LIFE
16/02/2019 14:12 CET

Feeding-Fetisch: Ich bin essgestört – und verliebt in einen Essfetischisten

"Ich jammerte gerade darüber, wie zum Platzen voll ich mich fühlte, als Drew unser Gespräch unterbrach."

"Ich sah Videos von Mädchen in Hotelzimmern, die sich durch 90 x 120 Zentimeter große Pizzen fressen. Ich sah Mädchen, die sich literweise mit Pepsi abfüllen und zur Freude ihrer Zuschauer laut rülpsen."

Kurz vor unserem ersten Jahrestag sagte mir mein Freund Drew, dass er einen Feeding-Fetisch habe. (Deutsch: “Fütter-Fetisch” bezeichnet die sexuelle Vorliebe, den Partner zu füttern, bis dieser übergewichtig ist. Anm. d. Red. )

Besser gesagt, er schrieb es mir. Er besuchte seine Familie in Florida, und ich war nach einem 12-Stunden-Arbeitstag allein in unserer Wohnung.

Ich hatte mir Essen bei einem Lieferservice bestellt, es verschlungen und lag auf dem Boden neben unserem Bett ― vollgestopft mit gebratenen Nudeln und einer riesigen Menge Eierrollen.

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Ich jammerte gerade darüber, wie zum Platzen voll ich mich fühlte, als Drew unser Gespräch unterbrach.  

“Es ist seltsam. Ich weiß nicht, ob du es aus meinen Kommentaren herausgelesen hast, aber ich mag es, zu füttern. In einem sexuellen Sinn ...“

Ich erstarrte. Meine Augen blieben an den drei blinkenden Punkten auf dem Bildschirm hängen.

“Ich habe es zunächst nicht angesprochen wegen dem, was du durchgemacht hast.“

Ich hielt weiter den Atem an.

“Aber um mitteilsamer zu sein, wollte ich es dir sagen.“

Ich atmete aus.

Zu füttern ist, wie ich später herausfinden würde, grundlegend im Feeding: einer sexuellen Subkultur, die übermäßiges Essen und Gewichtszunahme als Fetisch kultiviert. Drew fühlt sich damit unwohl, weil ich Essen in der Vergangenheit missbräuchlich konsumiert habe. Mein Leben kann untergliedert werden in Episoden der Völlerei, des Erbrechens, der Beschränkung und wieder der Völlerei.

Esstörungen und Feeding

Meine Obsession mit dem Essen begann vor über einem Jahrzehnt und manifestierte sich als Anorexie - ein fehlgeleiteter Versuch, meine instabile Umgebung zu kontrollieren. Schließlich schwang das Pendel in die andere Richtung, aus Einschränkung wurde Erlaubnis. Ich fing an, mich vollzustopfen, als riefe ich meinem ehemals sich einengendem Selbst ein schwaches “Geh zum Teufel“ zu. Aber die Angst setzte sich durch und um das übermäßige Essen auszugleichen, wurde ich bulimisch.

Als Drew und ich anfingen, miteinander auszugehen, dachte ich, wir hätten das System überlistet. Ich war nie zuvor verliebt gewesen und es war magisch. Ich staunte über unsere geheime Welt. Wir hatten etwas aus dem Nichts erschaffen.

Alles war einfach. Ich hatte einen besten Freund, mit dem ich gerne Sex hatte. Neun Monate nach unserem ersten Date zogen wir in eine Studio-Wohnung. Zwei Monate später offenbarte Drew seinen Spleen.

Mein Appetit erregt ihn

Zuerst war es spannend. Wie wenn Ihr merkt, dass ihr nie die Schutzfolie vom Bildschirm eures iPhones gezogen habt und durch das Entfernen der Schicht einen Neuanfang macht. Dies mit meinem perfekten Freund, der bei Jeans die gleiche Größe 30 trägt wie ich und Gewichte hebt, während wir fernsehen. Obwohl ich weniger wiege als es Drews Fantasie entspricht, macht ihn mein Appetit an. Dieser Einblick in seine Sexualität, der Gedanke, wie viel Frau er will, ließ ihn in meinen Augen männlicher erscheinen. Eine Zeit lang erschien alles schillernd und neu.

Als frischgebackene Uni-Absolventin tat ich, was ich kannte: Ich recherchierte. Ich fand Websites, Artikel und Videos über Feeding ― eine sexuelle Neigung mit genügend Unterkategorien, um mit dem Typenindikator von Myers-Briggs zu konkurrieren.

