ELTERN
18/10/2018 18:39 CEST | Aktualisiert 18/10/2018 18:41 CEST

Eltern: So solltet ihr mit euren Kindern über Pornos sprechen

“Wenn ihr mit euren Kindern redet, könnt ihr sie besser vorbereiten und vor möglichen Gefahren schützen."

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“Vorläufige Untersuchungen zeigen, dass Jungs im Alter von zehn bis zwölf Jahren das erste Mal Pornos anschauen." (Symbolbild)
  • Für viele Eltern ist es schwierig, mit ihren Kindern über Pornografie zu reden – obgleich dies ein bedeutsames Thema ist.
  • Die HuffPost hat Sexualpädagogen um Rat gebeten, wie Eltern am besten mit ihren Kindern solch ein Gespräch führen sollten.

Der Gedanke, mit seinen Kindern über Pornografie zu sprechen, fühlt sich zu Beginn peinlich, erschreckend, erniedrigend oder einfach nur komisch an. Doch es ist eine wichtiges Gespräch, das alle Eltern führen sollten, die ihre Kinder mit einem gesunden Verständnis von Sexualität großziehen möchten.

“Es frustriert mich, dass die Gesellschaft nur schleppend akzeptiert, wie wichtig es ist, dass sich Kinder bewusst mit Pornografie auseinandersetzen”, erklärt Robin Wallace-Wright, Sexualpädagogin.

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“Ich unterrichte in Grund- sowie weiterführenden Schulen und es kommt häufig vor, dass viele Schüler ihr Sexwissen aus Pornos beziehen. Anhand ihrer Fragen kann ich erkennen, wie die Pornografie ihre Realitätsvorstellung verzerrt. Sie haben eine falsche Vorstellung davon, wie Sex und gesunde Beziehungen funktionieren sollten. Ihre Körperwahrnehmung ist getrübt und sie haben unnatürliche Erwartungen an ihre sexuelle Leistung.”

Elf Tipps, um ein gutes Gespräch zu führen

Obgleich das Thema Pornos schwierig ist, bleibt es schlichtweg ein Teil unserer Lebenswelt. Kinder, teilweise nicht älter als fünf Jahre, werden mit sexuellen Inhalten in den Medien konfrontiert. Sei es über Smartphones oder Tablets, durch Videospiele oder andere Grundpfeiler des digitalen Zeitalters.

Glücklicherweise haben Eltern die Macht, die Weltvorstellung ihrer Kinder hinsichtlich dieser Themen durch gehaltvolle Gespräche zu beeinflussen.

Um euch ein wenig Hilfe zu verschaffen, hat die HuffPost Sexualpädagogen um Rat gefragt, wie ihr mit euren Kindern am besten über Pornografie sprechen könnt. Hier sind elf Tipps, die ihr im Hinterkopf behalten solltet.

1. Fangt früh an

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“Wenn ihr mit euren Kindern redet, könnt ihr sie besser vorbereiten und vor möglichen Gefahren schützen. "

“Vorläufige Untersuchungen zeigen, dass Jungs im Alter von zehn bis zwölf Jahren das erste Mal Pornos anschauen, Mädchen durchschnittlich im Alter zwischen elf und 13 Jahren. Also solltet ihr bereits davor das Gespräch suchen”, sagt Sexualkundelehrerin Kim Cavill der HuffPost.

Viele Kinder stoßen versehentlich auf Pornografie, während sie im Internet surfen oder sie sind einfach nur neugierig und wollen mehr über die Pubertät und ihren Körper erfahren. Jedoch teilen die Teenager ihr Wissen oft mit jüngeren Kindern auf dem Spielplatz oder eben in der Schule.

“Wenn ihr mit euren Kindern redet, könnt ihr sie besser vorbereiten und vor möglichen Gefahren schützen. Und ihr könnt euren Kindern bereits ein Bild von dem vermitteln, was sie vermutlich sehen werden”, erklärt Wallace-Wright. Die Sexualpädagogin weist auch darauf hin, dass Eltern ihren Kindern Smartphones oder Tablets bewusst geben und den Kindern klare Regeln setzen sollten.

2. Bleibt ruhig

Ruhig und in einem neutralen Ton zu sprechen, würde einen großen Unterschied in solch sensiblen Unterhaltungen machen, meint Wallace-Wright. “Natürlich sind Eltern besorgt, aber diese Angst darf sich nicht in ihrer Stimme während des Gesprächs zeigen. Ansonsten wird das Kind darauf aufmerksam und nervös”, erklärt sie.

