POLITIK
01/08/2018 19:28 CEST | Aktualisiert 03/08/2018 14:50 CEST

Ex-Neonazi: Früher habe ich Ausländer verprügelt, heute rette ich ihr Leben

"Ich muss noch immer vorsichtig sein, wem ich über den Weg laufe."

Im Video oben erzählt eine Rechtsextreme, wie sie zur Rassistin wurde – und warum sie heute tiefe Scham darüber empfindet.

Max* (Name geändert, der Redaktion bekannt) ist klein und schmal. Seine Gesichtszüge und seine weiße Haut wirken jung und zart. Unter der Brille lächeln seine blauen Augen. Er trägt Sneakers, eine schwarze kurze Hose und ein weißes T-Shirt auf dem steht: “Hass hilft” – der Slogan einer Spendenaktion gegen Rechts. Max wirkt wie ein schüchterner Schuljunge. Aber er ist 26 Jahre alt – und war früher Neonazi.

“Bomber-Jacke, Springer-Stiefel und Glatze – wir müssen endlich dieses Klischee vom Neonazi ablegen. 90 Prozent der Neonazis sehen nicht so aus. Das ist naiv. Auch ich bin früher genauso rumgelaufen, wie heute – bis vielleicht auf das Shirt”, sagt Max.

Wolfgang Rattay / Reuters

 

Früher hat Max Ausländer verprügelt, heute ist er ein anderer Mensch. Er arbeitet inzwischen als Notfallretter beim Roten Kreuz. Wer da auf der Trage liegt, interessiert ihn nicht. “Ob es ein Deutscher, ein Ausländer oder ein Mensch mit Migrationshintergrund ist, ist vollkommen egal – da ist jemand, der meine Hilfe braucht, und das ist alles was zählt.” Leben retten ist alles, was zählt.

Er hat den Ausstieg geschafft, auch wenn der Weg steinig war – dafür ist er als Teenager viel zu leicht in die rechte Szene reingerutscht.

Aufgewachsen ist er in einem Viertel mit hohem Migrantenanteil in einer deutschen Großstadt. Er war erst 14 Jahre alt, als er von älteren Jungs angesprochen und zum Fußballspielen, Grillen und Bier trinken eingeladen wurde.

“Es hätten auch Linke oder irgendwer anders sein können. Als Teenager suchst du irgendwo Halt – und das birgt die größte Gefahr. Jeder kann reinrutschen”, erzählt Max.

Max riss Juden-Witze im Unterricht – seiner Lehrerin war das egal

Anfangs habe er gar nicht gemerkt, wo er da reingeraten war. Ältere Jungs wollten mit ihm befreundet sein, zeigten ihm Musik, die ihm gefiel. Dann ging es mit den Demos los – und irgendwann riss Max Juden-Witze im Geschichtsunterricht. Seine Mitschüler lachten, seine Lehrerin tat nichts.

“Hätte meine Geschichtslehrerin damals gehandelt und einen Sozialpädagogen zu Rate gezogen, wäre vielleicht alles ganz anders gelaufen. Aber die Lehrer sind zu schlecht ausgebildet, wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Es müsste viel mehr Prävention und Aufklärung geben”, sagt der 26-Jährige. 

Und bei uns gab es auch Gewalt, viel Gewalt. Vor allem gegen Antifa-Leute, aber wir haben uns ab und an auch mit Ausländern geprügelt.

Als er 18 Jahre alt ist, beschließt Max, dass er aufhören muss. Inzwischen war er tief drin in der rechtsextremen Szene. Hatte eine Neonazi-Gruppe mitgegründet, war stellvertretender Führer einer Kameradschaft.

“Und bei uns gab es auch Gewalt, viel Gewalt. Vor allem gegen Antifa-Leute, aber wir haben uns ab und an auch mit Ausländern geprügelt.” 

Doch dann kam es zu einem unfreiwilligen Outing. Linke haben Max und seine Kameraden an den Pranger gestellt, einen Anschlag auf ihn und seine Wohnung verübt. “Dass ich im Krankenhaus gelandet bin, hat mich wachgerüttelt. Ich hatte vor allem Angst um meine damalige Freundin.”  

Die Gründe für einen Ausstieg sind vielfältig

Die war nicht Teil der Szene, aber seine Kameraden schlugen ihm vor, sie mitzubringen, um sie zu beschützen. “Sie dorthin bringen, wo die Gefahr am größten ist? Ständig Gewalt ausgeübt wird? Das wollte ich auf gar keinen Fall.”

Also entschied er sich auszusteigen und wandte sich an Exit-Deutschland. Exit ist eine im Jahr 2000 gegründete Initiative des Zentrums Demokratische Kultur (ZDK). Sie hilft Aussteigewilligen aus der rechtsextremen Szene und Familien, die ihre Angehörigen aus der rechtsradikalen Bewegung lösen wollen.

Bei Max war es vor allem die Sorge um seine Freundin. Aber die Gründe für einen Ausstieg sind vielfältig, sagt Fabian Wichmann, der für Exit arbeitet.

