbild – ihre Fotos von verletzlichen Männern bekommen nicht nur Zuspruch.

Sie lebt in einer Stadt, die von mittelmäßigen Bands als mittelmäßig besungen wird. Und doch hat die Fotografin Annika Weertz aus Gießen für das Gewöhnliche wenig übrig.

Viel lieber stellt die 27-Jährige das Gewöhnliche infrage. Die Art und Weise etwa, in der Frauen und Männer auf Fotos portraitiert werden. Und damit die Art und Weise, mit der sie Einzug in die Popkultur und das kollektive Gedächtnis finden.

Weertz’ männliche Models rekeln sich auf Blumenwiesen. Sie schauen verträumt in die Ferne – nicht, als wollten sie besonders verwegen wirken. Sondern so, dass ihre Verletzlichkeit ganz offen zu sehen ist.

“Der größere feministische Akt ist es, das Männerbild zu ändern als das Frauenbild”, sagt die junge Fotografin. “Frauen wehren sich in den vergangenen Jahren sehr vehement gegen Rollenbilder, viele Männer haben nicht einmal das Gefühl, dass es da etwas gibt, gegen das sie sich auflehnen könnten, obwohl sie auch sehr stark davon betroffen sind.”

Mit der HuffPost hat Weertz über Feminismus, schlaffe Penisse und Geschlechterideale gesprochen – und verraten, warum sie Beyoncé scheiße findet. 

HuffPost: Wieso sind auf deinen Bildern eigentlich nie Penisse zu sehen?

Weertz: Selten. Ich hätte schon Lust, sie mehr drauf zu haben. Aber es ist gar nicht so leicht, Männer zu finden, die sich so fotografieren lassen. Viele Männer finden es sogar unangenehm, unerigierte Penisse zu sehen.

Männer finden es unangenehm, einen unerigierten Penis zu sehen? 

Ja. Einige haben wirklich ein richtiges Problem damit. Penisse – außer ihren eigenen – kennen sie vor allem aus Pornos, da aber immer nur erigiert. Wenn er schlaff ist, hat er da nichts zu suchen. Eine Frau sieht dagegen Penisse viel öfter im unerigierten Zustand.

Der schlaffe Penis ist also medial unterrepräsentiert.

Ja, definitiv. Aber mir geht es nicht um einzelne Körperteile. Das ist mir dann doch zu lahm. Wenn auf einem meiner Bilder ein Penis zu sehen ist – in irgendeiner Ecke des Bildes – und das findet jemand unangenehm, dann freut mich das viel mehr, als wenn ich da draufzoomen würde.

Besonders mit deinen Fotos von Männern hast du ja eine gewisse Aufmerksamkeit erlangt. Weil die Models weicher und irgendwie weiblicher anmuten als in gewöhnlichen Darstellungen. Wie hat das begonnen: Warst du gelangweilt von der ästhetischen Norm oder war das von Anfang an ein bewusster emanzipatorischer Akt?

Das war im Jahr 2016. Mir ist damals aufgefallen, dass immer mehr Frauen andere Frauen fotografieren, das fand ich sehr spannend. Wenn man sich etwas damit beschäftigt, versteht man ja schnell, warum: Man sieht meistens gleich, wenn ein Bild einer Frau von einem Mann fotografiert ist, weil das Model auf diesen Bildern viel schneller sexualisiert wird. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass die Darstellungen von Männern genauso klischeebeladen und falsch sind.

Annika Weertz
"Eine Frau sieht Penisse viel öfter im unerigierten Zustand."

Wie ist dir das klar geworden?

Ich habe in meinem Umfeld mehr Männer als Frauen, habe immer eher männliche als weibliche Freunde gehabt. Ich war immer eine Freundin, bei der man sich das Herz ausschüttet und deswegen wusste ich, dass viele Männer selbst Probleme mit den typischen Männlichkeitsmerkmalen und den damit verbundenen Rollenbildern haben. Das wollte ich abbilden.

Männer produzieren ein falsches Männerbild?

Nicht nur. Mir hat gestern erst ein Freund erzählt, wie in gewissen liberalen Feministinnenkreisen darüber geredet wird, dass ein Mann gefälligst mindestens 1,80 Meter groß sein sollte. Weil man ja schon genug Arbeit in die Beziehung steckt und dann kann er immerhin groß sein.

