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17/02/2018 11:01 CET | Aktualisiert 19/02/2018 08:08 CET

Förster aus Bayern erlebt den Klimawandel täglich und warnt vor fatalen Folgen

"Die fallen einfach um. Dann ist der Wald kaputt."

Uschi Jonas
Franz Knierer ist Förster und Berater für Waldbesitzer im Landkreis Dachau.
  • Franz Knierer ist seit Jahrzehnten Förster im Landkreis Dachau
  • Der HuffPost zeigt er, wie er täglich mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen hat

Sie sind grün, stachelig und winzig. Sie bohren sich durch braunes, mit feuchter Erde, angetautem Schnee und Laub bedecktes Dickicht: Fichtensprösslinge. “Die wollen sich überall verteilen, die fühlen sich hier wohl, aber eigentlich können sie bald nicht mehr überleben”, sagt Franz Knierer.

Der 60-Jährige ist Förster und Berater für Waldbesitzer im Landkreis Dachau. Seit 1990 ist er in den Wäldern des Landkreises unterwegs. Und er ist in Sorge. “Als ich angefangen habe, gab es nur Fichten. Überall Fichten. Das wäre heute undenkbar.”

► Steigende Temperaturen, heftige Stürme, Wärme im Januar, Frost im April – der Klimawandel und seine Folgen stellen die Arbeit von Knierer vor immer größere Herausforderungen.

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Fichten haben es inzwischen schwer, vor allem in Süd- und Westdeutschland. “Weil es immer wärmer wird und im Winter oft nicht mehr richtig kalt, kann sich der Borkenkäfer stärker ausbreiten und vermehren.” Der Todfeind der Fichte.

Die Käfer bohren Gänge in Rinde und Holz, legen dort ihre Eier ab. Die Larven ernähren sich dann vom Saft im Baum und zerstören seine Lebensader. “Und dann sind die Fichten nur noch Fallobst.” Wenn ein Waldabschnitt zerstört wird, dann dauert es 40 Jahre, bis alles wieder nachgewachsen ist.

Uschi Jonas
Eine Kiefer mit Hallimaschbefall.

► Klimawandel ist Stress. Für die Bäume. Aber auch für den Menschen. “So ein Baum ist jahrzehntelang gewachsen.” Nach einem Borkenkäferbefall kann das Holz dann nur noch für den halben Preis verkauft werden.

Auch wurzeln Kiefern nicht mehr richtig. Und das ist in Zeiten des Klimawandels eine große Gefahr. Stürme werden häufiger und heftiger. “Fichten fallen dann um wie Streichhölzer”, sagt Knierer.

Uschi Jonas
Weil Fichten nicht mehr tief wurzeln, können sie bei Stürmen leicht entwurzelt werden.

Deshalb müssen Knierer und seine Kollegen in ganz Deutschland gegensteuern. In der Schule hört jedes Kind von Laub-, Tannen- und Mischwäldern. Die ersten beiden wird es bald nicht mehr geben.

► “Wir sagen gerne: ‘Wer streut, rutscht nicht’. Wir verteilen das Risiko auf verschiedene Baumarten.” Wo früher rund um Dachau nur Fichten waren, wachsen heute Tannen, Buchen, Eschen, Douglasien. Monokulturen gehören der Vergangenheit an.

Uschi Jonas
Ein Mischwald im Landkreis Dachau.

Äste knacken, der angetaute Schnee knirscht. Knierer läuft tiefer ins Unterholz. “Da, sehen Sie, da haben Wildschweine gefuttert”. Der Laie sieht: Nichts. Der Förster sieht: Jede Menge Spuren. “Wildschweine sind Klimagewinner. Durch die milden Winter erfrieren sie nicht mehr.”

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Doch weil sie immer mehr werden, suchen sich die Paarhufer auch auf angrenzenden Feldern Futter – zum Leidwesen der Landwirte. Und manches Wildschwein verirrt sich gar bis in die Stadt. “Im Urlaub bin ich in der Nähe von Berlin vor einem Kindergarten auf ein Schild gestoßen: ‘Bitte Türe schließen wegen der Wildschweine’”, erzählt Knierer lachend.

