ENTERTAINMENT
10/10/2018 07:24 CEST | Aktualisiert 10/10/2018 15:32 CEST

Ex-Hartz-IV-Empfängerin an RTL II: "Wie ihr Kinderarmut darstellt, ist ekelhaft"

"Bei “Armes Deutschland – Deine Kinder” kommen endlich die Kleinen ganz groß raus."

RTL II
Die Tür ist kaputt, seitdem eins der Kinder einen Wutanfall hatte – Geld zum Reparieren hat die Familie nicht.

HuffPost-Autorin Agatha Kremplewski stammt aus einfachen Verhältnissen: Ihre Eltern waren oft über längere Zeiträume hinweg arbeitslos, die Familie lebte von Sozialhilfe und später von Hartz IV. 

Das hat sie den Machern von Unterschichtsshows wie “Armes Deutschland – Deine Kinder” nun zu sagen. 

Liebes Team von RTL II, 

mit Sendungen wie “Hartz und Herzlich” oder “Armes Deutschland” habt ihr ja schon ein ganz feines Gespür dafür bewiesen, wie sich auf Kosten von Arbeitslosen und Geringverdienern die ganz große Unterhaltungsshow produzieren lässt. 

Mit eurer neuen Doku-Reihe zeigt ihr nun, dass eure Kameras nicht einmal vor den wesentlichen Leidtragenden der Armut Halt machen: Bei “Armes Deutschland – Deine Kinder” kommen endlich die Kleinen ganz groß raus.

Nun stehen die armen Kinder im Vordergrund

Scheinbar reicht es nicht mehr, erwachsene Menschen, deren Handlungsspielräume durch mangelnde finanzielle Mittel eingeschränkt sind, in den Mittelpunkt zu zerren, um hinterher mit dem Finger auf die “armen Assis” zu zeigen.

Jetzt stehen endlich die Sprösslinge im Vordergrund. Allerdings: Wie ihr Kinderarmut darstellt, ist ekelhaft.

Privat
HuffPost-Autorin Agatha Kremplewski hat selbst Hartz IV bezogen.

Prinzipiell halte ich es nicht für verkehrt, eine Sendung über Kinderarmut in Deutschland zu produzieren. Denn das Thema ist brisant, und trotz gefühlt latenter Präsenz erleben wir schon lange keine positive Entwicklung.

Laut Berechnungen des Kinderschutzbundes (DKSB) sind etwa 4,4 Millionen Kinder hierzulande von Armut betroffen. Das bedeutet, dass ihren Familien über 60 Prozent weniger finanzielle Mittel verfügen, als das durchschnittliche Netto-Einkommen im Bund beträgt.

Ein Armutszeugnis für so ein reiches Land wie Deutschland.

Auch ich bin in alles andere als wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen: Meine Eltern sind Ende der 80er Jahre aus Polen nach Deutschland eingewandert.

Dauerhaft Arbeit haben die beiden hier leider nicht gefunden: Oft schlugen sie sich mit Jobs im Niedriglohnsektor durch. Sie trugen zum Beispiel Zeitungen aus, lieferten Essen aus oder gingen putzen. Immer wieder waren sie zwischenzeitlich arbeitslos, seit der Hartz-Reformen im Jahr 2005 waren wir Hartz-IV-Empfänger.

Mehr zum Thema: Es geht nicht um Geld: Was alle in der Debatte um Hartz IV falsch verstehen

Armuts-Shows begegne ich mit gemischten Gefühlen

Sendungen wie “Armes Deutschland – Deine Kinder” schaue ich deswegen mit gemischten Gefühlen. Prinzipiell finde ich, liebes RTL-II-Team, dass ihr Armut nicht als Unterhaltungskonzept verkaufen dürft.

Erst recht nicht, wenn Kinder im Spiel sind. Sie sind durch die finanzielle Situation ihrer Eltern schon genügend gebrandmarkt und erleben schon früh Einschränkungen in ihrer Entscheidungsfreiheit, weil nun einmal nicht alle Wünsche erfüllbar sind.

