POLITIK
01/10/2018 12:13 CEST | Aktualisiert 04/10/2018 09:30 CEST

FDP-Landtagskandidat wirbt mit Hanf-Plakat – wir haben ihn getroffen

Er träumt vom "Hanftag im Landtag".

WENZEL CERVENY
Wenzel Cerveny mit seinem Maskottchen im Hanffeld. 

Wenzel Cerveny hat einen Traum. “Einmal im Monat machen wir Hanftag im Landtag, das wird geil.” Seine Augen glänzen, wenn er das sagt.

Hinter ihm stehen in seinem Münchner Hanf-Geschäft braune Fläschchen mit Cannabis-Öl bis hoch an die Decke. Daneben ragt auf einem Plakat Cervenys Kopf aus einem Meer von Hanfpflanzen hervor. “Vom Hanffeld in den Landtag” steht darüber. Der 57-Jährige weiß, wie er auffallen kann.

Cerveny kämpft für die FDP um den Einzug ins bayerische Parlament auf Listenplatz 42. Der Platz sei ein glücklicher Zufall, sagt er. “Four-twenty, verstehst du?”

420 ist ein Code für Cannabis-Konsumenten auf der ganzen Welt. Weil sich bekannte Cannabis-Freaks in den 70er-Jahren mal zu einem Treffen um 4.20 Uhr am Nachmittag getroffen hatten.

Sollte Cerveny es am 14. Oktober tatsächlich als Außenseiter in den Landtag schaffen, es wäre der vorläufige Höhepunkt seines hartnäckigen Ringens um die Legalisierung von Cannabis. Und der Erfolg für einen Mann, der über Umwege beim Thema Cannabis und über die Pflanze überhaupt erst bei der FDP gelandet ist.

Der Mann mit dem Hanf

Cerveny verkauft in seinem Laden neben Cannabis-Öl auch Cannabis-Käse, Cannabis-Limo und Cannabis-Pasta. Er selbst kifft nicht. Keines der Produkte in seinem Laden macht high.

Sie enthalten kaum THC, das berauschend wirkt und unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Der THC-Gehalt in Cervenys Cannabis-Öl liegt unter den gesetzlich festgelegten 0,2 Prozent für Hanfprodukte.

LEONHARD LANDES
Cervenys Laden in München. 

Für Cerveny ist Cannabis eine unterschätzte Heilpflanze. Stundenlang kann er über die Heilmöglichkeiten von Cannabidiol, abgekürzt CBD, referieren, das in Hanfprodukten steckt. Es helfe bei Verspannungen, Rückenleiden und Knochenkrankheiten, sagt Cerveny. 

CBD ist in Schweden zur Behandlung von Schmerzen bei Patienten mit multipler Sklerose zugelassen. In Deutschland werden CBD-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel verkauft, einen Health Claim dürfen sie nicht tragen.

“Probieren Sie es einfach, ich bin ja kein Arzt” 

Cannabis auf Rezept – das gibt es in Deutschland seit März 2017. Aber nicht immer erhalten Patienten das Rezept, wenn sich der Arzt oder die Krankenkasse querstellen. Menschen mit starken Schmerzen kämen daher manchmal zu ihm, um sein Cannabis-Öl zu kaufen, sagt Cerveny.

“Das ist keine Medizin, das ist ein Naturextrakt”, sage er ihnen dann. Ob es gegen ihre Beschwerden helfe? “Probieren Sie es einfach, ich bin ja kein Arzt.”

Der Schmerzmediziner Joachim Nadstawek erklärte dem “Handelsblatt” kürzlich, seiner Erfahrung nach helfe Cannabis mehr als der Hälfte der Patienten.

Cerveny lässt uns auch probieren, er träufelt einen Tropfen seines Öls auf den Handrücken. Es schmeckt sehr bitter, sonst spürt man nichts. Der Geschmack wird noch einige Stunden auf der Zunge bleiben. 

Mehr zum Thema: Warum das neue Cannabis-Gesetz tausende Schmerzpatienten wütend macht

Hanf, die Wunderpflanze

Für Cerveny hören die Vorteile der vielseitigen Hanfpflanze bei der Medizin noch lange nicht auf. Er holt eine kleine Box, die aus Hanfkunststoff besteht. “Wenn du das in die Erde eingräbst, ist das nach zwölf Wochen kompostiert.”

Aus den Stängeln der schnell wachsenden Hanfpflanze könne man Klamotten, Baumaterial, Kunststoff und Papier herstellen. “Die alten Bibeln, auch die Unabhängigkeitserklärung in den USA, sind auf Hanf geschrieben worden. Papier wäre zerfallen.”

