POLITIK
10/07/2018 18:12 CEST | Aktualisiert 17/07/2018 12:49 CEST

Wieso Seenotrettung so wichtig ist – 3 Flüchtlingsgeschichten

Die wahren Übeltäter sind andere.

Alkis Konstantinidis / Reuters
Syrische Flüchtlinge erreichen die griechische Insel Kos. (Archivbild vom August 2015)

Das Mittelmeer wird wieder zur Todeszone.

Lange waren die Zahlen der Flüchtlinge zurückgegangen, die auf der gefährlichen Route zwischen Afrika und Europa ums Leben kamen. Nun sind sie erneut rasant gestiegen.

► Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen allein seit Anfang Juni 750 Migranten auf der zentralen Route Richtung Italien ums Leben. Im ganzen Mai waren es keine 50.

Helfer verschiedener Seenotrettungs-Organisationen sitzen derweil in den Häfen fest und müssen dem Sterben zusehen. Malta und Italien untersagen den Rettern mit ihren Flugzeugen und Schiffen auszurücken.

Sogar EU-Marineschiffe mit Migranten an Bord will Italiens Innenminister Matteo Salvini nicht mehr anlegen lassen – und bekommt für seine menschenverachtende Grenzpolitik auch noch Applaus von rechten Hardlinern in Deutschland.

► Dabei rückt eins zunehmend in den Hintergrund: Das Leid, die Strapazen und die Risiken vieler Flüchtlinge, die den Weg über das Mittelmeer auf sich nehmen.

Ihre dramatischen Geschichten zeigen, wie wichtig Seenotrettung ist. Weil es um das Leben von Menschen geht – und nicht um Politik.

Es sind Geschichten, die auch klarmachen, wer die wahren Übeltäter in der Migrationsdebatte sind: Die Schmuggler und Schlepper. Nicht die Fliehenden – und nicht ihre Retter. 

Ahmet: “Ich habe nie etwas Illegales gemacht”

Die Angst vor dem Krieg hatte bereits seine gesamte Familie getrieben, da entschied sich auch Ahmet im Alter von 55 Jahren, Syrien zu verlassen.

Er wollte nach Italien fliehen – und von dort nach Deutschland, wo bereits sein Bruder und seine zwei ältesten Söhne lebten. 

“Ich wurde in Homs geboren und wollte dort bis zum Ende leben. Aber der schreckliche Krieg hat uns keine andere Wahl gelassen, als all das hinter uns zu lassen.

Für die Zukunft meiner Kinder mussten wir das Risiko auf uns nehmen. Ich habe einem Schmuggler 8000 US-Dollar gezahlt – für jedes Mitglied meiner Familie. Ich hatte noch nie etwas Illegales in meinem Leben gemacht. Aber dieses Mal hatte ich keine andere Wahl.”

Mit 339 anderen stieg Ahmet in ein klappriges Fischerboot, das die Schmuggler während der Reise verließen. Das Boot war führerlos, die Menschen darin auf sich selbst gestellt. Alle Flüchtlinge wurden gerettet – aus den unruhigen Fluten vor der Küste von Zypern.

IAKOVOS HATZISTAVROU via Getty Images
Flüchtlinge in einem provisorischen Lager auf Zypern.

Die Erleichterung der Familie wich schnell der Enttäuschung und Angst vor der Zukunft. Auch Wochen nach der Ankunft in Zypern hatten erst sechs Überlebende des Schiffs ein Asylgesuch auf der Insel gestellt.

Zu groß war bei ihnen die Angst, dass das eine Zusammenführung mit ihren Angehörigen in anderen Ländern verhindern könnte.

Ahmet sagte: “Ich werde meine Optionen abwägen. Ich werde aber ganz sicher nicht noch einmal über das Meer fahren. Ich bin für das Glück meiner Kinder geflohen und werde nicht im Meer sterben. Das Leben ist nicht vorbei.”

Ahmed: “Sie durchlöcherten das Boot, bis es sank”

Auch der 67-Jährige Ahmed hat die Fahrt über das Mittelmeer gewagt. Und nur dank eines Rettungseinsatzes überlebt.

Acht Familienangehörige starben, als ihr Boot am 11. Oktober 2013 kurz vor der libyschen Küste sank. Etwas mehr als hundert Kilometer wären es noch bis zur maltesischen Küste gewesen, hunderte Syrer waren an Bord, über 35 starben im Wasser.

Mit den meisten Überlebenden wurde Ahmed in ein Flüchtlingslager auf Malta gebracht. Der 67-Jährige erzählte dort seine Geschichte der ungarischen Journalistin Boglarka Balogh.

