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25/01/2018 09:49 CET | Aktualisiert 25/01/2018 14:47 CET

Forscher: So könnte die Welt nach einem Atombombenangriff aussehen

Wir müssen Atomwaffen ausrotten, bevor sie uns ausrotten.

In den letzten Jahrzehnten – nach dem Ende des kalten Krieges – haben wir immer weniger über die enormen Konsequenzen eines Atomkrieges gesprochen, kaum jemand interessierte sich noch dafür. 

Im Video oben: Das passiert, wenn eine Atombombe über Ihrer Heimatstadt explodiert

► Mit den jüngsten Atom- und Raketentests Nordkoreas hat sich das jetzt wieder geändert.

Und das ist gut so, denn die Gefahr eines Atomkriegs ist nun größer als je zuvor – wir alle sollten uns der Auswirkungen von Nuklearwaffen bewusst sein.

Zwei Atomkrieg-Szenarien

Auf der Welt gibt es ungefähr 14.900 abschussbereite Nuklearwaffen. 13.800 davon befinden sich in den USA und Russland, die restlichen 1100 in China, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan und Israel. Nordkorea verfügt vielleicht über eine Handvoll Waffen.

Basierend auf veröffentlichten oder auch geleakten Statements und Plänen zu Nuklearkriegen von Politikern, müssen wir zwei Arten eines Atomkriegs in Betracht ziehen.

1. Russland gegen die USA

Die erste Möglichkeit wäre ein globaler Nuklearkrieg zwischen den USA und Russland.

► In diesem Szenario würden mindestens 1800 Sprengköpfe abgefeuert werden, wahrscheinlicher wären über 3000.

Die Ziele wären Abschussbasen für Atomwaffen, Kommandozentren, große Industrieanlagen, Atomkraftwerke und dicht bevölkerte Gebiete. Das ist eine riesige Anzahl von Sprengköpfen und viele große Städte, besonders Hauptstädte, wären von einem Angriff betroffen.

2. Ein regionaler Konflikt

Das andere Hauptszenario wäre ein regionaler Konflikt, zum Beispiel zwischen Indien und Pakistan. In diesem Fall würden ungefähr 100 kleinere Atomwaffen aus einem Gesamtarsenal von ca. 200 Waffen zum Einsatz kommen.

► Das Ziel wären hier besonders die sehr dicht besiedelten Mega-Cities Delhi und Karachi.

Ein Konflikt zwischen den USA und Nordkorea wäre ähnlich, allerdings würden weniger große Atomsprengköpfe eingesetzt werden.

Mehr zum Thema: Nordkorea droht: “Atomkrieg könnte jederzeit ausbrechen”

Weltweite und langwierige Konsequenzen 

Jeder versteht, dass Konflikte dieser Art zu nicht vorhersehbarem Leid und Tod führen. Was aber weniger bedacht wird, ist die tatsächliche Verletzlichkeit der modernen Gesellschaft.

Hinzu kommt noch, dass die aktuellsten wissenschaftlichen Studien auch ernste und langwierige Konsequenzen für das Weltklima vorhersagen, die zu Ernteausfällen und Hungersnöten führen würden.

Warum die Gefahr eines Atomkriegs erhöht ist

Seit Ende des Kalten Krieges haben sowohl die USA wie auch Russland 1800 Sprengköpfe schussbereit gehalten, so dass sie innerhalb weniger Minuten nach der Feststellung eines Nuklearangriffs abgefeuert werden konnten.

Diese kurze Spanne soll einen nuklearen Erstangriff verhindern, in dem Waffen abgefeuert werden, bevor sie selbst zerstört werden.

Aber diese Politik hat die Welt bereits mehrmals an den Rand eines Atomkrieges getrieben, wenn beispielsweise die Technik versagte oder harmlose Signale als einen laufenden Angriff mit Atomwaffen gedeutet wurden und die Feuerung von Nuklearwaffen erst in letzter Minute gestoppt wurden.

