LIFE
26/01/2019 14:56 CET | Aktualisiert 28/01/2019 20:22 CET

Flixbus-Gründer: Eine Sache ist besonders wichtig, wenn ihr ein Unternehmen gründet

"Wer seine Idee wirklich umsetzen will, der sollte das mit aller Inbrunst tun und von Anfang an Vollgas geben."

FlixBus
Die FlixBus-Gründer Daniel Krauss, Jochen Engert und André Schwämmlein.

Fliegen ist so günstig wie nie, die Deutschen lieben immer noch ihre Autos – und trotzdem schaffte es das Fernbusunternehmen Flixbus, Fortbewegung grüner und günstiger zu machen und den Mobilitätsmarkt nachhaltig zu verändern.

2013 gründeten André Schwämmlein, Jochen Engert und Daniel Krauss Flixbus. Was als vermeintlich kleines Startup begann, ist inzwischen ein internationales Unternehmen, das mit Fernbussen mehr als 2000 Ziele in 28 Ländern anfährt und Marktführer in Europa ist.

Daniel Krauss ist CIO des Unternehmens, betreut vor allem die Bereiche IT, Mobile und Software Development.

Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es zur Idee von Flixbus kam, woher er den Mut nahm, ein Unternehmen zu gründen und was er jungen Gründern rät.

Das ganze Interview lest ihr hier.

Flixbus-Gründer: Eine Sache ist besonders wichtig, wenn ihr ein Unternehmen

Herr Krauss, wie kam die Idee zustande, gemeinsam mit André Schwämmlein und Jochen Engert ein Unternehmen zu gründen?

Daniel Krauss: Angefangen hat alles unabhängig von Bussen oder Mobilität als solchem. André und ich kennen uns seit über 25 Jahren. Wir waren zusammen in der Schule, haben zusammen Volleyball gespielt und haben 2005, 2006 und 2007 schon mal gemeinsam Unternehmen gegründet. Ich glaube, das hat dazu beigetragen, dass wir unternehmerisches Blut geleckt haben.

Aber wir hatten uns damals dafür entschieden, erst einmal weitere Erfahrungen zu sammeln. Ich habe in den USA gearbeitet, später bei Microsoft in Deutschland, André bei der Boston Consulting Group in München. Dort hat er dann auch Jochen kennengelernt. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt. Und spätestens als ich 2010 zurück in Deutschland war, haben wir uns regelmäßig zu dritt getroffen.

Wir haben über sehr viele Dinge nachgedacht, nicht nur über Mobilität.

Wir haben festgestellt, dass unsere Arbeitgeber zwar gut sind, aber dass uns eigentlich das Unternehmerische mehr anzieht als unsere Firmen. Uns hat es gefehlt, Dinge selbst gestalten zu können. Und dann haben wir zu dritt angefangen, uns immer freitags in einer Bar zusammenzusetzen und überlegt, was wir denn machen könnten.

Wie sind Sie von Microsoft und Boston Consulting auf die Idee gekommen, ein Fernbus-Unternehmen zu gründen?

Wir haben über sehr viele Dinge nachgedacht, nicht nur über Mobilität. Das Meiste verwirft man nach zehn Minuten wieder. Aber wir haben nach kurzer Zeit festgestellt, dass wir etwas Echtes, etwas zum Anfassen machen wollen, mit dem wir wirklich einen Mehrwert schaffen, womit wir – im wahrsten Sinne des Wortes mittlerweile – Menschen bewegen können. Nicht einfach nochmal eine App, die Dinge miteinander vergleicht oder etwas anderes rein Digitales.

Und eines Tages ist André über einen Zeitungsartikel über den Koalitionsvertrag der damals schwarz-gelben Bundesregierung gestolpert. In dem stand eben auch, dass das Personenbeförderungsgesetz auf Grundlage einer EU-Novelle liberalisiert werden soll. André hat sich dann tiefer in die Thematik eingegraben und zu Jochen und mir gesagt: ‘Wir müssen unbedingt was mit Bussen machen’.

Und woher haben Sie dann den Mut genommen, es einfach zu versuchen?

Wir als BWLer haben uns gedacht, das Wichtigste neben dem Team ist die Marktgröße – nicht die Idee. Jochen war auch ziemlich schnell begeistert von der Idee, er hatte früher schon mit Busunternehmen zu tun. Meine erste Reaktion als Technik-Experte war, ‘Cool, aber was genau mache ich da jetzt?’ Ich war nicht gleich Feuer und Flamme.

Wir beschlossen, ein klassisches Produkt neu aufzuladen, indem wir es vereinheitlichen, auffällig anmalen, Internet und Strom reinstecken und gleichzeitig datenbasiert analysieren, von wo nach wo Menschen wirklich wollen.

