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30/08/2018 07:48 CEST | Aktualisiert 30/08/2018 07:49 CEST

Experte: Sachsen tickt eher wie Polen oder Ungarn als wie der Westen

"Viele Menschen im Osten sind frustriert."

ODD ANDERSEN via Getty Images
Bei den Ausschreitungen in Chemnitz haben bis zu 6.000 Rechte demonstriert.
  • Theologe Frank Richter nennt mögliche Gründe für den Hass der Menschen in Chemnitz.
  • Er glaubt: Sachsen ticke eher wie Polen oder Ungarn als wie Westeuropa. 

Er versucht die Bürger Sachsens zu verstehen: Der Theologe und ehemalige Direktor der Sächsischen Landeszentrale für Politische Bildung, Frank Richter, beschäftigt sich viel mit dem Hass im Osten.

Im Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” nannte er jetzt verschiedene Gründe, wie es seiner Meinung nach zu den Ausschreitungen in Sachsen kommen konnte. 

► Seine These: Sachsen sei viel mehr wie Ost- als wie Westeuropa und ticke kulturell und politisch eher wie Polen oder Ungarn. 

In Sachsen zeige sich wie in Osteuropa das Phänomen der zurückgebliebenen Bürger. 

“Wir hatten nach 1990 einen gewaltigen Bevölkerungsverlust im Osten”, erklärt Richter. “Und auch vorher sind schon viele der politisch, technisch oder wirtschaftlich Engagierten nach Westen gegangen. Die Sozialwissenschaften sagen tatsächlich, dass sich die, die zurückgeblieben sind - und sich zurückgelassen fühlen – eher von Rechten verführen lassen.”

Das sehe man auch in ländlichen Regionen Frankreichs oder bei der Brexit-Entscheidung in Großbritannien.

Das hält der Experte für die Lösung 

Auch der Zusammenbruch der DDR und des Marxismus-Leninismus habe viele im Osten Deutschlands frustriert. Denn der Neoliberalismus, der daraufhin an seine Stelle trat, produziere in seinem Konstrukt der Wettbewerbsgesellschaft neben Gewinnern immer auch Verlierer.

Das führe zu vielen Enttäuschungen. 

Deshalb würden Menschen im Osten in manchen Fällen heftiger reagieren als Menschen im Westen.

Um weitere Ausschreitungen wie die in Chemnitz zu verhindern, gibt es laut dem Experten nur eine Herangehensweise: “Der innere Frieden einer Stadt muss täglich neu erarbeitet werden”, sagt Richter.

Er ergänzt:

“Für eine Stadt muss eine soziale, politische und ethische Infrastruktur genauso geschaffen werden wie eine ökonomische und technische Infrastruktur. Dann kann eine Stadtgesellschaft stark genug sein, um an Tagen wie jetzt in Chemnitz in der Lage zu sein, schnell und aktiv zu reagieren, gewaltlos und konstruktiv.”

(lp)