► Jetzt, so warnen Befehlshaber, ist das Risiko sogar noch höher.

► Der Grund dafür sind Cyber-Attacken.

Viele argumentieren, dass Waffen nicht kurzfristig schussbereit gehalten werden sollten, da eine Antwort mit Atomwaffen immer möglich wäre.

Mehr zum Thema: US-Behörde will Bevölkerung auf Atomschlag vorbereiten

Tote Wesen, schwarz verkohlt, die einfach stehen blieben

Der Einsatz eines nuklearen Sprengkopfes hat eine Reihe von Konsequenzen zur Folge: intensive radioaktive Strahlung und ein greller Lichtblitz, der noch viel heller als die Sonne ist; ein mehrere Sekunden anhaltender heftiger Feuerball; eine intensiver Schockwelle – und Minuten oder auch Stunden später der Fallout von radioaktiven Partikeln.

Überlebende der Atombomben, die während des zweiten Weltkriegs über Japan abgeworfen wurden, berichteten von einem grellen Licht, das plötzlich zu einem schwarzen, öligen Regen wurde. Tote Wesen, schwarz verkohlt, die einfach stehen blieben.

► Menschen erlitten schwerste, tödliche Brandverletzungen, ihre Haut schälte sich einfach ab, Augen und innere Organe hingen aus ihren leblosen Körpern.

► Autos und andere Fahrzeuge wurden wie Spielzeuge umher geworfen und selbst von den größten Gebäuden blieben nur noch Aschehaufen.

Die Verletzlichkeit der Gesellschaft durch Atomwaffen

Heute wäre der Einsatz von Atomwaffen noch viel schlimmer und zwar aus zwei Gründen: ► Eine typische moderne Atomwaffe ist heute acht- bis achtzigmal größer.

Außerdem ist die moderne Gesellschaft sehr viel abhängiger von sensibler Informationstechnologie und von Lebensmitteln und Treibstoffen, die weite Wege zurücklegen.

Die moderne Gesellschaft ist in hohem Maße abhängig von Elektrizität, die auch Heiz- und Wasserwerke versorgt, von der Versorgung mit Informationen über das Fernsehen, das Internet oder auch Mobiltelefone.

► Ein Atomwaffenangriff würde bedeuten, dass die Wasserversorgung einbricht, es gäbe keine Heizung, kein Licht, keine Informationen, keine Funksignale.

► Mit den Produkten in regionalen Lebensmittellagern könnte die Versorgung mit Lebensmitteln nur für wenige Tage aufrechterhalten werden.

Das Versorgungsnetzwerk würde aus verschiedenen Gründen einbrechen: blockierte Straßen, keine Kommunikation, der Kollaps des Bankensystems, die Zerstörung der Häfen.

Westeuropa: Tödliche Dosis innerhalb weniger Stunden

Internationale Hilfsorganisationen und Gesundheitsagenturen sprechen von mehreren zehntausenden Opfern, die es bei dem Einsatz von nur einer einzigen Atombombe zu beklagen gäbe.

► Die hohe Opferzahl würde alle Hilfsversuche erdrücken.

Als Konsequenz könnten schwere Verletzungen wie zum Beispiel Brandwunden, Knochenbrüche und Schnittverletzungen nicht behandelt werden.

Hinzu kommt noch, dass viele Orte in Westeuropa von möglichen Zielen eines Nuklearangriffs umgeben sind, dazu gehören zum Beispiel Atomkraftwerke und große Städte.

► Das macht radioaktiven Atomstaub sehr wahrscheinlich, ganz unabhängig von den Wetter- oder Windbedingungen.

Schon innerhalb weniger Stunden könnte man eine tödliche Dosis aufgenommen haben, die Symptome aber treten erst Tage oder Wochen später auf.

Zu den Symptomen der Strahlenkrankheit zählen Erbrechen, Durchfall und innere Blutungen. Kinder und ältere Personen sind besonders gefährdet, bei ihnen verläuft die Krankheit meist tödlich.