Ursprünglich hat der 60-Jährige eine Ausbildung zum Kaufmann gemacht. “Aber ganz schnell habe ich gemerkt, dass ich weg will von Computern.” Er wollte lieber in die Natur, dafür begeistert er sich auch noch nach Jahrzehnten.

 

► Doch er macht sich auch Sorgen. Die Natur ist neutral. Die reagiert einfach auf veränderte Bedingungen. Aber die Frage der Zukunft wird sein, wie wir uns an die Veränderungen anpassen werden.

Knierer ist Berater für Waldbesitzer seines Landkreises. Viele fragen ihn, was sie pflanzen sollen, damit es auch in Zukunft Bestand hat. “Ich kann Ihnen dann Dinge empfehlen, aber im Endeffekt weiß ich es nicht. Wir wissen es alle nicht.” Der 60-Jährige zeigt eine Bodenkarte. Lehm, Sand, Ton? Früher war vor allem das relevant.

Heute kommen andere Faktoren dazu – und viele Ungewissheiten. Bis 2050 wird sich die Niederschlagsmenge in Deutschland im Sommer um bis zu 25 Prozent reduzieren und gleichzeitig um 25 Prozent im Herbst und Winter zunehmen, wie das Umweltbundesamt mitteilt. Mit fatalen Folgen für das Ökosystem Wald.

Uschi Jonas
Die Karte zeigt die unterschiedlichen Böden eines Waldgebiets bei Dachau.

“Jeder Baum hat mehr Schädlinge, als wir Baumarten haben.” Solche, die heute noch unschädlich sind oder in anderen Klimazonen vorkommen, könnten sich plötzlich in deutschen Regionen wohlfühlen und ausbreiten. “Wir haben vor zehn, 15 Jahren angefangen, viele Eschen zu pflanzen. Doch die sind momentan am Abnippeln.”

► Der Überschuss an Regen im Winter durchweicht die Waldböden. Sie können Nährstoffe dann schlechter speichern und Schadstoffe schlechter filtern. Zur Freude von Schädlingen. So hat sich ein Pilz aus Asien ausgebreitet. Das sogenannte Falsche Weiße Stängelbecherchen befällt die heimischen Eschen und lässt sie absterben.

Durch die verschobene Niederschlagsverteilung wachsen gleichzeitig die heimischen Baumarten langsamer. Die Trockenheit im Sommer erhöht die Waldbrandgefahr. Die Lebenszyklen von Bäumen brauchen Jahrzehnte, um sich den klimatischen Änderungen anzupassen.

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Knierer führt durch Staats- und Privatwald rund um Odelzhausen, immer wieder vorbei an lichten Stellen. “Als ich gerade studierte, sprachen in den 1980er Jahren alle vom großen Waldsterben durch den sauren Regen.” Ein großer gesellschaftlicher Aufschrei und Filtersysteme retten die deutschen Wälder damals vor dem Untergang.

Doch was ist jetzt? “Wir brauchen Sensibilität und Vielfalt. Aber wenn der Mensch so weiter macht und sich nicht ums Klima sorgt, dann nützt das alles nichts. Da ist unsere Vegetation nicht drauf eingestellt. Da können wir noch so viel Mischwald aufforsten.” Wenn ein Jahrhundertsturm kommt, dann sei es egal, welche Bäume da stehen. “Die fallen dann einfach um. Dann ist der Wald kaputt.”

Im Rahmen einer Themenwoche zum Klimawandel in Deutschland spricht die HuffPost mit Stadtplanern, Naturschützern, Klimaforschern und Meteorologen.

Außerdem schauen wir uns vor Ort an der Küste, in den Bergen, Wäldern und Großstädten gemeinsam mit Experten an, wo die Folgen des Klimawandels in Deutschland bereits sichtbar sind.

(jg)