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01/04/2018 09:53 CEST | Aktualisiert 01/04/2018 10:14 CEST

Es hat drei Jahre gedauert, kein Flüchtling mehr zu sein

Zum Aufstehen braucht man keine Beine, sondern nur viel Herz und Hirn.

LOUISA GOULIAMAKI via Getty Images
Ein Freiwilliger bemalt die Wand eines multikulturellen Zentrums für Migranten und Flüchtlinge auf der Insel Lesbos

Den Namen Moria werde ich mein Lebtag nie vergessen.

Als wir in dem Lager ankamen, baten wir sofort um einen Rollstuhl, aber niemand konnte uns weiterhelfen, oder uns zumindest Anweisungen geben, was als nächstes zu tun sei.

Man brachte uns an einen Ort, der wie ein Gefängnis aussah. Mit mehr Überblick verstand ich später, dass das Flüchtlingslager aus drei Teilabschnitten bestand: einem ersten, der für Familien reserviert war; einem zweiten, der wiederum in drei Unterabschnitte untergliedert war:

Abschnitt A für Sonderfälle, Abschnitt B für Minderjährige und Abschnitt C für alleinstehende Frauen und deren Kinder; und einem dritten Abschnitt, in dem die Männer unterkamen.

Meine erste Woche im Lager verbrachte ich in dieser Art Gefängnisbau.

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Während dieser Zeit musste ich meine Registrierungsdokumente ausfüllen, bekam aber nicht den dafür notwendigen Rollstuhl, und mein Neffe musste mich auf seinem Rücken umhertragen.

Wir baten zahlreiche Ämter und Hilfsorganisationen um einen Rollstuhl, doch nirgendwo konnte man uns weiterhelfen. Es dauerte ganze zehn Tage, bis endlich mein Rollstuhl ankam.

Bis dahin hing jeder meiner Ausgänge von meinem Neffen ab, der mich sogar auf die Toilette tragen musste. Glaubt mir, man fühlt sich nicht wie ein Mensch, wenn man die ganze Zeit von jemandem auf dem Rücken getragen und deswegen von allen angestarrt wird.

Ich wollte doch nichts anderes, als mein Leben so weiterzuführen, wie ich es bis dahin gewohnt war.

Ich war nicht mehr Mohammad, sondern nur noch eine Zahl, 

Meine Nächte in Moria verbrachte ich in einem großen Zelt. Mein Neffe und ich schliefen in Stockbetten. Neben uns hatten wir einige Decken zu einer Wand aufgestapelt. Diese Deckenwand war das einzige, was uns von unseren Bettnachbarn trennte.

Was ich über Moria wirklich niemals vergessen kann, ist, dass es dort war, dass ich meinen Namen verlor. Wohin ich auch ging, niemandem war mehr wichtig, wie ich heiße.

Ich war nicht mehr Mohammad, sondern nur noch eine Zahl, die Zahl meines Wohncontainers, die Zahl meiner Fallakte… bald ersetzten diese Zahlen meine Persönlichkeit.

In Moria blieb ich für 35 Tage. Danach kam ich nach Athen, ins Lager Eleonas, einen Ort, an dem ich meinen Namen endlich wiederfand.

Dass ich nach Athen überstellt werden würde, erfuhr ich am 25. Oktober. Zwei Tage später holte man uns mit Bussen ab und fuhr uns zum Hafen.

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Dieses Mal war alles anders, schließlich mussten wir uns keine Sorgen machen. Wir brauchten auch keine Angst vor der Polizei zu haben, denn dieses Mal war unsere Reise legal. Wir erreichten den Hafen und bestiegen unser Schiff. Unsere Überfahrt begann um 7 Uhr abends und nach einer Stunde Fahrzeit erreichten wir Athen.

Als wir ankamen bestiegen wir einen neuen Bus. Wir waren eine Gruppe von fast 70 Leuten, die alle aus Moria übergesetzt hatten. Ich saß auf einem Fensterplatz, denn ich wollte Athen sehen, eine Stadt, über die ich so viel gelesen hatte, die Stadt der Philosophie.

