POLITIK
09/06/2018 14:54 CEST | Aktualisiert 15/06/2018 11:04 CEST

Moskau: Bundestagsabgeordnete kicken gegen Dumavertreter – wir waren dabei

Weil das deutsch-russische Verhältnis kriselt, ging es um mehr als nur Sport.

Ekaterina Bodyagina
Deutsche (grün) und russische Politiker (rot) im Fußballduell

Thomas Oppermann holt tief Luft, läuft an und knallt den Ball in die obere, rechte Torecke.

Der Elfer sitzt, der SPD-Politiker und Vizepräsident des Bundestags hebt beide Hände in den Moskauer Abendhimmel und lässt sich feiern wie ein Held. 

Der FC Bundestag

Oppermann hat Lederschuhe und Anzug gegen Fußballschuhe, Stutzen und ein grünes Trikot mit der Aufschrift FC Bundestag getauscht.

Er ist einer von fünfzehn Bundestagsabgeordneten, die am Freitag nach Moskau gereist sind, um gegen Vertreter der Duma zu spielen, dem russischen Parlament.

Vordergründiger Anlass dieses Spiels ist der Beginn der Fußballweltmeisterschaft in einer Woche – und das Sportliche der Begegnung ist auch schnell erzählt.

Der Bundestag verliert 5:3, vielleicht auch, weil die Russen zehn Tage lang je zwei Mal für dieses Spiel trainiert haben und sich von einem früheren Nationaltrainer coachen ließen.

Es gibt Fouls wie an dem CDU-Abgeordneten Eberhard Gienger, 66 Jahre, früherer Olympionike im Kunstturnen.

Den wirft es auf den Boden, sodass er später ausgewechselt werden muss. Gegen Jörn König, AfD.

Doppeltes Spiel

In Erinnerung bleiben wird allerdings viel mehr die politische Dimension dieser Begegnung. Insofern war es ein doppeltes Spiel, das da in Moskau gespielt wurde.

Ekaterina Bodyagina

Das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland ist so kompliziert wie lange nicht mehr, allein das machte die Begegnung so bemerkenswert.

► Das lässt sich etwa daran ablesen, dass sich bislang kein deutscher Regierungsvertreter bereiterklärt hat, zur Fußballweltmeisterschaft zu reisen. Von Boykott ist gar die Rede.

► Oder an der Absage Kanzlerin Angela Merkels (CDU) an den Vorschlag von US-Präsident Donald Trump, Russland wieder zum G7-Format einzuladen.

Das vermeldeten die Nachrichtenagenturen vom Gipfel in Kanada, da waren die Flutlichter im Stadion “Krasnaja Presnja”, dem Fußballplatz am Regierungssitz, gerade angegangen.

► Die Liste an Gründen für das schlechte Verhältnis ist lang – die Krim-Annektion, die Sanktionen und die russische Einmischung etwa in die US-Präsidentenwahl sind nur einige davon.

Auch einige Spieler des FC Bundestags sagten deswegen die Reise nach Moskau ab. Etwa der Grünen-Politiker Stephan Kühn, der auf Twitter nicht ganz unbegründet schrieb:

Oppermann hingegen sprach im “Deutschlandfunk” davon, dass es “gar keinen besseren Zeitpunkt” für die Reise geben könne, weil das Normandie-Format in den kommenden Wochen neu aufgelegt werde.

Dabei treffen sich Russland, die Ukraine, Deutschland und Frankreich, um über den Krieg in der Ostukraine zu verhandeln.

“Wir wollen eine menschliche Atmosphäre schaffen und signalisieren, dass es ernste Differenzen gibt, aber dass man die überwinden kann, wenn man sich gemeinsame Ziele setzt”, sagte Oppermann.

Auch das ist nachvollziehbar.

Spektakel für die Morgennachrichten

Die russische Seite jedenfalls machte kein Geheimnis daraus, wie wichtig ihr diese Begegnung ist – und inszenierte ein Spektakel, auch für die Kameras der staatseigenen Medien.

Ekaterina Bodyagina
Russische Fans im Stadion "Krasnaja Presnja".

Der Gastgeber beschallte das Stadion mit deutschen Fußball-Schlagern wie Culcha Candelas “Von allein”, Uwe Lenas “Schland, oh Schland” und Oliver Pochers “Schwarz und Weiß”.

