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17/02/2018 09:20 CET | Aktualisiert 17/02/2018 09:29 CET

"Aufbruch ins Ungewisse“: "FAZ"-Redakteur empört mit Kommentar zu ARD-Film

Der Journalist begibt sich mit der Aussage in rechtes Fahrwasser.

Screenshot
Screenshot aus dem Film "Aufbruch ins Ungewisse" sowie ein Abbild von Philip Plickerts Tweet. 
  • Der ARD-Film “Aufbruch ins Ungewisse” hat den Hass vieler Rechter auf sich gezogen 
  • Nun hat ein “FAZ”-Redakteur ihn kritisiert – und mit seinem Kommentar für heftige Reaktionen gesorgt

Es ist eine Dystopie, die die ARD am Mittwochabend zeigt.

Im Film “Aufbruch ins Ungewisse” ist Europa untergegangen, zerfallen in Nationalstaaten. Nicht jeder Mensch ist dort mehr sicher, auch in Deutschland herrscht ein faschistisches Regime. Journalisten und Freidenker werden von der Regierung gejagt und eingesperrt.

Und so fliehen die Menschen aus der Bundesrepublik. Über das Mittelmeer, nach Afrika.

► Es ist klar, was der Film erreichen will.

Er hält den Zuschauern einen Zerrspiegel vor, er will ein Bewusstsein schaffen für das Leid der Menschen, die heute von Afrika nach Europa fliehen. Was, wenn ihr, liebe Zuschauer, eines Tages an ihrer Stelle wärt und fliehen müsstet?

Es geht also um Solidarität und Mitgefühl. Seit Tagen hetzten deshalb Rechte gegen den Film, besonders Politiker der AfD. Und nun hat ihn auch ein Redakteur der konservativen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kritisiert.

Schwurbeleien über die “Staatsfernsehoberen”

Philip Plickert arbeitet in der Wirtschaftsredaktion der „FAZ“, am bekanntesten ist er als Herausgeber des Buches “Merkel, eine kritische Bilanz”. Und auch Plickert hat sich den “Aufbruch ins Ungewisse” angesehen.

Der Film hat ihm nicht gefallen. Das ist natürlich auch Plickerts gutes Recht. Tatsächlich könnte man an dem Flüchtlingsdrama sachliche Kritik anbringen – etwa, dass es seine Moral mit dem Holzhammer in die Zuschauer einprügeln will.

► Aber so dediziert argumentiert Plickert nicht. Er schreibt auf Twitter:

“Der ARD-Film “Aufbruch ins Ungewisse” hatte schwache Zuschauerzahlen, nur 3,08 Mio. Seher – offenbar sind die Leute nicht so blöd, wie die Produzenten und Staatsfernsehoberen glauben.”

Unter seinem ersten Tweet konkretisiert der “FAZ”-Autor noch einmal. Die Öffentlich-Rechtlichen seien zu “staatsnah”, die “Zwangsabgabe” für sie problematisch – beides sollte abgeschafft werden.

Plickert löst Proteste aus

Plickerts Aussagen lösten auf Twitter eine Menge Protest aus, über Hundert Kommentare gab es direkt auf seinen Tweet. Vor allem an der falschen Behauptung, die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland seien ein “Staatsfernsehen”, erzürnten sich viele Nutzer.

Tatsächlich sind ARD, ZDF und Co. das nicht. Sie werden durch den Rundfunkbeitrag finanziert, sind jedoch in ihrer Programmgestaltung nicht an den deutschen Staat gebunden, sondern frei.

Und so empörte sich etwa Georg Restle, der Redaktionsleiter der ARD-Sendung “Monitor”, über Plickert.

Er schrieb auf Twitter: “Liebe FAZ! Ein Autor, der sich offensichtlich darin gefällt, plumpe ‘Staatsfunk’-Plattitüden von Rechtsaußen zu verbreiten? Bin bisher davon ausgegangen, dass auch auf der anderen Seite kluge Köpfe sitzen.”

Plickerts Problem mit der Solidarität

Plickert die Klugheit abzusprechen, ist natürlich überzogen. Was man ihm absprechen kann: die Sachlichkeit. 

Denn mit seinem Kommentar gibt sich der “FAZ”-Redakteur klar in das Fahrwasser der AfD und anderer rechter Hetzer. Diese hetzen schon seit Tagen gegen “Aufbruch ins Ungewisse” und die “Staatsmedien”, die den Film zeigen. 

Plickert muss sich also den Vorwurf gefallen lassen, sich mit seinem “Staatsfernsehen”-Vorwurf das Gedankengut rechter Krawallmacher zu eigen zu machen – auch wenn zu betonen ist, dass Plickert selbst nicht als Rechter in Erscheinung tritt. 

Gleichwohl rief ihn Christoph Käppeler, Politikredakteur beim Hessischen Rundfunk, zu einem Gespräch auf. Nicht nur wegen Plickters “Staatsfunk”-Vorwurf, sondern auch wegen der Bezeichnung des CDU-Politikers Roland Koch als “Hessenhitler” durch eine seiner Kolleginnen. 

Käppeler sorgt sich scheinbar um die “FAZ” – und tatsächlich ließ sich in den vergangenen Monaten beobachten, dass die altgediente Zeitung oft mit rechten Untertönen Stimmung machte.  

Mehr zum Thema: Ehe für alle: “FAZ”-Redakteur schießt gegen die eigene Zeitung

Plickert selbst geht es am Ende wohl um den bloßen Aufruf zur Solidarität, für den der Film “Aufbruch ins Ungewisse” steht. Das zumindest hatte ihm der SWR-Journalist Fabian Herbers vorgeworfen. 

Plickerts Antwort: “Solidarität als Tugend bezieht sich auf freiwillige Taten/Hilfen. Wir reden aber über eine Zwangsgebühr.” Das klingt nach: Solidarität bitte nur, wenn es auch mir etwas nützt und ich dafür freiwillig bezahlen will

So viel kann also gesagt werden: Die Botschaft von “Aufbruch ins Ungewisse” scheint sich bei Philip Plickert nicht verfangen zu haben. 

(ujo)