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30/10/2018 19:26 CET | Aktualisiert 31/10/2018 15:10 CET

Flüchtling: "Andersdenkende sind in der islamischen Welt ein Problem"

"Die Nacht, in der meine Kindheit gestohlen wurde, ist genau fünf Jahre her."

AMED SHERWAN
Amed Sherwan spricht heute öffentlich über seine Folter-Erfahrungen.

Amed Sherwan ist mit 15 Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflohen. In seinem Heimatland wurde er von seinem Vater angezeigt, weil er sich ihm gegenüber als Atheist offenbart hatte. Hier erzählt Amed seine Geschichte und erklärt, warum es in der islamischen Welt immer noch ein Problem darstellt, anders zu denken.

“Unglaublich, du bist doch der, der als Kind im Irak im Gefängnis war? Ich habe immer überlegt, was aus dir geworden ist. Ich bin froh, dass du lebst!“

Ich stehe auf der Buchmesse in Frankfurt, als mich plötzlich jemand auf Kurdisch anspricht. Er ist ein Kurde aus dem Iran, hat zum Zeitpunkt meiner Inhaftierung im Nordirak gelebt, dort meinen Fall miterlebt und sich für mich eingesetzt.

Inzwischen lebt er in Deutschland und engagiert sich beim Zentralrat der Ex-Muslime und ist heute eigentlich vor Ort, um die Menschenrechtlerin Mina Ahadi zu hören.

Mein Schicksal ist Fluch und Segen

Während Mina und ich auf dem Podium sind, ergreift er noch einmal das Wort und erzählt, wie er mein Schicksal damals in den Medien miterlebt hat.

Manchmal vergesse ich fast, welch große Kreise mein Fall damals gezogen hat. Und dann gibt es diese Situationen, in denen mir bewusst wird, dass es damals nicht nur um mich ging, sondern um viele. Um all die jungen Menschen, die sich mit mir identifizieren konnten.

Ganz deutlich ist mir das vor zwei Jahren geworden, als mich eine Kurdin aus Großbritannien besuchte. Sie hat dauernd Musik von dem kurdischen Sänger Navid Zardi gehört. Auch, als sie bei mir war. Und da bemerkte ich es, ganz zufällig, wie der Sänger im Stück “Zhn Kuzhm“ meinen Fall erwähnt.

Mehr zum Thema: Irakische Polizisten folterten mich, weil ich Atheist bin

Es ist mein Glück, aber auch mein Fluch gewesen, dass mein Erlebnis exemplarisch für alles steht, was in Kurdistan und vielleicht der gesamten islamischen Welt falsch läuft.

Es war mein Glück, weil ich dadurch viel Aufmerksamkeit bekommen und große Unterstützung erfahren habe. Und es war mein Fluch, weil ich danach zu einer öffentlichen Person geworden bin und nicht mehr sicher leben konnte.

Ob ich anders gehandelt hätte, wenn ich die Konsequenzen erahnt hätte?

Ich weiß es nicht. Die ersten Jahre in Deutschland habe ich kaum über meine Fluchtursache gesprochen. Mein Deutsch war gar nicht gut genug, um es im Detail zu erklären, und es hat mich auch kaum jemand gefragt. Ich war einfach einer von vielen und alle dachten, ich sei vor einem Krieg geflüchtet.

Vom eigenen Vater angezeigt 

Erst als ich als Volljähriger zu einem Asylinterview eingeladen wurde, habe ich die ganze Geschichte wieder in Worte fassen müssen. Und seither habe ich sie oft geschildert. Es fühlt sich dabei manchmal so an, als ob ich die Erlebnisse eines anderen erzähle. Wie ein abgelegtes Dokument in meinem Kopf, dass ich ohne große Gefühlsregungen vorlesen kann. 

Und jetzt gehe ich noch einmal in diese Zeit, an diesen Ort zurück: 

Ich hatte damals schon etwa ein Jahr lang islamkritische Texte im Internet gelesen und irgendwann angefangen, auch unter meinem Klarnamen Islamkritik zu äußeren und mich auch über den Glauben lustig zu machen. Ich hatte mich meinem Vater gegenüber als Atheist geoutet, dafür ordentlich Prügel bezogen und geglaubt, dass wir eine Art Waffenstillstand erreicht hätten.