Etwa hundert Russen kamen ins Stadion, kein Platz blieb unbesetzt. Sie feuerten ihr Team mit lauten “Russland”-Rufen an, schwenkten Schals und Fahnen ihres Teams.

Am Spielfeldrand bauten sich Dutzende russische Kamerateams und Journalisten auf, um darüber zu berichten.

First Chanel / Screenshot
Der FC Bundestag in den russischen Morgennachrichten.

Der “Erste Kanal”, Russlands größter Fernsehsender und staatseigen, vermeldete den Sieg der Russen wie ein WM-Spiel in den Morgennachrichten.

Der Begegnung räumte man darin so viel Sendezeit ein wie einem Bericht über den G7-Gipfel.

“Ein solches Spektakel”, sagte später ein deutscher Spieler, werde es beim Rückspiel in Berlin nie und nimmer geben. “Da kommen vielleicht zehn Mann.”

Bringen die Gespräche was?

Vollgepackt war nicht nur das Stadion, sondern auch das Programm. Als die Bilder von dem Spiel am Morgen über Russlands Fernseher liefen, waren die Bundestagsabgeordneten schon wieder auf dem Weg in den Kreml.

Dort traf man sich unter anderem mit Abgeordneten unterschiedlicher Ausschüsse der Duma – mit anderen Politikern als jenen, die am Abend zuvor auf dem Platz gestanden waren.

Schon am Freitag hatte man sich zu Gesprächen zusammengesetzt, die nun vertieft werden sollten.

Aber ob es was gebracht hat?

Es habe eine “durchweg gute Atmosphäre” gegeben, sagte Bijan Djir-Sarai im Gespräch mit der HuffPost auf dem Weg zurück nach Berlin. 

Die Dumavertreter schlugen ein Treffen auf der Krim und in Syrien vor. Außerdem wurden wir gebeten, unseren Einfluss auf die Nato geltend zu machen, die Erweiterung nach Osten zu stoppen. Diese indiskutablen Vorschläge haben wir als absurd abgelehnt. Bijan Djir-Sarai, FDP

Djir-Sarai stand in Moskau in der Abwehr und ist außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Man habe “auch die Themen angesprochen, die unangenehm waren”. So sprach die deutsche Delegation unter anderem die Situation auf der Krim, die Einmischung der Russen in Wahlen und den Fall Lisa an.

Eine 13-Jährige deutsch-russischer Abstammung aus Berlin hatte behauptet, vergewaltigt und entführt worden zu sein, was sich jedoch als falsch herausstellte. Der Fall hatte zu diplomatischen Spannungen geführt, weil Russland der deutschen Seite Vertuschung vorwarf.

“Auf diese Themen wurde nicht reagiert”, sagte Djir-Sarai – und darüber las man in den russischen Staatsmedien später nichts.

Lange Wunschliste der Dumavertreter an die deutsche Politik

Stattdessen berichteten die Redaktionen dort über die lange Wunschliste der Dumavertreter, die den Deutschen vorgetragen wurde.

► Man schlug ein Treffen auf der Krim und in Syrien vor, um die Situation in den Ländern besser zu verstehen.

► Außerdem baten die Russen die Bundestagsabgeordneten, ihren Einfluss auf die Nato geltend zu machen, die Erweiterung nach Osten zu stoppen.

“Diese indiskutablen Vorschläge haben wir als absurd abgelehnt”, sagte Djir-Sarai

Die Vorschläge zeigen, wie tief die Gräben trotz aller fußballerischer Freundschaft zwischen beiden Ländern sind.

“Sonst wird das eine Schwatzbude”

Ein Idee könnte es dennoch nach Berlin schaffen.

Die Duma-Abgeordneten schlugen ein russisch-deutsches Dialogforum zwischen den Parlamenten vor, das sich regelmäßig treffen soll.

Djir-Sarai lehnt diesen Vorschlag nicht kategorisch ab. Dafür müsse aber geklärt werden, welche Ziele dieses Forum haben soll. “Sonst wird das eine Schwatzbude”, sagt der FDP-Politiker.

HuffPost-Reporter Jürgen Klöckner berichtet für die HuffPost aus Russland über die Fußball-Weltmeisterschaft und die Geschichten neben dem Sport. 

HUFFPOST

Fotografin und Stringer: Ekaterina Bodyagina.

(sk)