POLITIK
19/10/2018 19:16 CEST | Aktualisiert 24/10/2018 09:35 CEST

Flüchtlinge in der Pflege, funktioniert das? Ein Ortsbesuch in Vilsbiburg in Bayern

"Die jungen Männer mit Migrationshintergrund haben oft einen lockereren Ton als die hiesigen jungen Frauen."

Da sitzen knapp 20 erwachsene Menschen und diskutieren. Darüber, ob es Meerjungfrauen gibt.

Ziemlich viele dieser knapp 20 erwachsenen Menschen würden sich die Diskussion gern sparen. Zeitverschwendung, finden sie.

Aniko Reintke sieht das anders. Reintke ist Pflegepädagogin am Kompetenzzentrum für Gesundheitsberufe in Vilsbiburg in Niederbayern. Sie hat die Diskussion angezettelt, weil sie aus den jungen Menschen vor sich gute Krankenpflegehelfer machen will.

Oben im Video spricht Pflegepädagogin Aniko Reinke über ihre Arbeit.

Ein junger Mann merkt süffisant an, dass sich bei den selbsternannten Meerjungfrauen immer die Knie unter dem Fischschwanz abzeichnen und Brüste unter dem Oberteil. Fische mit Knien und Brüsten, ja klar. 

Was die Schüler umtreibt, hat wenig mit Meerjungfrauen zu tun

Reintke ‘gfreit si narrisch’, dass die seltsame Diskussion in Gang kommt. Obwohl sie das im Unterricht natürlich so nicht sagen würde, da würde sie sich riesig freuen, da tauscht sie ihr weiches Bairisch gegen Hochdeutsch.

Schon das ist für ihre Schüler schwierig genug. Sie sind aus Afghanistan, dem Irak, Syrien, Eritrea, Äthiopien und Aserbaidschan geflohen und bereiten sich nun ein Jahr lang auf die einjährige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer vor, mit 37 Wochenstunden, überwiegend Pflegethemen und fachspezifischem Deutschunterricht. Mit Sätzen wie “Exsikkose ist die Austrocknung des Körpers durch ein massives Flüssigkeitsdefizit”.

Deutsch, Pflegethemen, das treibt die Schüler um.

Und dann kommt Reintke mit ihrer Meerjungfrau daher.

Susanne Klaiber
Die Vorbereitungsklasse für Pflegehelfer in Vilsbiburg.

Pflege-Ausbildung in Bayern:

  • Vorbereitungsklasse:Einige wenige Pilotschulen bieten eine Vorbereitung für Geflüchtete an, vorrangig geht es um fachspezifischen Deutschunterricht. Voraussetzung: erfolgreicher Mittelschulabschluss (9. Klasse Hauptschule bestanden). Dauer: 1 Jahr.
  • Krankenpflegehelfer/Altenpflegehelfer: Pflegehelfer dürfen unter anderem Essen austeilen, Vitalwerte messen und bei der Körperpflege helfen. Voraussetzung: erfolgreicher Mittelschulabschluss (9. Klasse Hauptschule bestanden). 
  • Krankenpfleger/Altenpfleger: Voraussetzung: Mittlerer Schulabschluss (Mittlere Reife über die Hauptschule) oder eine Anerkennung als Pflegehelfer oder eine andere zweijährige Berufsausbildung. Dauer: 3 Jahre.
  • Pflege-Studium: Duales oder klassisches Studium mit verschiedenen Schwerpunkten. Erster Abschluss: Bachelor. 
  • Für Flüchtlinge ist es oft schwer nachzuweisen, dass sie einen bestimmten Schulabschluss haben. Mal ist in den Kriegswirren das Zeugnis verloren gegangen, manche Länder stellen prinzipiell kein Abschlusszeugnis aus und bescheinigen nur den Schulbesuch.

“Wissen Sie das oder glauben Sie das?”

Da plötzlich steigt eine junge Frau in die Diskussion ein und sagt, dass es Meerjungfrauen durchaus geben könne. Weil Gott alles schaffen könne.

Wenige Augenblicke später geht es ziemlich emotional darum, wer die Welt erschaffen hat, was im Koran steht und wie das heilige Buch der Muslime überhaupt zustande gekommen ist.

Und wieder stellt Reintke die Frage, die sie bisher bei jeder Antwort ihrer Schüler nachgeschoben hat: “Wissen Sie das oder glauben Sie das?”

Jetzt hat Reintke ihre Schüler dorthin geführt, wo sie sie haben wollte. Von der Meerjungfrau zur Gretchenfrage. Vom Märchen zur Philosophie. Vom Alltagsgeblödel zur Essenz des Lebens.

