POLITIK
11/11/2018 13:50 CET | Aktualisiert 11/11/2018 15:31 CET

Experte fordert: Lehrer müssen über den Nahost-Konflikt sprechen

Nur so lasse sich der arabisch motivierte Antisemitismus bekämpfen.

JOHN MACDOUGALL via Getty Images
Eine Klasse mit Kindern, die aus ihrer Heimat geflohen sind (Archivbild)

Juden sind unsere Feinde. Ich hasse die Juden. Sie bringen nur Unheil. Israel stiehlt. Israel mordet.”

Mehmet Ersöz aus Duisburg ist mit solchen Worten aufgewachsen. Worten, wie sie nach allem, was man weiß, viele junge Menschen hören, deren Eltern aus dem arabischen Raum nach Deutschland eingewandert sind. Eltern, deren Biografie geprägt ist vom Nahost-Konflikt.

Ersöz hat sich mühsam aus dem Antisemitismus herausgekämpft. Mit viel mehr persönlichem Engagement, als man es erwarten kann, mit der Hilfe der Jugendprojekte Heroes und “Junge Muslime in Auschwitz”.

Ebenso Furkan Kuruderi. Er bat in der Schule darum, dass man über den Nahost-Konflikt spreche.

Doch nicht einmal ein Referat durfte er halten, sagt er über seine Gymnasialzeit. Zu groß sei die Angst der Lehrer gewesen, dass das Thema außer Kontrolle gerate.

Nahost-Konflikt ist an vielen Schulen kein Thema

Differenzieren zwischen Religion und Politik. Zwischen Regierung und Bürgern. Zwischen Fakten und Verschwörungstheorien. Das haben die beiden jungen Männer nicht in der Schule gelernt.

Das sind sie nicht die einzigen. Der Nahost-Konflikt ist an vielen Schulen kein Thema.

“Der Nahost-Konflikt muss an allen Schulformen thematisiert werden”, sagt Michael Kiefer der HuffPost. Der Islamwissenschaftler ist einer der deutschlandweit bekanntesten Experten für islamistische Radikalisierung unter Jugendlichen und hat sich intensiv mit Antisemitismus unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund beschäftigt.

Er warnt: Wird der Nahost-Konflikt in der Schule nicht thematisiert, “bleibt das Thema eine große Tabu-Zone und damit ein Nährboden für Spinner und Verschwörungstheoretiker.

Für die Baath-Partei, die Syrien über Jahrzehntelang geprägt hat, gehört Antisemitismus zum Programm. Syrien ist das Hauptherkunftsland von Asylsuchenden in Deutschland.

Viele palästinensische Familien aus den palästinensischen Gebieten, dem Libanon und Jordanien haben in Kämpfen mit Israels Truppen Angehörige verloren. Auch von ihnen leben viele in Deutschland.

Herkunft der Schüler an deutschen Schulen

  • Laut Mikrozensus von 2016 haben 33 Prozent der Schüler an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland Migrationshintergrund. Das heißt, entweder sind sie selbst oder ein Elternteil nach 1955 nach Deutschland eingewandert. 
  • Ausschließlich einen ausländischen Pass hatten im vergangenen Schuljahr laut Statistischem Bundesamt sieben Prozent der Schüler.

Kiefer verweist auf eine soziologische Studie von Jürgen Mansel und Viktoria Spaiser von 2013, derzufolge der israelbezogene Antisemitismus bei Jugendlichen mit arabischstämmigem Hintergrund eine deutlich größerer Rolle spiele als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.

Mehr zum Thema: Was wir über Antisemitismus unter jungen Muslimen wissen und was wir dagegen tun können 

Gute Gründe also, das Thema mit Schülern standardmäßig zu besprechen?

Was die Kultusministerien zum Nahost-Konflikt sagen

Bei den Kultusministerien der Länder, die für die Lehrpläne zuständig sind, sind sich die Verantwortlichen nicht so einig, wie sich auf Anfrage der HuffPost zeigt:

  • Baden-Württemberg: “Antisemitismus tritt häufig in Verbindung mit Antizionismus bzw. Kritik am Staat Israel auf. Schulische Aufgabe ist es, sich mit den Schülerinnen und Schülern kritisch und vorurteilsfrei mit der Situation in Nahost auseinanderzusetzen.”
  • Bayern: “Möglichst umfassende Informationen über Israel und den Nahost-Konflikt, die auch den historischen und politischen Gesamtkontext berücksichtigen, sind grundlegender Teil der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus und seiner Bekämpfung.”
  • Niedersachsen: “Eine differenzierte Vermittlung des Nahostkonflikts kann einen Beitrag dazu leisten, der Herausbildung oder Verfestigung von Einstellungen des israelbezogenen Antisemitismus‘ entgegenzuwirken.”
  • Thüringen: “Unbedingt. Um antisemitischen Tendenzen und Stereotypen zu begegnen, braucht es einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Neben der Politik und den Medien sind dabei auch Bildung und Schule gefragt.”

