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02/12/2018 14:03 CET | Aktualisiert 07/12/2018 09:59 CET

Flüchtling: "Für meine Eltern bin ich kein echter Mann – dann inspirierte mich die LGBTQ-Szene"

"Ich mag Menschen, denen Meinungen wichtiger sind als Geld. Und ich mag Menschen, denen Geschlechterrollen egal sind."

HuffPost

Amed Sherwan ist als 15-Jähriger aus dem Irak nach Deutschland geflohen. In seiner Heimat wurde er inhaftiert und gefoltert, weil er nicht an Gott glaubt. Sein Vater hatte ihn angezeigt.

Er erklärt in der HuffPost, wie er gelernt hat, ohne die Unterstützung und Wertschätzung seiner Familie zu leben und wie ihm der Kontakt zur LGBTTIQ-Szene, den Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern und Queeren in Deutschland, neuen Mut gegeben hat, so zu sein, wie er möchte.

Seit einiger Zeit habe ich wieder regelmäßig Kontakt zu meiner Familie. Nach meiner Flucht war er zunächst nur sporadisch.

Ich war als Ex-Muslim in Irakisch-Kurdistan nicht nur in Lebensgefahr geraten, ich war für meine Eltern eine Schande. Es war für sie vermutlich nicht leicht, aber dennoch eine Erleichterung, mich außer Landes zu bringen.

Mein Vater übergab mich in der Türkei den Schleusern. Zusammen mit einer Gruppe anderer alleinreisender Kinder – ich war damals 15 – saß ich in dunkle Kleidung gehüllt im hinteren Teil eines Lasters, während wir über die Balkanroute fuhren.

Es war furchterregend, aber auch etwas aufregend. Und als wir auf einer Raststätte in Österreich ein McDonald‘s Restaurant erblickten, wussten wir, dass wir angekommen waren.

Danach ging es im Auto nach Deutschland. Ich wurde von meinem Onkel in Empfang genommen, der sich meiner aber schon am nächsten Tag in der Erstaufnahme erledigte. Danach war ich allein.

Vermutlich hatten sie wirklich Angst um meine Sicherheit, aber es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Es gab keinen Weg zurück.

Ich konnte kein Deutsch, mein Englisch war nicht so gut und Arabisch hatte ich nur als Schulfach gehabt. Es fiel mir schwer, Kontakte aufzubauen und ich hatte furchtbares Heimweh.

Ich bat meine Eltern, mich zurückzunehmen – aber sie wollten nicht

Eines Tages rief ich meine Eltern an und bat sie, mich zurückzunehmen. Ich versicherte ihnen, ich wolle versuchen, meinen Unglauben zu verheimlichen. Ich werde alles tun, um nicht mehr aufzufallen. Doch meine Eltern verneinten es kategorisch. Sie sagten, ich sei in Kurdistan nicht sicher.

Vermutlich hatten sie wirklich Angst um meine Sicherheit, aber es traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Es gab keinen Weg zurück.

Ich sah auch keinen Weg nach vorn und am nächsten Tag fand mein Betreuer mich vollgepumpt mit Schlaftabletten.

Nach einem Krankenhausaufenthalt wollte mein Vormund mich in der Kinderpsychiatrie unterbringen. Aber glücklicherweise erkannte der zuständige Psychiater, dass eine stationäre Unterbringung aufgrund meiner Erfahrungen im Gefängnis für mich nicht aushaltbar gewesen wäre.

Ich kam zurück in die Jugendwohngruppe, machte mich darauf gefasst, meinen Weg allein zu gehen und brach den Kontakt zu meinen Eltern ganz ab. Mir ging es lange Zeit weiterhin sehr schlecht, doch die sogenannte Flüchtlingswelle Ende 2015 rettete mich.

Ich hatte das Gefühl, allmählich meinen Platz in Deutschland gefunden zu haben, fühlte mich besser gewappnet und nahm den Kontakt zu meinen Eltern wieder auf.

Über ein freiwilliges Engagement als Dolmetscher fand ein großes Netzwerk an Freundinnen und Freunden aus unterschiedlichsten Zusammenhängen und erlebte ich mich selber als nützlich.

