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11/07/2018 16:52 CEST | Aktualisiert 11/07/2018 16:52 CEST

Familiäre Führungskompetenzen – das unterschätzte Potential Teil 18

Gefühle

Meine kleine Tochter und ich beobachten nach dem Einkaufen einen heftigen Streit auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums. Eine Person beschimpft eine andere sehr laut und böse. Wir beide schauen uns fragend an. Meine Tochter überlegt und sagt:

„Ja, Mama, da hat der Seelenvogel von dem einen Mann wohl die besondere Wut-Schublade aufgemacht.Und welche Schublade in dem Streit wohl gerade bei dem anderen Mann aufgeht?“„Wer oder was ist denn der Seelenvogel?“, frage ich. „Und von welchen Schubladen sprichst du?“„Du kennst die Geschichte vom Seelenvogel nicht? Die ist total toll. Ich kenn‘ sie aus der Schule. Die hat was mit den Gefühlen in uns zu tun. Ich erzähl sie dir im Auto!“

„Der Seelenvogel“ (Michal Snunit)

Tief, tief in uns wohnt die Seele.

Noch niemand hat sie gesehen,

aber jeder weiß, dass es sie gibt.

Und jeder weiß auch, was in ihr ist.

In der Seele,

in ihrer Mitte,

steht ein Vogel

auf einem Bein.

Der Seelenvogel.

Und er fühlt alles,

was wir fühlen.

Wenn uns jemand verletzt,

tobt der Seelenvogel in uns herum;

hin und her, nach allen Seiten,

und alles tut ihm weh.

Wenn uns jemand lieb hat,

macht der Seelenvogel fröhliche Sprünge,

kleine, lustige,

vorwärts und rückwärts,

hin und her.

Wenn jemand unseren Namen ruft,

horcht der Seelenvogel auf die Stimme,

weil er wissen will,

ob sie lieb oder böse klingt.

Wenn jemand böse auf uns ist,

macht sich der Seelenvogel ganz klein

und ist still und traurig.

Und wenn uns jemand in den Arm nimmt,

wird der Seelenvogel in uns

größer und größer,

bis er uns fast ganz ausfüllt.

So gut geht es ihm dann.

(…)

Sicher wollt ihr auch wissen,

woraus der Seelenvogel besteht.

Das ist ganz einfach.

Er besteht aus Schubladen.

Diese Schubladen können wir nicht einfach aufmachen,

denn jede einzelne ist abgeschlossen

und hat ihren eigenen Schlüssel.

Und der Seelenvogel ist der einzige,

der die Schubladen öffnen kann.

Wie?

Auch das ist ganz einfach:

mit seinem Fuß.

Der Seelenvogel steht auf einem Bein.

Das zweite hat er, wenn er ruhig ist,

an den Bauch gezogen.

Mit dem Fuß dreht er den Schlüssel

zu der Schublade um, die er öffnen will,

zieht am Griff,

und alles, was darin ist,

kommt zum Vorschein.

Und weil alles, was wir fühlen,

eine Schublade hat,

hat der Seelenvogel viele Schubladen.

Es gibt eine Schublade für Freude

und eine für Trauer.

Es gibt eine Schublade für Eifersucht

und eine für Hoffnung.

Es gibt eine Schublade für Enttäuschung

und eine für Verzweiflung.

Es gibt eine Schublade für Geduld

und eine für Ungeduld.

Auch für Hass und Wut und Versöhnung.

Eine Schublade für Faulheit und Leere

und eine Schublade

für die geheimsten Geheimnisse.

Diese Schublade wird fast nie geöffnet.

Es gibt auch noch andere Schubladen.

Ihr könnt selbst wählen, was drin sein soll.

(…)

Man kann schon verstehen,

dass die Menschen verschieden sind,

weil sie verschiedene Seelenvögel haben.

Es gibt Vögel, die jeden Morgen

Die Schublade ´Freude` aufmachen.

Dann sind die Menschen froh.

Wenn der Vogel

Die Schublade ´Wut` aufmacht,

ist der Mensch wütend.

Und wenn der Vogel

die Schublade nicht mehr zuschließt,

hört der Mensch nicht auf, wütend zu sein.

Manchmal geht es dem Vogel nicht gut.

Dann macht er böse Schubladen auf.

Geht es dem Vogel gut,

macht er Schubladen auf, die uns gut tun.

Manche Leute hören den Seelenvogel oft,

manche hören ihn selten.

Und manche hören ihn

nur einmal in ihrem Leben.

Deshalb ist es gut, wenn wir

Auf den Seelenvogel horchen,

der tief, tief in uns ist.

Vielleicht spätabends,

wenn alles still ist.“

Fazit:

Auch im Unternehmen gilt es, zu spüren, welche „Schublade“ gerade bei uns offen ist.

Und darüber hinaus zu erspüren, welche Schublade bei unserem Mitarbeiter, Kollegen oder anderen offen steht.

Durch diese bewusste Form der Selbst-Reflektion und darüber hinaus der Empathie anderen gegenüber fördern wir einen konstruktiven Umgang miteinander.

Es gilt:

Beobachten, Luft holen, nachdenken, nachspüren, sich in den anderen hineinversetzen.

Dann erst sprechen, handeln, bewerten. Versuchen Sie es einfach. Hören Sie auf sich und Ihre Seele und seien Sie offen für ihr Umfeld. Denn ein Unternehmen ist ein Netzwerk aus Emotionen, die mal mehr und mal weniger offen ausgedrückt werden. Versuchen Sie, den Menschen hinter seiner Funktion zu erkennen und mit diesem Menschen, gleichsam seinem Seelenvogel, zu interagieren. Dieses Vorgehen verstärkt nicht nur Ihre sondern auch die Glaubwürdigkeit Ihres Gegenübers. Er oder sie fühlt sich gehört, angenommen, verstanden – und genau das ist die Grundlage für einen fruchtbaren Dialog mit dem Ziel, gemeinsam voranzuschreiten – sei es in beruflichen oder privaten Herausforderungen.

Buchtipp: „Der Seelenvogel“, Michal Snunit, Na'ama Golomb, Carlsen (ISBN: 9783551550705)