Wallace-Wright hat ein spezielles Skript für die Eltern entwickelt, die mit ihren Kindern das Thema Pornografie ansprechen möchten:

“Falls ihr jemals auf nackte Körper stößt, die sexuelle Dinge miteinander machen – wie sich an ihren intimen Stellen berühren oder sich aneinander reiben – dann nennt sich das Pornografie oder Porno. Ich weiß, dass das komisch wirkt, dass ich dieses Thema jetzt anspreche – ich fühle mich selbst komisch, darüber zu sprechen. Ich spreche es nur an, weil es möglich ist, dass du einmal, wahrscheinlich ungewollt, einen Porno sehen wirst.

Du sollst wissen, dass diese Bilder und Videos für Erwachsene sind und dass sie nicht der Realität entsprechen. So sieht keine liebevolle Beziehung mit Sex aus. Wenn du so etwa siehst, dann denk bitte daran, dass du dafür keinen Ärger bekommst. Ich würde mir wünschen, dass du danach den Computer herunterfährst oder dein Handy ausschaltest und zu mir kommst. So können wir gemeinsam darüber reden, was du gerade gesehen hast.”

3. Versichert ihnen, dass ihre Neugierde normal ist

“Macht euren Kindern immer klar, dass ihre Neugierde bezüglich Sex, Nacktheit, Körper und Pornos völlig normal ist”, sagt Sexpädagogin Melissa Carnagey. Die Expertin merkt an, dass Eltern ihren Kindern zeigen sollten, dass sie einfach nur froh sind, dass ihr Nachwuchs das Gespräch mit ihnen gesucht hat.

Scham und Angst sollten auf keinen Fall Teil des Gesprächs sein.

“Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern ein sicheres Gefühl vermitteln, so dass theoretisch kein Thema tabu ist. Eltern unterschätzen häufig ihren Einfluss, wenn es um diesen Bereich geht”, sagt die Pädagogin weiter. “Stellt sicher, dass eure Kinder verstehen, dass ein Porno keine Sexualkunde ist. Wenn die Kinder somit mehr Infos über diesen Bereich haben wollen, dann sollte ihnen klar sein, dass sie die beste Anlaufstelle ihre Eltern ist. Und die Kinder sollten wissen, dass es bessere Aufklärungsseiten online gibt, die ihnen richtige Informationen bieten.”

4. Werdet nicht zu persönlich

Vor allem bei älteren Kindern rät die Expertin Cavill, dass Eltern das Thema Pornografie aus der Perspektive “Sicherheit im Internet” ansprechen sollten. Zu Beginn sollten sie eher vermeiden, ihre Kinder mit zu persönlichen Fragen zu bombardieren – wie “Hast du schon mal Pornos angeschaut?”, “Was für einen Porno hast du gesehen?” oder “Wo hast du ihn gesehen?”.

“Das Internet fühlt sich für uns sehr privat an, obgleich es das in Realität nicht ist. Wer also diese wahrgenommene Privatsphäre mit löchernden Fragen zerstört, schafft sich keinen guten, eher einen sehr schlechten Start für solch ein Gespräch”, erklärt Cavill.

Stattdessen empfiehlt die Sexualpädagogin, dass Eltern ihren Kindern offene Fragen stellen sollten, beispielsweise was deren Freunde und Klassenkameraden so machen. Auch könnte es hilfreich sein, sich ein wenig dumm zu stellen oder eher unwissend, indem man Fragen stellt, wie “Ich habe kürzlich im Radio einen Bericht über dieses Sexting gehört. Hast du schon mal mitgekriegt, dass das an deiner Schule passiert?”. Mit solch einer Herangehensweise können Eltern und Kinder das Gespräch auf eine neutrale und nicht fordernde Weise beginnen. Beide Seiten können einfach beobachten, wie sich die Unterhaltung entwickelt.

5. Betont, dass Pornos Unterhaltung sind und nicht die Realität

“Ich sage immer, dass Pornos Sex als Unterhaltungsform zeigen. Es zeigt keinen Sex, wie er in der Realität stattfindet”, sagt Cavill. “Manchmal soll dieser Unterhaltungs-Sex den Realitäts-Sex imitieren, aber er bleibt Unterhaltung. Er hat ganz im Gegenteil kaum etwas mit dem wahren Leben zu tun.”

Die Sexualpädagogin merkt an, dass sie immer gerne einen witzigen Vergleich in diesem Zusammenhang macht:

“Zu denken, dass Pornos einen auf das wahre Sexleben vorbereiten, ist genauso, wie anzunehmen, dass ‘Star Wars’ einen darauf vorbereitet, ein Raumschiff zu fliegen.”

Wer darauf pocht, dass Pornos Unterhaltung sind, der betont auch, dass es kein gesunder Weg ist, sich über Sex zu informieren. Mainstream-Pornos vermitteln vermischte Botschaften. Sie sorgen dafür, dass man ein falsches Bild über den menschlichen Körper, über Natürlichkeit und über Zustimmung sowie Sicherheit bekommt.

