LIFE
17/10/2018 18:58 CEST | Aktualisiert 17/10/2018 21:12 CEST

Fast jede Frau hat ein dunkles Geheimnis – es ist nicht so sexy, wie ihr glaubt

Das erlebt fast jede Frau, spricht allerdings selten darüber.

Mixmike via Getty Images

Vor kurzem hatte ich mit einem Freund ein Gespräch über sexuelle Belästigung. Er sei jedes Mal geradezu schockiert, wenn er erfährt, welche Formen von Belästigung Frauen in seinem Umfeld regelmäßig erleben müssen.

So erzählte er mir zum Beispiel davon, dass ein fremder Mann letztens in der U-Bahn versucht hatte, seiner Freundin unter den Rock zu greifen. Für meinen Kumpel ist diese Situation unvorstellbar: “Ich könnte so etwas nie im Leben tun – mir ist es auch völlig unbegreiflich, wie ein Mann sich so gegenüber einer Frau benehmen kann. So ein Verhalten existiert in meiner Welt einfach nicht.

Was mein Freund als grenzüberschreitend wahrnimmt, finden viele Frauen, inklusive mir, nahezu normal

Vor kurzem erst wurde eine Studie der Interparlamentarischen Union veröffentlicht, die 45 europäische Länder behandelt und zeigt, dass jede vierte Frau, die in einem Parlament arbeitet, bereits sexuell belästigt wurde. Diese hohe Anzahl beweist, wie weit verbreitet sexuelle Belästigung, wie alltäglich sie selbst in Umfeldern, die wir als aufgeklärt und seriös wahrnehmen ist.

Die Autoren der Untersuchung betonten auch, dass es für viele Betroffene nach wie vor unnormal ist, über sexuelle Belästigung zu sprechen oder sich gar öffentlich darüber zu äußern.

Mehr zum Thema: “Männer sind Müll”-Debatte: Liebe Twitter-Feministinnen, ihr seid das Problem!

Viele Situationen, in denen wir sexuell belästigt werden, empfinden wir als normal

Wenn wir Frauen abends weggehen, ist es völlig selbstverständlich, dass wir angestarrt, blöd angemacht oder angefasst werden.

Da ist immer dieser Typ auf der Tanzfläche, der versucht, einem die Hand zwischen die Beine zu schieben, während man tanzt – und der gleichzeitig aber in die andere Richtung schaut, als ob nichts wäre. Wenn ich solche Situationen erlebe, quittieren meine Freundinnen das nur mit einem Augenrollen. Sie kennen das halt.

Wenn ich an einer Gruppe Männer vorbeigehe und vielleicht sogar, Gott bewahre, einen Minirock trage, muss selbstverständlich ein Kommentar fallen oder zumindest ein bisschen gestarrt werden. Und das nicht, weil mich jemand attraktiv findet, sondern weil es auch immer ein bisschen lustig ist, eine junge Frau mit Blicken oder Sprüchen zu verunsichern. Das kennt wohl jede Frau.

Wenn meine Freundinnen und ich uns über unsere Erlebnisse auf Dating-Plattformen austauschen, sprechen wir natürlich vorrangig über den süßen Typen, den wir in zwei Tagen auf einen Kaffee treffen.

Dass jede von uns kurzatmige Nachrichten mit charmanten Inhalten wie “Bock zu vögeln?” oder “Sex Ficken Sex” bekommt, wird höchstens einmal seufzend in einem Nebensatz erwähnt – mit einem nachgeschobenen: “Aber du kennst das ja bestimmt.” “Ja, ja”, ist dann immer die Antwort.

Die meisten Männer haben keinen Einblick in unsere Welt

Für viele Männer ist diese Welt, in der wir Frauen leben, weit entfernt oder gar völlig unvorstellbar. Sie können leicht sagen, sexuelle Belästigung wäre nicht so weit verbreitet – denn die meisten Fälle bekommen sie wahrscheinlich gar nicht mit: Weil sie erstens nicht unsere Lebensrealität teilen. Und zweitens, weil wir Frauen unsere Lebensrealität oft nicht so negativ bewerten, wie wir es eigentlich sollten und uns deswegen den Aufschrei ersparen. 

Und selbst wenn wir den Mund aufmachen, uns beschweren, die Situationen, in denen wir beäugt, bedrängt oder befummelt werden, lauthals anprangern, reagieren viele Männer mit Desinteresse oder Ungläubigkeit. Viele, aber nicht alle, reagieren so empathisch wie mein Kumpel.

Fast die Hälfte aller Frauen erlebt sexuelle Belästigung

Bei einer Umfrage von YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gaben 43 Prozent der Befragten an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Eine weitere Umfrage des Instituts zeigt, dass 28 Prozent der befragten Frauen unangemessene Berührungen als Art der Belästigung angaben, 24 Prozent anzügliche Sprüche. 

