POLITIK
21/08/2018 17:58 CEST | Aktualisiert 21/08/2018 18:27 CEST

Flüchtlingshelfer oder Wutbürger? So ticken die Deutschen wirklich

"Ein großer Teil der Bevölkerung hat eine ambivalente Einstellung zum Thema Flüchtlinge."

AFP Contributor via Getty Images
Teilnehmer einer Anti-Merkel-Demonstration in Bitterfeld. (Archivbild vom August 2017)

Die Deutschen sind ein Volk voller Widersprüche. So scheint es jedenfalls, wenn man sich die Umfrageergebnisse von Meinungsforschern ansieht. 

Da findet etwa eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der “Bild am Sonntag” Mitte Juli heraus:

79 Prozent der Deutschen halten das Verhindern von Altersarmut für das wichtigste politische Thema. Die Zuwanderung zu begrenzen finden nur 38 Prozent besonders wichtig. 

Doch nur wenige Tage darauf kommt eine ebenfalls repräsentative Umfrage des Insa-Instituts im Auftrag des Magazins “Cicero” zu einem gegenteiligen Schluss: 

“Zuwanderung, Migration, Integration” ist das wichtigste Thema der Deutschen. Der Meinung sind hier 65 Prozent, “Rente, Altersarmut” landet auf dem zweiten Platz – nur 33 Prozent geben an, das sei das wichtigste Thema. 

Wie kann das sein? Hat sich die Meinung der Menschen in Deutschland innerhalb kürzester Zeit geändert? Oder wissen wir schlicht nicht, was uns am meisten Sorgen bereitet, die Armut im Alter oder der Flüchtling in der Unterkunft?

Wir haben vier Meinungsforscher namhafter deutscher Institute gefragt, wie es zu so unterschiedlichen Antworten kommen kann und was die Deutschen wirklich umtreibt.

Wer mit den Experten über scheinbar widersprüchliche Umfrageergebnisse spricht, lernt: Meinungsforschung ist eine schwierige Arbeit, bei der es auf viele kleine Details wie die Fragestellung oder den Zeitpunkt der Befragung ankommt. Wer das bedenkt, für den stellen sich scheinbare Widersprüche schnell als nachvollziehbare Ergebnisse heraus.

Was die Umfragen voneinander unterscheidet

Im Fall der Umfragen von Emnid und Insa gibt es entscheidende Unterschiede, wie die Meinungsforscher jeweils vorgegangen sind – und die für so verschiedene Ergebnisse sorgten.

Emnid befragte 1009 Personen am Telefon und nannte ihnen 20 politische Themen, aus denen die Teilnehmer das wichtigste auswählen sollten. Die Frage dazu lautete: “Wie wichtig sind Ihnen für Ihre Stimmabgabe bei der Bundestagswahl die folgenden Aufgabenbereiche?” Gezählt wurden die Angaben ”äußerst wichtig” und “sehr wichtig”.

Für die meisten war das dann die Verhinderung von Altersarmut. 

Insa dagegen fragte 2084 Personen online: “Welche drei politischen Themen sind für Sie derzeit am wichtigsten?” Antwortmöglichkeiten gaben die Meinungsforscher hier keine vor. Die Antworten fassten die Forscher zu Kategorien zusammen. Die Mehrheit der Menschen nannte einen Begriff, der in den Bereich “Zuwanderung, Migration, Integration” fiel.

► “Unterschiede in der Methodik haben immer einen Effekt”, sagt Torsten Schneider-Haase der HuffPost. Er ist stellvertretender Direktor von Emnid und beschäftigt sich mit Politik- und Wahlforschung. 

Welchen Effekt die Unterschiede haben

Im Gespräch erklärt er die drei Unterschiede der Umfrage seines Instituts zu der Befragung von Insa. 

► Ein wesentlicher Aspekt für den Forscher: Findet die Befragung im Internet oder am Telefon statt?

Online kann sich jeder selbst einwählen”, sagt Schneider-Haase. “Man erreicht hier Personen, die häufiger an den Rechner gehen und eher technikaffin sind.”

Das habe Effekte, die Forscher nicht genau benennen könnten, glaubt er. Daher setze Emnid auf Telefon-Interviews.

► Ein weiterer Unterschied: Ist die Frage offen gestellt oder gibt es Antwortmöglichkeiten?

“Man kann offene Fragen stellen, aber man misst damit etwas anderes. Das, was einem spontan einfällt”, sagt Schneider-Haase. Top-of-mind nennen die Marktforscher diesen Effekt. 

Hier sei die aktuelle Berichterstattung wichtiger, erklärt Schneider-Haase. Wird viel über Flüchtlinge berichtet, fällt den Menschen als erstes das Thema Migration und Flüchtlinge ein. Die Insa-Umfrage fand statt, während in Berlin der Asylstreit zwischen CDU und CSU tobte.

