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22/06/2018 15:19 CEST | Aktualisiert 22/06/2018 15:19 CEST

Liebe Eltern, lasst im Familienurlaub das Smartphone zu Hause

Eure Kinder werden davon noch ihren eigenen Kindern erzählen.

Westend61 via Getty Images
Am Montag beginnen in Saarland, Hessen und Rheinland-Pfalz die Sommerferien. 

Auch für die vielen Millionen Nichtlehrer, die keine sechs Wochen Ferien haben, gilt in der Regel: Im Sommer machen wir länger als eine Woche Familienurlaub.

Das ist gut so. Und wenn es gelingt, den Familienurlaub in eine Familienzeit – also in eine Zeit mit der Familie – zu verwandeln, dann schweißt das ungemein zusammen und rüstet für die Unwägbarkeiten des Alltags.

Den einen oder die andere mag es überraschen: Aber vor allem das analoge Reisen ist geradezu eine Garantie für einen unvergesslichen Familienurlaub.

Letztes Jahr war ich zum Beispiel mit meinen Kindern in der Bretagne wandern. Ich hatte lediglich ein nicht internetfähiges Tastenhandy (das ich gefühlt seit 1995 besitze) dabei. Es war ein Traum.

Mehr zum Thema: Der Tag, an dem ich beschloss, mit meiner Familie um die Welt zu reisen

Wir sind einfach losgewandert nach dem Motto: Das Wetter hält sich eh nicht immer an die Vorhersage der WetterApp, und so schlimm wird es schon nicht werden.

“Gerade mit Kindern entstehen die herrlichsten Gespräche”

Und natürlich bekommt man nicht ständig Nachrichten. Keine guten, aber vor allem auch keine schlechten. Man ist nicht erreichbar, und das heißt: Man ist auch nicht angreifbar! Ist nicht genau das eine Voraussetzung für eine vollkommene Loslösung vom hektischen (Berufs-) Alltag?

Man befasst sich ohne digitale Ablenkung mehr denn je mit denjenigen, mit denen man unterwegs ist. Das fängt damit an, dass man sich in einer Tour unterhält. Gerade mit Kindern entstehen die herrlichsten Gespräche. (Manchmal geht es dann auch darum, warum einige Menschen Krebs bekommen und andere nicht.)

Man spricht auch mit anderen Menschen mehr, allein deshalb, weil man sie nach dem Weg fragen muss. Man hat Zeit zum Nachdenken, weil man auf kein Piepen beziehungsweise Vibrieren reagieren muss, und stellt sich verblüfft die Frage: Warum schaffe ich es im Alltag eigentlich nie, auf die digitale Welt wenigstens ein paar Stunden pro Tag zu verzichten?

„Wandern mit Kindern geht nur dank Geocaching“, sagte mir neulich eine Bekannte. Das ist doch einfach Unfug. Wanderzeichen zu suchen, das ist mindestens genauso spannend wie Geocaching.

“Wir halten Ausschau nach Tieren”

Und ständig halten wir Ausschau nach Tieren. Auf dem Weg nach Raupen und Käfern, in den Seen nach Fröschen, im Wald nach Rehen, in den Baumkronen nach Spechten, am Himmel nach Greifvögeln.

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Dafür ist man nie zu alt und zu jung sowieso nicht, und einen Frosch dabei zu beobachten, wie er quakend auf einen anderen Frosch herauf springt, das ist immer eine Gaudi. Und all das nimmt man viel bewusster wahr. Es ist zum Beispiel großartig, eine über den Weg schleichende Schlange mit den eigenen Augen zu beobachten.

Der klassische Smartphonereisende sieht die Schlange entweder verkleinert auf dem Display seines Handys, das er sofort für das Beweisfoto für die eigene Instagramseite gezückt hat. Oder gar nicht, weil er auf den Zuruf „Da ist eine Schlange!

“ sofort nach seinem Handy sucht, und wenn er es gefunden hat, ist die Schlange schon im Unterholz verschwunden.

Und abends im Hotel spielt man deutlich mehr, wenn man nicht YouTube-Videos gucken oder “Clash of Clans” spielen kann, und auch das stärkt das Band zu den eigenen Kindern mehr als das individuelle Abtauchen in die digitalen Welten.

“Analoges Reisen ist eine abenteuerliche Herausforderung”

Da immer mal wieder etwas schiefgeht, weil man eben nicht in einer Tour alles nachgucken und überprüfen kann, ist analoges Reisen heutzutage eine oft abenteuerliche Herausforderung, und es ist ja grundsätzlich so: Wenn man sich Herausforderungen stellt und sie gemeinsam meistert, ist man immer glücklicher als zuvor.

Richard David Precht hat Recht, wenn er im Interview mit dem “Süddeutsche Magazin” über die Extremdigitalisierung des Einzelnen sagt: „Der überraschende oder irritierende Zufall wird abgeschafft. […] Leben ist aber (…) das, was passiert, wenn etwas dazwischenkommt. Das Versprechen der digitalen Welt ist, dass nichts mehr dazwischenkommt.“ 

Also: Reist mit euren Kindern auch mal analog und lasst etwas dazwischenkommen. Eure Kinder werden davon noch ihren eigenen Kindern, also euren Enkelkindern, erzählen. Und in der Zeit, in der nichts dazwischenkommt, hat man mehr voneinander.

Wirklich! 

Arne Ulbricht, 46, hat neben seinem eher brutalen Roman “Nicht von dieser Welt” (KLAK 2016) über einen Amok laufenden Lehrer auch einen höchst unterhaltsamen, heiteren Bericht über seine Zeit als Vollzeitvater geschrieben: “Mama ist auf Dienstreise” (Vandenhoeck&Ruprecht 2017).

Mehr über den Autor und seine Bücher: www.arneulbricht.de

(kap)