Egal wie ernst sowas gemeint ist, da steckt ein bestimmtes Narrativ dahinter, das Männer auch belastet. Auch wenn sie unter sich sehr wenig über Probleme reden und Dinge vielleicht eher mit sich selbst ausmachen. Das darf man nicht unterschätzen.

Frauen wehren sich in den vergangenen Jahren sehr vehement gegen Rollenbilder, viele Männer haben nicht einmal das Gefühl, dass es da etwas gibt, gegen das sie sich auflehnen könnten, obwohl sie auch sehr stark davon betroffen sind.

Annika Weertz
"Nackt im Wald rumzulaufen, ist für einige sicher authentischer, als eine Calvin- Klein-Unterhose zu tragen."

Dabei bin ich überzeugt: Das Frauenbild in unserer Gesellschaft ändert sich automatisch, wenn sich das Männerbild ändert. Der größere feministische Akt ist es, das Männerbild zu ändern als das Frauenbild.

Wie groß ist der Widerstand dagegen? Gibt es auch Männer, die zu deinen Bildern sagen “das geht gar nicht”? Oder sich sogar in ihrem Stolz verletzt fühlen? 

Eine meiner Lieblingsreaktionen: “Ich fand deine Bilder immer ganz cool, bis du angefangen hast, beharrte Männerärsche zu fotografieren.“ Bei einer Ausstellung in Berlin stand einmal ein junger Mann vor einem Bild, auf dem ein Kumpel von mir in einer Badewanne liegt, da ist auch ein unerigierter Penis drauf. Der hat gesagt, das findet er richtig unangenehm. “Der Blick... Und das mit dem Penis...“ Angegriffen fühlen sich auch einige – vor allem Männer. Das spiegelt sich dann aber eher in Kommentaren im Internet.

Du sprichst gerne über die Authentizität von Bildern. Was macht einen Mann, der nackt und irgendwie hilflos in einem Wald steht, authentischer als einen Draufgänger-Macho, der sich in Calvin-Klein-Pose auf dem Bett rekelt?

Dass die Calvin-Klein-Unterwäsche fehlt. Nein, im Ernst: Mir geht es nicht darum, dass das Umfeld authentischer ist. Wobei nackt im Wald rumzulaufen für einige sicher authentischer ist, als eine Calvin-Klein-Unterhose zu tragen. Aber ja: Mir geht es eher um das Gefühl. Ich sage bei einem Shooting nicht: Guck so! Mach das! Ich gebe keine Anweisungen und lasse den Prozess authentisch und natürlich sein.

Aber viele Männer sehen sich doch genauso, wie sie dargestellt werden: Als athletische Macho-Figuren in Calvin-Klein-Unterwäsche. Muss man das nicht bloßstellen?  

Bloßstellen? Nein. Wenn die Leute sich in dieser Rolle wohlfühlen, ist das ja okay. Aber das Männerbild dahinter ist eben nicht die Realität. In letzter Zeit hört man, dass jetzt der “Dad Bod” cool werden soll, der Männerbauch. Das finde ich eigentlich stark. Dieses Plus-Size-Ding ist ja bei Frauen schon sehr präsent, bei Männern dagegen bei weitem nicht so populär.

Kommen wir zur Frau. Was ist dir wichtig, wenn du Frauen fotografierst?

Tatsächlich, dass ich sie mag. Ich gehe bei der Auswahl nicht nach Körpern, auch wenn mir das immer wieder Leute vorwerfen. Es gibt ja in gewissen Kreisen die Auffassung: Wenn man zum Beispiel keine Fotos von übergewichtigen Frauen macht, ist man “fatphobic“. Ich muss aber sagen: Mir geht es um das Gesicht und die Ausstrahlung, alles andere kommt danach. Deswegen werde ich auch nicht müde, Bella zu fotografieren. 

Annika Weertz
Model Bella. 

Das schlimmste ist eh, wenn mir Leute sagen: “Annika, ich hab da ’ne Idee, was du machen kannst. Fotografier doch mal so ganz normale Frauen, die so Makel haben. Mit Narben und so.“

Innovativ.

Ja. Habe ich auch gesagt: Gibt’s schon. Zudem fotografiere ich nicht, um der Gesellschaft irgendetwas mitzugeben. Ich habe meinen eigenen Körper und weiß, dass der nicht makellos ist. Für mich ist das “Stating the Obvious“.