Aber als wir dann überlegt haben, wie wir ein Busmodell schaffen könnten, das das klassische Modell mittelständischer Busunternehmer mit digitalen Vorzügen und Nachhaltigkeit verbindet und klar wurde, dass Technologie sehr wichtig wird, habe auch ich mein Stühlchen gefunden.

Und dann haben Sie einfach losgelegt?

Ja, dann haben wir beschlossen, ein wirklich klassisches, älteres Produkt wieder neu aufzuladen, indem wir es vereinheitlichen, auffällig anmalen, Internet und Strom reinstecken und gleichzeitig datenbasiert analysieren, von wo nach wo die Menschen wirklich fahren wollen.

Wir haben dann ein Partnermodell aufgebaut, das wir noch heute in allen Ländern der Welt durchführen. Wir arbeiten mit mittelständischen Mobilitätsunternehmen zusammen, die die Fahrleistung gemeinsam mit uns erbringen.

Gleichzeitig war es wichtig, dass wir nicht einfach aufgrund unserer Annahmen ein Netz festgelegt haben. Deshalb haben wir eine Technologieplattform gebaut, um mit Hilfe von Algorithmen das beste Streckennetz und den besten Preis zu ermitteln und die Kunden bestmöglich zu adressieren.

Unser Ziel ist es, smarte und grüne Mobilität für wirklich jeden auf der Welt zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet auch, du musst es über eine App buchen können, über eine Website, beim Fahrer, im Reisebüro, am Schalter, damit wir jedem ermöglichen, mit uns zu reisen.

Gab es einen entscheidenden Moment, an dem Sie sicher waren, dass das Konzept aufgehen wird?

Ich glaube, am Anfang war das ein schleichender Prozess. Wir hatten das Glück und das Privileg, dass wir eine durchaus gute Ausbildung genossen und auch gute Jobs hatten.

Das heißt, eine große Angst oder, anders gesagt, eine große Portion Mut war anfangs nicht nötig, weil wir relativ sicher waren, dass wir jederzeit in unsere alten Jobs zurückkehren oder einen anderen Job finden könnten. 

Ich habe bei Microsoft darum gebeten, Teilzeit arbeiten zu können. Bis im Herbst 2012 das Gesetz wirklich umgesetzt wurde und im Februar 2013 in Kraft trat. Dann haben wir alle gekündigt und Vollgas Busse gemacht.

Das klingt so, als sei alles wie am Schnürchen gelaufen. Gab es denn keine Hindernisse?

Doch klar, Hürden gibt es ständig. Die gibt es auch heute noch, es bleibt immer ein Abenteuer – vor allem, wenn man zum ersten Mal ein Unternehmen dieser Größe aufbaut. Aber wenn du offen bist und lernwillig, dann geht das auch.

Nichtsdestotrotz passiert es, dass du jeden Tag mit unerwarteten Dingen konfrontiert bist, dass irgendetwas schief läuft. Aber ich glaube, wer grundsätzlich positiv an die Dinge herangeht und im Hinterkopf hat, dass immer etwas schiefgehen kann und auch immer etwas schiefgehen wird, der kann das mit seinen eigenen Erwartungen sehr gut abgleichen.

Letztlich gab es nie einen Moment, an dem wir dachten, wir sind fertig, jetzt läuft alles und es wird keine Hindernisse mehr geben. Das wird auch nie kommen.

So waren wir uns anfangs sicher, dass nur kürzere oder Mittelstrecken funktionieren würden. Wir waren zum Beispiel große Fans der Strecke Nürnberg-Regensburg. Die mussten wir aber nach weniger als sechs Monaten schon wieder einstellen, weil wir eine falsche Annahme hatten. Die Kunden fanden Busfahren offenbar so gut, dass sie auch von München nach Paris fahren wollten. Anfangs dachten wir nicht, dass das passiert.

Auch als sich die Stadt Köln vor zwei Jahren entschieden hat, Fernbusse aus der Stadt zu verbannen, mussten wir damit erst einmal umgehen und Alternativen finden. So etwas passiert tagtäglich im Kleineren und Größeren. Natürlich ist das nicht immer etwas Schönes, aber eine Herausforderung, die es zu lösen gilt. Letztlich gab es nie einen Moment, an dem wir dachten, wir sind fertig, jetzt läuft alles und es wird keine Hindernisse mehr geben. Das wird auch nie kommen.

Warum ist Flixbus so erfolgreich?

