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06/01/2019 19:18 CET | Aktualisiert 06/01/2019 19:18 CET

Kitas in der Krise: Erzieherin nennt Gründe, wie es zu Personalmangel kam

Wenn die Arbeitsbedingungen in den Kitas so bleiben sollen, wie sie aktuell sind, wird niemand diesen Job ausführen wollen.

Westend61 via Getty Images
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt vor einem drastischen Personalmangel in Kitas. (Symbolbild)

Ilona Böhnke hat 40 Jahre lang als Erzieherin in Kitas gearbeitet. Nachdem nun Zahlen zum dramatischen Mitarbeitermangel in Kindertagesstätten bekannt geworden sind, sucht Böhnke nach Erklärungen für den extremen Personalnotstand – und erklärt, warum es sich trotzdem lohnt, in diesem Beruf zu arbeiten.

Oft sah der Alltag in der Kita für mich so aus: Gleich morgens rufen drei Kolleginnen an, um sich krank zu melden. Schon nachdem ich das erste der Telefongespräche beende, weiß ich, es wird kein guter Tag. 

Die Gruppe von 25 Kindern muss ich heute nahezu allein betreuen. Die Praktikantin, die mir zur Seite steht, ist mir leider keine große Hilfe. Darf sie übrigens auch gar nicht sein – denn Praktikantinnen dürfen Kinder zum Beispiel nicht wickeln oder auch nur allein mit ihnen sein.

Das heißt für mich: Ich darf weder die Gruppe noch die Praktikantin, die viel Anleitung braucht, aus den Augen lassen. Ich kann mir keine kleine Pause gönnen, um einen Schluck Kaffee zu trinken. Ich kann nicht mal auf die Toilette gehen.

Ich habe mittlerweile meinen Beruf als Erzieherin quasi aufgegeben. Hin und wieder springe ich noch als Vertretung ein, aber in der Kita noch einmal in Vollzeit zu arbeiten, dass kann ich mir nicht mehr vorstellen.

Mehr zum Thema: Kita-Erzieherin: Was viele Kollegen machen, ist Kindesmisshandlung

Was ich als Erzieherin erlebt habe, ist nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt

Was ich während meiner aktiven Zeit erlebt habe, ist nur ein Vorgeschmack darauf, was Kindern und Mitarbeitern in Kitas in den kommenden Jahren drohen könnte: Erst kürzlich hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Zahlen zum Personalmangel in Kindertagesstätten veröffentlicht. Hauptvorstandsmitglied Björn Köhler sagte zu diesen:

“Eigentlich bräuchten wir 100.000 Leute sofort, um vernünftig zu arbeiten.” Bis 2025 seien Köhler nach sogar mindestens 300.000 weitere Mitarbeiter notwendig, um den jetzigen Standard halten zu können.

Das würde heißen: Wir bräuchten in etwas mehr als fünf Jahren hunderttausende neue Mitarbeiter, nur um den Stress, die Überforderung und die niedrigen Gehälter, die jetzt schon vorherrschen, beizubehalten. Damit eine Gruppe von Kindern überhaupt beaufsichtigt werden kann – Verschnaufpausen für die Kita-Mitarbeiter nicht mit inbegriffen.

Ich kann mir nicht vorstellen, wo der Staat diese enorme Anzahl von qualifizierten Mitarbeitern herzaubern will. Wenn die Arbeitsbedingungen so bleiben sollen, wie sie aktuell sind, wird niemand diesen Job ausführen wollen.

In der Kita dachte ich oft: Ich kann nicht mehr

Ich muss zugeben, dass ich mir schon oft während meines Arbeitsalltags gedacht habe: Ich kann nicht mehr. Ich halte das nicht mehr durch.

Der Druck, den wir Mitarbeiter von allen Seiten spüren, ist enorm:

► Da ist zu allererst die anstrengende und langwierige, übrigens unbezahlte Ausbildung. Erst im Berufspraktikum erhält man ein Gehalt, das in öffentlichen Einrichtungen etwa 1500 Euro Brutto beträgt. In privaten Einrichtungen kann der Arbeitgeber das Gehalt festlegen.

Ich hab gegen Ende, mit Jahrzehnten Erfahrung und mit einer Vollzeitstelle als verheiratete Frau, knapp über 1300€ Netto erhalten.

► Da sind die befristeten Arbeitsverträge – viele Erzieher wissen nicht, ob sie im nächsten Jahr noch einen Job haben werden. 

► Da sind die wachsenden Ansprüche, die Erzieher erfüllen müssen: Wir müssen Bildungsangebote für die Kinder präsentieren, für die Eltern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, Berichte verfassen – es wird immer mehr.

► Da sind die Kollegen, die genauso gestresst sind wie man selbst, auf die man sich aber unbedingt verlassen können muss – denn wenn die ausfallen, ist man auf sich selbst gestellt. Laut der GEW müssen bundesweit Kitas zumindest zeitweise schließen, weil die Betreuung der Kinder bei Krankheitsfällen nicht mehr gewährleistet werden kann.

► Und zu guter Letzt sind da die Kinder, die, wie jeder andere Mensch auch, nicht immer nur gute Tage haben. Jeder hat mal schlechte Laune, weint oder benimmt sich daneben. Jede Gruppe in der Kita hat ihre Rabauken – und die brauchen genauso Bildung und Aufmerksamkeit wie jedes andere Kind der Gruppe auch.

Die Kinder sind der Grund, warum ich Erzieherin geblieben bin

Die Kinder sind am Ende jedoch auch der Grund, weswegen ich meinen Beruf so lange ausgeübt habe – trotz der Umstände. Es gibt diese wunderbaren Tage, an denen die Kinder besonders lieb und kuschelig sind und all unsere Mühen doppelt belohnen.

Es ist ein tolles Gefühl, für die Kinder da sein zu können, ihnen etwas Neues beizubringen oder einfach mal ein tolles Spiel mit ihnen zu spielen.

Wenn die Kinder uns dann verlassen, um in die Schule zu gehen, weiß ich: Sie haben etwas gelernt. Sie haben sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Vielleicht weiß ein besonders schwieriges Kind nun besser, wie es sich in der Gruppe verhält. Oder ein Kind, das erst kürzlich nach Deutschland gekommen ist, hat in der Kita Deutsch gelernt. 

Um die Qualität der Kitas zu steigern, brauchen wir noch mehr Personal

Solche tollen Entwicklungen sind nur möglich, wenn wir Erzieher die Kinder unterstützen – und dafür brauchen wir die entsprechenden Arbeitsbedingungen und genügend Personal: Mit den 300.000 neuen Mitarbeitern bis 2025, die Köhler fordert, wäre wirklich nur die absolute Basis gegeben. Um die Betreuungsqualität in Kitas zu verbessern, wären weit mehr Kräfte notwendig, sagt auch Köhler. 

Wir sollten die Kinder nicht nur beaufsichtigen können, sondern wir sollten auch genügend Zeit haben, um ihnen etwas beizubringen, um uns näher mit ihnen beschäftigen und sie kennenlernen zu können. Nur so können wir sie optimal für ihr weiteres Leben vorbereiten.

Dafür muss der Beruf des Erziehers wieder mehr Anerkennung finden – in Form von einer angemessenen Bezahlung sowie angemessenen Arbeitsbedingungen. Nur dann kann die Attraktivität dieses doch so schönen Berufs wieder gesteigert und der Personalmangel zumindest ansatzweise behoben werden.

Dieser Text basiert auf einem Gespräch und wurde aufgezeichnet von Agatha Kremplewski.

(jg)