BLOG
23/06/2018 19:56 CEST | Aktualisiert 03/07/2018 10:24 CEST

Reise-Tagebuch einer Familie: Wie ich meine Kinder unterwegs unterrichte

"Weder mein Mann noch ich sind Lehrer."

Emmanuelle Halkin

Emmanuelle Halkin, Kuratorin und Mutter aus Paris, reist seit März 2018 mit ihrer Familie um die Welt. Darüber berichtet sie in mehreren Teilen bei HuffPost.

Der Startschuss war also gefallen: Noch sechs Monate, dann wollte ich mit meiner Familie um die Welt reisen – was gleichzeitig lang und kurz war!

Wie wir zu dieser Entscheidung gekommen sind, habe ich hier aufgeschrieben. Heute möchte ich über unsere Vorbereitungen berichten.

Die Schule und Bildung unserer Töchter war einer der wichtigsten Punkte. Als Erwachsener auf Reisen zu gehen, ist das eine, mit Kindern aber stellen sich ganz andere Herausforderungen.

Wir mussten die zwei Schulen unserer Töchter kontaktieren, um unser Projekt und unsere Motivation zu erklären, und wie wir sie während unserer Reise weiter unterrichten würden.

Weder mein Mann Julien noch ich sind Lehrer.

Ich habe zwar ein paar Kurse an der Pädagogischen-Fakultät der Paris-Descartes-Universität besucht, aber, obwohl ich diese Erfahrung geliebt habe, hat das nichts mit der täglichen Erziehung eines fünfjährigen Mädchens im letzten Vorschuljahr (unsere Mila) und einem zehnjährigen Fräulein im letzten Grundschuljahr (unsere Péma) zu tun.

Mehr zum Thema: Die armen Kinder von heute sind unsere Putzkräfte von morgen

Es ist nicht einfach, sich als Eltern vorzustellen, jeden Tag in das Kostüm des Schulmeisters zu schlüpfen.

Die Materialen mussten wir uns selbst besorgen

Das französische Gesetz schreibt vor, dass Eltern verpflichtet sind, ihren Kindern Bildung zu garantieren. Jedoch schreibt es nicht vor, dass diese dafür eingeschult werden müssen – das erlaubt eine gewisse Flexibilität. 

Dieses Argument sprach für uns: Unsere Reise würde von März bis Ende August 2018 dauern, was nur vier Monate ohne Schule bedeuten würde. Nach einigen Nachforschungen haben wir gemerkt, dass alle Fernunterrichtsangebote in Frankreich nur für mindestens ein komplettes Schuljahr angeboten werden und somit nicht passend für unser Projekt waren. 

Also mussten wir selbst ran: Schulbücher und Unterrichtsstunden aus dem Internet besorgen und diese mit den beiden Schulen abstimmen – falls sie uns bei unserem Vorhaben überhaupt unterstützen würden. 

Die Schulen waren begeistert

Wir leben seit zwölf Jahren in einem beliebten, multikulturellen Viertel in Paris, wo die öffentliche Schule eine besonders wichtige Rolle spielt. Sie stellt die Verbindung zwischen den verschiedenen Mileus sicher und ist ein unverzichtbarer Teil des Sozialgefüges.

► Die Direktoren der beiden Schulen sind sehr offene, neugierige Menschen. Sie sind es gewohnt, Probleme, wie unregelmäßigen Schulbesuch und längere Abwesenheit, zu bewältigen.

Mehr zum Thema: Bertelsmann Studie: Die aktuelle Kita-Situation vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich

Sie zu überzeugen, war also nicht besonders schwer. Sie waren sofort begeistert und zuversichtlich, dass wir die Rolle als Ersatzlehrer für diese Zeit übernehmen könnten. Wir waren wirklich überrascht von den freudigen Reaktionen der Lehrer, der Direktoren und der gesamten Lehrerschaft: “Was für ein unglaubliches Projekt!”, “Schule ist gut, aber die Schule des Lebens ist noch besser!”.

Diese Worte haben uns berührt. Das war für uns wie ein Zeichen, auf das wir gewartet hatten. Es war eindeutig der richtige Moment, um den großen Sprung zu wagen!

Wir haben feste Zeiten eingeführt

Homeschooling ist jedoch keine leichte Sache. Ganz besonders, wenn man ununterbrochen reist. Einerseits wird man nicht einfach so zum Aushilfslehrer. Andererseits verlangt es eine Disziplin, die manchmal schwierig zu wahren ist, wenn Besuche, Fahrten und Traumstrände sich aneinanderreihen.

Wir haben also versucht, einen Rhythmus von ein bis zwei Schulstunden täglich zu finden. Und wir haben uns auf die wichtigsten Lerninhalte, in Französisch und Mathematik bei Péma, und auf Schreiben und Rechnen bei Mila, konzentriert.

Wenn wir müde sind oder der Tag lang und intensiv war, nehmen wir Englisch, Geschichte, Erdkunde und Naturwissenschaft mit Hilfe von Themenblättern aus dem Internet durch. 

Sonntag ist Ruhetag oder eher Lesetag für Péma. Während unserer ersten zweieinhalb Reisemonaten hat sie schon vier Bücher gelesen, was absolut ausreichend ist und ihre normale Leistung übersteigt. 

Wir müssen auf dem Boden bleiben

Für uns Eltern ist Homeschooling eine interessante Erfahrung, weil dadurch eine andere Beziehung zum eigenen Kind entsteht.

Man schlüpft in die Rolle des Lehrers ein paar Stunden in der Woche und man versucht, eine gewisse Distanz der Reise und den Kindern gegenüber aufzubauen, um dadurch ein Zwischenspiel zum “normalen Leben” schaffen zu können. 

Diese Momente sind wichtig und erlauben es unserer Familie, auf dem Boden zu bleiben. Es gibt diese Reise, diesen Lebenstraum, aber man muss sich immer daran erinnern: Es wird ein Ende geben. Und das alte Leben erwartet uns.

Meiner Meinung nach sind diese gemeinsamen Schulmomente entscheidend, um sich nicht gänzlich von der Realität abzuschneiden. Sie bereiten uns gemeinsam auf die Rückkehr in das “normale Leben” im September vor.

Denn wie schon der Reiseschriftsteller Nicolas Bouvier absolut richtig sagte: “Es ist die Reise, die einen erschafft und kaputt macht.” 

Emmanuelle Halkin, Kuratorin und Mutter, reist seit März 2018 mit ihrer Familie um die Welt. Darüber berichtet sie in mehreren Teilen bei HuffPost.

Instagram: @ganesh76

Der Beitrag wurde von Moritz Diethelm aus dem Französischen übersetzt.