Aber als die Freunde meines Vaters ihm ins Gewissen redeten, zeigte er mich an, um mich wieder auf den rechten Pfad zu bringen.

Ich saß am Abend des 23. Oktober 2013 im Wohnzimmer am Computer und surfte wie so oft durch das Netz, als meine Eltern plötzlich mit einigen Polizisten im Raum erschienen. Einer der Polizisten gab mir eine Ohrfeige und riss mich hoch.

Sie packten mich, traten mich, zerrten mich in das Auto und fuhren zur Wache. Mein Vater fuhr hinterher, wurde aber vor Ort von der Polizei weggeschickt: “Wir kümmern uns um ihn!“

In der Wache fesselten die Polizisten mich. Sie zogen mir die Schuhe aus, banden meine Beine an den Fußgelenken quer auf ein Maschinengewehr, zogen mich daran hoch und schlugen mit Schläuchen auf meine nackten Fußsohlen.

Von Polizisten gefoltert

Sie spuckten und brüllten mich dabei an: “Glaubst du an Darwin? Sind wir Affen?“ Sie setzten auch Elektroschocks ein und verprügelten meinen ganzen Körper. Zuletzt musste ich Kniebeugen machen und wie ein Affe tanzen, während sie auf mich einschlugen und mich anbrüllten. Bis tief in die Nacht hinein. 

Danach wurde ich in ein Jugendgefängnis überführt. Hier wurde ich zunächst in den Schlafraum der Sicherheitskräfte gebracht, wo ich von drei Beamten erneut verprügelt wurde. Der eine ist dabei so wütend geworden, dass er eine Waffe an meinen Kopf gehalten hat: “Ich erschieße dich und garantiere mir damit einen Platz im Paradies.“

Ich war schon in einem Zustand, wo ich mir fast gewünscht hätte, er möge abdrücken, damit der Schmerz endlich aufhört. Die anderen haben ihn aber zurückgehalten.

Zuletzt haben sie mich nach draußen geschleift und weiter geschlagen. Sie hatten großen Spaß daran, mich zu treten und zu beschimpfen. Ich habe meinen Körper irgendwann gar nicht mehr gespürt und nicht mehr geschrien oder geweint, sondern komplett aufgegeben.

Atheist: Der schlimmster Verbrecher von allen

Am frühen Morgen hatten sie tatsächlich keine Lust mehr und haben mich in eine Isolationszelle gesperrt. Am Tag darauf wurde ich dem Gericht mit blauem Auge, wundem Rücken und wunden Füßen, auf denen ich kaum stehen konnte, vorgeführt. Ich wurde jedoch nicht wegen Gotteslästerung, sondern Beamtenbeleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt angeklagt.

Nach der Verhandlung wurde ich in einem Großraum mit 18 anderen Jugendlichen untergebracht. Unter ihnen waren Mörder und Gewaltverbrecher, aber in ihren Augen war ich als Ungläubiger der schlimmste Verbrecher. Sie attackierten mich, psychisch und körperlich. Ich wurde gezwungen, gemeinsam mit ihnen zu beten, fühlte mich gebrochen und der ganzen Situation völlig hilflos ausgeliefert.

Meine Verhandlung wurde für den 1. Juni 2014 angesetzt. Ich konnte jedoch schon am 4. November 2013 frühzeitig auf Kaution entlassen werden. Mein Onkel zahlte die Kaution. Denn meine Familie hatte zwar gehofft, man könne mich im Gefängnis von meinem gotteslästerlichen Verhalten heilen, sie hatten aber nicht damit gerechnet, dass ich der Folter ausgesetzt werden würde. Ihre Unterstützung machte mir seit langem wieder etwas Mut. 

Ich befreite mich allmählich aus meiner Ohnmacht und nutzte meine Kontakte auf Facebook, um auf meine Situation aufmerksam zu machen. Ein Facebook-Freund schickte mir die Kontaktdaten des Anwalts Younis Al-Rawi aus der kurdischen Hauptstadt Erbil. Weil mein Vater ihn nicht als Anwalt akzeptierte, konnte er mich nur inoffiziell vertreten. Dennoch setzte er sich für mich ein und konnte viele Beweise zu meinen Erlebnissen zusammentragen.

