BLOG
12/06/2018 16:27 CEST | Aktualisiert 12/06/2018 16:27 CEST

Factfulness: Wir wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist

Wir alle scheinen ein vollkommen falsches Bild von der Welt zu haben. Nicht nur die Dummen, nicht nur die Uninformierten, wir alle. Zu diesem Schluss kam Hans Rosling, ehemals Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institutet und Direktor der Gapminder-Stiftung in Stockholm, nach der Auswertung von ganz vielen Daten, einer Arbeit, die er zusammen mit seinem Sohn Ola Rosling und seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund gemacht hat. Was er in seinem Buch Factfulness (Ullstein Verlag, Berlin 2018) vorlegt, ist also nicht das Resultat eines 'einsamen Genies', vielmehr ist es „das Ergebnis kontinuierlicher Diskussion, Auseinandersetzung und Zusammenarbeit zwischen drei Menschen mit unterschiedlichen Begabungen, Kenntnissen und Perspektiven.“

Testet man die Informiertheit von Menschen, so wird man gemeinhin davon ausgehen, dass Menschen mit höheren Bildungsniveau besser abschneiden. Doch das ist ein Irrtum. Einige der schlechtesten Ergebnisse bei Roslings Tests kamen von einer Gruppe von Nobelpreisträgern.

Eine faktengestützte Weltsicht sagt uns, dass wir enorme Fortschritte gemacht haben. Unsere Gefühle sagen uns jedoch etwas anderes, verleiten uns, die Dinge düster zu sehen. Das hängt mit der Funktionsweise unseres Gehirns zusammen, denn der Mensch hat eine ausgeprägte Neigung, die Dinge instinktiv in Schwarz und Weiss, Gut und Böse zu unterteilen. Weil es einfach ist. Nur eben: Der Teil zwischen den Extremen ist der weitaus grösste.

Leuchtet dem Menschen etwas ein, macht etwas für ihn Sinn, ist er nur mehr schwer davon abzubringen. Auch wenn alle Evidenz darauf hinweist, dass er falsch liegt. Was auch darin begründet liegt, dass wir der Überzeugung sind, dass jeder glauben darf, was er will. Anders gesagt: Uns ist erlaubt, jeden Unsinn zu glauben. Und das ist ein Problem.

Wir brauchen Daten

Was also ist zu tun? Wir brauchen Daten. Um Hypothesen zu überprüfen. „Man muss die Daten vorlegen und die hinter ihnen stehende Wirklichkeit erläutern.“ Dabei werden wir unter anderem herausfinden, dass es in der Wirklichkeit häufig gar keine Polarisierungen gibt.

Natürlich traut Hans Rosling den Daten nicht zu 100 Prozent, niemand sollte das tun. Und er verweist auf ein wichtiges Prinzip im Umgang mit Statistiken: „Seien Sie vorsichtig mit Schlussfolgerungen, wenn die Unterschiede geringer als ungefähr zehn Prozent sind.“ Doch die offiziellen Daten der UNO (und auf diesen baut dieses Buch auf) liefern ein allgemeines Bild.

Wissen Sie wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt heute weltweit ist? 72 Jahre. Vor allem Menschen mit höherer Schulbildung schätzen das ganz falsch ein, ihre häufigste Antwort ist 60 Jahre. Und wie steht es mit der Armut? In den letzten zwanzig Jahren hat sich die extreme Armut nahezu halbiert. Soweit die Fakten, doch unsere Gefühle sagen uns etwas anderes. Das liegt grösstenteils an „unserem Instinkt der Negativität, unserer Neigung, das Schlechte aufmerksamer wahrzunehmen als das Gute.“

Es gibt noch weitere Instinkte, die uns hindern, die Welt zu sehen, wie sie ist. Zu den zentralsten gehört der Instinkt der Angst. „Wenn wir Angst haben, sehen wir nicht mehr klar“, notiert Hans Rosling und illustriert das mit einem Vorfall (ein Luftwaffenpilot war abgestürzt), den er als junger Arzt erlebte und bei dem er so ziemlich alles ganz falsch einschätzte. Diese überaus lehrreiche und witzig erzählte Geschichte lohnt allein die Lektüre dieses Buches!

Der Aufmerksamkeitsfilter

Andauernd stürzen Informationen auf uns ein. „Die Art von Informationen, die wir am ehesten verarbeiten, hat mit Geschichten zu tun. Es sind Informationen, die dramatisch klingen.“ Und damit füttern uns die Medien, die unsere Aufmerksamkeit steuern. Doch nicht die Journalisten tragen die Schuld, dass Meldungen wie „Flug BA0016 aus Sydney sicher auf dem Singapore Changi Airport gelandet“ keinen Nachrichtenwert haben, sondern die „'Aufmerksamkeitslogik', die in den Köpfen der Konsumenten vorherrscht.“

Noch nie gab es so wenig Flugzeugunfälle (40 Millionen nicht abstürzende Flugzeuge pro Jahr), noch nie gab es so wenige Konflikte und Opfer von Konflikten wie heutzutage, doch unsere Angst vor solchen Katastrophen mindert das kaum. Nicht etwa, dass Angst nur negativ wäre, sie kann auch durchaus von Nutzen sein – sofern sie den richtigen Dingen gilt. Hans Rosling und seine Mitautoren unterscheiden zwischen furchterregend und gefährlich. „Wenn etwas furchterregend ist, dann geht es um die subjektive Wahrnehmung eines Risikos. Wenn etwas gefährlich ist, handelt es sich hingegen um ein reales Risiko.“

Unsere Aufmerksamkeit sollte den realen Gefahren gelten. Und den Zusammenhängen. Ein Beispiel: Am 17. Oktober 2004 wurde die 38jährige Mari Larsson in Nordschweden von ihrem Ex-Partner durch meherer Axthiebe gegen den Kopf getötet. Am gleichen Tag wurde ebenfalls in Nordschweden der 40jährige Johan Vesterlund von einem Bären getötet. Beide Todesfälle waren gleichermassen tragisch und grauenvoll, doch der tödliche Bärenangriff, in Schweden ein Jahrhundertereignis, machte in allen schwedischen Medien Schlagzeilen, während der schreckliche Mord, der 1300-mal häufiger vorkommt, medial kaum wahrgenommen wurde. Wer die Welt sehen will, wie sie wirklich ist, sollte (auch) seinen Kopf benutzen.

Eine faktengestützte Weltsicht würde einen grossen durchgreifenden Wandel bedeuten. Dieser ist laut Hans Rosling nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Aus zwei Gründen. Zum Einen: Die faktengestützte Weltsicht ist hilfreicher, um sich im Leben zurechtzufinden als den Instinkten nachzugeben. Zum Andern: Faktenorientiertheit bedeutet weniger Stress und Hoffnungslosigkeit als die dramatische Sicht, die negativ und erschreckend ist.

Factfulness erzählt ganz viele wunderbar anregende Geschichten von Irrtümern und menschlichem Lernen. Es ist ein höchst überzeugendes Plädoyer für eine realistische Weltsicht.