Einer der Gründe für unseren Erfolg ist, glaube ich, dass wir in der Lage sind, schnell Entscheidungen zu treffen. Wir haben einen sehr starken Willen, unserer Vision von smarter, grüner Mobilität für alle nachzugehen.

Man muss lernen, dass Geschwindigkeit am Ende wichtiger ist als schiere Größe oder Kapitalkraft.

Ehrlicherweise ist die Gründung eines Unternehmens aber natürlich trotzdem vor allem zu Beginn ein heißer Ritt. Die Unsicherheit ist noch groß und man weiß nie so genau, wie lange es gut geht. Vielleicht entscheidet sich die Regierung dafür, das Gesetz zu ändern. Oder es kommt ein übermächtiger Konkurrent auf den Markt.

Wir hatten auch Respekt vor anderen Unternehmen. Man muss lernen, dass Geschwindigkeit am Ende wichtiger ist als schiere Größe oder Kapitalkraft. Und bis man das gelernt hat, spürt man natürlich vor allem am Anfang eine latente Unsicherheit. Aber wir wussten, es lohnt sich zu kämpfen.

Worauf sind Sie im Nachhinein betrachtet besonders stolz?

Rückblickend bin ich besonders stolz darauf, dass wir es geschafft haben, eine Menge Menschen um uns zu scharen, die sich für dieselbe Vision begeistern wie wir und mit uns gemeinsam diese Dienstleistung an den Kunden zu bringen. Das ist das A und O. Wir sind nicht so erfolgreich, weil wir drei Gründer so brillant sind. Wir sind sehr ehrgeizig, aber der Erfolg ist darin begründet, dass wir ein sehr tolles Team aufgebaut haben.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die auch ein Unternehmen gründen wollen?

Wer eine Idee hat und ein Unternehmen gründen will, sollte immer bedenken: Das alleine durchzuziehen, erfordert sehr viel Mut. Ich habe großen Respekt vor solchen Leuten. Wir als Team zu dritt haben uns immer gegenseitig ausgeglichen und unterstützt, das halte ich für unheimlich wichtig. Allerdings muss natürlich auch die Teamverbindung wahnsinnig fest sein und ein absolutes Grundvertrauen bestehen, damit das funktioniert.

Ich sage immer, stell dir Leute ein und versuche Leute für dich und die Idee zu begeistern, die in den Dingen, die du brauchst, signifikant besser sind als du selbst.

Und ich möchte auch nochmal betonen: Der Markt ist unheimlich wichtig. Wenn die Idee brillant ist, aber nur zwei Menschen die Abnehmer sind, dann reicht es nicht. Der Markt ist ausschlaggebend.

Ich würde sagen, dass man als Gründer durchaus Generalist sein kann. Es gibt natürlich brillante Forscher, die ein Patent anmelden. Aber ansonsten ist Generalistentum gar nicht so verkehrt, wenn man sich seiner eigenen Stärken und Schwächen bewusst ist und danach handelt. Ich sage immer, stell dir Leute ein und versuche Leute für dich und die Idee zu begeistern, die in den Dingen, die du brauchst, signifikant besser sind als du selbst. Dann kannst du leicht delegieren und bist in der Lage, ein Team aufzubauen, das wirklich schlagkräftig ist.

Trotzdem rate ich Gründern davon ab, zu zaghaft zu sein. Wer seine Idee wirklich umsetzen will, der sollte das mit aller Inbrunst tun und von Anfang an Vollgas geben.

Wenn du andersrum immer nur versuchst, Leute zu begeistern, die auch nur Generalisten sind, dann läufst du Gefahr, dass du der König eines Zwergenstaates bist. Das führt in meinen Augen nicht zum Erfolg.

Welchen Ratschlag hätten Sie gerne vor ein paar Jahren gehört?

Ich gebe mittlerweile jungen Gründern den Rat, sich am Anfang noch stärker auf die eigenen Stärken zu besinnen. Nicht als Person, aber als Unternehmen. Selbst wir waren damals zu risikoscheu. Wir haben anfangs lieber auf Sicherheit gesetzt und eine Zeit lang Geld auf dem Konto liegen lassen.

Ich glaube, wenn man irgendwann den Schalter umlegt, dann muss man auch wirklich Vollgas geben und darf nicht nur im zweiten Gang fahren. Aber im Nachgang ist das leichter gesagt als getan. Damit umzugehen, viel Geld von Investoren zur Verfügung zu haben, muss jeder erst einmal lernen.

Aber trotzdem rate ich Gründern davon ab, zu zaghaft zu sein. Wer seine Idee wirklich umsetzen will, der sollte das mit aller Inbrunst tun und von Anfang an Vollgas geben.