Zudem zeigt ihr, liebe Macher von “Armes Deutschland – Deine Kinder” natürlich wieder hauptsächlich die Extremfälle – die selbstverständlich nicht dazu beitragen, dass der durchschnittliche Zuschauer Empathie für finanziell schlechter gestellte Menschen entwickelt.

► Da ist das Paar mit den 14 Kindern, das in einer beispiellosen Bruchbude von Hartz IV lebt und nun Kind Nummer 15 erwartet.

► Da ist die schwerkranke, alleinerziehende Mutter, die trotzdem raucht und kein schlechtes Gewissen dabei zeigt.

► Da ist die Messi-Familie, die ihre Wohnung langsam, aber sicher zu einer ekelhafte Müllkippe verkommen lässt. 

Viele der Szenen kann ich nachvollziehen – aus eigener Erfahrung

Andererseits zeigt ihr in der Sendung auch Szenen, die ich als Kind selbst erlebt habe. 

So gehen zum Beispiel der 13-jährige Nick und die 14-jährige Jotti von ihrem Taschengeld Lebensmittel für die Familie einkaufen – ihre alleinerziehende Mutter bezieht Hartz IV.

RTL II
Jotti prüft, was es noch zu Essen gibt, bevor sie für die Familie einkauft.

Ich erinnere mich gut daran, wie ich selbst oft nach der Schule Kleinigkeiten von meinem eigenen Geld kaufte. Ich fühlte mich verantwortlich und wollte finanziell etwas zum Alltag beisteuern.

Jotti erzählt in eurer Sendung, in der Schule gehänselt zu werden – andere Kinder merken natürlich, wenn man aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht dazugehört.

Auch meine Mitschüler haben mich spüren lassen, dass ich eine Außenseiterin bin, weil ich mir nicht die neuen Nike-Schuhe oder Markenklamotten leisten konnte. 

Mehr zum Thema: Was ich als Kind armer Eltern an einer Reichen-Schule erlebte

Wenn die 16-jährige Laura sagt, sie war noch nie beim Frisör, fällt mir ein: Meine Mutter hat mir die Haare geschnitten, bis ich 13 war (und hin und wieder auch danach noch) – schlichtweg, weil es günstiger war. 

Als Nick über den Kummer seiner Mutter spricht, den sie aufgrund der finanziellen Lage empfindet, und in der Sendung sagt: “Welches Kind sieht seine Mutter schon gerne weinen?”, denke ich an meine eigene Mutter.

An die Tränen, die sie vergossen hat, wenn sie manchmal nicht weiter wusste. An die Streitereien meiner Eltern um das knappe Geld. 

Armut als Unterhaltungs-Show kennt keine Grenzen bei RTL II

Viele andere Szenen, die ihr zeigt, liebes RTL-II-Team, sind allerdings heillos übertriebene Negativbeispiele, die das Publikum eurer Sendung am Ende eher gegen Hartz-IV-Empfänger aufhetzten als bei ihnen Mitleid mit deren Kindern zu wecken.

Ronny und Simone mit ihren 14 Kindern sind zum Beispiel eine absolute Ausnahme – in Deutschland wachsen gerade einmal 0,5 Prozent aller Kinder mit mehr als fünf Geschwistern auf.

Laut der Bertelsmann-Stiftung erhöht sich das Armutsrisiko für Kinder mit steigender Geschwisterzahl – kein Wunder also, dass die 16-köpfige Familie sehr wahrscheinlich Geldsorgen plagen. 

Anstatt aber die Gründe für die Armutssituation der Großfamilie zu nennen, zeigt ihr, liebe Macher der Show, wie verwahrlost die Wohnung ist, wie passiv die Eltern, wie aggressiv die Kinder (“Da war ’ne Tür, bis Basti ausgerastet ist”, sagt die älteste Tochter über einen ihrer Brüder). 

RTL II
Ronnys und Simones 14 Kinder haben nicht viel Platz, um sich zurückzuziehen.