Das ist doch langweilig. Wenn ich perfekte Frauenkörper gesehen habe, war mir eh immer klar: Das ist Werbung, das hat mit der Realität nichts zu tun. Viele fühlen sich davon angegriffen, auch das kann ich nachvollziehen. Aber bei mir war dieser gedankliche Sprung “das ist eh nicht real“ ohnehin immer da, sodass mich das einfach nicht interessiert hat.

An diese Stelle scheint sich ohnehin zumindest langsam ein neues Ideal zu schieben: die “starke Frau“. Muss eine Frau immer stark sein?

Mir ist schon aufgefallen, dass ich Frauen eher stark portraitiere und Männer eher verletzlich. Aber das ist eher unbewusst passiert, weil ich interessant fand, die uralten Klischees etwas umzudrehen. Aber Stärke ist auch kein Wort, das uns weiterbringt. Jeder hat schwache Seiten. Und ist Schwäche wirklich schwach?

Ich frage auch, weil es neuerdings den Reflex zu geben scheint, alles, was bestimmte weibliche Rolemodels tun, als “starkes Zeichen“ und feministische Geste abzufeiern. Wenn Beyoncé sich mal wieder auszieht zum Beispiel. Gleichzeitig ist Lena Meier von nebenan sofort als “Schlampe” gebrandmarkt, wenn sie das tut. Ist das nicht Heuchelei?

Ich habe das Gefühl, das ist ein bisschen so ein Internetphänomen. Viele haben gar nicht so im Kopf, welche Wirkung sie eigentlich mit Bildern erzielen und welche nicht. Ein Typ denkt sich nicht: “Ah, geil, da liegt eine halbnackte Frau auf einem Bett, aber da steht Feminismus drunter. Geil, die respektiere ich!“

Annika Weertz
"Mir ist schon aufgefallen, dass ich Frauen eher stark portraitiere und Männer eher verletzlich."

Ich weiß also nicht, ob das unbedingt etwas ist, das große Wirkung entfaltet. Aber ich verstehe diesen Beyoncé-Feminismus eh nicht. Oder Beyoncé generell. Ich dachte, es wäre Konsens, RnB scheiße zu finden? Wann hat sich das geändert?

Welche Beziehung hast du denn eigentlich zu Feminismus?

Ich habe eine Schwester, meine Eltern sind geschieden. Gewissermaßen waren feministische Standards für mich schon immer die Normalität. Ich habe nie gelernt, dass ich irgendetwas nicht könne, weil ich eine Frau bin.

Mein Vater hat uns immer gesagt: Ihr könnt alles. Meine Mutter hat sich nie die Achseln rasiert und als ich sie früher einmal darauf angesprochen habe, hat sie gesagt: “Annika, ich habe dafür keine Zeit, ich muss arbeiten.“

Als die Amerikaner dann nach zehn Jahren gemerkt haben “Oh, Frauen haben ja auch Körperhaare“, habe ich gedacht: “Wow, das merkt ihr jetzt?“ Ich bin völlig unprätentiös mit so einem feministischen Selbstverständnis aufgewachsen, wahrscheinlich ist das ein Riesenprivileg.

Also irritieren dich einige Diskussionen?

Ich saß im Januar mit jemandem beim Italiener und habe ihm gesagt: Ich finde es schwierig, Frauen immer in die Opferrolle zu stecken. Ich habe das Gefühl, diese Diskussion, die da geführt wird, ist einfach nicht meine. Und er hat geantwortet: “Du bist ja auch weiß und kommst aus einer privilegierten Schicht und dein Standpunkt ist deshalb völlig realitätsfremd.“

Und ich habe gedacht: “Danke, dass ein Mann mir das erklärt.” Natürlich bin ich privilegiert und hatte riesiges Glück. Aber ich sage ja auch nicht, dass andere nicht meckern dürfen. Ich lehne es nur ab, mich selbst in eine Opferrolle zu begeben, gerade weil ich so nicht sozialisiert worden bin.

Spannend fand ich dann, dass ebenjener Mann mir später gesagt hat, ich hätte einen geilen Körper und geile Titten. Da habe ich gedacht: Stark, dass du mir etwas über Feminismus erzählst.

Wen würdest du gerne mal fotografieren?

Florence Welch, Nick Cave, Susi Cave. Generell mehr Musiker. Kim Gordon. Ah, und Tom Schilling.

Und wen nicht einmal für 1000 Euro?

Hitler.

Danke dir.

Ich wünsche dir einen schönen Frauentag. Ach, nee. Den musst du mir wünschen, oder?

(jg)