“Pfleger, die sich selbst reflektieren können”

“Wir haben als Pfleger später mit Menschen in Ausnahmesituationen zu tun. Mit Menschen, die vielleicht bald sterben müssen. Da brauche ich Pfleger, die sich selbst reflektieren können”, sagt sie.

Wolfgang Rattay / Reuters
Elahi Temori, die aus Afghanistan geflüchtet ist, pflegt die 85-jährige Elisabeth Grohmann in Düsseldorf.

So emotional, wie einige der jungen Männer reagiert haben, zeigt das, wie ungewohnt das für sie sein muss. Wie sehr solche Fragen an ihrem Selbstverständnis nagen, wie sehr sie vielleicht fürchten, auch noch Gewissheiten wanken zu sehen, wenn schon ihr Leben aus den Fugen geraten ist.

Andere werden zusehends nervös. So viel religiöser Eifer ist ihnen suspekt.

Wenn der Ingenieursstudent neben dem Hauptschüler sitzt

Manche dieser jungen Menschen sind erst 18, andere schon 35. Manche haben in ihrer Heimat die Hauptschule besucht, manche schon Jura oder Elektrotechnik studiert.

Was sie eint: Sie alle sind gerade mit mehr oder weniger Mut, mit mehr oder weniger Verzweiflung dabei, die Trümmer ihres Lebens zu kitten.

► Helal aus dem Irak floh mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern noch am selben Tag, nachdem die bei einer Hausdurchsuchung Belege gefunden hatte, dass sich ihr Mann in einer Oppositionspartei engagierte.

► Saad floh vor dem Krieg in Syrien.

► Ghyas konnte nicht mehr in Afghanistan bleiben.

► Silav erzählt, dass ihr Vater General im Irak war, aber ehrliche Arbeit sei da nicht gefragt gewesen. Die Familie wurde bedroht.

Rahim prangerte Pädophilie in Aserbaidschan an, wurde mehrmals verhaftet, wurde gefoltert.

Fragen statt Ansagen machen

Dass die Schüler sich trotz aller Skepsis auf Reintke einglassen haben, mag ein bisschen an ihrer Autorität als Lehrerin liegen, sie macht den Job schon lange. Es mag an ihrer physischen Präsenz liegen, den grauen Haaren. Vor allem aber liegt es wohl an ihrer Autorität als Mensch.

Sie ist wie unsere Mutter. So ein riesengroßes Herz, so einen Menschen habe ich noch nie im Leben gesehen." Bakary Colley aus Gambia

Sie musste einst selbst aus ihrer Heimat Ungarn fliehen. Sie lenkt ihre Schüler durch Fragen statt Ansagen. Die Meerjungfrau lässt grüßen.

Sie hält mit Ruhe dagegen, wenn sich junge stolze Männer aufregen. Sie lacht, wenn sich auch nur eine kleine Gelegenheit bietet. Sie schaut ihre Gesprächspartner mit freundlichen, dunklen Augen an und vermittelt das Gefühl, gerade ein bisschen in Güte zu baden.

Bakary Colley aus Gambia ist einer der Schüler, der jetzt schon die Ausbildung zur Pflegefachkraft macht. Als Reintke nicht im Raum ist, sagt er: “Sie ist wie unsere Mutter. So ein riesengroßes Herz, so einen Menschen habe ich noch nie im Leben gesehen.”

Mit den Fremden haben es viele nicht so

Die Schüler können dieses emotionale Polster brauchen. Viele haben nicht nur mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen, sondern mit der Gegenwart.

Auf dem Land in Bayern kann schon als Fremder gelten, wer vor 25 Jahren aus dem Nachbardorf zugezogen ist. Die alten Strukturen bröckeln zwar, aber mit den Zugezogenen haben es viele noch immer nicht so.

In der Gegend hat die AfD in der Landtagswahl mehr Stimmen bekommen als im bayernweiten Schnitt, rund 14 Prozent statt 10. Die Grünen liegen bei rund 10 statt 18 Prozent.

Rassismus und Diskriminierung werden die Schüler treffen. Früher oder später. Mehr oder weniger hart. Die Schule bereitet die künftigen Pfleger darauf vor.

Soweit das eben geht.

Die Region ist ländlich geprägt. Es gibt dort Menschen, die außer im Fernsehen noch nie einen Menschen mit schwarzer Haut gesehen haben. Ein Mann hat Colley mal gefragt, ob er schon schwarz auf die Welt gekommen sei. Colley hat darüber gelacht. Die Frage war nicht böse gemeint.

Manche Bemerkungen dagegen sind es sehr wohl. 