Feeding entsteht oft aus einem Fett-Fetischismus heraus, aber beide Spleens sind nicht untrennbar verbunden; sie existieren unabhängig voneinander. Feeder wollen ihre Partner füttern, und Feedees wollen gefüttert werden. Gainer [Gemästete, Anm. d. Red.] stimuliert das Fett-Ansetzen sexuell. Es gibt Fat-Admirer [Bewunderer von Körperfett, Anm. d. Red.], die einfach die Schönheit von BBWs und SSBBWs (große schöne Frauen und große schöne Frauen mit Übergröße) genießen wollen. Und es gibt das so genannte Stomach Play, Squashing und Inflation [Reiben des Bauchs; mit vollem Körpereinsatz auf den Partner legen, bis der kaum noch Luft bekommt; den Körper künstlich dick machen, etwa durch Ballons unter der Kleidung, Anm. d. Red.].

Feeding-Pornos: “Mit dem Gesicht voraus in den Kuchen”

Ich sah Videos von Mädchen in Hotelzimmern, die sich durch 90 x 120 Zentimeter große Pizzen fressen. Ich sah Mädchen, die sich literweise mit Pepsi abfüllen und zur Freude ihrer Zuschauer laut rülpsen. Ich bat Drew, mir zu zeigen, was er mag, und er schickte mir ein Video von einer molligen Blondine in Unterwäsche. Sie stützte sich auf die Hände und Knie und bemaß einen Kuchen auf dem Küchenboden. Sie fuhr mit ihren Händen anzüglich auf ihrem Bauch auf und ab, und tauchte dann mit dem Gesicht voraus in den Kuchen.

Mich beeindruckte das. Ich freute mich über die feministische, aufrührerische Seite der Community ― die Plätzchenformen, in die Frauen passen sollen, werden unverhohlen ins Gegenteil verkehrt. Ich war fasziniert von den Menschen mit Neigung zum Fetisch: Frauen, die damit prahlten, dass sie nicht mehr in ihre Kleidung passen, weil sie so zugenommen haben. Frauen, deren Bauch bis zu den Oberschenkeln quoll.

Ich beobachtete, wie sie ihr Bauchfett anhoben und losließen, so dass ein klatschendes Geräusch entstand. Ich sah, wie sie ihr Bauchfett anhoben und auf ihre Küchenarbeitsplatten fallen ließen, um den Bauch zu massieren, als würden sie Teig kneten.

“Geisel der Ernährungskultur”

In mein vergnügtes Staunen mischte sich allerdings etwas Hässlicheres, ein urzeitliches Zischen. Ich kochte vor Wut, in mir brach sich brachial Groll gegen diese Frauen Bahn. Sie schienen so zufrieden mit ihrem Körper, so radikal schamlos. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem sie ihrem Verlangen ohne Schuldgefühle freien Lauf ließen. Das schien mir unfair zu sein.

Die meiste Zeit meines Lebens war ich Geisel der Ernährungskultur. Jugendliche Unsicherheit setzte mich gefangen, und das Stockholm-Syndrom sorgte dafür, dass ich nicht mehr loskam.

Dabei hatte ich es mir, umarmt von dieser falschen Tugend, gemütlich eingerichtet. Doch ich zahlte irreversible Kosten – mein panisches Ego klammerte sich an die gestörte Denkweise, die mich seit meinem 12. Lebensjahr wie der Polarstern die Seefahrer leitete. Ich ordnete mich der gesellschaftlichen Richtlinie unter, die überall mit unsichtbarer Tinte geschrieben zu sein schien: Versuche dünn zu sein, das ist ein moralischer Imperativ.

Meine Wut auf diese Frauen resultierte daraus, dass mir allmählich die Wahrheit dämmerte. Ihre Lichtstrahlen enthüllten meinen Lebensstil als das, was er war: unglücklich. Gestörtes Essverhalten raubt dem Leben seine Vitalität. Jeder Wutanfall war eine Reaktion auf die Freisetzung toxischer Gedanken, die zu meinen Kernüberzeugungen geworden waren.

