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31/07/2018 15:26 CEST | Aktualisiert 31/07/2018 15:26 CEST

Fitbit für Delfine? Großangelegte Forschung in Delfinarien

Wissenschaft im Zoo hilft Delfinen und Walen in der Natur

Wer jetzt in den Sommerferien in wissenschaftlich geführte Delfinarien geht, wird vielleicht den ein oder anderen Delfin entdecken, der ein kleines Gerät auf dem Rücken trägt. Der in Teneriffa beheimatete Loro Parque informiert darüber bereits in einem Video.

Diese Untersuchung, die von der Zoologischen Gesellschaft von Chicago in insgesamt 44 akkreditierten Einrichtungen durchgeführt wird, soll weitere Erkenntnisse über das Wohlbefinden von Walen in modernen Zoos und Aquarien bringen. Insgesamt sammelt man so Daten von 290 Atlantischen und Indo-Pazifischen Großen Tümmlern, 20 Belugas und acht Weißstreifendelfinen.

Diese riesige Datenmenge wird dann dazu verwendet, um wichtige Kernfragen zum Wohlergehen der Tiere zu klären:

  • Wie beeinflussen Habitatcharakteristika die Nutzung der Umgebung, den Energieverbrauch und das Schwimmverhalten der Tiere?
  • Wie wirken sich die Enrichment-Angebote auf verhaltensbezogene und physiologische Indikatoren für das Wohlergehen der Tiere aus?
  • Wie beeinflussen Art und Zeitpunkt des Tiertrainings verhaltensbezogene und physiologische Indikatoren für das Wohlergehen der Tiere?

Das sind wichtige Fragen, um das Wohlbefinden der Tiere noch detaillierter evaluieren zu können. An dieser Forschung beteiligt sind Experten der Zoologischen Gesellschaft von Chicago, der Universität von Kalifornien, vom Portland State University Biology Department und der Universität von Florida. Viele seriöse Delfinhaltungen haben sich bereit erklärt an dieser Studie teilzunehmen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Wohlergehen von Delfinen in Delfinarien

Es ist nicht das erste Mal und wird auch sicher nicht das letzte Mal sein, dass über das Wohlergehen von Walen in menschlicher Obhut unabhängig und seriös geforscht wird. Forschung ist wichtig in wissenschaftlich geführten zoologischen Einrichtungen und wird enorm groß geschrieben.

In akkreditierten zoologischen Einrichtungen für Delfine und andere Wale geht es den Tieren nachweislich gut. Zum Beispiel leben Große Tümmler in modernen Delfinarien länger (Willis, 2011), sind gesünder (Fair et al., 2017) und weniger gestresst (u. a. Monreal-Pawlowsky et al., 2017) als ihre wilden Artgenossen. Sie genießen das Training und schütten sogar Glückshormone während moderner Trainingseinheiten aus (Clegg et al., 2018; Ridgway et al., 2014). Mehr als 80 der weltweit renommiertesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet unterstützen die Haltung von Meeressäugern in modernen Zoos und Aquarien und betonen die enorme Bedeutung dieser Populationen für wichtige Schutzprojekte und die Wissenschaft.

Dieses Video ermöglicht einen Eindruck der Delfinhaltung und des Delfintrainings im Loro Parque:

Wissenschaftliche Fakten widersprechen also der Darstellung von Delfinariengegnern, die immer wieder behaupten, dass man die Tiere nicht in einer Form halten könne, die Wohlergehen der Tiere ermöglicht.

Wissenschaft im Zoo hilft Delfinen und Walen in der Natur

In den letzten Monaten hatte ich selbst die Möglichkeit mit einigen Wissenschaftlern aus diesem Fachgebiet zu sprechen. Aus diesen Interviews entstanden Videos für das Projekt zoos.media, das intensiv über die Haltung von Delfinen und anderen Walen in modernen Zoos und Aquarien aufklärt.

Prof. Marie Trone vom Valencia College traf ich als sie gerade im Zoo Duisburg zu den Amazonas-Flussdelfinen forschte. Die so genannten Inias haben ein riesiges Problem: keiner weiß genau wie wenige es sind und deshalb werden sie nicht auf der Roten Liste entsprechend als bedroht gelistet. Prof. Trone will Fakten schaffen und das wäre ohne eine tiergerechte Haltung dieser Art nicht möglich. Sie betont die Wichtigkeit von Delfinhaltungen für die Wissenschaft und so auch den Arten- und Naturschutz:

Prof. Vincent Janik von der University of St Andrews forscht auch zu Walen. Er ist für wichtige Grundlagenforschung, die auch massive Bedeutung für den Artenschutz hat, verantwortlich. Denn Umweltverschmutzung geschieht in unseren Meeren auch akustisch und bedroht so besonders Wale für die Hörvermögen das A und O ist, um in der Natur überleben zu können.

Wer also Delfine und andere Wale erfolgreich schützen will, braucht nicht nur die Forschung in situ, also im Lebensraum der Tiere in der Natur, sondern auch die Forschung ex situ, also außerhalb des Lebensraumes der Tiere in der Natur. Für letzteren Forschungszweig sind Walhaltung wie Delfinarien unerlässlich. Eine weitere wichtige Rolle in der Cetaceen-Forschung spielen die Untersuchungen an toten Tieren.

Nur, wenn man die Kräfte, die aus allen drei Quellen fließen, bündelt, wird man die Tiere effektiv schützen können, um Wale, wie zum Beispiel den Großen Tümmler, den Inia oder den Schweinswal, zu schützen. Diese Tiere zu schützen, bedeutet gleichzeitig auch ganze Ökosystem zu schützen. Da Walschutz aber nun man von Walkenntnis kommt, ist man ohne die Forschung in Delfinarien ziemlich aufgeschmissen.

Die Wichtigkeit von Delfinarien betonte auch der renommierte Artenschützer Dr. Lorenzo von Fersen von Yaqu Pacha e.V. im Interview:

Fakten sprechen eine klare Sprache

Man sieht also: die Fakten aus der wissenschaftlichen Forschung, die auch die drei renommierten Experten direkt aus der Praxis bestätigen können, sind eindeutig. Bereits in diesem Moment sind ganze Walarten ausgestorben und verschiedene Arten und Populationen kämpfen ums nackte Überleben. Denen muss geholfen werden und die modernen Zoos und Aquarien mit Delfinen in tiergerechter Haltung leisten dazu einen unersetzbaren Beitrag.

Wir werden auch in Zukunft noch weitere Forschung benötigen, die nicht nur die Haltung der Tiere optimiert, sondern vor allem die wilde Delfine und andere Wale vor dem endgültigen Aussterben bewahrt. Die Forschung der Zoologischen Gesellschaft von Chicago wird einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Die Geräte, die man vielleicht auf dem Rücken der Tiere sehen kann und quasi so funktionieren wie ein Fitness-Armband, sind dafür unerlässlich.