Die offene Fragestellung führe aber auch dazu, dass rund einem Drittel kein Thema einfalle, sagt der Emnid-Forscher. So war es auch bei Insa

Dazu kommt ein weiteres Problem: Die Prozentangaben beider Umfragen lassen sich nicht vergleichen.

Im Fall von Insa bezieht sich das Ergebnis, für 65 Prozent sei Zuwanderung das wichtigste Thema, auf die zwei Drittel der Befragten, die überhaupt eine Antwort abgaben. Tatsächlich ist daher für rund zwei Drittel von zwei Drittel der Befragten Zuwanderung das wichtigste Thema. 

Und noch einen weiteren Unterschied gibt es im Setting der Umfragen: Wird eine Richtung oder eine Wertung bei den Antworten mitgegeben?

Emnid gab bei seiner Umfrage jeweils eine Richtung vor. So konnten die Menschen “Zuwanderung begrenzen” auswählen – und nicht etwa Zuwanderung per se. Bei Insa war das nicht der Fall. 

“Die Aussage ‘Migration ist wichtig’ ist etwas anderes, als zu sagen, sie sei schlecht”, sagt Schneider-Haase.

Wegen all dieser Unterschiede seien die beiden Umfrage nicht vergleichbar, betont der Experte von Emnid. Daher seien die augenscheinlich widersprüchlichen Ergebnisse gar keine Widersprüche.

Sind die Menschen in Deutschland also weniger schwer zu verstehen, wie es auf dem ersten Blick aussah? Tatsächlich gibt es viele Ergebnisse von Studien, die zusammenbetrachtet die Frage aufwerfen: In was für einem Land leben wir eigentlich?

Die Deutschen: Flüchtlingshelfer oder Wutbürger?

► Im Juni sagten etwa 58 Prozent der Befragten in einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen auf die Frage “Kann Deutschland die vielen Flüchtlinge verkraften?”: Ja, kann es. 

► Im Juli fragten die Forscher von YouGov 2060 Deutsche: “Wenn Sie an Einwanderer, die aus anderen Ländern nach Europa kommen, denken: Nehmen Ihrer Meinung nach die folgenden Länder zur Zeit mehr als ihren angemessenen Anteil, weniger als ihren angemessenen Anteil oder ziemlich genau ihren angemessenen Anteil an Einwanderern auf?”

Das Ergebnis für Deutschland: 62 Prozent sagten, Deutschland nehme mehr Einwanderer auf, als angemessen sei. 

Hier sagten auch 72 Prozent der Befragen, die Einwanderungspolitik in Deutschland sei zu lasch. 

Pacific Press via Getty Images
Teilnehmer einer Pegida-Demonstration in München 2017. 

► Auch im Juli fand eine Umfrage von Emnid heraus: 75 Prozent der Deutschen finden es richtig, dass private Seenotretter Flüchtlinge im Mittelmeer retten. Eine Mehrheit von 56 Prozent widerspricht zudem dem Argument der Rechten, die NGOs unterstützten das Geschäft der Retter.

► Rund eine Woche später war im “Spiegel” zu lesen: Laut einer Umfrage von Kantar Public antworteten 67 Prozent der Befragten mit “Ja”, als sie gefragt wurden: “Gibt es aktuell einen Rechtsruck in der deutschen Politik?” 68 Prozent beklagten eine Verrohung der politischen Debatte. 

Passen diese Ergebnisse zusammen? Eine Mehrheit denkt nicht, dass Deutschland von den Flüchtlingen überfordert ist. Ebenfalls eine Mehrheit hält den Anteil der Bundesrepublik an aufgenommenen Flüchtlingen aber nicht für angemessen.

Eine Mehrheit will härtere Regeln für Asylbewerber. Eine Mehrheit beklagt aber auch, dass die politische Debatte härter werde.

Sind die Deutschen nun ein Volk von Flüchtlingshelfern? Oder ein Volk von Wutbürgern?

Menschen sind nunmal widersprüchlich

Die Umfragen widersprechen sich eben nur auf dem ersten Blick. Ob Deutschland die Anzahl an Flüchtlingen verkraften kann, ist eine andere Frage, als die, ob Deutschland im europäischen Vergleich zu viele Flüchtlinge aufnimmt. 

Für die Meinungsforscher jedenfalls stehen Umfrage-Ergebnisse selten im Widerspruch zueinander.

Die Menschen antworten immer nach bestem Wissen und Gewissen”, sagt Emnid-Forscher Schneider-Haase. “Wenn man sie fragt: Soll man Flüchtlinge retten, sagen sie: Ja, natürlich. Fragt man nach einer Begrenzung der Zuwanderung, sagen sie: Man kann nicht alle aufnehmen.”

Nicht jeder habe ein in sich geschlossenes Weltbild zum Zeitpunkt der Umfrage und könne das widerspruchsfrei formulieren, sagt der Experte.