Experiment Feeding-Fetisch

Und nun war ich zufällig in die gegenteilige Community geraten. Ich wurde in eine absurde Welt geworfen, in der meine tiefsten Unsicherheiten aufs Podest gestellt und sexualisiert werden. Könnte diese bedingungslose Akzeptanz des Körpers Realität für mich werden? Ich beschloss, es zu probieren.

Drew war noch in Florida, als ich ihn fragte, ob er mich füttern wolle.

“Was meinst du damit?“, schrieb er zurück.

“Bestell mir eine Pizza.“

“Bist du sicher?“

“Absolut“, antwortete ich und fügte ein Herz-Emoji dazu.

Eine Stunde später kam eine große Pizza an meiner Haustür an.

“Willst du mir über FaceTime zusehen, während ich sie esse?“

“Nicht unbedingt“, tippte er. “Würde es dir was ausmachen, mir davor und danach Fotos von deinem Bauch zu schicken?“

Ich lächelte in mich hinein. Es machte mir nichts aus. Stolz auf meinen flachen Bauch streifte ich mein T-Shirt ab und schlüpfte aus meiner Hose.

20 Minuten später schickte ich ihm ein Bild von der leeren Pizzaschachtel.

“Baby!“ Er antwortete sofort. “Hat es dir Spaß gemacht?“

“Ja!“, sagte ich aufrichtig. Ich stand auf und ging zurück zu unserem Ganzkörperspiegel für das Nachher-Bild. Ausnahmsweise dachte ich mal nicht daran, meinen Magen einzuziehen.

Die Tage bis zu Drews Heimkehr verbrachte ich voller Neugierde. Ich wollte seine Macke analysieren. Obwohl seine Vorlieben völlig einem Fett-Fetisch entsprechen, vermeidet er diesen Begriff. Frauen in der Feeding-Community outen sich freiwillig, oft auf der Suche nach sexueller Befriedigung. Sie erklären offen ihre Vorlieben, um angemacht zu werden, anstatt ohne Zustimmung und schlicht aufgrund ihres Körpers zum Objekt degradiert zu werden. Für Drew ist diese Unterscheidung unerlässlich.

“Ich aß den luftgetrockneten Schinken so schnell wie Popcorn”

Als er nach Hause kam, verfielen wir mühelos wieder in unsere gewohnten Abläufe. Ich hatte weniger Hemmungen, nach einer zweiten Portion zu greifen. Doch ich begrüßte ihn nicht schon an der Haustür mit einem Becher Schlagsahne in der Hand, um sie auf sein Signal hin zu verschlingen.

Bald war es unser Jahrestag - ein guter Zeitpunkt, um mit meinem neu gewonnenen Wissen die Wende einzuleiten. Wir gingen in ein teures italienisches Restaurant. Ich trug ein kurzes schwarzes Kleid und darunter Unterwäsche, die lediglich aus einem String bestand.

Erst tranken wir Cocktails, dann bestellten wir ausgewählten Aufschnitt, und ich aß den luftgetrockneten Schinken so schnell wie Popcorn. Ich wollte seinen Wünschen entsprechen. Alles, was ich dafür tun musste, war, mich selbst zu verwöhnen. Mein Risotto war eine Schüssel voller Genuss mit zarten Trüffelspänen.

Wir verließen das Restaurant in beschwipstem Gelächter, und ich sagte Drew, dass er mir Eis kaufen solle.

“Dein Wunsch ist mir Befehl.“ Sein rechter Mundwinkel verzog sich frech nach oben.

Zu Hause angekommen fühlte ich mich, als hätte ich eine Bowlingkugel geschluckt. Aber ich wollte mein Vorhaben die Nacht über durchziehen.

“Er fand meinen ganzen Körper sexy”

Drew schob mein Kleid nach oben und streichelte meinen aufgeblähten Bauch. In meinem Kopf gingen vor lauter Unsicherheit die Alarmglocken an, was ich zu ignorieren versuchte. Er fand meinen ganzen Körper sexy - warum sollte ich das nicht auch? Wir fielen auf das Bett, ich kletterte auf ihn, rieb mir den Bauch wie die Mädchen in den Videos und wartete darauf, dass mein Vorhaben “Spiel etwas vor, bis es du es geschafft hast“ wahr würde und ich ihn antörnte.