“Man kriegt nichts oder man wird getötet”

Mariama Ba stammt aus der Region Casamance im Senegal, hat ihre Eltern im Krieg verloren. Die Behörden haben ihren Namen willkürlich von der Liste der Schüler gestrichen, die das Examen bestanden haben. Ärztin zu werden war damit unmöglich.

Ihre Zusammenfassung des Lebens in der Heimat: “Entweder man kriegt nichts im Leben – das ist besser – oder man wird getötet.” 

 

Mariama hat bereits die Ausbildung zur Pflegefachkraft begonnen, hat schon Erfahrung mit Patienten. Auch einem, der sich nicht von ihr betreuen lassen wollte und unterstellte, so eine wie sie wolle oder könne doch nicht lernen.

“Negative Erlebnisse gehören dazu”, sagt Mariama, “man muss daran wachsen.”

Die junge Frau kämpft bei diesen Worten so mit der Erinnerung, dass klar wird: Sie will mit aller Kraft daran wachsen, aber der Angriff hat sie ins Mark getroffen. 

Der Patient sah nicht die junge Frau, die trotz ungewisser Bleibeperspektive bereit ist, anderen den Hintern zu putzen. Nicht den Menschen.

Mariama hat den Patienten trotzdem gepflegt. Entschuldigt, sagt sie, habe er sich nie. Aber geschämt wohl schon. Als er merkte, dass Mariama konnte, was sie tat, habe er sich immer für alles bedankt. Immer versucht, sie zum Lachen zu bringen.

Die Sache mit dem Schlüssel 

Saad Aldin aus Syrien hat ebenfalls erlebt, dass eine Patientin nicht mehr von ihm gepflegt werden wollte, in einen Praktikum, bevor er in die Vorbereitungsklasse kam. 

“Eine Frau wollte einen Schlüssel haben”, sagt er. “Ich habe gesucht, gesucht, bin auf den Schrank gestiegen. Ich habe gefragt, was für einen Schlüssel”, sagt er. Und wieder habe die Dame nur verzweifelt nach einem Schlüssel verlangt. Und dann eingenässt. Sie hatte eine “Schüssel” haben wollen, für den Urin.

Wir müssen drei Sprachen lernen: Bairisch, Medizinisch, Hochdeutsch." Masoud Asefi aus Afghanistan

Aldin wirkt noch immer betroffen. Dass die Dame, die wegen ihm in die Hose machen musste, nicht mehr von ihm gepflegt werden will, verstehe er, sagt er.

Pfleger am Limit

Die Ablehnung haben nicht nur die Flüchtlinge abbekommen, auch Lehrerin Reintke. Klinken und Pflegedienste haben nicht Hurra geschrien, dass die Schule sich für das Modellprojekt mit der Flüchtlings-Vorbereitungsklasse beworben hat.

Geflüchtete in der Pflege:

Bundesweite Zahlen, wie viele Flüchtlinge bisher eine Ausbildung gemacht haben, gibt es nicht. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat allerdings Zahlen, wie viele Menschen im März 2018 aus den acht wichtigsten Asyl-Herkunftsländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) in der Pflege eine Ausbildung gemacht haben:

  • 157 Azubis zum Krankenpflegehelfer und 571 Azubis zur Krankenpflegefachkraft
  • 402 Azubis zum Altenpflegehelfer und 453 Azubis zur Krankenpflegefachkraft
  • Damit sind knapp 1600 der rund 135.000 Azubis Geflüchtete, also 1,2 Prozent.

Aus diesen Ländern haben laut BA im März in der Pflege gearbeitet:

  • 1390 als Helfer und 1267 als Fachkräfte in der Krankenpflege
  • 2478 als Helfer und 792 als Fachkräfte in der Krankenpflege
  • Damit sind knapp 6000 der insgesamt knapp 1,6 Millionen Beschäftigen in dem Gebiet Geflüchtete, knapp 0,4 Prozent.

Zum Teil kann man das vielleicht verstehen. Viele Pfleger arbeiten sowieso am Limit – und dann sollten sie sich auch noch um Azubis kümmern, die die Kultur und Sprache lernen müssen.

Masoud Asefi aus Afghanistan sagt: “Wir müssen drei Sprachen lernen: Bairisch, Medizinisch, Hochdeutsch.” Asefi, der Polizist gelernt hat, hat die Vorbereitungsklasse hinter sich, beginnt jetzt die Ausbildung zum Pflegehelfer.

 

Er hat sich an die kulturellen Unterschiede zwischen seiner Heimat und Deutschland gewöhnt. An den Beruf, der so intimen Kontakt verlangt. Schockierend viel, wie mancher feststellt.