Juanita, Nicks und Jottis Mutter, leidet an Elephantiasis, bei der sich aufgrund einer Störung der Lymphdrüsen Wasser im Körper sammelt. Trotz der schweren Erkrankung raucht Juanita, sie sagt in der Sendung: “Ich rauche, um zu vergessen.” 

► Natürlich neigt der Zuschauer nun schnell dazu, die Frau zu verurteilen.

► Natürlich bestätigt sie das Klischee vom verantwortungslosen Sozialschmarotzer, der zu allem Überfluss seine eigene und die Zukunft seiner Kinder aufs Spiel setzt.

Die Messi-Wohnung ist das Schlimmste

Dass Langzeitarbeitslosigkeit laut Studien größere gesundheitliche Risiken birgt, wird allerdings nicht erwähnt. Dass etwa doppelt so viele Erwerbslose wie Erwerbstätige rauchen und was die Gründe dafür sein könnten – die gefühlte Perspektivlosigkeit zum Beispiel, wie Juanita sie auch andeutet – ebenfalls nicht. 

Mehr zum Thema: Alltag eines Hartz-IV-Empfängers: Essen, schlafen, sterben

Am schlimmsten ist allerdings das Negativbeispiel am Ende der Sendung: Da wird eine Familie gezeigt, die in einer absolut heruntergekommenen Wohnung, einer richtigen Müllhalde, lebt. Möbel sind kaum zu erkennen, überall türmen sich Verpackungen, Kleidung, Spielsachen, dazwischen Dreck und ungespültes Geschirr.

RTL II
Die 11-jährige Laura lebt in einer extrem verwahrlosten Wohnung.

Das ist natürlich ein Horrorszenario, das nicht stellvertretend für alle Hartz-IV-Empfänger stehen kann – das der Zuschauer unter Umständen aber allzu gern als allgemeingültige Wahrheit über faule Arbeitslose akzeptiert. 

Ich frage mich, liebes RTL-II-Team: Kennt ihr keine Grenzen? Armut ist keine Unterhaltungsshow. Kinder, die in Armut aufwachsen, sind keine spannenden Protagonisten, sondern müssen mit den Konsequenzen ihrer Situation leben – auch nach Sendeschluss. 

Mit Armutspornos, wie ihr sie am laufenden Band produziert, ist niemandem geholfen – weder den Protagonisten, noch den Zuschauern, die drohen, durch eure überzogenen Darstellungen eine noch negativere Meinung über Langzeitarbeitslose zu entwickeln.

Wann ist endlich Schluss mit dem Voyeurismus?

Armut muss ernst genommen und darf kein Unterhaltungsformat werden

Wir dürfen das Armutsproblem in Deutschland nicht ignorieren – wir dürfen es allerdings erst recht nicht für Unterhaltungszwecke ausnutzen.

Mehr zum Thema: Der neue Armutsporno: Wie Hartz IV zur Entertainment-Show wurde

Deswegen wünsche ich mir ein Sendeformat von euch, den Redakteuren und Produzenten von RTL II, das nicht nur die kuriosen Extrembeispiele von Armut porträtiert.

Das Menschen in prekären Situationen nicht als bizarre Darsteller in einer Komödie namens “Hartz IV” ausnutzt. Das verschiedene Formen von Armut anhand von Fakten sowie Studien erklärt und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Faktoren herstellt. 

Wahrscheinlich würden das eure Zuschauer aber nicht aushalten. Wer will sich beim Fernsehen schon schlecht fühlen, ob der schweren Schicksale und der Hoffnungslosigkeit, in die abertausende Menschen in Deutschland auch unverschuldet abrutschen?

Dazu kommt: Würdet ihr arme Menschen realistisch darstellen und ihre Schicksale nachvollziehbar erklären, wäre das wohl nicht so spannend wie der asoziale Sozialschmarotzer. Oder der kettenrauchende Faulpelz. Oder die nachlässige, alleinerziehende Mutter. 

Vielleicht würde euch ja der Gedanke trösten, dass ihr dann zumindest zu einem realistischeren Abbild der deutschen Gesellschaft beitragen würdet?

Überlegt es euch mal.

Viele Grüße

Agatha 

(lp)