LIFE
23/10/2018 16:45 CEST | Aktualisiert 25/10/2018 09:37 CEST

Forscher weisen erstmals Plastik im Körper nach: So schützt ihr euch

Die kleinen Kunststoffpartikel sind Gift.

Im Video oben: Forscher weisen erstmals Mikroplastik im menschlichen Körper nach.

Du isst es. 

Du trinkst es.

Du atmest es ein.

Mikroplastik – winzige Kunststoffteile, die kleiner als fünf Mikrometer sind – ist überall.

“Mikroplastik findet sich in allen Elementen – Erde, Wasser, Luft – außer im Feuer”, sagt Maria Leidemann, Umweltberaterin beim Bayerischen Verbraucherservice, gegenüber HuffPost.

Über Plastikmüll, der in den Meeren landet, nehmen Meerestiere Plastikpartikel auf, die auch später bei uns auf dem Teller landen.

Mikroplastik wird noch immer in zahlreichen Kosmetik-Produkten wie Zahnpasta, Shampoo, Duschgel, Gesichtscremes und Wasch- und Putzmitteln als Binde-, Schleifmittel und Füllstoff und Weichmacher verarbeitet und gelangt so ins Abwasser und in den menschlichen Körper. 

Das Problem: Die meisten Kläranlagen können Mikroplastik nicht herausfiltern. Deshalb landet es in unserem Trinkwasser, aber auch in Flüssen und letztlich im Meer und wird dort von Meerestieren aufgenommen.

Getty

Wir nehmen es aber nicht nur zu uns, wenn wir Fisch essen. Sondern auch über Leitungswasser oder Nahrungsmittel wie Milch oder Honig. Und über PET-Flaschen und Plastikverpackungen. Plastikpartikel lösen sich aus den Verpackungen und werden von uns über Getränke und Lebensmittel aufgenommen.

Auch beim Tragen von Kleidung aus Polyester oder Fleece und über den Abrieb von Autoreifen verteilen sich Plastikpartikel in der Luft, die wir dann wiederum einatmen.

Und jetzt haben Forscher erstmals nachgewiesen, dass Mikroplastik auch tatsächlich im menschlichen Körper zu finden ist.

Was die Forscher genau herausgefunden haben:

Wie eine länderübergreifende Studie bereits im März 2018 ergeben hat, findet sich Mikroplastik fast in allen deutschen Binnengewässern. Die Landesumweltämter von Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen haben zwischen Herbst 2014 und 2015 an 52 Standorten Wasserproben entnommen.

In allen Proben wiesen sie Plastik nach – 99 Prozent davon Mikroplastik, das von weggeworfenen Plastikverpackungen, Waschmitteln und Kosmetik-Produkten stammte.

Und jetzt haben Forscher der Medizinischen Universität Wien und des österreichischen Umweltbundesamts erstmals Plastik im menschlichen Stuhl nachgewiesen – und das bei allen Probanden.

Acht Probanden untersucht – fünf Frauen und drei Männer im Alter von 33 bis 55 Jahren, die in Finnland, den Niederladen, Großbritannien, Italien, Polen, Russland, Japan und Österreich – führten eine Woche lang ein Ernährungstagebuch und gaben Stuhlproben ab.

Sie alle konsumierten in Plastik verpackte Lebensmittel und Getränke aus PET-Flaschen, einige von ihnen aßen Fisch. Niemand ernährte sich vegetarisch, wie das österreichische Umweltbundesamt mitteilt.

Die Proben wurden hinsichtlich der zehn auf der Welt am meisten verbreiteten Kunststoffe analysiert. Bei allen Probanden entdeckten die Wissenschaftler Mikroplastik im Stuhl. Im Schnitt waren es 20 Teilchen pro 10 Gramm Stuhl.

“In unserem Labor konnten wir neun verschiedene Kunststoffarten in der Größe von 50 bis 500 Mikrometer nachweisen”, erklärt Bettina Liebmann, die für Mikroplastik-Analysen zuständige Expertin im Umweltbundesamt. Am häufigsten fanden sich PP (Polypropylen) und PET (Polyethylenterephthalat) in den Proben.

Und das sollte uns Sorgen bereiten, denn Plastik ist Gift.

Warum Mikroplastik gefährlich ist:

Forscher beginnen gerade erst, die Folgen dieser Plastik-Emissionen für die menschliche Gesundheit zu erforschen.

Auch wenn das Risiko vor allem von der Konzentration des Plastiks im Körper abhängt und das bislang wenig erforscht bleibt, sind die ersten Ergebnisse nicht ermutigend.

Besonders problematisch sind die sogenannten Phthalate, sprich Weichmacher, die in zahlreichen Kosmetika und Putzmitteln enthalten sind, und Bisphenol A (BPA), das Plastik härter und haltbarer macht.

So hat beispielsweise das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) BPA untersucht und als nicht gefährlich eingeschätzt, solange gewisse Grenzwerte eingehalten werden. Nur kann bislang niemand abschätzen, wie viel Plastik wir über die Umwelt zu uns nehmen – ob die Grenzwerte also eingehalten werden.

