POLITIK
06/05/2018 10:30 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 15:57 CEST

Leben nach dem Hass: Wie eine Rechtsradikale den Ausstieg schaffte

Angela King hat als Skinhead Schreckliches getan – jetzt hilft sie Aussteigern aus der rechten Szene.

Im Video oben erzählt Angela King, wie sie zur Rassistin wurde – und warum sie heute tiefe Scham darüber empfindet.

Angela King hat sich entschieden, Rassistin zu werden. Andere Menschen zu erniedrigen, sie anzugreifen und zu berauben.

So erzählt King es selbst.

Die US-Amerikanerin aus Florida erzählt es im Interview mit der HuffPost, erzählt es unzähligen Menschen. Weil die Mitte 40-Jährige das Gefühl hat, dass sie etwas gutzumachen hat.

Mit 15 Jahren zu den Neonazis

Sie ist im Süden Floridas aufgewachsen, diesem feuchtheißen Bundesstaat im äußersten Südosten der USA, der früher überwiegend von Demokraten, in den vergangenen zwanzig Jahren dann von einem republikanischen Gouverneur regiert wurde. 

Als Kind suchte King nach ihrer Identität. Ihre Familie gab ihr mit, dass sie sie liebe. Aber dass sie nie mit einem Schwarzen oder einer Partnerin zu Hause aufzutauchen brauche. So erzählt King es jedenfalls. So wirklich überzeugt, sagt sie, war sie nicht vom Rassismus und von der Homophobie.

Aber das sei es nicht gewesen, was sie dazu brachte, sich mit etwa 15 Jahren einer Gruppe von Neonazis und Skinheads anzuschließen. Sie sagt, dass sie dort fand, was sie in ihrer Familie vermisste: Sie fühlte sich angenommen.

King ist damit kein Einzelfall. Aus Deutschland ist bekannt, dass Rechtsextremisten vor allem unter Jugendlichen zwischen zwölf und 15 Jahren ihren Nachwuchs ködern. Mal über die Musik rechter Bands, mal über die Kameradschaft, das Abenteuer, die Rebellion. 

King hat diese Umgebung lange nicht verlassen. Acht Jahre blieb sie bei den Ultra-Rechten.

“Ich hätte sie nicht wie Menschen behandelt”

1998 wurde die junge Frau zu sechs Jahren Haft verurteilt. Sie war an einem bewaffneten Raubüberfall auf den Laden jüdischer Inhaber beteiligt gewesen.

Mit den Frauen, die sie im Gefängnis traf, darunter Afroamerikanerinnen, hätte sie früher niemals geredet, sagt King heute. “Ich hätte sie nicht als Menschen behandelt.”

Mehr zum Thema: Früher war ich Rassist – heute schäme ich mich dafür

“Ich wurde von Frauen im Gefängnis wieder zum Menschen gemacht”, sagt sie. Diese Kontakte und auch der mutmaßlich rechts motivierte Terroranschlag in Oklahoma 1995 mit 168 Toten hätten sie zum Nachdenken gebracht.

Nach drei Jahren wurde sie vorzeitig entlassen, wegen guter Führung. King ging aufs College, studierte später.

Scott Olson via Getty Images
Ein Protest von US-Neonazis im April 2009 im US-Bundesstaat Illinois.

Auf Rassismus gepolt

Und merkte, dass in ihrem Kopf Automatismen abliefen: Sah sie einen Schwarzen, dachte sie an rassistische Sprüche.

King spricht heute von tiefer Scham, die sie darüber erfüllt habe.

Sie fing an, sich über rassistisch bedingte Ungleichheit zu informieren, über Privilegien, die Weiße genießen.

Es ist ein schrecklich ergiebiges Thema in den USA – aber nicht nur dort. Offiziell wurde die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten 1964 abgeschafft. In den Köpfen vieler Menschen und damit im realen Leben, gibt es sie weiter.

► In Arkansas und Alabama arbeiten Aktivisten daran, schwarze Kinder von den Schulen zu verbannen. 

► Immer wieder erschüttern Fälle von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner das Land.