Das neue Lager war nicht behindertengerecht

Am frühen Morgen kamen wir im Lager Eleonas an. Der Anblick des Lagers verpasste mir einen Schock. In Moria war mir von Mitarbeitern der UN versprochen worden, dass ich in eine Wohnung übersiedeln würde - und nicht in ein weiteres Flüchtlingscamp.

Ich war einer von zwei Behinderten in unserer Gruppe. Der andere war ein älterer Mann in seinen Sechzigern. Ein Mitarbeiter des Ministeriums (der regelmäßig in dem Lager arbeitete) sagte, dass niemand sie vorgewarnt hätte, dass es in unserer Gruppe ein “Behindertenproblem” gäbe.

Das Lager war scheinbar nicht behindertengerecht.

Es war eine sehr emotionale und harte Zeit. Eigentlich war es kaum auszuhalten.

Zuerst weigerten mein Neffe und ich uns, in den Wohncontainer zu gehen, denn schließlich hatte man uns in Moria etwas anderes versprochen.

 

 

Ein griechischer Mann, der in dem Lager arbeitete, nahm mich beiseite: “Siehst du das?“, fragte er und zeigte auf zwei Zelte, die für Leute errichtet worden waren, die sich im Lager als Flüchtlinge registrieren lassen wollten.

“Ihre Anträge wurden abgelehnt, deshalb schlafen sie jetzt in Zelten”, fügte der Mann hinzu. “Sie warten alle auf die Unterkunft, die du so einfach ablehnst.“ Er bestand darauf, dass ich den Container akzeptieren solle, weil es sonst für mich keinen Übernachtungsplatz gäbe.

Wir bezogen unseren Container, nachdem wir ihn drei Stunden lang aufgeräumt und geputzt hatten. Er war unser neues Zuhause, und als solches mussten wir ihn natürlich auch herrichten.

Am nächsten Tag begann mein Neffe, Blumen und andere Pflanzen auf unsere Fensterzeile zu stellen.

Als ich den bunt gemalter Container entdeckte, veränderte sich mein Leben

► Mein erstes Problem im neuen Lager war, dass ich einen neuen Rollstuhl finden musste, denn der Rollstuhl aus Moria war so schwer, dass ich mich in ihm kaum bewegen konnte.

► Das zweite Problem war, dass ich Medikamente gegen meine Diabetes und meinen Blutdruck brauchte.

Wir wohnten neben einer Frau namens Om Omar, die vorschlug, dass wir nach Omonia fahren sollten, eine Gegend in Athen. “Dort gibt es viele Organisationen, die euch weiterhelfen können,“ sagte sie.

Ich fuhr zur Zweigstelle einer Organisation namens Doctors of the World, bei der man mir meine Medikamente besorgte. Eine weitere Organisation namens Praksis stellte mir einen zweiten Rollstuhl, der leichter und beweglicher war als der alte.

Nachdem ich meinen neuen Rollstuhl bekommen hatte, begann ich, das Lager Eleonas zu erkunden. Eines Tages ging ich zum Büro des Sozialamtes, um mich dort nach Dokumenten zu erkundigen.

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Dies war mein erster Besuch bei dem Amt, seitdem ich drei Tage zuvor im Lager angekommen war. Neben dem Container des Sozialamtes stand ein zweiter, bunt bemalter Container, auf dessen Tür “Project Elea” geschrieben stand.

Ich sprach eine Frau an, die dort als Freiwillige arbeitete. Sie war um die dreißig, mit blauen Augen, blondem Haar und einem charmanten Lächeln auf ihrem Gesicht.

Ihr Name war Mary.