Aldin aus Syrien wurde von einer Schwester im Praktikum aufgetragen, sich um eine Frau auf der Toilette zu kümmern. “Ich machte die Tür auf, sah eine nackte Frau und machte die Tür schnell wieder zu”, sagt er. Nach ein paar Anstandsminuten dasselbe Spiel wieder. Und wieder.

Manche junge Männer sind ein bisschen lockerer und flapsiger als wir Frauen. Sie werden sehr gut angenommen von den Patienten." Lehrerin Aniko Reintke

Die Schwester war fassungslos, dass er der Frau nicht beim Anziehen geholfen hatte. Aldin überfordert, weil er nicht wusste, wie er sich da als Mann richtig verhalten sollte. Die Patientin sehr verwundert, warum der Typ immer wieder reinlugte und dann hektisch die Tür schloss.

Am Schluss, sagt Aldin, lachten dann doch alle.

Das Menschliche, das klappt 

Auch Colley aus Gambia lacht Probleme gern weg. Er hat ein paar Sätze Bairisch drauf, kann mit Patienten scherzen.

Lehrerin Reintke schätzt das. “Manche junge Männer sind ein bisschen lockerer und flapsiger als wir Frauen.“ Das kommt ganz gut an bei den Kranken.

Das Menschliche, das klappt.

Inzwischen, sagt Reintke, haben die Geflüchteten auch das Klinikpersonal von sich überzeugt. Und Ba aus dem Senegal sagt: “Eine Schwester hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: ‘Schön, dass du da bist.’”

Papierkram sorgt für Tragödien

Mit dem Papierkram ist das anders. Der ist Grund für menschliche Tragödien. 

Nach dem Unterricht kommt Colley aus seiner Klasse zu Reintke, erzählt ihr, dass die Behörden von ihm verlangten, einen Pass vorzulegen. Aber sein Heimatstaat, so habe er es bei den Behörden erfragt, rücke einen Pass nur noch heraus, wenn er persönlich in Gambia vorspreche. “Ich habe noch nie einen Pass gehabt”, sagt er, “wenn ich einen Pass herzaubern kann, dann mache ich das.”

Wenn ich einen Pass herzaubern kann, dann mache ich das." Bakary Colley aus Gambia

Schlimmstenfalls muss er seine Ausbildung abbrechen. Er wäre nicht der erste.

Faisal Akbari aus Afghanistan hat vergangenes Jahr die Vorbereitungsklasse absolviert. Das geht noch ohne Genehmigung der Ausländerbehörde, weil es als Schule zählt. 

Wann Flüchtlinge eine Berufsausbildung machen dürfen:  

  • Anerkannte Flüchtlinge (mit Aufenthaltserlaubnis) dürfen eine Ausbildung machen. Die meisten Syrer fallen in diese Kategorie.
  • Anders sieht das für Menschen aus, deren Verfahren noch läuft (mit Aufenthaltsgestattung) oder die abgelehnt wurden und nur geduldet sind, wie viele Afghanen.
    Eine  rein schulische Berufsausbildung – wie die Vorbereitungsklasse in Vilsbiburg – ist auch ihnen immer erlaubt. Für die Ausbildung in Betrieben – wie die zum Pflegehelfer oder Pfleger – brauchen sie eine Erlaubnis der Ausländerbehörde.
    Die Ausländerbehörde kann eine Duldung für die dreijährige Ausbildungszeit und zwei weitere Berufsjahre erteilen – aber nicht für Menschen aus als sicher eingestuften Herkunftsstaaten – wie dem Senegal – und jene, die nach Behördensicht nicht genug daran mitarbeiten, die nötigen Papiere für die spätere Ausreise zu beschaffen. Bayerns Behörden sind für ihre restriktive Auslegung bekannt, was Mitwirkungspflichten angeht. Im Sommer hat Bayerns Regierung beschlossen, die Duldung auch für die Dauer der einjährigen Pflegehelferausbildung zu erteilen.
  • In Vilsbiburg haben laut Reintke von den 27 Schülern, die bisher die Vorbereitungsklassen absolviert haben, 18 ihre Ausbildung fortgesetzt. Fünf bekamen keine Erlaubnis der Ausländerbehörde, vier konnten oder wollten nicht weitermachen.

Die Ausbildung zum Pflegehelfer ist eine andere Baustelle. Und die Behörde blockte. Akbari hat alles versucht, bei Behörden, bei der Schule.

“Vom 3. Bis 30. September durfte ich nicht zum Unterricht, auch nicht als Gast”, sagt er. Er muss keine Sekunde überlegen, das Datum hat sich ihm eingebrannt. Erst dann kam das Go. 