“Die meisten merken irgendwann, dass etwas in ihrem Alltag nicht mehr funktioniert, ihre Vorstellungen mit der Realität nicht zusammenpassen – oder soziale Situationen verschieben sich, ein neuer Partner, Kinder, Verwandte, die Druck ausüben.”

Manchmal berät Exit auch Rechtsextreme, die straffällig wurden und von einem Gericht zu Beratung gezwungen werden. “Aber wenn die Person nicht selber will, dann ist das relativ schwierig”, sagt Wichmann.

Der Schutz für die Aussteiger und ihre Angehörigen steht an oberster Stelle 

697 Personen hat Exit bislang beim Ausstieg erfolgreich begleitet, darunter 96 Frauen. Einer davon ist Max.

Auch er hat nicht einfach von heute auf morgen beschlossen, auszusteigen. Es ist ein Prozess – ein langer Prozess. Der viel Kraft und Rückschläge kostet und Selbstreflexion erfordert. Die meisten Aussteiger begleitet Exit über 1,5 Jahre, manche mehr als fünf Jahre oder ein Leben lang.

Ein Ausstieg ist von vielen Faktoren abhängig. Es gibt kein Schema. Wie lange war jemand in einer Gruppe, welche Rolle hat er dort gespielt, ist die Gruppe gewaltbereit, wie ist die Wohnsituation?

Exit-Deutschland ist eine Initiative, die Menschen beim Ausstieg aus der rechtsextremen Szene hilft. Ins Leben gerufen wurde das nichtstaatliche Programm am 24. Mai 2000 unter anderem von Bernd Wagner und Ingo Hasselbach, der früher selbst Neonazi war.

Inzwischen arbeiten dort Erziehungswissenschaftler, Kriminologen, Sozialarbeiter und frühere Neonazis eng zusammen, um Menschen aus der rechtsextremen Szene zu holen. 

“All das müssen wir abwägen. An vorderster Stelle steht, den Aussteigern Sicherheit zu gewährleisten, ihnen zu helfen, mit möglichen Bedrohungen durch Ex-Kameraden umzugehen und die Vergangenheit zu reflektieren und aufzuarbeiten”, sagt Wichmann.

Die Vergangenheit holt Max immer wieder ein – trotzdem ist er heute glücklich

Max ist nicht verbittert oder traurig, wenn er von seinem Ausstieg erzählt. Er lacht sogar, wenn er an manche Situationen von damals denkt. Acht Jahre nach seinem Entschluss, aus der Szene auszusteigen, ist er glücklich, vor wenigen Wochen ist er Vater geworden.

Es ist ein Teil von mir und hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Würde ich das nicht annehmen, würde ich mich selbst verleugnen.

Aber all das hat Zeit gebraucht. Umziehen, vermeintliche Freunde hinter sich lassen, ein komplett neues Leben aufbauen. Und den Halt verlieren, den die Kameradschaft ihm gegeben hatte.

“Anfangs war es schwer und ich hatte ab und an Zweifel, ob ich nicht doch wieder zurücksoll. Aber ich hatte Glück und die Unterstützung meiner Familie und meiner damaligen Freundin.”

Und auch heute holt Max die Vergangenheit immer wieder im Alltag ein. Sei es wenn er in einer Weltkriegsdokumentation im Fernsehen eine Wehrmachtsmelodie erkennt oder er Behörden seinen erfolgreichen Ausstieg versichern muss.

“Und auch heute noch muss ich vorsichtig sein, wem ich über den Weg laufe. Ich weiß viele Dinge über meine Ex-Kameraden, die sie in Schwierigkeiten bringen könnten”.

Max will andere vor denselben Fehlern bewahren

Der 26-Jährige verheimlicht seine Vergangenheit vor niemandem.“ Es ist ein Teil von mir und hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Würde ich das nicht annehmen, würde ich mich selbst verleugnen.”

Dennoch will er heute andere davor bewahren, dieselben Fehler zu begehen wie er – und macht sich Sorgen über die Zukunft.

Ende Juli hat der Bund den Verfassungsschutzbericht für 2017 veröffentlicht. In Deutschland leben 165.000 Mitglieder Reichsbürger- und “Selbstverwalter”-Szene – 900 davon sind rechtsextrem. Die Zahlen steigen seit Jahren deutlich.

Rechtsextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Max überrascht das nicht. Er glaubt, dass das Problem immer größer wird. Die Flüchtlingskrise und die AfD täten ihr Übriges – und die Politiker, die immer älter werden, würden die Probleme und Sorgen der jungen Menschen nicht kennen und verstehen.

Max engagiert sich bei Aktionen von Exit wie der Spendenaktion “Hass hilft”, unterstützt Präventionsseminare in Schulen. Aber all das sind für ihn nur Tropfen auf den heißen Stein.

Rechtsextremismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. “Inzwischen kenne ich alle möglichen Aussteiger – vom sozial schwachen Jugendlichen, über den Musiker bis hin zum Anwalt.” 

Die glatzklöpfigen Springerstiefel-Proleten, die auf Demos rumbrüllen, seien nicht das Problem. “Das sitzt viel tiefer und die rechtsextreme Szene ist total inhomogen. Das müssen Politik und Medien endlich verstehen.”

(ben)