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13/03/2019 16:38 CET | Aktualisiert 13/03/2019 17:20 CET

Fahrrad-Aktivist Strößenreuther: So können wir die Verkehrswende schaffen

Der Radverkehr ist systemrelevant für erfolgreichen Klimaschutz.

Thiemo Graf Verlag
Strößenreuther auf einem geschützten Radfahrstreifen in Berlin.

Heinrich Strößenreuther (51), fährt Fahrrad seit Kindesbeinen an, arbeitet seit 25 Jahren an Klimaschutz und Nachhaltigkeitsthemen im Bundestag, bei Greenpeace, der Deutschen Bahn, als Startup-Unternehmer, Business Angel und Politik- und Unternehmensberater. Er lebt in Berlin, ist aber in vielen deutschen Städten schon Fahrrad gefahren. Die Welt beschreibt ihn als Deutschlands (angeblich) nervigsten Radfahrer, die taz ihn als Deutschlands erfolgreichsten Verkehrslobbyisten. In der HuffPost berichtet er von seinem neuen Buch.

Scharenweise reisen politische Delegationen nach Amsterdam oder Kopenhagen, um sich über Fahrradstädte und die Schritte dorthin zu informieren. Das ist gut so, denn hier sind 40 Jahre aktive Radverkehrspolitik zu bewundern.

Soviel Zeit wird Deutschland leider nicht haben, denn die Klimakrise zwingt uns zum schnellen Handeln. Der Verkehrssektor ist für ein Fünftel der CO2 Emissionen Deutschlands verantwortlich, gesunken sind diese Emissionen bislang nicht.

Es gibt keinen wirksamen Klimaschutz ohne Verkehrswende und es gibt keine erfolgreiche Verkehrswende ohne einen massiven Ausbau des Radverkehrs. Denn kein anderes Verkehrsmittel ist so klimafreundlich und kann so günstig und schnell ausgebaut werden: Der Radverkehr ist systemrelevant für erfolgreichen Klimaschutz.

Mit meinem Bildband “Der Berlin-Standard: Moderne Radverkehrspolitik Made in Germany“, der seit dem 13.03.2019 im Buchhandel erhältlich ist, möchte ich Bürgermeistern und Politikerinnen, Rad-Engagierten und Mobilitäts-Interessierten mit eindrucksvollen Bildern und knackigen Texten erläutern, mit welchen rhetorischen Kniffen, Strategien und Maßnahmen der Radverkehr gefördert werden kann. Ob Wohlfühl-Radwege in Spurbreite K, Willkommenskultur für Umsteigerinnen oder Kindertauglichkeit in der Stadt – das Buch soll Mut machen und beim schnellen Lernen und Umsetzen helfen.

Warum ich mich Ihnen jetzt als Autor kurz selber vorstellen darf? Nun, 2015 habe ich das Gefühl gehabt, dass bei der Radverkehrspolitik mehr geht als in den üblichen Sonntagsreden vom Ausbau. Ich wollte es einfach mal wissen und habe den Volksentscheid Fahrrad in Berlin angeschoben. Nicht nur Deutschlands erstes Radverkehrs- und Mobilitätsgesetz ist daraus hervorgegangen, sondern auch eine Radentscheids-Bewegung in mehr als 20 Großstädten in Deutschland.

Fahrverbote, Klima- und Lärmprobleme lösen sich dann wie von Geisterhand auf

Was hier warum gefordert und wie umgesetzt wird, das ist das Thema meines Buches “Der Berlin-Standard: Moderne Radverkehrspolitik Made in Germany – ein Bildband über Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz”.

Nach Vorwörtern des Spiritus Rektors der weltweiten Radverkehrsbewegung, Mikael Colville-Andersen aus Kopenhagen (“That document is the toolkit and guidebook that German cities need”) und des Bundesgeschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Radverkehrsclubs (“Deutschland kann von diesem Berlin-Standard noch einiges lernen”) entführe ich die Leser zu dem wichtigsten Eckpfeiler der Verkehrswende, dem Radverkehr.

Gelingt es, das Recht auf Stadt durch geschützte, verlockende Radwege umzusetzen, auf denen jeder, ganz gleich ob alt oder jung, Frau oder Mann, sicher und entspannt Rad fahren kann, dann lassen sich auch Autofahrer für den Umstieg begeistern. Fahrverbote, Klima- und Lärmprobleme lösen sich dann wie von Geisterhand auf.

Das erste Kapitel fasst die wesentlichen Strategien und rhetorischen Kniffe für eine erfolgreiche Verkehrswende zusammen. Quick-Win-Strategien vor den Wahlen oder Basis-Strategien für den langen Atem helfen Politikern, für ihre Radverkehrspolitik bei den Wahlen belohnt zu werden. Es soll den Handelnden in der Politik mehr Mut machen, mit einer sicheren und attraktiven Alternative zum Auto für freie Wahl für freie Bürger zu sorgen.

“Ein Radweg ist nur dann gut und attraktiv,
wenn Sie Ihr Kind darauf alleine fahren lassen würden.
Alles andere ist Murks und muss nachgebessert werden.
Fragen Sie notfalls die Eltern.”

Das zweite Kapitel erzählt die Geschichte des Volksentscheids Fahrrad in Berlin. Angefangen mit den vielen Initiativen, die sich nicht mehr mit Stückwerk abspeisen lassen wollten, bis hin zu den wichtigen Etappen der Kampagne. Nach dem Auftakt-Workshop entstand “eine wachsende Gruppe, eine sehr agile, analoge und digitale Organisation und schließlich eine starke Bewegung.”