“Oftmals werden in Mainstream-Pornos keine Kondome gezeigt oder verwendet, also zeigen sie keinen sicheren Umgang mit Sex”, sagt die Expertin. “Pornos gehören zu einer Industrie, die Profit erzielt – und nicht zur Sexualkunde. Pornos werden neugierigen Kindern keine richtigen Informationen über Beziehungen, Körper und Sex geben.”

6. Erklärt, wie sich Pornos vom wahren Leben unterscheiden

Wallace-Wright hat für Eltern einige Diskussionspunkte zusammengestellt, wie sie vor allem älteren Kindern zeigen können, wie sich Pornos von der Realität unterscheiden.

“In einer gesunden Beziehung sprechen die Partner miteinander, sie finden gemeinsam heraus, was sich für den jeweils anderen gut anfühlt und sie stellen es sicher: ‘Fühlt sich das gut an?’ – bevor sie überhaupt irgendetwas machen. Sie holen sich die Zustimmung ihres Partners ein: ‘Ist es für dich OK, wenn wir das machen?’”, erklärt die Pädagogin. “Partner behandeln sich mit Liebe und Respekt.”

Andere Diskussionspunkte beinhalten, dass die in Pornos dargestellten Körper nicht denen in der Realität entsprechen – Penisse sind oftmals größer als der Durchschnitt, Brüste wurden vergrößert. Eine Zustimmung wird selten gegeben oder eingeholt, der Sex kann gewalttätig sein und es gibt selten Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern in heterosexuellen Pornos. Frauen “bedienen” die Männer und gehen selten auf ihr eigenes Vergnügen ein.

Pornos sind Schauspiel. Die Schauspieler werden dafür bezahlt, das zu tun. So sieht echter Sex nicht aus und hört sich auch so nicht an”, betont Wallace-Wright. Die Expertin schlägt Eltern auch vor, dass sie ihren Kindern folgendes sagen sollten: “Das einzige, was an Pornos vermeintlich echt ist, ist die Begierde, die man für einen anderen menschlichen Körper empfinden kann. Du bist jedoch viel mehr wert, als nur auf dein Aussehen reduziert zu werden – zu dir zählt deine Persönlichkeit, dein Charakter, deine Interessen, deine Talente. Alle diese Dinge machen dich aus!”

7. Erklärt ihnen, dass jeder Herr über seinen eigenen Körper ist

Wenn es um sexuelle Angelegenheiten geht, haben junge Kinder meist zwei große Sorgen: “Muss ich das machen?” und “Tut das weh?”. Wenn es um Pornos geht, denken sich vielleicht einige Kinder, dass die Darsteller Schmerzen haben – bei all dem Gestöhne, das sie hören.

Stellt klar, dass es den Pornodarstellern gut geht und sie keine Schmerzen haben. Danach solltet ihr die Chance ergreifen, eure Kinder daran zu erinnern, dass sie der Herr über ihre Körper sind.

“Ich würde ihnen noch einmal versichern, dass sie nichts mit ihrem Körper machen müssen, das sie nicht wollen”, sagt Cavill. “Also wenn du solche Videos nicht sehen willst oder nicht die Dinge mit deinem Körper tun willst, die dort gemacht werden, dann musst du das auch nicht. Du bist der Herr über deinen Körper.”

Bezüglich der Schmerzen rät die Expertin zu sagen: “Die meisten Menschen entscheiden sich dafür, Sex zu haben, weil es sich wirklich gut anfühlt. Aber du musst mit deinem Körper nichts machen, was du nicht willst.”

8. Nutzt Hilfsmittel

Carnagey und Cavall verweisen beide auf die YouTube-Videos von Amaze.org, um das Gespräch über Pornos voranzubringen. “Es gibt ein Video, das heißt ‘Porno: Fakt oder Fiktion’. Dieses ist kurz, lustig und altersgemäß”, sagt Carnagey.

“Eltern, die sich so etwas mit ihren Kindern anschauen, schaffen den perfekten Boden, um danach ein Gespräch anzufangen. Und solche Videos bieten denjenigen Eltern einen Wortschatz, die nervös sind und nicht wissen, was sie sagen sollen.”

9. Macht ihnen deutlich, dass sie mit euch reden können

“Es ist entscheidend, dass Eltern ihren Kindern versichern, dass diese jederzeit zu ihnen kommen dürfen – wenn sie beispielsweise etwas verwunderliches gesehen und nun Fragen haben”, erklärt Wallace-Wright.

Sie rät Eltern, zu ihren Kindern zu sagen: “Falls du mal etwas siehst, das du nicht verstehst oder das dir ein unwohles Gefühl gibt, dann lass es mich wissen. Ich bin hier für dich und kann dir helfen.”