Auch schreibt das BfR, dass BPA grundsätzlich gesundheitliche Gefahren für Fortpflanzung, den Stoffwechsel, das Immunsystem sowie neurologische Funktionen haben kann. Sicher ist auch: BPA ist sehr gut fettlöslich. Über die Haut, über Nahrung aber auch über Hausstaub und die Atmung gelangt die Chemikalie in unseren Körper.

Fakten zu Plastik im Meer, die ihr kennen solltet:

Auch Weichmacher sind nicht fest gebunden. Sie können verdampfen, ausgewaschen oder abgerieben werden. Eine Arbeitsgruppe der Europäischen Union hat Weichmacher als fruchtbarkeitsschädigend eingestuft.

Außerdem stehen Weichmacher im Verdacht, Asthma, Krebs, Allergien, und Funktionsstörungen im Gehirn zu fördern. Damit haben sich beispielsweise Forscher der University of California und das Umweltbundesamt auseinandergesetzt. 

Im Mai 2018 warnten Ärzte zudem vor dem Phänomen der “Kreidezähne” bei Kindern. Kreidezähne sind äußerst schmerzempfindlich, sind sehr sensibel bei Hitze, Kälte und auch beim Zähneputzen, im Schnitt leiden 10 bis 15 Prozent der Kinder darunter. Auch hierfür könnten Weichmacher die Ursache sein.

Gefährlich sind aber nicht nur die Plastikpartikel an sich, sondern auch Giftstoffe, die sich an sie heften. “Wir wissen, dass unterschiedliche chemische Stoffe an Mikroplastikpartikeln anhaften können”, sagt Henning Hintzsche vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit gegenüber HuffPost.

Wissenschaftler vermuten, dass kleine Plastikteilchen gefährliche Umweltgifte wie DDT oder PCB wie “ein Schwamm aufsaugen”.

Auch wenn das genaue Ausmaß noch nicht feststeht, ist klar: Unsere Gesundheit wird durch Mikroplastik nicht gefördert und es braucht dringend mehr Forschung.

 Was bislang unklar ist:

“Zusammenhänge zwischen Ernährungsverhalten und einer Belastung mit Mikroplastik können wir aufgrund der geringen Anzahl der ProbandInnen nicht sicher herstellen“, erklärt Gastroenteorologe Philipp Schwabl von der Medizinischen Universität Wien über die Stuhlproben-Studie.

Die konkreten Auswirkungen der gefundenen Mikroplastikpartikel auf den menschlichen Organismus – insbesondere auf den Verdauungstrakt – könnten daher erst im Rahmen einer größer angelegten Studie erforscht werden, sagt Schwabl weiter.

“Obwohl es erste Anzeichen gibt, dass Mikroplastik durch die Begünstigung von Entzündungsreaktionen oder Aufnahme schädigender Begleitstoffe den Magendarmtrakt schädigen kann, sind jedenfalls weitere Studien notwendig, um potenzielle Gefahren von Mikroplastik für den Menschen abzuschätzen”, erklärt der Wissenschaftler weiter.

Andere Studien haben bereits bei Tieren die höchsten Mikroplastikkonzentrationen im Magendarmtrakt nachgewiesen, jedoch waren kleinste Plastikteilchen auch in Blut, Lymphe und sogar in der Leber nachweisbar. 

Fast bei jedem Menschen sind Weichmacher oder ihre Abbauprodukte im Blut und/oder im Urin nachweisbar, sagt auch das deutsche Umweltbundesamt.

Was du gegen die Belastung mit Plastik und Mikroplastik tun kannst:

Zahlreiche deutsche Hersteller haben inzwischen Mikroplastik aus ihren Produkten verbannt. In Zahnpasta kommt es nun kaum mehr vor, nur noch vier Produkte enthalten den schädlichen Zusatz. Genaueres zeigt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Er hat eine Liste erstellt, die hilft, Pflegeprodukte mit Mikroplastik von führenden Kosmetik-Herstellern zu erkennen.

Die häufigsten Kunststoffe und ihre Abkürzungen, die ihr bei den Inhaltsstoffen der Kosmektikartikel findet und die ihr beim Kauf von Produkten vermeiden solltet: PE, PP, PET, Nylon-12, Nylon-6, PUR, AC, ACS, PA, PMMA, PS, PQ.

Auch ist es sinnvoll, auf in Plastik verpackte Lebensmittel zu verzichten und Getränke aus Glasflaschen zu trinken. Unterwegs kannst du Getränke in deinen eigenen To-Go-Becher abfüllen oder warmes Essen in Metalldosen einpacken lassen. Brötchen lieber in Stoffsäcken statt in mit Plastik beschichteten Bäckertüten transportieren.

Verpackungsmaterialien wie Säckchen oder Metalldosen und viele andere Produkte wie Bambuszahnbürsten oder Haar-Seife ohne schädliches Plastik oder Mikroplastik gibt es zum Beispiel online und in vielen Großstädten bei “Original Unverpackt”. Bei Kleidung lieber auf Naturgarne statt auf Polyester oder Fleece setzen. Die gibt es zum Beispiel beim Online-Handel “Avocadostore”.

Mit all dem schützt ihr nicht nur die Umwelt, sondern auch euch selbst!

(kiru)