Baumaßnahmen für Radwege, Fahrradstraßen, sichere Kreuzungen, Crash-Nachsorge

105.425 Unterschriften wurden für den ursprünglichen Initiativen-Entwurf eines Radverkehrsgesetz gesammelt, ein politischer Tsunami, der die verschlafene Berliner Verkehrspolitik gehörig in Bewegung brachte. Das Mobilitätsgesetz entstand in vielen Verhandlungsrunden zwischen Initiativen, Regierungsfraktionen, und dem Senat, bevor es im Juni 2018 endlich verabschiedet wurde.

“Autobahnen haben wir für Autos only gebaut –
zeigen Sie Ihr Können für Fahrrad First in den Nebenstraßen.”

Das dritte Kapitel behandelt 27 Maßnahmenbereiche mit je einem Foto oder einer Infografik und beschreibt mit knappen Worten auf den dazugehörigen Textseiten die Maßnahmen: Warum sie wichtig ist, wie sie wirkt, und was gesetzlich durch das Mobilitätsgesetz vorgeschrieben wird oder dem Geist des ursprünglichen Radgesetzes entspricht. Es hilft mit Zahlen, Daten, Fakten und Daumenregeln bei der Einsortierung und schnellen Umsetzung.

Sortiert nach den beschriebenen Radverkehrsstrategien werden Baumaßnahmen für Radwege, Fahrradstraßen, sichere Kreuzungen, Crash-Nachsorge (“Fahren Sie innerhalb von 48 Stunden an die Unfallstelle und entscheiden Sie dann vor Ort, was zu tun ist”) oder Radschnellwege beschrieben, sowie weiche Maßnahmen wie Baustellen-Management, Verkehrsmoral (“Ahnden Sie Regelverstöße der Stärkeren gegenüber den Schwächeren klar, deutlich und unmissverständlich”), digitale Partizipation, Öffentlichkeitsarbeit, Budget- und Personalaufbau erläutert.

“Wer mehr Radverkehr will, muss mehr Parkplätze bauen – für Fahrräder”

Die bundespolitische Bedeutung des Volksentscheid Fahrrad in Berlin, sowie der davon ausgelösten bundesweiten Welle an Radentscheiden, ist das Thema des letzten Kapitels. Zitate von “Kampagnen-Beobachtern” oder langjährigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern für die Verkehrswende bewerten den politischen Tsunami in Berlin.

Die Radentscheidsbewegung von Bamberg über Darmstadt, Frankfurt, Kassel und Stuttgart bis hin zu Flächenländern wie NRW und Bayern machen die Paragraphen des Berliner Mobilitätsgesetz zum Berlin-Standard, man könnte fast sagen zu einem nationalen Standard.

“Respekt: .. die Initiative Volksentscheid Fahrrad hat in zwei Jahren politisch mehr bewirkt als wir etablierten Fahrradverbände in einer Dekade.”

So urteilt ein Verbandsvertreter der Fahrrad-Lobby über die Radentscheidsbewegung. Tatsächlich sind fast alle Elemente aus Berlin in den Zielen und Forderungen der mehr als 15 Radentscheide wieder zu finden. Diese Initiativen lassen erahnen, welche politische Energie von dem Volksentscheid Fahrrad in Berlin ausging und in jeder Stadt vervielfacht wurde – ein Plädoyer an die Verantwortlichen in der Politik, diesen Schwung zu nutzen und mutig für die gelassene Stadt in Sachen Verkehr loszulegen. 

Vom Stil ist mein Buch in leicht verständlicher Sprache gehalten. Es spricht “Sie” direkt an, die Bürgermeister oder Politikerin, Radfahr-Engagierten oder interessierte Bürger. Denn Ihnen möchte ich den freundschaftlichen Schubs geben, veraltete Denkweisen abzulegen, mutiger voranzugehen und die Wünsche ihrer Bürgerinnen zu erfüllen. Der Berlin-Standard hilft, fast jede moderne radverkehrspolitische Maßnahme in kurzer Lesezeit zu verstehen, und die richtigen Zutaten für die eigene Stadt herauszusuchen. 

“Damit unsere Städte 200 Jahre nach Erfindung des Fahrrads
wieder zum Radfahren einladen”

Mein Traum: Schmuddelig, mit Eselsohren und Kaffeeflecken soll das Buch in fünf Jahren aussehen, denn dann war es eine große Hilfe für Politik, Engagierte und Interessierte. Erfrischen und Mut machen möchte ich, zeigen, dass die vielbeschworene “Verkehrswende” längst mit Augenmaß und handwerklichem Können vor Ort umgesetzt werden kann.

Denn nur dort ist sie wirklich zu lösen, da wo es um jeden einzelnen Quadratmeter geht. Ein Bildband mit 140 Seiten, der als Handbuch in jedes Rathaus, Fraktions- oder Aktivistenzimmer gehört: “Lies das und mach das – so möchte ich es Ihnen am liebsten zurufen.”

Das Buch “Der Berlin-Standard: Moderne Radverkehrspolitik Made in Germany” ist ab 13.03.2019 im Buchhandel erhältlich und ist online unter www.der-fahrradverlag.de und https://www.amazon.de/Berlin-Standard-Radverkehrspolitik-Bildband-Deutschlands-Mobilitätsgesetz/dp/3940217255 erhältlich.