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29/08/2018 15:01 CEST | Aktualisiert 29/08/2018 16:27 CEST

Expertin: Wir sind alle rassistisch sozialisiert – das zu erkennen ist essentiell

Häufig passiert Rassismus unterbewusst, weil wir so sozialisiert wurden.

Hinterhaus Productions via Getty Images

Wir sind alle rassistisch sozialisiert. Jeder Mensch ist das.

Ich weiß, das klingt erst einmal erschreckend. Entsprechend emotional reagieren die Menschen, wenn sie sich dessen bewusst werden.

Ich gebe seit 2012 Trainings an Universitäten, in Verbänden und Firmen, in denen die Teilnehmenden lernen können, rassismuskritisch zu denken.

Die einfachste Definition von Diskriminierung ist: Vorurteil plus Macht.

Mit Macht ist damit die gesellschaftliche Macht, sind die gesellschaftlichen Privilegien gemeint.

Rassismus ist eine Diskriminierungsform von vielen. Bei Rassismus hat dieses Vorurteil eine Rassifizierung zur Basis. Menschen, die nicht weiß sind, sind rassifizierenden Vorurteilen ausgesetzt.

Weiße Menschen haben Privilegien im Kontext von Rassismus, sie profitieren also von der rassistischen Struktur und können demnach auch nicht von Rassismus betroffen sein. Schwarze Menschen und People of Color erleben Rassismus.

Gesellschaftliche Diskriminierung und Rassismus sind nicht identisch

Wichtig ist, alle Menschen erleben gesellschaftliche Diskriminierung auf unterschiedlichen Ebenen in ihrem Leben. Weil sie Frauen sind, weil sie eine Behinderung haben, weil sie schwul oder lesbisch sein, weil sie transident sind oder weil sie arm sind. 

Rassismus ist ein soziales Konstrukt, in dem wir alle eine Position haben. 

Weiße Menschen wissen in der Regel nicht, welche Privilegien sie haben, wie sie von Rassismus profitieren. In meine Workshops kommen auch weiße Eltern schwarzer Kinder. Ihnen fehlen oft bestimmte Blickwinkel und Erfahrungen. Sie sehen und erleben, was ihren Kindern und ihnen als Familie passiert und möchten sich darüber austauschen.

Ich selbst habe nach meinem Studium in Leipzig einige Zeit in Frankreich gelebt und bin dann wieder nach Berlin gekommen. Was meine Kinder zurück in Deutschland an Rassismus erlebt haben, hat mich ziemlich verärgert.

Ich hatte viele Erfahrungen schon als Kind selbst gemacht, aber es nun bei ihnen zu sehen, hat mich als Mutter emotional nochmal ganz anders erwischt.

Ich will nicht wiedergeben, was da alles passiert ist. Ich bin es leid, in Gesprächen wie diesen immer wieder nach meinen schlimmsten Rassismus-Erfahrungen gefragt zu werden. Das hat etwas voyeuristisches.

Dass es Rassismus gibt in Deutschland, sollten wir nun endlich begriffen haben. Und eine Zahnärztin fragt man auch nicht, ob man ihr schon mal eine Wurzel gezogen hat, bevor sie sich für den Beruf entschied.

Rassistisch sozialisiert zu sein heißt nicht, dass jemand böse ist

Daher nur so viel: Es war kein einzelnes Ereignis, das der Auslöser für meine Berufswahl war. Es waren die vielen kleinen Momente, Mikro,- und Makroagressionen, die den Alltag für schwarze Menschen und People of Color oft so anstrengend machen.

Ich wollte meine Wut, Verzweiflung und Aggression damals produktiv nutzen, daher die Workshops.

Die Teilnehmenden lernen, dass rassistisch sozialisiert zu sein nicht heißt, dass jemand böse ist. Es heißt, dass wir eben in dieser Welt groß geworden sind.

 

Kinder atmen ein, was um sie herum passiert. Sie nehmen die Botschaften auf, die sie vorgelesen und vorgelebt bekommen.

Im Kindergarten sagt die Erzieherin zum Beispiel, man solle einen beigen - hautfarbenen Stift zum Gesichter-Malen nehmen. Dies geht von einer vermeintlichen weißen Norm aus, die es in der Realität aber so gar nicht gibt. 