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz liefert eine recht eindeutige Definition, was unter sexueller Belästigung zu verstehen ist: Dabei handelt es sich um “ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, das bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betroffenen Person verletzt wird”.

Trotzdem nehmen wir sexuelle Belästigung im jeweiligen Moment manchmal einfach nicht als solche wahr. Weil sie zu normal geworden ist. Und anscheinend sind wir Deutschen besonders unempfindlich, wenn es um Anzüglichkeiten oder Belästigung geht.

Denn eine weitere Umfrage von YouGov in sieben europäischen Ländern zeigt, dass wir in vielerlei Hinsicht eine höhere Toleranzgrenze haben als Briten oder Franzosen. So empfinden in Deutschland nur 50 Prozent der Befragten Antanzen mit Körperkontakt als sexuelle Belästigung – während es in England 82 Prozent sind.

Wir dürfen die sexuelle Belästigung nicht einfach hinnehmen

Kein Wunder also, dass ich kaum einen Club betreten kann, ohne dass ein wildfremder Mann ungefragt seine tanzenden Hüften an mir reibt – und kein Wunder, dass ich das nicht allzu bemerkenswert finde. 

Das ist die eine Seite des Problems: Wir Frauen müssen unsere Stimme finden, um sexuelle Belästigung nicht kommentarlos an uns vorbeiziehen zu lassen. Wir dürfen uns nicht fürchten vor den Blicken, unangebrachten Bemerkungen oder Berührungen.

Wir müssen nicht verkniffen lachen, wenn der Kollege einen sexistischen Witz macht. Wir müssen nicht die Flut von blöden Anmachsprüchen auf Tinder und Co. über uns ergehen lassen. Wir dürfen den Typen in der Bar, der uns an den Hintern gefasst hat, nicht einfach weitergehen lassen, mit den Schultern zucken und sagen: “Na ja, das ist halt so, wenn man als Frau weggeht.”

Gleichzeitig dürfen Männer die Augen vor dem Problem nicht verschließen: Nur, weil ihr einen großen Teil der sexuellen Belästigung nicht bemerkt, heißt es nicht, dass sie nicht stattfindet. Vergesst nicht: Wenn ihr zusammen mit euren Freundinnen durch die Straßen lauft, werden sie wahrscheinlich nicht angestarrt, angesprochen oder angefasst. 

Das heißt aber nicht, dass sie genauso verschont werden, wenn sie alleine unterwegs sind. Eure Realität ist nicht unsere Realität. 

Mehr zum Thema: Umfrage unter deutschen Chefs zeigt: Darum machen so wenig Frauen Karriere

Wir leben in zwei verschiedenen Welten

Ihr kennt unsere Erlebnisse und unsere Sichtweise zu großen Teilen nicht und könnt sie deswegen nicht bewerten. In mancherlei Hinsicht bleibt euch unsere Welt verborgen: Das sind unsere dunklen Geheimnisse

Es kann nicht sein, dass fast die Hälfte aller Frauen in Deutschland sexuelle Belästigung erlebt – und niemand davon gewusst haben will. Es kann nicht sein, dass Frauen in ihren Berufen angemacht, angegrapscht oder bedrängt werden, und die Öffentlichkeit dann tatsächlich darüber schockiert ist. Wenn wir über solch viele Vorfälle tatsächlich überrascht sind, ist eine Menge schief gegangen – denn es bedeutet, wir haben viel zu lang die Augen vor der Wahrheit verschlossen. 

Wir wissen, dass nicht alle Männer schuld sind an sexueller Belästigung. Wir wissen auch, dass nicht alle Männer zu jeder Zeit jedes Unrecht sehen, hören, spüren können.

Mehr zum Thema:Seit ich Hausmann bin, weiß ich, was viele Frauen leisten müssen

Aber wir wünschen uns, dass ihr euch bemüht, euch hin und wieder in uns hineinzuversetzen. Uns zuzuhören. Nicht abzuwinken, wenn wir schon wieder erzählen, wer uns nachgepfiffen hat.

Uns vielleicht sogar zu fragen, wie wir uns fühlen, wenn wir einen Club betreten und eine Horde Männer uns anstarrt. Uns nicht zu sagen, dass wir es als Kompliment betrachten sollen, wenn ein Mann uns anzügliche Sprüche schickt. 

Erst, wenn ihr seht und anerkennt, was wirklich schief geht, können die wenigen schwarzen Schafe, die wirklich verantwortlich sind, erkannt und zur Rede gestellt werden. Dafür brauchen wir auch Unterstützung von männlicher Seite.

Wir sind zwar stark – aber den Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung können wir nicht alleine führen.

(ben)