► Bei einer Demonstration von Rechten in Charlottesville rast ein Auto vergangenen Sommer in eine Gruppe von Gegendemonstranten. 

Auch in Deutschland habe die Rechtsextremen Zulauf. Der Bundesverfassungsschutz schrieb in seinem aktuellsten Bericht von 2016, dass die Zahl der Rechtsextremen und auch der gewaltbereiten unter ihnen steigt. Mehr als 12.000 Rechte würden demnach nicht vor Gewalt zurückschrecken.

Ein Leben nach dem Hass

King wollte verhindern, dass sich der Hass weiter ausbreitete. 2011 gründete sie mit anderen Aussteigern zusammen die Organisation “Life After Hate”. Die Non-Profit-Organisation klärt auf, betreibt Deradikalisierung und unterstützt Forschung zum Thema Extremismus.

Eine ähnliche Organisation gibt es auch in der Bundesrepublik, Exit Deutschland. Auch da gehen ehemalige Rechtsextreme oder ehemalige Islamisten in Schulen und erzählen ihre Geschichte. 

Das Violence Prevention Network kümmert sich mit Sozialarbeitern und anderen Experten um Prävention. Staatliche Stellen versprechen Aussteigern Hilfe.

Anlässe und Gründe gibt es genug, auch in Deutschland.

Die Fälle von rechter Hasskriminalität sind laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2016 gestiegen. Aktuelle Zahlen werden für diesen Mai erwartet.

Mehr zum Thema: Ich war ein rassistischer Polizist - wie ich meine Vorurteile überwunden habe

King will verstehen, was die Menschen zum Hass treibt. Nicht bei allen ist es die Ideologie. Es gebe Fälle, in denen Menschen traumatisiert seien, Missbrauch erlebt hätten. Was ihre Taten nicht entschuldigen solle. Was man aber wissen müsse, um die Mechanismen zu verstehen.

Ähnliches hat auch Rechtsextremismusforscher Christoph Schulze in Deutschland beobachtet.

Er sagt, der erste Kontakt mit der Szene sei “in der Regel nicht nur politisch motiviert, sondern mit sozialen, familiären und kulturellen Faktoren verwoben”. Neben Internetseiten, Musik und Cliquen spielten manchmal auch biografische Brüche und Erlebnisse eine Rolle als “emotionale Öffner”.

Nach Charlottesville fühlte sich King wieder schuldig

King hat acht Jahre lang gelebt und gehasst in dieser Szene. Heute wird ihr mit jeder Tat, von der sie hört, aufs Neue bewusst, welches Monster da um sich greift.

Als sie die Bilder von Charlottesville sah, sagt King, zog sie sich erst einmal zurück. Die Angst und die Scham, dass sie nicht genug gegen die Rechten getan hat, waren zu groß.

Dass US-Präsident Donald Trump erst noch versucht hat, den Vorfall in Charlottesville zu relativieren, dass er zwar aggressive Sprüche klopft, aber ignoriert oder sogar in Kauf nimmt, dass die Rhetorik sehr reale Folgen hat, erzürnt King.

“Wenn wir derzeit eine Regierung haben, die sich weigert, ihre Stimme gegen Hass und Rassismus zu erheben, dann sendet sie eine sehr deutliche Botschaft an Menschen, die glauben, es sei okay, Menschen zu verletzen, die nicht weiß sind.”

Dem Hass entkommen, irgendwann

Und so erzählt King ihre Geschichte. Wieder und wieder. Und wer sie reden hört, hat das Gefühl, dass sie es bitter ernst meint, wenn sie über Schuld, spricht, über Verantwortung und Scham.

Auf ihrem Arm hat sie ein Tattoo mit Worten aus einem Gedicht der schwarzen Professorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou, das unendlich traurig, unendlich kämpferisch ausdrückt, dass das Gute siegen wird: “But still. Like air. I’ll rise.”

Es ist die letzte Zeile der sechsten Strophe:

“Du kannst mich mit deinen Worten erschießen,
du kannst mich mit deinen Augen schneiden,
du kannst mich mit deinem Hass töten,
ich werde dennoch wie ein Lufthauch in die Höhe schweben.”

(mf)