Im Laden finden wir Make-up mit der Aufschrift “neutral”. Es ist für weiße Menschen. Wir sehen Strumpfhosen in “Hautfarbe” – also für helle Haut.

Solche subtilen Botschaften nehmen Kinder auf. Das betrifft nicht nur Rassismus. Sie sehen, dass Mädchen und Jungs unterschiedlich behandelt werden und sie erhalten heteronormative Botschaften.

Häufig passiert Rassismus unterbewusst – weil wir so sozialisiert wurden

Die, die das vorleben, müssen das nicht einmal böse meinen, viel passiert unbewusst. Auch sie sind so sozialisiert worden.

Etwas anderes ist es, wenn jemand sich als Rassist oder Rassistin bekennt. Denn dazu entschließt man sich bewusst.

Wenn Menschen in meinen Workshops erkennen, dass ihr Blick auf die Welt kein neutraler ist, sondern durch die rassistische Sozialisierung gefärbt ist, entwickeln sie oft eine enorme Emotionalität. Sie zeugen von Abwehr, Ängsten, Unsicherheit und Wut etwa. Die Erkenntnis ist schmerzhaft.

Es hilft, wenn sie dann verstehen lernen, dass das eine normale Reaktion ist. Und dass es ein gutes Zeichen ist, wenn sich so starke Gefühle einstellen. Es mag erschrecken, ist aber der Beginn eines wichtigen und guten Prozesses.

Denn danach kann ich ein Gefühl der Verantwortung entwickeln. Und den Blick erweitern oder schärfen.

Jeder Einzelne kann etwas im Alltag verändern

Wir brauchen in der Ausbildung von Erzieher*inne und Lehrer*innen Pflichtmodule zu Rassismus-Kritik. Wir brauchen verpflichtende regelmäßige Schulungen für Lehrende und Erzieher*innen. Die #MeTwo-Debatte hat gezeigt, wie viel gerade in diesem Umfeld passiert.

 

Ich kann aber auch als einzelner etwas verändern. Ich kann hinschauen, beobachten, was ich im Alltag sehe. Welche Botschaften bekomme ich im Alltag über mich selbst oder über schwarze Menschen und People of Color?

Ich würde meinen Kindern zum Beispiel die so genannten Klassiker “Pippi Langstrumpf”, “Jim Knopf”, “Die kleine Hexe” nicht zum Einschlafen vorlesen, weil sie Rassismus an vielen Stellen reproduzieren.

Ich fände es aber gut, wenn die Kinder die Bücher in der Schule in einem speziellen Fach – zum Beispiel Gesellschaftskritik – durchnehmen würden.

In “Pippi” zum Beispiel gibt es positive Aspekte, Pippi ist ein starkes Mädchen, Annika wiederum repräsentiert das “normale” Mädchen, was aus feministischer Perspektive schwierig ist. Aber das gesamte Buch fußt aus dem kolonial-rassistischen Gedanken, in dem ein weißer Mann in der Südsee König werden kann. 

Wir dürfen keine Angst vor dem Thema Rassismus haben

Ich würde kleinen Kindern lieber Bücher wie “Nelly und die Berlinchen” vorlesen. Bücher, in denen schwarze Kinder als normaler Teil der Realität vorkommen und aktive Protagonist*innen sein dürfen. Oder “Du gehörst dazu”, ein Buch, in dem verschiedenen Familienformen thematisiert werden.

Und jeder kann Gespräche führen. Ehrliche, selbstreflektierende Gespräche, mit dem Vater, der Freundin, wem auch immer.

Was wissen wir wirklich über Rassismus? Wo sehen wir ihn? Was bedeutet Weißsein wirklich? Wie hat meine rassistische Sozialisierung meinen Blick auf die Welt geprägt?

Wir haben oft so viel Angst vor dem Thema, dass wir es tabuisieren.

Ich wünsche mir, dass Menschen lernen, in solchen Gesprächen nicht in die Abwehr gehen. Nicht zu relativieren, schwarze Menschen und People of Color mundtot machen, weil sie etwas hören, was ihnen nicht gefällt.

Get comfortable with the uncomfortable. Raus aus der Komfortzone!

Dieser Text basiert auf einem Gespräch zwischen Tupoka Ogette und Susanne Klaiber.

(ujo)