LIFE
14/11/2018 15:29 CET | Aktualisiert 14/11/2018 15:29 CET

Können wir es uns künftig noch erlauben, in ein Flugzeug zu steigen?

Nichts verbindet die Welt und zerstört sie im selben Maße wie fliegen – kann das noch nachhaltig sein?

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Können wir es noch verantworten zu fliegen?

Die Sonne strahlt beim Blick aus dem milchigen Fenster so hell, dass es fast schon in den Augen schmerzt, weiter unten eine weiße Decke, die so weich wirkt als sei sie aus Watte. Hin und wieder erlaubt eine Lücke im Wolkenmeer einen Blick auf spielzeuggroße Häuser, Straßen und Autos.

Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden und Schnelligkeit – all das assoziieren Menschen mit dem Fliegen.

Bis vor einigen Jahren war Vielfliegen ein Privileg für die Elite der Gesellschaft, inzwischen ist es so normal normal wie Auto- oder Zugfahren.Am bislang flugreichsten Tag der Geschichte hoben am 29. Juni diesen Jahres weltweit 202.157 Flugzeuge ab.

Aber zu welchem Preis?

Zu lange haben wir ignoriert, wie schädlich Fliegen für die Umwelt ist. Rund fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen sind auf den Luftverkehr zurückzuführen, wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) berichtet. Neben Kohlenstoffdioxid tragen Flugzeuge auch Stickoxide und Wasserdampf in hohe Luftschichten, die den Treibhauseffekt fördern.

Zum Hintergrund erklärt das Umweltbundesamt:

Flugreisen sind die klimaschädlichste Art sich fortzubewegen. Ein Flug von Deutschland in die USA, nach Afrika, Asien oder Australien verursacht eine Klimawirkung von mehreren Tonnen CO2.

Neben dem CO2-Ausstoß entstehen beim Verbrennen von Kerosin auch Substanzen wie Stickoxide, Aerosole und Wasserdampf. Und die tragen zur Erwärmung der Erdatmosphäre bei. Die Stoffe bauen sich in der Höhe langsamer ab und breiten sich dadurch stärker aus als am Boden – das verstärkt den Treibhauseffekt noch. Die klimaschädlichen Auswirkungen sind dabei zwei bis fünf Mal höher als die durch Kohlenstoffdioxid.

Also was tun? Kann es einen Weg geben, dass wir weiterhin in Flugzeugen sitzen und damit nicht die Umwelt zerstören?

Fliegen ist die effektivste Form, um die Ökosphäre zu zerstören

Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech von der Universität Siegen hat darauf im Gespräch mit der HuffPost eine klare Antwort:

“Nein. Fliegen ist ökologische Barbarei. Es existiert keine andere Handlungsweise womit jemand derart kostengünstig und legal einen größeren ökologischen Schaden anrichten kann als durch Flugreisen. Das ist die effektivste Form, um die Ökosphäre zu zerstören.”

Bernhard Dietrich ist Leiter für Umweltkonzepte bei der Lufthansa. Er glaubt sehr wohl daran, dass Fliegen nachhaltig sein kann. Wobei er zugeben muss, dass das eher in ferner als in naher Zukunft möglich sein wird:

“Veränderungen in der Flugzeug-Technologie bekommen wir nicht ganz so schnell hin. Neue Triebswerkgenerationen zeigen mit rund 25 Prozent Effizienzsteigerung große Sprünge und erhebliche Fortschritte in ihrer Leistung, aber bis die sich auf dem Markt verfestigt haben dauert es – und kostet.”

Wasserstoff oder einfach Strom – theoretisch gibt es inzwischen ausreichend alternative Antriebsmöglichkeiten für Motoren. Doch für Flugzeuge sind diese alternativen Antriebskonzepte schwieriger umsetzbar als für Autos oder Züge.

Denn das Wichtigste für die Effizienz eines Flugzeuges ist das Gewicht – und genau da steckt das große Dilemma. Kerosin hat eine hohe Energiedichte und ist dafür vergleichsweise leicht.

► Lithiumbatterien, die Strom speichern, oder Brennstoffzellen, die Wasserstoff in Strom umwandeln und dieselbe Leistung bringen wie ein Liter Kerosin, wiegen das 40- bis 70-fache.

Und auch Solarmodule auf den Flügeln sind kaum geeignet, um ein Passagierjet zu betreiben. Denn damit können maximal Leichtflugzeuge fliegen, die bestenfalls ein bis zwei Personen transportieren können. 

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Eine Flugreise kann schnell unser CO2-Konto sprengen.

Nachhaltigkeitsforscher Paech ist daher sicher, dass es ausgeschlossen ist, dass Flugzeuge künftig mit alternativen Antriebsmöglichkeiten unterwegs sind.Eine technische Lösung für ökologischen Flugverkehr, so wie er derzeit betrieben wird, ist nicht einmal theoretisch in Sicht”, sagt er. 

Doch Lufthansa-Experte Dietrich will sich damit nicht abfinden. Er glaubt noch an eine andere Möglichkeit: Synthetische Kraftstoffe.

Das sind Kraftstoffe, die sich von konventionellen Kraftstoffen wie Diesel, Benzin oder Kerosin insofern unterscheiden, dass sie zwar aufwendiger hergestellt werden, aber Erdöl als Rohstoffquelle ersetzen können. Sie können zum Beispiel aus Rohstoffen wie Algen hergestellt werden.

Umweltexperte Dietrich spricht von vielen Experimentierfeldern, auf die Lufthansa ein Auge wirft – aber auch diese Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen.

Also was tun?