Bei Schäden dieses Ausmaßes würden sich in den großen Städten und anderen wichtigen Zielen große Feuer ausbreiten, die mehrere Tage oder sogar Wochen anhalten könnten. Diese Feuer würden sich auch langfristig auf das globale Klima auswirken. 

Ein nuklearer Winter

Heftige Feuer verursachen Rauchwolken, die hoch in die Atmosphäre steigen, vergleichbar mit den Wolken eines Vulkanausbruchs. Diese Wolken blockieren das Sonnenlicht, was dazu führt, dass die Temperaturen sinken.

Die neuesten Forschungen ergaben, dass bereits ein regionaler Konflikt zwischen Indien und Pakistan, bei dem nur eine geringere Zahl kleiner Atomwaffen zum Einsatz käme, zu strengem Frost, Ernteausfällen und Hungersnöten in der gesamten nördlichen Hemisphäre führen könnte, die bis zu zehn Jahre andauern.

► Ein Konflikt zwischen den USA und Russland mit 1800 atomaren Sprengköpfen  würde eine langanhaltende Kälteperiode mit einer durchschnittlichen globalen Spitzenabkühlung von 4°C verursachen.

► Kämen 3000 Atomsprengköpfe zum Einsatz, würde das zu einer durchschnittliche Abkühlung von 8°C führen. 

► Das ist mehr als die durchschnittliche Abkühlung von 5°C während der letzten Eiszeit, so dass ein schwerer nuklearer Winter über ein Jahrzehnt die Folge wäre. 

Ein Abkühlen auf niedrige Temperaturen mag sich zunächst gar nicht so schlimm anhören, die langfristigen Konsequenzen sind jedoch verheerend: Es folgen längere, frostige Winter und Dürreperioden.

Die Ernte würde schlecht wachsen, eine Aussaat wäre vielleicht sogar unmöglich. Die Landwirtschaft ist auch abhängig von der Versorgung mit Treibstoffen, damit die Saat und Ernte mit Maschinen ausgeführt werden kann. 

Eine Erholung würde auch fernab des Einschlags mehrere hundert Jahre dauern 

Nach einem Atomkrieg wird es kleine Gruppen schwersttraumatisierter Menschen geben, die mit einem Schlag gewaltsam in das Zeitalter vor der Industrialisierung zurückgeworfen wurden.

Zwar ist es vorstellbar, dass Menschen fernab des Einschlags der Nuklearwaffen überleben würden, eine Erholung von dieser globalen Katastrophe würde aber auch hier mehrere hundert Jahre dauern.

Es muss als schockierende Anklage unserer modernen Gesellschaft betrachtet werden, dass nukleare Sprengköpfe heutzutage ein solches globales Desaster verursachen könnten.

Die einzige Schlussfolgerung muss sein, dass der Einsatz jeglicher nuklearer Waffen eine globale Katastrophe wäre, der unweigerlich zu unsagbarem Leiden führt.

Nuklearwaffen sorgen nicht für unsere Sicherheit, sondern vielmehr für eine ständige Bedrohung.

Wir wissen jetzt, dass wir diesem nuklearen Schreckensszenario in den letzten Jahren nur durch sehr viel Glück entgangen sind.

► Dieses Wissen hat 2017 dazu geführt, dass 122 Länder sich bei den Vereinten Nationen für eine atomare Abrüstung ausgesprochen haben.

► Gleichermaßen unterstützen diese Länder den Verzicht auf chemische und biologische Waffen.

Damit wird Druck auf die Länder ausgeübt, die weiter über Atomwaffen verfügen, die atomare Abrüstung ebenfalls zu unterstützen.

Wir müssen Atomwaffen ausrotten, bevor sie uns ausrotten.

Auf unserer Webseite könnt ihr euch über unsere Organisation “Scientists for Global Responsibility” (Wissenschaftler für globale Verantwortung) informieren.

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

(lm)