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08/06/2018 12:59 CEST | Aktualisiert 08/06/2018 14:14 CEST

Fall Susanna: 5 Fakten, die zeigen, worin der wahre Skandal liegt

Auf den Punkt.

BORIS ROESSLER via Getty Images

Es ist ein Fall, der einen ratlos zurücklässt. Der in Deutschland für viel Wut sorgt, für Unsicherheit und Misstrauen. Vor rund zwei Wochen war die 14-jährige Susanna aus Hessen verschwunden. 

Ihre Leiche wurde am Mittwoch in einem Erdloch bei Wiesbaden gefunden. Der irakische Verdächtige Ali B. ist nach Aussagen der Staatsanwaltschaft vermutlich am vergangenen Donnerstag mit seiner gesamten Familie überhastet abgereist. Inzwischen wurde er im Irak festgenommen.

Je mehr Informationen über die Tat bekannt werden, desto größer wird der Druck auf die Behörden.

Denn schon jetzt ist klar: Sie haben auf ganzer Linie versagt.

1. Ali B. hätte wohl nicht mehr in Deutschland sein dürfen

Nach Angaben der Ermittler reiste der mutmaßliche Täter mit den Eltern und fünf Geschwistern am 16. Oktober 2015 ein – er nahm die Route über die Türkei und Griechenland.

Seinen Asylantrag lehnt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schon im Dezember 2016 ab. Schon da ist mehr als ein Jahr vergangen.

Der Iraker legt Widerspruch ein, klagt im Januar 2017 gegen den Negativbescheid. Das ist sein Recht.

Aber: Wieder dauert es anderthalb Jahre, in denen nichts passiert. Noch heute ist das Verfahren nicht abgeschlossen. Eine viel zu lange Zeit, wenn es um einen faktischen Gefährder geht.

Denn...

2. Auch zahlreiche Straftaten beschleunigten Entscheidung nicht

... in der Zeit seines Klageverfahrens fiel der Verdächtige immer wieder auf. Die “Bild” benennt mehrere Delikte, in denen der Iraker zumindest verdächtigt wird.

Am 24. März soll der Mann in der Wiesbadener Innenstadt eine Beamtin vom Ordnungsamt angerempelt haben. Bei seiner Festnahme habe er gespuckt und geschlagen. Er wird in Gewahrsam genommen.

Drei Tage später ist der Verdächtige in einen Überfall verwickelt. Das Verfahren läuft bis heute. 

Im April finden Ermittler ein illegales Klappmesser in der Tasche des Irakers. Ein Verfahren wegen Waffenbesitzes wird eingeleitet, trotzdem kommt der Mann frei. All das reichte offenbar nicht, um eine schnelle Abschiebung in die Wege zu leiten.

3. Die Polizei verhört potenzielle Zeugin nicht

Am 29. Mai soll eine Freundin von Susanna der Mutter eine Nachricht auf ihr Handy geschrieben haben. Der Inhalt: Susanna sei vergewaltigt und ermordet worden.

Die Mutter meldet das der Polizei. Dennoch wird die potenzielle Zeugin zu diesem Zeitpunkt, an dem sich auch der mutmaßliche Täter noch in Deutschland befindet, nicht verhört.

Dabei hätte sie womöglich einen entscheidenden Hinweis geben können: Immerhin gehörten Täter und Opfer einer gemeinsamen Clique an.

Es war dann ein 13-jähriger Asylbewerber, der die Polizei später auf die richtige Fährte führte. Die Ermittler teilten auf der offiziellen Pressekonferenz in Wiesbaden mit, der Junge sei auf die Wache gekommen und habe ihnen berichtet, dass Susanna vergewaltigt wurde und tot sei, versteckt nahe den Bahngleisen. Der nun flüchtige Iraker habe ihm die Tat gestanden.

4. Der Verdächtige konnte mit falschen Papieren ausreisen

Völlig unverständlich: Trotz unterschiedlicher Namen in den Ausweispapieren und auf der Bordkarte konnte Ali B. ungehindert in die Türkei fliegen.

Bei der grenzpolizeilichen Ausreisekontrolle sei ein Abgleich von Flugticket und Pass nicht vorgesehen, teilte die Bundespolizei am Freitag in Potsdam mit.

Im Rahmen der Luftsicherheitskontrolle sei ein derartiger Abgleich ebenfalls “derzeit rechtlich nicht möglich”.

Den Beamten der Bundespolizei wurden am Düsseldorfer Flughafen zwei irakische sogenannte Laissez-Passer-Dokumente mit je vier Namen und acht deutsche Aufenthaltsgestattungen von Ali B. und seinen mitreisenden Familienangehörigen gezeigt.

5. Wo der Skandal nicht liegt...

Das Behördenversagen ist eindeutig. Durch den Fall Susanna bekommt auch der Bamf-Skandal um falsche Asylbescheide eine noch größere Dringlichkeit.

Klar ist aber auch: Die politische Instrumentalisierung des Falles, die gerade viele Rechte betreiben, schießt über das Ziel hinaus. Die rechtskonservative Wochenzeitung “Junge Freiheit” titelt zum Beispiel: “Die Willkommenskultur frißt (sic) ihre Kinder.” 

Das ist Unsinn. Denn: Durch die Flüchtlingskrise ist die Mordrate an Minderjährigen nicht gestiegen. Im Gegenteil: Die Mordrate an Unter-18-Jährigen sinkt seit Jahren. Täter in Mordfällen sind noch immer in der Mehrheit Familienangehörige oder Bekannte der Opfer.

(ben)