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07/01/2019 22:01 CET | Aktualisiert 07/01/2019 22:01 CET

Nach einer Fehlgeburt habe ich meinen totgeborenen Sohn eigenhändig beerdigt

Ich habe nie so viel Traurigkeit in meinem Leben gespürt.

Adrian Sutherland erfuhr überraschend, dass er noch einmal Vater werden würde – zum fünften Mal. Nach einem kurzen Moment, in dem er sich an den Gedanken gewöhnen musste, freute er sich auf das Kind. Doch sein Sohn starb vor der Geburt im Mutterleib. Über seinen Umgang mit der Fehlgeburt schreibt er in einem Gastbeitrag für die HuffPost Kanada. 

Adrian Sutherland

Meine Musikkarriere kam allmählich in die Gänge, und auch der Betrieb, den meine Frau und ich gegründet hatten, nahm Gestalt an. Mit Midnight Shine hatte ich gerade unser drittes, mit Spannung erwartetes Album fertiggestellt, und es ging bergauf. Das Restaurant steckte noch in den Kinderschuhen und lief noch nicht rund, aber die Zahlen waren vielversprechend. An beiden Fronten sah es so aus, als würde sich unsere harte Arbeit auszahlen.

Und dann kamen die Neuigkeiten.

Meine Frau Judy und ich erwarteten unser fünftes Kind. Großartige Neuigkeiten! Doch die Schwangerschaft kam für uns völlig überraschend. Wir hatten jahrelang versucht, ein weiteres Kind zu bekommen, aber ohne Erfolg. Und jetzt ist es plötzlich passiert!

Am selben Tag eröffnete uns meine älteste Tochter, dass sie ebenfalls ein weiteres Baby erwartete. Sowohl meine Tochter als auch meine Frau strahlten und weinten. Der surreale Gedanke, gemeinsam Kinder zu bekommen, bewegte sie sehr. Demgegenüber hatte ich das Gefühl, als stürze eine Tonne Ziegelsteine über mir zusammen. “Geht es dir gut?”, fragten sie mich. Meine Antwort lautete: “Ich geh mal raus und mach‘ einen sehr langen Spaziergang.” Dann ging ich los. Für einen Tag waren das sehr viele Baby-Nachrichten, und ich bin sicher, mein fassungsloser Gesichtsausdruck sprach Bände.

Wir verloren unser kleines Baby, bevor es überhaupt die Chance bekam, geboren zu werden.

Als meine Frau im dritten Monat war, merkten wir, dass etwas nicht stimmte

Als Vater und Großvater kam nun mehr Verantwortung auf mich zu. Ich würde mich am Riemen reißen und noch härter arbeiten müssen. Der Gedanke an gleich zwei neue Babys war beängstigend, aber ich akzeptierte das und stand dazu. Es dauerte nicht lange, bis ich meine eigene Freude an der Situation fand. Und bald begrüßte ich die Idee, zwei neue Babys in unsere Familie aufzunehmen.

Als meine Frau im dritten Monat war, merkten wir, dass etwas nicht stimmte. Wir verloren unser kleines Baby, bevor es überhaupt die Chance bekam, geboren zu werden. Ich kann nicht beschreiben, wie erschütternd es war zu sehen, wie sehr meine Frau unter diesem ungeheuren Verlust litt. Es war wirklich qualvoll. Wir kämpften beide auf unsere eigene Weise. Ich persönlich habe nie so viel Traurigkeit in meinem Leben gespürt. 

Judy und ich beschlossen, unserem kleinen ungeborenen Kind einen Namen – Tobias Moses Sutherland – zu geben und es auf traditionelle Weise zu beerdigen. Am vierten Tag nach der Fehlgeburt baute ich einen winzigen Sarg und eine kleine Axt für ihn. Auch unsere Kinder gaben jeweils etwas Persönliches mit in den Sarg, zusammen mit Spielzeug und einem kleinen Teeservice. Er bekam auch ein Gewehr. Obwohl unser kleiner Tobias es nie auf diese Welt geschafft hat, hatten wir das Gefühl, dass er die grundlegenden Werkzeuge und ein wenig Komfort für seine spirituelle Reise brauchte.

Ein emotional sehr anstrengender Tag lag vor mir, als ich mit meinem Bruder zu einem unserer Jagdlager rund 64 Kilometer nördlich aufbrach. Hier sollte Tobias seine letzte Ruhe finden. Für die Fahrt mit dem Schneemobil legte ich ihn in einen großen Rucksack. Die Reise war gefährlich, denn es hatte gerade erst zu frieren begonnen. Ich konnte spüren, dass meinen Bruder die Angst beschlich. Aber wir ignorierten das. Unsere Aufgabe war zu wichtig.

Er war durch seine Mutter zu uns gekommen, jetzt würde er durch Mutter Erde zurückkehren

Als wir das Delta des Ekwan River (ein großer Fluss gut 30 Kilometer nördlich von Attawapiskat [im Norden Ontarios, Kanada, Anm. d. Red.]) überquerten, brach mein Fahrzeug im Eis ein. Ich war schon dabei unterzugehen, da geschah etwas Außergewöhnliches. Es fühlte sich an, als ob etwas das Schneemobil aus dem Wasser hob und mich und das Gefährt sicher auf dem Eis landen ließ.

Ich drehte mich schnell zu meinem Bruder um, und ohne ein Wort über das gerade Geschehene zu wechseln, wussten wir, dass uns eine höhere Macht begleitete. Ich kann es nicht erklären, aber ich spürte etwas Ermutigendes und Beruhigendes, das mir die nötige Kraft gab weiterzufahren.

Stark für andere zu sein ist gut. Aber ich weiß auch, dass wir – als Väter und Ehemänner – unsere Gefühle loslassen müssen, um selbst heilen zu können.

Schließlich kamen wir an dem Ort an, an der das Grab sein sollte. Mein Bruder grub knapp einen Meter tief, und wir legten den kleinen Tobias hinein. Er war durch seine Mutter zu uns gekommen, jetzt würde er durch Mutter Erde zurückkehren.

Als wir fertig waren, weinte ich hemmungslos. Ich hörte meine eigenen Schreie durch den Wald hallen, und jetzt endlich konnte ich all die Traurigkeit loslassen, die ich in der vergangenen Woche in mir getragen hatte. Stark für andere zu sein ist gut. Aber ich weiß auch, dass wir – als Väter und Ehemänner – unsere Gefühle loslassen müssen, um selbst heilen zu können. Emotionen äußern sich verschieden. Wenn wir gut mit ihnen umgehen können, finden wir im Leben einen besseren Platz.

Es ist jetzt ein Jahr her, dass wir den kleinen Tobias begraben haben. Wir hatten das Glück, unseren neuen Enkel Ezra im vergangenen Mai gesund auf der Welt begrüßen zu dürfen. Den Sohn, den wir verlorenen haben, werden wir nie vergessen.

Dieser Blog erschien zuerst bei der HuffPost Kanada und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt und redaktionell angepasst. 

(glm)