Im besten Fall haben Eltern bereits mit ihren Kindern über Sexualität geredet, bevor Pornos überhaupt thematisiert wurden, und über Dinge, wie Körperteile, Geschlechter, Pubertät und Beziehungen gesprochen.

“Diese Themen geben dem Kind ein Basiswissen, auf dem die Eltern aufbauen können – beispielsweise haben die Eltern bereits erklärt, dass liebevolle Beziehungen Kommunikation, Zärtlichkeit und Respekt beinhalten und diese Dinge eben nicht in Pornos vorkommen”, sagt Wallace-Wright.

“Was wir als Eltern machen sollten, ist, das Gespräch über dieses Thema zu ermöglichen. Nur so können wir sicherstellen, dass wir unseren Kindern die entsprechenden Werkzeug mitgeben, mit denen sie richtig interpretieren können, was sie gerade gesehen haben.”

10. Zeigt ihnen, dass es sich nicht nur um Online-Videos handelt

Cavill betont, dass das Porno-Gespräch sich nicht nur um Porno-Videos drehen sollte. “Das ist nicht die einzige Form, mit der die Kinder in Kontakt treten”, sagt sie. “Mittlerweile gehört es zum Alltag, dass gesextet wird und Nacktfotos verschickt werden. Deshalb muss es auch ein Gespräch über die entsprechenden Gesetze und Grenzen solch eines Verhaltens geben.”

In Deutschland ist es erlaubt, sich erotische Bilder zu schicken. Die Grenzen werden jedoch überschritten, wenn diese Fotos an andere weitergeleitet werden – ohne, dass der Absender sein Einverständnis gegeben hat.

Eltern können sich ihren Kindern nähern, indem sie deren Klassenkameraden ansprechen und sich auf deren Verhalten beziehen: “Dann könnt ihr sagen ’Ich glaube, wir sollten nachschlagen, was der Gesetzgeber zu diesem Bereich sagt, nur damit wir uns sicher sind, ja? Warum schauen wir nicht gemeinsam nach?’”

Über diesen Weg können die Eltern das Thema Pornos unter dem Hut der Internetsicherheit behandeln. Danach empfiehlt Cavill, dass über bestimmte Familienwerte bezüglich Sex gesprochen werden sollte: “Das schreibt der Gesetzgeber vor, aber wir als Familie glauben, dass es moralisch richtig wäre, dies oder jenes zu tun.”

11. Bringt ihnen bei, Gefahren im Internet zu reduzieren

Eltern können ihre Kinder darauf hinweisen, riskantes Verhalten im Internet zu meiden – doch sie sollten ihnen nichts vorschreiben, wie “Du darfst auf keinen Fall Nacktfotos schicken”. Cavill merkt an, dass Eltern ihren Kindern erklären sollten, dass sie eigentlich nicht nach Nacktfotos gefragt werden dürften.

“Viele junge Mädchen erklärten, dass sie zu so etwas gedrängt oder genötigt wurden. Sie wollen es eigentlich gar nicht machen, bekommen jedoch so viele anhaltende Nachrichten, dass sie irgendwann ein Nacktbild machen – nur damit es endlich aufhört”, erklärt sie. Viele junge Erwachsene wüssten zudem nicht, wie sie sich verhalten sollten, wenn sie belästigt werden.

Vor allem betont Calvill, dass Eltern ganz realistisch an das Thema Nacktfotos und Sexting herangehen und ihnen die Infos bieten sollten, um mögliche Gefahren zu verringern. Das könnte die Gesetzeslage sein, wie man sich bei Belästigung verhalten sollte oder wie sie mit Nacktbildern umgehen sollten, nachdem eine Beziehung beendet wurde.

Eltern sollten vor allem aufpassen, nicht in eine autoritäre Rolle zu schlüpfen”, erklärt Calvill. “Viele Eltern wollen das Gespräch anfangen mit Sätzen an, wie ‘Zeig mir dein Handy!’, ‘Wo ist dein fake Instagram-Account?’, ‘Ich will dein Handy jeden Tag kontrollieren’, ‘Mach das nicht!’. Bei manchen Kindern mag das funktionieren, aber bei den meisten eben nicht”, erklärt sie weiter. “Bei den meisten fühlen sich die Eltern nur so, als würden sich die Kinder ihnen beugen. Aber eigentlich werden die Kinder nur besser darin, Dinge zu verstecken und dann habt ihr überhaupt nichts erreicht – anstatt euch mit euren Kindern auf eine verständnisvolle, offene Ebene zu begeben.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der US-HuffPost und wurde von Nadine Cibu aus dem Englischen übersetzt und angepasst. 

(ak)