Andere Länder sind da zurückhaltender:

  • Sachsen: “Der Nahost-Konflikt kann in die Argumentationen und Diskussionen einbezogen werden, ist aber nicht notwendige Grundlage dafür.”
  • Saarland: “Der Nahost-Konflikt ist ein außerordentlich komplexes und vielschichtiges Thema. Eine Reduktion des Themas mit der Zielrichtung, es zu nutzen, um dem Antisemitismus entgegenzutreten, erscheint weder fachlich angemessen noch pädagogisch sinnvoll.”
  • Bremen: “Grundsätzlich ist die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus nicht untrennbar mit der Diskussion über den Nahost-Konflikt verbunden.”

Einigkeit herrscht in den Ministerien dagegen darüber, dass Antisemitismus ein Thema sein müsse.

“Das kann man nicht einfach auslassen”

Kiefer reicht das nicht. “Der Antisemitismus hat nicht 1945 aufgehört, auch wenn dieser Eindruck in manchen Kultusministerien verbreitet zu sein scheint”, sagt er.

“Um Antisemitismus zu begegnen, reicht es nicht, sich nur mit der Nazi-Zeit zu beschäftigten. Die Narrationen, mit denen die Schüler aus dem Nahen Osten in ihren Familien aufwachsen, stammen aus den letzten 50, 60 Jahren. Das kann man nicht einfach auslassen.”

Antisemitismus sei ein “flexibler Code” geworden, den es fast überall gebe, im Islam, im Panarabismus und jeder anderen Form des Nationalismus. “Also muss man ihn auch in diesen Facetten aufgreifen. Gerade in Klassen mit hohem Anteil von Kindern mit arabischer Migrationsgeschichte ist die Nahost-Komponente wichtig. Es gibt immer noch diesen Opfermythos, nach dem ‘die bösen Juden’ mit verschwörerischen Methoden ‘die edlen Araber’ niedergerungen haben.”

Wenn Pflicht, dann oft nur im Gymnasium

Tatsächlich liegt es fast überall an den einzelnen Lehrern, ob sie den Nahost-Konflikt besprechen oder nicht. Lehrpläne enthalten heute in der Regel keine Liste der Themen, die durchgenommen werden müssen, sondern eine Liste von Kompetenzen, die sich die Schüler draufschaffen sollen. Die Lehrer können sich aussuchen, anhand welches konkreten Beispiels sie etwas vermitteln.

Und so ist der Nahost-Konflikt nur in wenigen Ländern Pflicht. Und wenn, dann teils nur im Gymnasium.

  • Baden-Württemberg: “Das Thema Nahostkonflikt ist im Bildungsplan in den Fachplänen für Geschichte verbindlich verankert. Aber auch im Fach Gemeinschaftskunde ist eine Behandlung des Nahostkonflikts in verschiedenen Zusammenhängen möglich.”
  • Bayern: In der Oberstufe des Gymnasiums ist das Thema fest verankert: “Der Nahe Osten: Historische Wurzeln eines weltpolitischen Konflikts.“
  • Rheinland-Pfalz: Der Nahost-Konflikt ist Pflichtthema. In der Sekundarstufe I wird er in Sozialkunde und Gesellschaftlehre, in der Sekundarstufe II in Geschichte, Sozialkunde und Ethik aufgegriffen. 
  • Thüringen: Die Themen Nahostkonflikt und Antisemitismus werden nicht explizit in den Lehrplänen verankert.
  • NRW: “Bezüge zum Thema Antisemitismus finden sich in den Kernlehrplänen (KLP) aller Schulformen.” Von Pflicht ist keine Rede.
  • Saarland: “Der Nahost-Konflikt ist in den Lehrplänen Geschichte (Gymnasium), den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern (Gemeinschaftsschule) sowie Geschichte und Politik der gymnasialen Oberstufe nicht verpflichtend vorgesehen.”
  • Schleswig-Holstein: Das Thema “Dauerhafter Friede – eine Utopie? Friedensschlüsse und Lösungsversuche internationaler Konflikte“ ist vorgeschrieben, da den Nahostkonflikt zu behandeln, sei “nahezu zwingend”, aber nicht explizit gefordert.

Schulabschluss von Kindern mit Migrationshintergrund:

Aktuelle bundesweite Zahlen darüber, wie viel Prozent der Kinder mit und ohne Migrationshintergrund die Haupt- oder Realschule oder das Gymnasium besuchen, gibt es nicht. Der Mediendienst Migration hat errechnet, dass 2017

  • 28 Prozent der Schüler ohne Migrationshintergrund und
    21 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund einen Hauptschulabschluss gemacht haben.

