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20/02/2018 16:37 CET | Aktualisiert 20/02/2018 17:41 CET

Extremismusforscherin: So ähnlich sind sich Rechtsradikale und Islamisten

Ich wollte verstehen, wie aus besorgten Müttern und misstrauischen Bürgern gewaltbereite Extremisten wurden.

Andrew Winning / Reuters
Ein Unterstützer der English Defence League (Archivbild).

Die Extremismusforscherin Julia Ebner beschäftigt sich länderübergreifend mit Gruppierungen unterschiedlicher Ausrichtung. Mit gezielten Undercover-Recherchen und Gesprächen mit Radikalen beider Seiten zeigt sie, wie sich die Strategien von Islamismus und Rechtsradikalismus wechselseitig ergänzen und verstärken. 

“Jede Art des Extremismus beginnt mit der Entmenschlichung des anderen”, erklärte mir mein ehemaliger Boss Maajid Nawaz, ein Ex-Islamist, als ich meinen Job bei der weltweit ersten Anti-Extremismus-Organisation Quilliam im Herbst 2015 antrat.

Das war der Zeitpunkt als ich beschloss, Extremismus und Terrorismus mit mehr – statt weniger – Menschlichkeit zu bekämpfen.

Mein Buch “Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen” begann ich daher mit Exkursionen in die Herzen extremistischer Organisationen – mit dem Ziel, die Motivation und das Verhalten von deren Mitglieder besser zu verstehen.

Am 5. November 2016 gab ich mich zum ersten Mal als muslimfeindliche Ultranationalistin aus.

Julia Ebner
Die Extremismusforscherin Julia Ebner schleuste sich undercover bei rechtsextremen und islamistischen Gruppen ein.

Ich ging zu extremistischen Versammlungen

Statt mit Freunden beim Samstagsbrunch die bevorstehenden US-Wahlen zu diskutieren, saß ich mit einer Dose Cider auf einer Parkbank in der englischen Stadt Telford, umgeben von Mitgliedern der rechtsextremen Gruppe English Defence League.

Mein Gesprächspartner, ein 50-jähriger rechtsextremistischer Aktivist, der die Hälfte seiner Zähne in Hooligan-Prügeleien verloren hatte, erzählte mir von “der islamischen Invasion Europas”. Wir hatten noch eine Stunde totzuschlagen, bevor die Demonstration “gegen muslimische Vergewaltiger”, “verlogene
Politiker” und “untätige Sicherheitsbehörden” begann.

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“Man überflutet uns mit muslimischen Terroristen, nur ein kompletter Aufnahmestopp kann uns vor dem Untergang Großbritanniens bewahren”, sagte der Rechtsextremist. “Aber dazu sind wir ja hier.” Er lächelte mich breit an.

Für jemanden, der auf nüchternen Magen zwei Dosen Strongbow getrunken hatte, waren seine Gedanken erstaunlich klar, und für seine harten Worte war seine Mimik unerwartet freundlich.

Eine Frau sagte mir: “Nur ein globales Kalifat kann unser Leiden ein für alle Mal beenden“ 

Nur ein paar Stunden später: Ich befand mich als einzige Nicht-Muslimin im segregierten Frauenbereich bei der in Deutschland verbotenen islamistischen Organisation Hizb ut-Tahrir. Etwa 300 Mitglieder waren zu der internationalen Veranstaltung in Ost-London gekommen.

Die “globale Muslimfeindlichkeit” war das Gesprächsthema Nummer eins, auch unter den Frauen um mich herum: “Jedes Mal, wenn meine Kinder die U-Bahn nehmen, mache ich mir Sorgen, dass sie Opfer von muslimfeindlichen Angriffen werden”, erzählte mir meine Sitznachbarin, als wir darauf warteten, dass der britische Leiter der Organisation das Wort ergriff.

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Man konnte zusehen, wie Wut die Besorgnis in ihren Augen ablöste, während sie sprach. “Das ist das Ausmaß des Hasses, dem Muslime überall auf der Welt ausgesetzt sind“, fuhr sie fort, ihren Blick nach Zustimmung suchend auf mich gerichtet. “Nur ein globales Kalifat kann unser Leiden ein für alle Mal beenden.” Ich schluckte.

Wie konnte es sein, dass die beiden extremistischen Organisationen, die auf den ersten Blick nicht gegensätzlicher sein könnten, so viel gemeinsam haben?

Rechtsextremismus und Islamismus haben Vieles gemeinsam

Beide plädierten für die Rückkehr zu einer ethnokulturell einheitlichen Gesellschaft basierend auf Familiensystemen, in der Frauen als Gebärinstrumente für das Fortleben der eigenen Rasse oder Kultur verstanden
werden.

