POLITIK
16/01/2018 19:17 CET | Aktualisiert 16/01/2018 19:59 CET

Flüchtlingsstreit in Polen: Wie die katholische Kirche das Land spaltet

“Die Sicherheit der Flüchtlinge, die Hilfe brauchen, ist wichtiger als die nationale Sicherheit.”

Kacper Pempel / Reuters
Bischoff Tadeusz Pieronek während einer Zeremonie in Poronin. Er spricht sich – entgegen der Regierungslinie und der Mehrheit Polen – für die Aufnahme von Flüchtlingen aus.
  • Polen und der Katholizismus sind fast unzertrennlich miteinander verbunden
  • Im Flüchtlingsstreit setzen sich immer mehr führende Geistliche für die Aufnahme von Flüchtlingen ein – und bringen damit Gläubige und Politiker gegen sich auf

Kein einziger Flüchtling. Nicht einer von den durch die EU zugewiesenen knapp 7000 Flüchtlingen ist bisher in Polen angekommen.

Das wird auch auf absehbare Zeit so bleiben. Denn selbst nach einer Klage der EU sperrt sich das von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) regierte Land gegen die Aufnahme von Geflüchteten.

Das System der Umverteilung bringe Gefahren mit sich, erklärte der polnische Innenminister Mariusz Błaszczak erst im Dezember. “Nicht genug, dass die Gesellschaften, die nach Europa strömen, sich nicht integrieren, sie bilden auch noch eine Basis für islamische Terroristen.”

Doch während Polens Politiker weiterhin anti-muslimische Ressentiments schüren, wollen Teile der polnischen katholischen Kirche die offizielle Flüchtlingspolitik nicht mehr länger mittragen. Sie werben aktiv für die Aufnahme von Hilfesuchenden – und könnten damit die Gesellschaft spalten. 

“Hilfe ist wichtiger als Sicherheit”

“Die Sicherheit der Flüchtlinge, die Hilfe brauchen, ist wichtiger als die nationale Sicherheit”, sagte der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanisław Gądecki, anlässlich des Welttages zu Migration und Flucht am Sonntag.

Zugleich betonte der Geistliche, die Kirche handele nach dem Grundsatz, “dass alle Menschen Kinder eines einzigen Gottes sind”. Aus diesem Grund macht sich Polens katholische Kirche für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus Syrien stark – und stellt sich damit faktisch gegen die polnische Regierung und viele Gläubige.

Bei Gądecki selbst kommt das fast einer 180-Grad-Wende gleich. Nach dem Wahlsieg der PiS im Oktober 2015 hatte er noch stolz verkündet: “Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg gab es solch eine Einheit von Kirche und Staat.”

Mittlerweile distanziert er sich von der Politik der Regierungspartei – und Gądecki ist keine Ausnahme.

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Die Fakten: Über 90 Prozent der Polen sind getauft. Die katholische Kirche zählt zu den angesehensten und einflussreichsten Institutionen des Landes, der katholische Glaube ist ein fester Bestandteil der polnischen Identität.

Große Teile der Bevölkerung unterstützen die strikte Weigerung ihrer Regierung in der Flüchtlingspolitik. Laut einer Umfrage vom Mai 2017 lehnen insgesamt 70 Prozent der Befragten die Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen ab.

Unstimmigkeit in Polen

Der polnische Politikwissenschaftler Bartosz Rydliński stellt bereits “ernsthafte Unstimmigkeit zwischen der Regierung und den katholischen Strukturen” fest. 

“Zu Beginn der Flüchtlingskrise war die polnische Kirche nicht sehr offen bezüglich des massiven Zustroms von Flüchtlingen nach Europa”, erinnert sich Rydliński im Gespräch mit der HuffPost.

Einige Bischöfe hätten damals davor gewarnt, dass “diese Leute” nicht in die polnische Gesellschaft passen würden

Laut Rydliński, der an der Warschauer Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität forscht, habe sich die Meinung der katholischen Kirche aber inzwischen geändert.

Den Wendepunkt stellte ihm zufolge der Polen-Besuch des Papstes im Sommer 2016 dar. “Franziskus betonte, dass es Rolle der katholischen Kirche ist, Menschen in Not zu helfen”, erläutert Rydliński.

“Die Idee eines äußeren Feindes vereint die Menschen”

Der Politologe glaubt allerdings, dass die Mehrheit der Priester auf dem Land nach wie vor dem Regierungskurs folgt.

Vor allem aus pragmatischen Gründen: “Die Idee eines äußeren Feindes vereint die Menschen – insbesondere da viele noch immer eher den örtlichen PiS-Abgeordneten als dem Papst aus Südamerika glauben.”

Dennoch hält es Rydliński für möglich, “dass einige polnische Katholiken, insbesondere in den Großstädten, ihre Einstellung ändern.” 

Zum Ärger der Regierungspartei: Nachdem sich der Warschauer Erzbischof in seiner Predigt am Sonntag ebenfalls für Flüchtlinge einsetzte und dabei auch Papst Franziskus zitierte, reagierte die PiS-Abgeordnete Krystyna Pawłowicz wütend.

In einem offenen Brief warf sie Kazimierz Nycz vor, “pro-islamisch zu agitieren” und “unseren Glauben zu missbrauchen”. Nycz hatte unter anderem muslimische Flüchtlinge mit Jesus Christus verglichen.

Pawłowicz sieht ihr Land – das mit 0,1 Prozent zu den EU-Staaten mit dem geringsten muslimischen Bevölkerungsanteil gehört – in Gefahr: “Heute verteidigen wir Polen gegen den Druck der unheiligen linken Bewegungen und gegen die antichristliche Aggression des Islams, die jetzt in ganz Europa stattfindet und die wir alle mit Schrecken beobachten.”  

Offener gegen geschlossener Katholizismus

Anja Hennig forscht zum Verhältnis von Religion und Politik in Polen. Aus ihrer Sicht würden die Vorgänge ebenso zeigen, “dass sich die Spaltung innerhalb des polnischen Katholizismus und damit auch in Politik und Gesellschaft fortsetzt.”

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder erklärt der HuffPost: “Auf der einen Seite stehen die Vertreter des offenen Katholizismus, die zu Papst Franziskus halten. Auf der anderen Seite stehen jene Nationalkonservativen, die sich dem polnischen Papst Johannes Paul II. verpflichtet sehen und dem geschlossenen Katholizismus zuzurechnen sind.”

Letzterer setzt auf eine Allianz mit der Politik. Doch auch umgekehrt profitiert gerade auch die PiS von einer erzkatholischen Wählerschaft, die sich zunehmend von liberalen Predigern provoziert fühlt. 

“Immer öfter äußern sich einzelne Vertreter des liberaleren katholischen Lagers öffentlich gegen die Regierung, auch zur Weigerung der Regierung, Flüchtlinge aufzunehmen”, sagt Hennig.

Aus strategischen Gründen oder auch aus Furcht hätten sich diese Stimmen bisher aber zurückgehalten. “Das scheint sich allmählich zu ändern”, bemerkt Hennig.

Doch die einen können nicht ohne die anderen – im Streit mit der EU ist das nicht anders.

(jg)