POLITIK
22/03/2018 13:57 CET | Aktualisiert 23/03/2018 08:09 CET

Stuttgart: Flaschensammler sind bedroht – schuld ist diese Neuerung

"Wenn sich die Dinger durchsetzen, können wir gleich einpacken.”

Sean Gallup via Getty Images
Mann durchsucht Mülleimer nach Pfandflaschen.
  • Neuartige Mülleimer machen Flaschensammlern in Stuttgart künftig das Leben schwer
  • Es steht der Verdacht im Raum, es handele sich dabei um eine gezielte Strategie der Stadt

Mittlerweile gehören sie zum traurigen Bild in deutschen Innenstädten: Menschen, die öffentlich aufgestellte Mülleimer nach Pfandflaschen durchwühlen. Bis zu 25 Cent Pfand können sie mit jeder Flasche oder Dose auflesen.

Nicht immer handelt es sich dabei um Obdachlose. Gerade für ältere Menschen, die von ihrer Rente nicht mehr leben können, ist das Flaschensammeln zu einer bitteren Notwendigkeit geworden. Sie sind oft auf jeden zusätzlichen Cent angewiesen. 

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Doch sogar diese geringe Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Lebensumstände wird ihnen zunehmend genommen. Der Grund: neuartige Hightech-Mülleimner. 

Pressmülleimer sollen die Stadt sauberer machen

Für viele Passanten sind die kleinen Müllkörbe in den Städten ein dauerndes Ärgernis. Sie haben nicht genug Fassungsvermögen, sodass sich der Unrat, von Plastikflaschen bis hin zu Hundekotbeuteln auf die Straße ergießt.

Die Städte wollen deshalb sauberer werden und investieren unter anderem in neuartige Mülleimer, die mit allerhand technischen Fähigkeiten ausgestattet sind. Sie funktionieren solarbetrieben, sind fest verschlossen und pressen den Abfall, damit mehr hineinpasst.

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Das Problem dabei: Menschen, die auf das Sammeln von Pfand angewiesen sind, haben keine Chance mehr, Flaschen aus den Eimern zu fischen. 

In mehreren Städten wie Hamburg, München oder Köln gibt es solche Eimer bereits, nun zieht Stuttgart mit dem Modell “Presshai” nach. Das berichtet das Online-Magazin “bento”.

Teure Hightech-Mülleimer

Die sogenannten Pressmülleimer mit Stückpreis von etwa 8000 Euro seien nach Angaben der Stuttgarter Abfallwirtschaft zwar nur eine Ergänzung zu den etwa 5000 herkömmlichen Behältern. Doch diese würden an stark frequentierten Plätzen und Straßen aufgestellt – also ausgerechnet dort, wo sich Flaschensammler den höchsten “Ertrag” erwarten.

Ein Betroffener sagte “bento”: “Wenn sich die Dinger durchsetzen, können wir gleich einpacken.”

Etwa 100 bis 150 Euro könne ein Flaschensammler im Monat laut einer soziologischen Studie des Freiburgers Sebastian J. Moser verdienen. 

Flaschensammeln: Struktur im einsamen Alltag

Doch das Geld ist bei weitem nicht der einzige Nutzen, den die Menschen vom Pfandsammeln haben:

Die Studie, über die Deutschlandfunk bereits im August 2014 berichtet hat, nennt auch nicht ökonomische Beweggründe für die  Betroffenen. Oft sei es auch das Gefühl, einer nützlichen Arbeit nachzugehen und gebraucht zu werden, das die Menschen dazu bringe, die Innenstädte auf der Suche nach Pfand zu durchstreifen. 

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Und gerade vereinsamten Menschen gebe die Tätigkeit zumindest ein wenig Struktur und ein paar Sozialkontakte in ihrem Alltag.

Verdacht: Stadt will Arme aus der Stadt drängen

Nadine Reibert ist Sozialarbeiterin im Raum Stuttgart. Sie sagte im Gespräch mit “bento”, es entstehe der Verdacht, die Ärmsten würden absichtlich aus dem Stadtbild verdrängt:

“Die Leute sind durch diese Maßnahmen nicht weg, nicht besser dran, sondern haben nur mehr Probleme. Die wollen wir nur in unserer sauberen, gut situierten Welt nicht sehen.”

Wie das online-Magazin berichtet, hat die Stadt Stuttgart spezielle Vorrichtungen für Flaschensammler, sogenannte “Pfandringe” oder “Pfandregale” zunächst getestet, den Einsatz aber am Ende verworfen. 

Ganz unabhängig davon, wie städtische Müllbehälter aussehen, kann aber jeder helfen, indem er den einfachen Slogan befolgt: “Pfand gehört daneben.” Auf diese Weise müssen Flaschensammler nicht mehr im Müll wühlen.

Gängelung von Obdachlosen: Bußgelder und Gebühren

Ob es sich bei dem neuen Müllsystem tatsächlich um einen gezielten Versuch handelt, Obdachlose und andere Bedürftige an den Rand zu drängen, ist nur eine Vermutung.

Allerdings sind in jüngster Zeit in mehreren Städten Fälle bekannt geworden, in denen städtische Behörden durch Platzverweise und Ordnungsgelder Obdachlosen das Leben noch schwerer als ohnehin machen.

In Frankfurt etwa verlangt die Stadt Verwarngelder von Obdachlosen für das Schlafen auf öffentlichen Bänken. Und in Nürnberg sorgte ein die Erhebung eines Bußgeldes gegen einen obdachlosen Rumänen für Aufsehen, das sich zuletzt auf 4000 Euro belief.

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Dabei werden die Schlafstellen für Obdachlose immer teurer: So sind in Solingen die Kosten für die örtliche Notunterkunft um das fünffache gestiegen. Und auch in Heilbronn fallen mittlerweile Gebühren an, die mit den Kosten eines Hostels vergleichbar sind.

(tb)