Ich hatte das Gefühl, allmählich meinen Platz in Deutschland gefunden zu haben, fühlte mich besser gewappnet und nahm den Kontakt zu meinen Eltern wieder auf. Sie waren sichtlich erleichtert und froh, dass es mir gut ging und wir näherten uns ganz langsam wieder an. Und wir haben inzwischen sogar schon eine Woche gemeinsam Urlaub gemacht.

Ich versuche bewusst, mit meinen Eltern nur über Alltagsdinge zu sprechen und Konfliktthemen auszuklammern. Aber es kracht trotzdem immer wieder zwischen uns, weil ihnen meine Lebensentscheidungen völlig fremd sind.

Die Männer in meiner alten Heimat Irakisch-Kurdistan sind “richtige” Männer. Sie haben ihr Leben und ihre Familie im Griff. Sie sind gottesfürchtig, schrecken sonst vor nichts zurück.

Meine Eltern sorgen sich um meine Männlichkeit

Und sie haben selbstverständlich Waffen in ihrem Schrank, um jederzeit die Ehre ihrer Familie oder ihres Volkes verteidigen zu können. Eine Wehrpflicht gibt es zwar nicht, aber wer was auf sich hält, meldet sich freiwillig, sobald das Land in Gefahr ist.

Wer eher weich ist, muss das tarnen, sonst gilt man schnell als Versager und im schlimmsten Fall sogar als schwul.

Selbst bei freudigen Anlässen holt ein “richtiger” Mann lieber das Gewehr raus, um damit laut in die Luft zu schießen, statt Blumen zu streuen.

Das Leben ist hart und nur die Harten kommen in den Garten. Wer eher weich ist, muss das tarnen, sonst gilt man schnell als Versager und im schlimmsten Fall sogar als schwul. Wobei es keine Schande ist, einen anderen Mann zu f**** – doch wer gef**** wird, ist kein “richtiger” Mann.

Seitdem ich wieder Kontakt zu meinen Eltern habe, machen Sie sich deshalb Sorgen um meine Männlichkeit.

Meine Eltern waren daher natürlich sehr darüber verstört, dass ich Fotos von küssenden Männern poste und auf Fotos lieber niedlich als hart aussehe. Aber seitdem sie meine Freundin kennen, sind sie diese Sorge los und sehen sogar darüber hinweg, dass wir ohne Ehe glücklich sind.

Mein Vater sagt, ich könne ja Christ werden oder Jude

Aber mein Lebensentwurf macht sie trotzdem nicht glücklich. Vor einiger Zeit habe ich zum Beispiel einen brüllenden Vater am Apparat gehabt: Wie lange ich denn noch zur Schule gehen und ob ich danach noch 20 Jahre studieren wolle?
Es regt meinen Vater auch auf, dass ich mich nicht für Autos interessiere:Wann ich endlich meinen Führerschein machen und ein Auto kaufen wolle?

Ich entgegne, dass mir solche Dinge nicht wichtig sind und versuche ihm meine Werte zu erklären. Und dann reden wir wieder über Religion und es knallt schon wieder: Wann ich endlich erwachsen werde und einen Glauben fände?

Ich könne ja Christ werden oder Jude, aber an Gott ginge kein Weg vorbei.
Ich erkläre ihm dann meine Gedanken zur Evolution. Aber wer habe die Evolution gemacht, fragt er dann.

Auf meine Gegenfrage, wer Allah gemacht habe, wird er wütend.

Meinungsfreiheit sei Unfug, sagt mein Vater. Ich solle endlich lernen, mich unterzuordnen und die Klappe zu halten.

Dass ich damals im Gefängnis mit Elektroschocks gezwungen worden bin “wie ein Affe zu tanzen”, weil ich “an Darwin glaube”, und deshalb nicht gut auf das Thema zu sprechen bin, ist ihm völlig egal.

Dass ich meine Familie und Heimat verlassen habe, um endlich frei sprechen und ohne Religionszwang leben zu können, vergessen meine Eltern auch immer wieder. Meinungsfreiheit sei Unfug, sagt mein Vater. Ich solle endlich lernen, mich unterzuordnen und die Klappe zu halten und vor allen Dingen endlich mal ein “richtiger” Mann werden!