In dem Raum, wo mich die Sicherheitskräfte gefoltert hatten, befand sich eine Kamera. Es gelang uns zwar nie, an die Aufzeichnungen zu kommen, der Vorfall wurde aber sowohl meinem Anwalt als auch der Sozialarbeiterin Sayran Salah gegenüber telefonisch bestätigt.

“Alle rieten mir, das Land zu verlassen, um mein Leben zu retten”

Als ich Ende April 2014 meine Gerichtsvorladung auf Facebook veröffentlichte, wurde der Post mehrfach geteilt. So wurde die unabhängige kurdische Zeitung “Awena” auf mich aufmerksam und machte ein Interview mit mir. Das Interview löste in Kurdistan, ja sogar international, eine sehr große Welle aus. Mein Anwalt und ich wurden von unglaublich vielen Journalisten angerufen und interviewt.

Ich erfuhr viel Unterstützung in kurdischen Netzwerken: Es wurde eine Facebook-Seite unter der Überschrift “We are all Amed“ gegründet und zu einer Demo vor dem Gerichtsgebäude am 1. Juni 2014 aufgerufen – dieser Tag ist der internationale Tag der Kinder, was meinem Fall einen großen Symbolcharakter verlieh. 

Kurz vor der angekündigten Verhandlung kam schließlich die Wende: Mein Vater und ich wurden zu einem zusätzlichen Termin eingeladen und mein Fall lediglich mit einer kleinen Geldstrafe abgeschlossen. 

Danach wurde meine Lebenssituation in Erbil unerträglich. Da ich mich in den Interviews sehr islamkritisch und auch regierungskritisch geäußert hatte, waren viele Menschen erzürnt. Ich konnte mich nicht mehr frei in der Stadt bewegen und zur Schule gehen. Ich bin überall wie ein Verbrecher behandelt und von vielen Seiten bedroht worden. Sogar mein Anwalt wurde von der regierenden Partei angerufen und dazu aufgefordert, sich von diesem Fall zu distanzieren.

Auch meine Familie musste Anfeindungen aus ihrem Umfeld erdulden. Viele Bekannte und Nachbarn drängten sie dazu, gegen mich vorzugehen. Der öffentliche Druck war sehr stark und meine Angst extrem. In dieser Zeit wurde ich von der gemeinnützigen Organisation “Kurdistan Save the Children“ betreut. Schließlich traf ich mich mit dem Menschenrechtler Sito Ziany. Er, so wie alle anderen, rieten mir, das Land zu verlassen, um mein Leben zu retten.

Und so kam es dann auch.

Die Angst bleibt

Seit einiger Zeit berichte ich auch hier in Deutschland über meine Erlebnisse. Genau wie damals steht meine Geschichte auch heute für mehr als nur meine eigenen Erfahrungen. Es ist ein Glück, dass ich für viele sprechen kann, die genau wie ich sowohl gegen die starren Strukturen im Islam rebellieren. Und gegen rassistische Vorurteile gegenüber allen Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis vorgehen. 

Es ist aber auch ein Fluch, wenn ich dabei an meine persönlichen Grenzen komme. Wenn jemand mir eine Hassnachricht schickt und schreibt, dass ich mir das bestimmt nur alles ausgedacht habe, um in Deutschland Asyl zu bekommen, kann es mir als politischer Aktivist egal sein. Ich bekomme so viele Hassnachrichten, dass ich in dieser Rolle nur darüber lächeln kann. 

Aber als ganz privater Mensch verletzt es mich sehr. Dann kommt das Ohnmachtsgefühl wieder hoch und lähmt mich. Und dann fühle ich mich wieder sehr klein und hilflos. Es mag ganz lässig klingen, durch die Gegend zu reisen und über heftige Erfahrungen zu sprechen. Aber eine solche Biographie ist im Privatleben leider alles andere als cool.

Durch die Folter und die Flucht ist bei mir viel kaputt gegangen. Ich habe immer wieder Albträume und leide täglich an den Folgebelastungen. Auch  zwischenmenschlichen Bereich spüre ich die Konsequenzen. 

Ich habe meine Freiheit hart erkämpft und es treibt mich weiter an, dass es nicht umsonst geschehen ist und ich mit meiner Geschichte etwas erreichen kann. Aber gelegentlich braucht der kleine Junge in mir auch seinen Raum, um einfach darüber zu trauern, dass ihm über Nacht seine Kindheit gestohlen wurde.