Daher ist die Fragestellung für Meinungsforscher auch so entscheidend: Wird wirklich dasselbe abgefragt? “Stellt man immer die gleiche Frage und zum gleichen Zeitpunkt, erhält man immer tendenziell das gleiche Ergebnis”, betont Schneider-Haase.

Auch Matthias Jung vom Institut Forschungsgruppe Wahlen sieht das so. “Wir gehen immer davon aus, dass Entscheidungen konsistent und widerspruchsfrei sein müssen, aber das entspricht nicht der menschlichen Verhaltensweise”, sagt er der HuffPost. 

Er erklärt, dass es in einem großen Teil der Bevölkerung eine “ambivalente Einstellung” zu Flüchtlingen gebe. Das heißt auch: Die Meinung unterliegt Schwankungen. 

“Wenn man 2015 die Bilder sieht, wie schlecht es den Menschen geht, die sich auf dem Weg nach Deutschland machen, dann steigt die Hilfsbereitschaft”, sagt Jung. “Sieht man die Bilder von der Kölner Silvesternacht, dann kippt die Stimmung.” Umfragen würden diese Ausschläge in der Stimmung nachzeichnen. 

Was für die Experten nicht zusammenpasst

Tatsächlich gibt es für einige Meinungsforscher aber Wünsche in der Bevölkerung, die nicht recht zusammenpassen. 

“Wir finden in der Bevölkerung die Einstellung, dass sehr viele Menschen eine sehr starke soziale Absicherung wollen, aber auch eine Entlohnung von Leistungsunterschieden”, erklärt Jung.

“Das sind Intentionen, die normalerweise in einem klaren Widerspruch stehen. Die Menschen haben aber oft kein Problem damit, beides zu fordern. Weil das ihre Wunschvorstellungen sind.”

Auch Peter Mannott von YouGov gibt zu Bedenken: “Grundsätzlich muss man sehen, dass die Menschen nicht immer vollkommen rational antworten. Man muss die Daten interpretieren und die Widersprüche auflösen.”

Er berichtet aber auch: “Auffallend sind immer Unterschiede im Antwortverhalten, die man nicht unbedingt auf den ersten Blick erwartet. Die jüngeren Altersgruppen empfinden das Thema Altersarmut zum Beispiel weniger wichtig als die älteren. Das ist rein rational etwas widersprüchlich.”

Ein weiteres Beispiel sei das Thema Europäische Union. “Sehr viele politische Themen sind davon beeinflusst, was auf EU-Ebene entschieden wird. Das findet man aber nicht in den Umfragen.” Hier lande das Thema der Zukunft Europas im hinteren Mittelfeld. 

Was die Deutschen wirklich umtreibt 

Wie wichtig ist den Menschen nun das Thema Zuwanderung? Paul Zernitz von Civey sagt der HuffPost: “Es gibt nicht den einen goldenen Weg, um zu sagen, was das wichtigste Thema der Deutschen ist.”

Er betont aber: Gibt man den Menschen verschiedene Themen zur Auswahl und Frage nach dem aktuell wichtigsten Thema, dann ergebe sich ein Ergebnis wie in einer kürzlichen Civey-Umfrage.

Hier sagten 31,5 Prozent der Befragten, “Zuwanderung nach Deutschland” sei das wichtigste Thema für sie. Vor “sozialer Sicherheit”, “solider Wirtschaft”, “innerer Sicherheit”, “bezahlbarem Wohnraum”, einem “anderen Thema” oder der Integration von Zuwanderern.

Experte Jung von der Forschungsgruppe Wahlen sagt, dass Thema Zuwanderung sei aktuell so weit vorne in der Rangliste der politischen Themen, weil es für viele Menschen kein anderes politisches Problem gebe.

“Implizit sind die größten Sorgen der Menschen immer Aspekte der Sicherheit”, erklärt er. “Das ist eine vielfältige Sicherheit. Ökonomisch, sozial, Kriminalität.”

“In Situationen, wo bestimmte Sicherheitslevel erreicht sind, wie etwa derzeit bei der Arbeitslosigkeit, haben viele Menschen ein Problem, noch gravierende politische Probleme wahrzunehmen”, glaubt der Meinungsforscher.

Hätte es das Flüchtlingsthema vor sieben oder acht Jahren gegeben, als die Arbeitslosenquote noch bei rund zehn Prozent gelegen habe, wäre Arbeitslosigkeit trotzdem das wichtigste politische Thema gewesen. 

Um das zu untermauern, weist Jung darauf hin: “Wir fragen auch gerne nach persönlichen Problemen mit Flüchtlingen im individuellen Umfeld der Menschen. Aber hier haben wir eine viel geringere Problemwahrnehmung.”

Nur fünfzehn Prozent gaben in der letzten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen dazu an, große oder sehr große Probleme mit Flüchtlinge in ihrem persönlichen Umfeld zu haben.

(lp)