Sie erklärte mir zugleich, was das Project Elea macht. “Wir sind ein Team freundlicher und enthusiastischer Freiwilliger aus aller Welt,” erklärte sie und fuhr fort: “Wir arbeiten gemeinsam mit den Bewohnern von Eleonas daran, den Lebensstandard und die Lebensqualität im Lager zu verbessern.“

Project Elea

Jetzt bin ich endlich kein Flüchtling mehr

Bald verstand ich selbst, dass das Gelingen dieses Projekts vollständig von der Kreativität, dem Großmut und der Energie der Freiwilligen selbst abhängt. Mary stellte mich Emily vor, einer der Koordinatorinnen des Projekts. Auch sie half mir viel. Ich begann, Englischunterricht zu nehmen. Seit Januar dieses Jahres gebe ich selbst Englischstunden für das Project Elea.

Jetzt arbeite ich wieder als Lehrer und bin endlich kein Flüchtling mehr. Endlich sehe ich mich wieder als nützliches und produktives Mitglied der Gesellschaft. Meine Studenten kommen aus den verschiedensten Ländern: Afghanistan, Iran, Irak und Syrien.

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Ich bin jedem Freiwilligen dankbar, der noch mit dem Project Elea zusammenarbeitet oder in der Vergangenheit mit der Organisation zusammengearbeitet hat.

Zum Aufstehen braucht man keine Beine, sondern nur viel Herz und Hirn

Ihr tragt alle dazu bei, dass es uns besser geht. Aber es gibt einige Freiwillige, denen ich besonders danken möchte:

► Mary Biles, danke, dass du meine Hand gehalten hast, und mir geholfen hast, wieder aufzustehen. Ich hätte diesen Text ohne dich nie geschrieben.

► Lidia Márquez, meine “Enkelin“. Lidia ist eine Freundin aus Spanien, eine Freiwillige, die mir bei diesem Projekt hilft und abtippt, was ich sage. Ich werde dir jeden Tag aufs neue dankbar sein für das, was du für mich tust.

► Daphne, meine “Tochter”, und Tiago, ein griechisch-portugiesischer Freiwilliger, die mir viel geholfen haben und mich unter anderem zu den schönsten Aussichtspunkten Athens fuhren. Danke, ich werde diesen Tag niemals vergessen.

► Ali Murat, ein Freiwilliger aus Zypern, der mir wie ein Bruder ist. Danke, dass du mir im Monat Januar zur Seite gestanden hast.

► Simon, ein deutscher Freiwilliger, der mir ebenfalls sehr geholfen hat. Simon arbeitet hart und hat viel dazu beigetragen, dass mein Leben hier im Lager deutlich einfacher geworden ist.

► Gerard, ein spanischer Freiwilliger, der mir beigebracht hat, was es bedeutet, ein wahrer Freund zu sein.

► Jess Austin, eine Journalistin der HuffPost, die einwilligte, meine Geschichte zu veröffentlichen. Danke, dass du dieses Projekt in die Tat umgesetzt hast.

► Außerdem möchte ich auch einigen Mitarbeitern des Lagers danken:

Georgia Paulaki, die Koordinatorin des Lagers Eleonas; Aliki Sofianu, eine sehr hilfsbereite Griechin, die hier im medizinischen Zentrum arbeitet; Joanna Karra, eine griechische Mitarbeiterin des Ministeriums, die häufig ihren Tee mit mir teilt und die ich sehr respektiere; Maria Konstadoulaki und Eirini Sotiropoulos, meine Griechischlehrer.

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Aus tiefstem Herzen möchte ich euch allen danken, denn die letzten Monate wäre ohne euch nicht dieselben gewesen.

Mein Weg ist allerdings noch weit. Ich muss weiterkämpfen, damit ich meine Familie wiedersehen kann und versuchen, die drei Jahre wieder gutzumachen, die uns gestohlen worden sind. Zum Aufstehen braucht man keine Beine, sondern nur viel Herz und Hirn.

Mohammed Ali Madania.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der HuffPost UK und wurde von Lukas Wahden übersetzt.

(tb)