Weg von Diversität, Feminismus und Wissenschaftlichkeit lautete die gemeinsame Antwort auf den rasanten Fortschritt, zu dessen Verlierern sich sowohl Rechtsextreme als auch Islamisten zählen.

► Die einen wollen den Westen “von muslimischen Einflüssen säubern”, die
anderen den Islam von “westlichen Einflüssen”.

► Die einen reden von einer ”Übernahme der arabischen Welt durch ungläubige Eindringlinge”, die anderen von einer “Invasion des Westens
durch muslimische Migranten”.

Das Ziel meines Projektes “Wut” war es zu verstehen, wie aus besorgten Müttern und misstrauischen Bürgern gewaltbereite Extremisten mit apokalyptischen Zukunftsvisionen werden konnten.

Was macht der Terror mit unserer Gesellschaft und wie profitieren menschenfeindlich agierende Gruppen von dem aufgeheizten politischen Klima?

Inwiefern spielen sich unterschiedliche Extreme dabei gegenseitig in die Hände und was können wir tun, um zu verhindern, dass sich die Polarisierungsdynamiken weiter beschleunigen?

Einige Gruppen wollten einen Stammbaum sehen, ehe sie mich aufnahmen

Ich begann damit, islamistischen und rechtsextremen Aktivitäten in sozialen Netzwerken zu folgen, und erhielt bald auch Einladungen zu geschlossenen Foren und Chaträumen, etwa in den verschlüsselten Nachrichtenapplikationen Telegram und Discord.

Die meisten Privat-Chats verfügen über rigorose Hintergrundchecks und kritische Aufnahmegespräche, vor allem seit den strikteren Regulierungen gegen Hass im Netz. Um Zugriff auf besonders extreme Gruppen zu erhalten, musste ich zum Beispiel Bilder von meinem mit dem rechtsextremen Gruppensymbol und Zeitstempel versehenen Handgelenk teilen.

Einige gingen so weit, dass ihnen fotografische Beweise der Hautfarbe nicht reichten und sie stattdessen Ergebnisse von genetischen Tests, wie 23andMe oder Ancestry, sehen wollten.

Eine glaubwürdige Cover-Identität aufzubauen, braucht Zeit und Geduld: Man muss sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser Person beschäftigen und die sprachlichen und kulturellen Eigenheiten der jeweiligen Subkultur verstehen, um authentische Profile in den sozialen Medien zu erstellen.

Ich geriet tiefer und tiefer in den Kaninchenbau, bis meine Autokorrektur begann, “Johannes“ in “jihad“ zu verwandeln und Youtube mir Deradikalsiierungsvideos anbot.

Je mehr ich in die Welt von extremistischen Gruppen eintauchte, umso bewusster wurde mir, wie fern ich von der Realität dieser Menschen gewesen war. Die Filterblasen in den sozialen Medien machen es erschreckend einfach, sich nicht damit zu beschäftigen.

Die Illusion von Macht

Es dauerte nicht lange, bis die ersten IS-Sympathisanten und Neo-Nazis auch direkten Kontakt mit mir suchten. Ich spürte, wie sich beide Extreme um mich bemühten.

Die Dschihadisten sahen mich als eine der “Grauzonen-Musliminnen“, die sie auf ihre Seite ziehen wollten. Für die Alt-Right gehörte ich zu den “Normalos“, die sie “redpillen“ (d.h. radikalsieren) wollten.

Sowohl in pro-IS als auch in Neonazi-Kanälen gibt es klare Hierarchien und Prozesse. Wer die Voraussetzungen nicht erfüllt oder sich nicht an die Regeln hält, wird schnell ausgeschlossen.

Man bekommt das Gefühl, Teil einer geheimen Mission zu sein. Es ist wie ein Spiel, allerdings mit realen Konsequenzen.

Die Illusion von Macht und das Versprechen eines Rachefeldzuges gegen das politische Establishment mischen sich mit den Anreizsystemen eines Computerspiels. Das zieht desillusionierte Bürger und Globalisierungsverlierer ebenso an wie gelangweilte – teilweise sogar apolitische – Vertreter der jüngsten Generation.

Extremisten sehen sich selbst nicht als Extremisten. “Es gingen die IS-Kämpfer, es kamen die Flüchtlinge, wir verloren unsere Kultur und bekamen Terroranschläge.” So lautet jedenfalls die Geschichte, die ich aus rechtsextremen Kreisen hörte.