Times of Malta / UN
Ahmed floh aus Syrien und entging nur knapp dem Tod.

Er hatte die Flucht seiner Familie lange geplant. So genannte “Agenten” hätten die Reise nach Libyen organisiert. Dort sollten laut der Abmachung tunesische Schmuggler auf sie warten und sie nach Malta bringen.

Doch stattdessen wartete eine Gang aus Somaliern, Libyern und Tunesiern auf die Familie. Die Flüchtlinge wurden in einem Schuppen untergebracht, bis die Schmuggler die Menge an Menschen zusammen hatten, die sie wollten.

Ein menschenverachtendes Geschäft.

Keiner durfte das Gebäude verlassen – nicht einmal für eine Minute. Und das tagelang. Die Schmuggler vergewaltigten Frauen, fesselten die Männer und folterten sie. 

Am Ende mussten Ahmed und seine Familie 3000 US-Dollar pro Person zahlen, um an Bord zu kommen. Als alle im Boot saßen, seien aber plötzlich bewaffnete Männer aufgetaucht und hätten ihnen Pistolen an den Kopf gehalten, erinnert sich der Syrer. Sie verlangen mehr Geld. Alle Flüchtlinge leerten ihre Taschen aus – mehrere Tausend US-Dollar kamen zusammen. Doch es half nichts.

Nachdem die Flüchtlinge in See gestochen waren, habe sich ein anderes Schiff von hinten genähert, berichtet Ahmed. An Bord: Die Soldaten der Schmuggler-Miliz. Sie wollten das Schiff wieder nach Libyen abdrängen.

Als das scheiterte, hätten die Männer begonnen, auf die wehrlosen Menschen in dem Boot zu schießen. Viele wurden schwer verletzt. Das Boot wurde durchlöchert – und sank.

Amina: “Die Schlepper raubten uns aus”

Die Afghanin Amina schaffte es nach Griechenland. Sie schildert ihre Flucht so: 

“Ich habe zwei Jahrzehnte mit meiner Familie in Teheran im Iran gelebt. Zwei meiner vier Kinder wurden dort geboren. Wir lebten dort im Asyl, waren vor dem Krieg der Taliban in Afghanistan geflohen, die die Scharia in den meisten Teilen des Landes eingeführt hatten.

Im Jahr 2012 unternahm mein Mann eine Reise nach Afghanistan. Er sagte mir nicht, warum er dorthin ging. Aber heute weiß ich: Es ging um die Besitzverhältnisse von Land. 

LOUISA GOULIAMAKI via Getty Images
Afghanen bei einer Neujahrsfeier in Griechenland.

Er stritt sich mit seinem Onkel und seinen Cousins ​​über die Aufteilung eines Hektars Weideland. Einen Monat später kamen seine Cousins in den Iran – und stachen ihn ab.

Meine Kinder verbrachten zehn Tage damit, ihren Vater im Krankenhaus sterben zu sehen. Mein Leben hat sich damals drastisch verändert. Ich hatte kein Einkommen, um meine Kinder großzuziehen. 

Im Sommer 2013 erhielt ich von der Familie meines Mannes eine Warnung. Meine Kinder seien nicht sicher. Noch immer würden die Cousins meines Vaters uns jagen – aus Angst, wir würden das Land erben.

Mein Bruder sammelte Geld, um uns nach Europa zu schicken. 

Vom Iran in die Türkei zahlten wir 600 Dollar pro Person und von der Türkei nach Griechenland weitere 2000 Dollar pro Person. Soweit der Plan. Doch die Schmuggler raubten weitere 2800 Dollar von uns.

Wir schippten immer mehr Wasser aus dem Schiff und beteten zu Allah. Amina

Wir haben dann nur eine Woche in der Türkei verbracht. In der neunten Nacht, nachdem wir den Iran verlassen hatten, wurden wir zu einem Gummiboot gebracht, in dem ungefähr 45 Menschen Platz nahmen und von der türkischen Küste in Richtung der griechischen Insel Lesbos in See stachen. 

Wir verbrachten vier Stunden auf dem Meer, schippten immer mehr Wasser aus dem viel zu vollen Schiff und beteten zu Allah. Die Wellen brachten uns an unser Ziel.

Als wir Lesbos erreichten, gingen wir mehrere Stunden spazieren. Wir sahen ein Haus, klopften und baten den Mann, der dort wohnte, die Polizei zu rufen. Er gab uns Essen und Wasser und rief die Polizei, die uns zu den Zelten brachte. 

Die Geschichten erschienen zuerst bei der UNHCR und wurde mit freundlicher Genehmigung übersetzt und veröffentlicht. 

(mf)