Ja, ohne Hanf hätte Christoph Kolumbus nie Amerika entdeckt, behauptet Cerveny, er wäre nie dort angekommen. “Ein Baumwollsegel hätte es ihm wegen der Feuchtigkeit und des Salzwassers zerfetzt.”

Hanf, die Wunderpflanze. Wenn Cerveny darüber spricht, kommt er ins Schwärmen. Und es wird deutlich: Der Mann ist auf einer Mission. Er will Hanf als Rohstoff und Cannabis als gesundheitliches Mittel rehabilitieren.

Wie Cerveny zur FDP kam 

Bevor sich Cerveny der grünen Pflanze verschrieb, war er 25 Jahre Gastronom. Nach dem Volksentscheid zum Rauchverbot in Bayern 2010 musste er aber bald sein letztes Lokal mit Raucherclub schließen.

Aus dem Gastronom Cerveny wurde der Aktivist Cerveny. Mit einem Wohnmobil tourte er für die Kampagne “Ja zu Raucherclubs” durch Bayern. 2013 kandidierte er für die Bayernpartei bei der Landtagswahl. Die blau-weißen Separatisten waren als einzige Partei gegen das Rauchverbot.

Während seiner Reise durch den Freistaat sei er von vielen Menschen auf die Legalisierung von Cannabis angesprochen worden. “Geht’s noch, das sind ja Drogen”, sei seine Antwort damals gewesen.

Zehn Tage mit einem kiffenden Franzosen 2013 während einer Messe in Großbritannien hätten dann alles geändert. Der Mann habe Cerveny von den gesundheitlichen Vorteilen von Cannabis erzählt. Eine Woche lang habe Cerveny danach alles über das Thema gelesen, sagt er. Ab dann war klar für ihn: Hanf wurde jahrzehntelang diskriminiert.

Cerveny tourte wieder auf der Straße und sammelte Unterschriften für die Cannabis-Legalisierung. Bei der FDP sei er gelandet, nachdem die Partei 2015 eine kontrollierte Freigabe von Cannabis ins Parteiprogramm aufgenommen hatte. Keine andere Partei habe mit Cannabis Wahlkampf machen wollen.

Hanf ist hip 

Klar ist: Cannabis ist noch immer eine umstrittene Pflanze in der Wissenschaft. Es gibt Experten, die Marihuana für eine Einstiegsdroge halten und vor den gesundheitsschädlichen Folgen für minderjährige Konsumenten warnen.  

Sollte Cerveny es in den Landtag schaffen, dann will er die Mittel seines Amtes dafür nutzen, Experten einzuladen, die seine Sicht unterstützen. Mit “Hanftag im Landtag” meint Cerveny keine bekifften Abgeordneten im Maximilianeum, sondern Aufklärungsveranstaltungen. Der Listenplatz 42 ist für ihn ein Vehikel.

Aber dass die Liberalen jemanden wie Cerveny nominieren, zeigt auch, wie sich unsere Gesellschaft gerade verändert. Cannabis drängt aus der Schmuddelecke in den Mainstream. Jüngst sorgte Coca-Cola für Schlagzeilen, als bekannt wurde: Der Konzern plant womöglich ein Getränk, das CBD enthält.

International schreitet die Legalisierung fort. Drei Tage nach der Landtagswahl in Bayern, am 17. Oktober, können Menschen Tausende Kilometer entfernt in Kanada erstmals legal Marihuana kaufen.

Die FDP hat sich dieses Themas angenommen, die Grünen vertreten es in Bayern nicht offensiv.

“Eine neue Generation Bayern”

Nach dem Trauma 2013, als die Liberalen aus dem Bundestag flogen, versucht die FDP auch im Freistaat sich ein frisches, junges Gesicht zu geben. Ihr Spitzenkandidat Martin Hagen ist 37 Jahre alt und wirbt mit dem Slogan “Eine neue Generation Bayern”.

Zu dieser neuen Generation gehört für Hagen offenbar auch ein Mann wie Cerveny. Der mit einem Thema wie der Legalisierung von Cannabis eine junge Wählerschaft anspricht.

15.000 Stimmen brauche er, glaubt Cerveny, um über die Liste in den Landtag zu kommen. Vielleicht auch nur 8000. Falls es nicht klappen sollte und der Hanftag im Landtag nicht Realität wird, werde er weitermachen wie zuvor. Weiter auf der Straße stehen und mit Menschen sprechen. Weiter Läden eröffnen und Cannabis-Käse verkaufen.

(sk)