Die logische Konsequenz? “Wir brauchen einen Bürgerkrieg, damit Europa eines Tages wieder den Europäern gehört.”

In Sachen Krieg sind sie sich mit den Dschihadisten einig: “Wir müssen die Endkonfrontation zwischen Muslimen und nicht-Muslimen herbeiführen“, schrieb mir ein IS-Anhänger. “So schnell wie möglich.”

Beide Extreme profitieren von Angst und Wut

Die Geschichten von Islamisten und Rechtsextremen sind sich so ähnlich, dass die beiden sich zu einem gemeinsamen Weltbild ergänzten, in dem der Konflikt zwischen dem Westen und dem Islam unausweichlich scheinen. Dabei werden Muslime und Nicht-Muslime undifferenziert als zwei homogene Gesellschaftsgruppen dargestellt, für die keine friedliche Koexistenz möglich ist.

Beide Extreme profitieren von der Angst und Wut, die sie in Unterstützung für ihre Aktivitäten katalysieren können. Beide wollen die gesellschaftliche Solidarität verdrängen und das Vertrauen in die Behörden, Politiker und Medien untergraben.

Es entsteht ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, denn das jeweilige Mobilisierungspotenzial steigt mit der Bestätigung der eigenen Opferrolle durch das gegenüberliegende Extrem.

Der IS mag territorial besiegt sein, doch seine Überzeugungskraft erreicht gerade erst seinen Höchstpunkt.

Das derzeitige politische Klima bietet optimale Bedingungen für Extremisten: der politische Rechtsruck und die Erfolge von Trump, Le Pen, Weidel und Strache kommen allen radikalen Kräften gelegen, denn populistische Politiker bewirken mit ihrer Schwarz-Weiß-Rhetorik genau das, was sich Dschihadisten und Rechtsextreme erhoffen.

“Strategische Polarisierung“ nennt Martin Sellner, der Leiter der österreichischen Identitären, dieses Konzept der Spaltung.

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Screenshot ITV
Bei einem Strategietreffen der österreichischen Identitären traf Julia Ebner auf deren Anführer Martin Sellner 

“Kontrollierte Provokationen helfen uns dabei, unsere Ziele voranzutreiben, auch wenn niemand sie mag, weil sie die Gesellschaft spalten”, erklärte er mir bei einem geschlossenen Strategietreffen der Identitären in London.

Ob undercover mit zwanzig Identitären in einem Airbnb in Brixton, mit einer Gruppe rechtsradikaler Hooligans in Telford oder mit 300 demokratiefeindlichen Islamisten in Mile End – mein Zugang zu den ungefilterten Konversationen mit Mitgliedern menschenfeindlich agierender Gruppen half mir dabei, ihren Motor besser zu verstehen: Existenzielle Angst und Wehrlosigkeit, die sich durch das gemeinsame Schaffen von Opfer- und Feindbildern in geschlossenen
Gruppen in Wut verwandelten.

Das Ausmaß dieser Wut bekam ich selbst mehrmals zu spüren –
sei es in Form des Überraschungsbesuches, den mir der Gründer der English Defense League und des britischen Pegida-Ablegers, Tommy Robinson, in meinem Büro abstattete, um mich vor laufender Kamera zu konfrontieren.

Oder in Form vonr hunderten Hassposts und Drohungen, die ich von europäischen Neonazis und amerikanischen Alt-Right-Trollen erhielt.

Wir müssen den Hass mit Empathie bekämpfen

Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wie wir Extremisten den Treibstoff nehmen können.

Klar ist, dass auch sensationsgeile Medien und opportunistische Politiker genau nach dem Skript der Extremisten tanzen, denn sie geben der Wut ihres Publikums nach und schüren sie gleichzeitig.

Viele der Versuche, extremistischen Aktivitäten mit restriktiveren Gesetzen
Einhalt zu gebieten, waren ineffektiv oder gar kontraproduktiv.

Anstatt demokratiefeindlichen Gruppen mit demokratiefeindlichen Maßnahmen zu begegnen, sollten wir Initiativen fördern, die junge, mutige und innovative Stimmen gegen Extremismus lauter als jene der Extremisten
widerhallen lassen.

YouthCAN und die Online Civil Courage Initiative unterstützen
beispielsweise Kampagen wie #ichbinhier, No Hate Speech Movement und More than One Perspective (MTOP), um die durch den Terrorismus zerstörten Brücken wieder herzustellen und Hass mit Empathie und Kreativität zu bekämpfen.

In ihrem Buch “Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen”, das am 8. März im Theiss Verlag erscheint, fasst Julia Ebner ihre bisherigen Forschungsergebnisse zusammen.