Er packte die Fettpolster unter meiner Hüfte, drückte sie zusammen und stöhnte vor Lust. Ich versuchte, präsent zu bleiben, aber mein Verstand wollte sich von meinem Körper lösen, um zufrieden aus der Ferne alles zu beobachten und Notizen zu machen. Ich hatte nicht das Gefühl, Sex zu haben; ich fühlte mich wie eine Undercover-Journalistin, deren Augen größer waren als ihr Appetit. Ich passte hier nicht rein.

Wenn ich mich vollfresse, gehört mein Körper nicht mehr mir; ich gebe die Verantwortung ab. Nicht auf eine sexy, devote Art. Ich halte die Dinge schlichtweg bequem auf Distanz. Der Mischung Sex beizugeben ist so sinnlos wie jemanden nach dem Zahnarzt mit taubem Kiefer zu küssen.

“Ich hoffte, seine Bestätigung würde ein Allheilmittel sein”

Theoretisch hätte die Dynamik funktionieren sollen. In der Praxis fühlte es sich allerdings unglaublich unangenehm an – wie ein Mantel, den ich an anderen bewundere. Doch als ich ihn anprobiere, kratzt die Wolle wie Schmirgelpapier am Nacken und die Ärmel engen meinen Bewegungsspielraum ein.

Als Drew seinen Fetisch offenbarte, gab er mir einen Freifahrtschein. “Hier“, stand auf dem Papier. “Weißt du, was du am meisten an deinem Körper hasst? Das viele Fleisch? Die Angst, dass du patzt, ein paar Pfund zunimmst und monströs wirst? Genau das finde ich am attraktivsten. Hier hast du die externe Gültigkeitserklärung. Sie reicht aus, um jede Unsicherheit abzuwehren.“

In meiner Trägheit hoffte ich, seine Bestätigung würde ein Allheilmittel sein. Allerdings überraschte es mich nicht, dass dies nicht der Fall war. Mein Selbstwertgefühl gewann ich nie (bewusst) über andere. Es ist tief in meinem Bauch unter Minen vergraben, an einem Ort mit lautstarken Meinungen und ohne Logik.

“Die Liebe meines Freundes zu Fett hat nichts in mir geheilt”

Drew und ich sind immer noch zusammen und wollen dies auch bleiben. Wir sprechen abstrakt über das Heiraten und konkret über die Adoption eines Kätzchens. Dazwischen diskutieren wir über einen Dreier mit jemandem, der gerne gefüttert wird. Wir haben eine offene Beziehung in Betracht gezogen, aber es vorerst auf Eis gelegt.   

Unsere Geheimnisse fühlen sich nicht mehr wie etwas Besonderes an. Jetzt, da ich weiß, dass ich nicht alles für ihn sein muss und er nicht alles für mich, hat unsere Beziehung Raum zum Atmen. Einige Dinge überlassen wir am besten der Fantasie, aber das bedeutet nicht, dass wir uns nicht genug sind.

Die Liebe meines Freundes zu Fett hat nichts in mir geheilt. Der Blick in den Ganzkörper-Spiegel ist weit entfernt von einer Selbstliebe-Offensive oder einem Victoria’s-Secret-Katalog.

“Obwohl ich immer noch mit dem Essen kämpfe, ist es längst nicht mehr das Biest, das es mal war”

Aber die Dinge haben sich geändert, wenn auch fast unmerklich. Ich beobachte, wie er meinen Körper behandelt, und versuche, es ihm nachzumachen: Liebkosen, nicht kritisieren. Wenn ich mich auf meine Seite drehe, greife ich nicht mehr nach dem Fleisch, das sich über meinem Bauch bildet, und wünsche mir auch nicht länger, ich könnte es mit der Schere auf unserem Küchentisch abschneiden.

Obwohl ich immer noch mit dem Essen kämpfe, ist es längst nicht mehr das Biest, das es mal war. In den vergangenen zehn Jahren begleitete mich meine Essstörung wie ein dunkler Schatten an meiner Schlafzimmerwand. Ich wusste nicht, woher sie kam, es interessierte mich auch nicht.

Ich war zu sehr mit meiner Verehrung einer schemenhaften Figur beschäftigt, um die Störung objektiv zu analysieren. Mit meinem Partner offen darüber zu sprechen, ließ sie nicht verschwinden. Aber Licht ging an - und enthüllte den schrecklichen Schatten als das, was er wirklich war: etwas Hässliches, etwas Einflussreiches und etwas Handhabbares.

Dieser Text erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt. 

(ame)