Ich weiß, dass ich ohne meine Familie leben kann

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mein Vater fast wortwörtlich das sagt, was mir in Hasskommentaren von einigen Deutschen entgegen schlägt: Ich solle doch lieber arbeiten gehen und eigenes Geld verdienen, statt ständig meine Klappe aufzumachen. Meine muslimischen Eltern würden sich mit einigen der Flüchtlingshasser sehr gut verstehen.

Ich weiß inzwischen, dass ich ohne meine Familie leben kann. Deswegen tun mir solche Anrufe zwar weh, aber sie bringen mich nicht vom Weg ab.

Den meisten meiner Freunde geht es anders. Sie machen keine Ausbildung und nehmen lieber Aushilfsjobs an, um ihren Eltern zu beweisen, dass sie echte Männer sind. Und um etwas Geld nach Hause schicken zu können, gehen sie zur Not auch illegale Wege, um bloß nicht als Versager zu gelten.

Ich mag Menschen, denen Meinungen wichtiger sind als Geld. Und ich mag Menschen, denen Geschlechterrollen egal sind.

Viele meiner Kumpel übernehmen die Vorstellungen ihrer Elterngeneration aber nicht nur in Bezug auf Geld und Autos. Genau wie ihre Väter sich lieber um die Ehre ihrer Frauen und Kinder gekümmert haben, als ihr eigenes Verhalten zu reflektieren, mackern sie durch die Gegend, kontrollieren ihre Schwestern und verachten alles, was in ihren Augen unmännlich und weich ist.

Ich mag Menschen, denen Meinungen wichtiger sind als Geld

Wäre ich damals nicht vom Glauben abgefallen, wäre ich jetzt wahrscheinlich auch so oder hätte zumindest versucht, genauso zu wirken. Welch ein Glück, dass mir dieses Schicksal erspart worden ist und ich durch meine Flucht nach Europa Menschen kennengelernt habe, die ganz anders ticken und sich trauen echt zu sein.

Ich mag Menschen, denen Meinungen wichtiger sind als Geld. Und ich mag Menschen, denen Geschlechterrollen egal sind.

Es inspiriert mich, mit Menschen zusammen zu sein, die dazu stehen, wie sie sind, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was andere deswegen von ihnen denken.

Natürlich gibt es auch hier viele Menschen, die sich an veraltete Vorstellungen davon klammern, wie Menschen zu sein haben, aber es gibt glücklicherweise auch sehr viele Leute, die sich davon befreit haben.

Die LGBTTIQ-Parties in meinem neuen Heimatort sind das genaue Gegenteil zu den Discos, wo aufgebrezelte Frauen und aufgepumpte Männer versuchen, irgendwelchen “richtigen” Männern und Frauen aus den Medien zu ähneln.

Ich liebe es, wenn es egal ist, wie man aussieht, was man anhat, wie man sich gibt und mit wem man flirtet.

Wenn man etwas verändern will, darf man sich nicht verstecken

Es inspiriert mich, mit Menschen zusammen zu sein, die dazu stehen, wie sie sind, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, was andere deswegen von ihnen denken.

Meine schwulen Freunde verstehen, was es heißt, für die Art, wie man ist, verstoßen oder als “falsch” betrachtet zu werden. Und sie verstehen auch, warum ich offensiv damit umgehe, dass ich anders leben und glauben will.

Wenn Männer in Deutschland nicht irgendwann damit angefangen hätten, sich auch in der Öffentlichkeit zu küssen, wäre Homosexualität bestimmt auch hier immer noch strafbar.

Wenn man etwas verändern will, darf man sich nicht verstecken. Und wenn etwas in der muslimischen Community passieren soll, dürfen sich alle die, denen die vielen Tabus und stereotypen Geschlechterrollen nicht passen, auch nicht mehr verstecken.

Wenn euer Umfeld euch nicht so akzeptiert, wie ihr wirklich seid, findet euch neue Freundinnen und Freunde. Befreit euch von dem Scheiß und seid lieber “echt” statt “richtig”.

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(lp)