“Wir würden ja, aber können nicht” – es klingt nach einer einfachen Ausrede, die sich Airlines zurechtlegen. Das weiß auch Dietrich und argumentiert, dass Lufthansa versuche, an anderen Stellen nachhaltiger zu sein: Gewicht in Kabinen einsparen, Abläufe am Boden effizient halten, dafür sorgen, dass Maschinen keine Umwege fliegen müssen, und dass sie eine möglichst gute Auslastung erreichen.

CO2-Ablass-Handel verschleiert nur das eigentliche Problem

Ansätze, die zwar helfen, aber am Ende nur ein sprichwörtlicher Tropfen auf den heißen Stein bleiben. Die Treibhausgaseffekte durch Flugzeuge bleiben vorerst gigantisch.

Als letzte Möglichkeit bleiben CO2-Zertifikate, eine Art Ablasshandel mit Emissionen. Die Idee dahinter: Wer fliegt, kompensiert die von ihm verursachten Emissionen, indem er einer Organisation Geld spendet, die beispielsweise Wälder aufforstet – spezialisierte Unternehmen und sogar die Airlines bieten diesen Service inzwischen an.

Die Idee wird inzwischen auch von den Vereinten Nationen in einem Übereinkommen Namens Corsia vorangetrieben. Corsia (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation) legt fest, dass ab 2021 alle Emissionen im internationalen Luftverkehr durch CO2-Einsparungen in Klimaschutzprojekten kompensiert werden müssen. Auch die Lufthansa unterstützt das Projekt.

Wenn sich alle Länder und Airlines daran halten werden, würde die CO2-Belastung durch den Flugverkehr grundsätzlich gut aufgefangen werden.

Den Grundgedanken unterstützen auch Umweltschutzorganisationen, allerdings bleibt beispielsweise Greenpeace skeptisch: Die UN-Klimakonferenz von Kyoto hatte die UN-Flugbehörde ICAO 1997 aufgefordert, etwas gegen die steigenden Emissionen des rasant wachsenden Flugverkehrs zu unternehmen – doch da Corsia erst 2027 rechtlich bindend wird, “hat die ICAO faktisch 30 Jahre ihren Auftrag zum Schutz der Atmosphäre ignoriert.”

Von all dem hält Nachhaltigkeitsforscher Paech wenig. Fliegen bedroht aus seiner Sicht unsere Lebensgrundlagen, unsere Existenz und die der Erde – daran ändern für ihn auch CO2-Kompensationen nichts.

Aus Ryanair könnte Ryantrain oder Ryansailship werden

“Viele Airlines wären demnach schlicht abzuschaffen.” Doch das müsse nicht zwingend bedeuten, dass die großen Konzerne schließen müssten. 

Airlines sollten laut Paech erwägen, sich zu klimafreundlichen Mobilitätsdienstleistern zu wandeln; etwa Bahnverkehr oder Lastensegler als Fortbewegungsmittel anzubieten – so könnte aus Ryanair Ryantrain oder Ryansailship werden.

“Es ist an der Zeit, dass sich aufgeklärte Menschen, die keine ökologischen Vandalen sein wollen, öffentlich dazu bekennen, nicht mehr zu fliegen.” Niko Paech, Nachhaltigkeitsforscher

Die Verantwortung liege aber nicht nur bei den Fluggesellschaften, sondern vor allem auch bei jedem Einzelnen von uns, sagt der Nachhaltigkeitsforscher.

Wenn wir das von der Weltgemeinschaft für 2050 festgesetzte Ziel, die Erderwärmung nur gering ansteigen zu lassen, noch erreichen wollen, stünden jedem Erdenbewohner – bei einer Gleichverteilung – jährlich nur 2,5 Tonnen CO2-Emissionen zu.

Doch bereits ein Flug von Deutschland in die USA und zurück verbraucht rund 4 Tonnen, ein Flug hin und zurück nach Australien 12 bis 14 Tonnen.

“Es ist an der Zeit, dass sich aufgeklärte Menschen, die keine ökologischen Vandalen sein wollen, öffentlich dazu bekennen, nicht mehr zu fliegen”, fordert Paech. 

Fliegen ist etwas Besonderes, das mehr wertgeschätzt werden muss. Die Leute müssten ein bisschen weniger häufig fliegen und bereit sein, mehr Geld dazu auszugeben. Bernhard Dietrich, Leiter für Umweltkonzepte bei der Lufthansa

Natürlich müsse auch die Politik aufhören, den Flugverkehr zu subventionieren, könnte eine Kerosinsteuer erheben, sagt Paech. Aber dafür existiere keine demokratische Mehrheit, einfach weil zu viele Menschen das Flugzeug als Verkehrsmittel nutzen – Tendenz steigend. Im vergangenen Jahr flogen in Deutschland 117 Millionen Menschen. Ein Rekord.

Aber dass Fliegen weniger Massenprodukt sein muss, findet sogar Lufthansa-Experte Dietrich. “Ich glaube, dass wir anfangen müssen, qualitativer zu wachsen und weniger in der Menge. Fliegen ist etwas Besonderes, das mehr wertgeschätzt werden muss. Die Leute müssten ein bisschen weniger häufig fliegen und bereit sein, mehr Geld dafür auszugeben.

Aber Fliegen zu verbieten – das hält Dietrich für “weltfremd”.

Sollte Fliegen verboten werden oder nicht?

Dem widerspricht Nachhaltigkeitsforscher Paech vehement: “Es existiert kein Menschenrecht auf Flugreisen.” Man müsse unterscheiden zwischen Luxus und der Befriedigung von Grundbedürfnissen. “Kein Mensch wird krank oder verhungert, wenn er nicht in den Urlaub fliegt.”

Fest steht: Auch in naher Zukunft wird es nicht nachhaltig sein, mit dem Flugzeug zu reisen. Vielleicht führt diese Erkenntnis zumindest dazu, dass Menschen weniger fliegen. 

(ben)