 

Weiterzumachen, das heißt bei ihm auch: Immer auf der Suche nach einem ruhigen Platz zum Lernen zu sein. Er und sein Kollege Asefi leben in einem Wohnheim, drei Mann im Zimmer, alle im Schichtdienst. Einer muss immer schlafen, einer immer das Licht anmachen zum Lernen. Die Küche ist zu klein zum Ausweichen, im Gemeinschaftsraum plärrt der Fernseher.  

Sie sagen mir: "Ich bin so weit gefahren, gelaufen, geschwommen." Sie haben sich geöffnet für dieses Land hier." Aniko Reintke, Pflegepädagogin

Akbari büffelt, ohne dass er weiß, ob es ihm irgendwas bringen wird. Er hat vorerst nur ein paar Monate Sicherheit, keine Erlaubnis, wirklich zu bleiben. Ebenso Asefi. Und Rahim und seine Frau. Und Colley. Und Ba. 

Die Schüler setzen alles auf diese Karte. Alle Energie, die ihnen bleibt. Alle Hoffnung.

Die Schwestern in der Klinik haben Ba schon gefragt, zu welcher Behörde sie gehen müssen, um klarzumachen, dass diese neue Kollegin unbedingt bleiben soll.

“Sie haben sich geöffnet für dieses Land”

Reintke zittert mit. “Sie sagen mir: ‘Ich bin so weit gefahren, gelaufen, geschwommen.’ Sie haben sich geöffnet für dieses Land hier.” Aber das Land will sich nicht für sie öffnen.

“Mich nimmt das total mit”, sagt Reintke. “Da kann ich den professionellen Abstand schlecht wahren. Am liebsten wäre mir, wir würden die Leute nehmen, die in die Pflege kommen, egal aus welchem Land”.

Brauchen könnte Deutschland jeden Mann, jede Frau. Stand September waren laut Bundesagentur für Arbeit in der Krankenpflege 1661 Stellen für Helfer und 12.036 für examinierte Pfleger unbesetzt. In der Altenpflege fehlen 8756 Helfer und 15.034 Fachkräfte.

Um den Mangel zu beheben, wirbt Deutschland unter anderem Pfleger aus Tunesien an. EU-Ausländer auch ohne Deutschkenntnisse ebenso. Wer hier Beruf und Sprache lernt, muss mit Abschiebung rechnen. Mit gesundem Menschenverstand hat das nur noch bedingt zu tun.

Eine Messlatte für alle

Die Politik diskutiert gerade über den Spurwechsel, also darüber, ob Asylbewerber sich künftig auch als Fachkräfte um einen Aufenthaltstitel bewerben können. Oder darüber, ob prinzipiell bleiben darf, wer Pfleger wird. 

Auf Reinke käme da eine heftige Aufgabe zu. Sie schreibt nach sechs Monaten Vorbereitungsklasse eine Einschätzung, welche Schüler für die Pflege geeignet sind. Wäre die Ausbildung Basis für die Entscheidung darüber, wer bleiben darf, wäre ihr Urteil entscheidend.

“Ich lehre auch Ethik”, sagt sie. “Ich lehre, dass alle Unabhängig von Hautfarbe und Sprache gleich behandelt werden müssen. Das muss auch für meine Schüler gelten. Ich muss entscheiden, ob im Pflegeberuf sehen kann oder nicht.” Soll heißen: Aus Mitleid würde sie wohl keinen durchwinken. 

“Ich bin natürlich kein Taliban”

In ihrer Vorbereitungsklasse arbeitet sie derweil daran, die jungen Leute auf das vorzubereiten, was für sie die Essenz des Pflegeberufs ist: Menschen, die sich selbst hinterfragen können, damit sie offen werden für andere.

Einem jungen Mann, der seine Religion mit gar so viel Eifer hochgehalten hat, scheint das auf einmal ein wenig peinlich zu sein. Er geht zu ihr und sagt, dass er deswegen natürlich kein Taliban sei. 

“Mensch ist Mensch”

Reintke ist amüsiert. Mit ihrer Meerjungfrau, diesem Zwischenwesen zwischen Mensch und Fisch, hat sie ganz schön was losgetreten. Und vielleicht ein paar junge Leute auf den Weg gestupst, der sie zu Pflegern macht. Zu Menschen, die Deutschland dringend braucht.

Die Religion spielt da keine Rolle mehr. Die Herkunft nicht. 

Pflegehelfer-Schüler Asefi hat dafür, so ganz nebenbei, einen wirklich philosophischen Satz gesagt: “Mensch ist Mensch.”

(ujo)