Gravierende Unterschiede zeigen sich zwischen Kindern mit deutschem und nicht-deutschem Pass:

  • Einen Hauptschulabschluss machen 20 Prozent der deutschen und 40 Prozent der ausländischen Schüler.
  • Das Abitur schaffen 44 Prozent der deutschen und 16 Prozent der ausländischen Schüler. Beim Abitur lagen die Schüler ohne Migrationshintergrund mit 28 Prozent zwei Punkte vor jenen mit Wurzeln im Ausland (26 Prozent).
  • Ohne Abschluss gingen 1 Prozent der Schüler ohne Migrationshintergrund und 10 Prozent mit Migrationshintergrund ab.

Wenn Lehrer das Thema besprechen können, warum tun es dann nicht alle? Wer mit ihnen spricht, hört mehrere Gründe:

1. Der Zeitmangel

“Eigentlich müssten Lehrer jede Chance wahrnehmen, darüber zu sprechen, um arabisch motiviertem Antisemitismus beizukommen”, sagt Heinz-Peter Meidinger der HuffPost. Er ist Geschichtslehrer und Chef des Deutschen Lehrerverbands.

An den Gymnasien böten die Lehrpläne meist noch genügend Zeit dafür, zum Beispiel in Geschichte, anders als an anderen Schulen.

“Wir können auch nicht einfach die alte oder europäische Geschichte zugunsten neuer Themen zusammenstreichen. Wenn wir gut zusammenleben wollen, brauchen wir ein Bewusstsein dafür, wo die abendländische Kultur ihre Wurzeln hat – in der Antike”, sagt er.

Ulrich Bongertmann, ehemaliger Vorsitzender des Verbands der Geschichtslehrer, verweist darauf, dass sich die Prioritäten, über die Lehrer mit ihren Schülern sprechen sollten, ständig verändern.

“Dieses Jahr ist Antisemitismus dringend, nächstes Jahr vielleicht Indien. Anti-christliche Strömungen. Islamismus. Die Fülle der Stoffe sprengt den Rahmen.”

2. “Bis zum Ende der siebten Klasse kann ich nur über Ritter sprechen”

Bongertmann hält nicht nur die wöchentliche Stundenzahl für einen begrenzenden Faktor, sondern auch das Zeitfenster, in dem man mit Kindern der Haupt-, Mittel- oder Oberschule überhaupt über das Thema sprechen könne.

“Bis zum Ende der siebten Klasse kann ich nur über Themen wie Steinzeit und Ritter sprechen. Mit Themen wie Juden oder Antisemitismus können die Kinder erst ab etwa der achten Klasse etwas anfangen. Solche Themen sind erst dann sinnvoll, wenn die Schüler auch Interesse an Nachrichten entwickeln. Aber Schülern mit 14 Jahren ist in der Regel nicht einmal bekannt, was der Inhalt einer “Tagesschau” ist.”

Auch Experte Kiefer hat mit Kindern dieses Alters gearbeitet. “Ich bin mit Kollegen von 2007 bis 2010 in der achten bis zehnten Klasse in Gesamt- und Realschulen und Kollegs gegangen.

Natürlich sei das didaktisch eine Herausforderung, aber man könne Partner
wie Kiga in Berlin einbinden, wenn man die Herausforderung fürchtet. Kiga ist ein Verein, der politische Bildungsarbeit für die Integrationsgesellschaft anbietet. 

3. Grauzonen der Geschichte 

Bongertmann sieht eine weitere Schwierigkeit im Unterricht: “Der historische Antisemitismus ist abgesichert, anders als aktuelle Phänomene im Zusammenhang mit dem arabischen Antizionismus.”

Kiefer hat weniger Probleme mit Uneindeutigkeiten. Für ihn hilft es schon, wenn man genau das benennt. “Klar ist das Thema heikel. Der Übergang von Israelkritik zu Antisemitismus ist fließend. Diese Grenze muss man ausloten. Schon wenn es gelingt, mit den Schülern zu besprechen, dass es schwierig ist, Grenzen zu ziehen, ist etwas gewonnen.”

“Man kann sehr einfach in so eine Diskussion einsteigen: Ich frage da zum Beispiel, ob es neben Israel-Kritik oder eine Großbritannien-Kritik oder eine Italien-Kritik gibt. Nein? Dann heißt das wohl, dass Israel eine Sonderstellung hat.

Wir sehen bei der aktuellen BDS-Kampagne, dass die Boykottaufrufe teils mit
antisemitischen Positionen begründet werden, teils mit Menschenrechtspositionen.”

4. Die Angst der Lehrer vor dem Kontrollverlust

“Zusätzlich zum geringen Stellenwert des Nahostkonflikts in den Lehrplänen kommt auch die Resignation mancher Lehrkräfte, die heiße Diskussionen und Provokationen fürchten und das Thema da lieber nur stiefmütterlich behandeln”, sagt Meidinger.

“Sie sagen, wenn ich mit dem Stoff überhaupt durchkommen will, muss ich schauen, dass ich nicht noch Widerstand provoziere. Das ist mit Sicherheit der falsche Weg. Aber eine Lösung für das Problem habe ich auch nicht.”

Kiefer ist dafür, es einfach zu machen. ”Und es gibt auch keine Ausrede dafür, es nicht zu tun.”

(ujo)