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23/12/2018 20:22 CET | Aktualisiert 25/12/2018 12:38 CET

Ex-Arbeitsloser: "Es fühlt sich an, wie ein Leben im offenen Strafvollzug"

Nur, dass man im Knast noch drei Mahlzeiten am Tag bekommt.

Jürgen Weber / Hartz IV Betroffene e.V.
Jürgen Weber beim Bundestag.

Jürgen Weber hat selbst jahrelang Arbeitslosengeld II (ALG II), umgangssprachlich auch Hartz IV genannt, bezogen und arbeitet mittlerweile wieder in Vollzeit. Im Jahr 2005 hat er den Verein Hartz IV Betroffene e.V. gegründet, um anderen ALG-II-Beziehern zu helfen, sie rechtlich zu beraten und zu Jobcenter-Terminen zu begleiten. 

Ich habe seit 2001 von Arbeitslosengeld, später dann von Hartz IV gelebt – bis ich im Oktober 2018 wieder eine Vollzeit-Stelle gefunden habe. Beim hiesigen Jobcenter führen sie wahrscheinlich einen Freudentanz auf, weil ich wieder arbeite. Allerdings nicht, weil die Mitarbeiter sich so für mich freuen – sondern weil sie mich endlich los sind.

Denn ich habe im Jahr 2005 den Verein Hartz IV Betroffene e.V. gegründet, in dem wir ALG-II-Beziehern rechtlich zur Seite stehen und sie teilweise auch zu Jobcenter-Terminen begleiten.

Jobcenter: viele Leistungen sind weggefallen

Nachdem ich also selbst erlebt habe, wie man als Arbeitslosenhilfe- und ALG-II-Bezieher behandelt wird und wie viele Fehler bei der Bearbeitung der jeweiligen Fälle gemacht werden, habe ich mich entschlossen, zumindest einigen der Rechtssuchenden zu ihrem Recht zu verhelfen. 

Bevor ich arbeitslos wurde, war ich bei der Müllabfuhr. Dort wurde ich 2001 entlassen und rutschte bald in die Arbeitslosenhilfe, die 2005 zu Hartz IV umgewandelt wurde.

Der einzige Vorteil, der meiner Ansicht nach daraus entstand, war, dass nun Sozialamt und Arbeitsamt zum Jobcenter zusammengelegt wurden und bürokratisch alles scheinbar etwas übersichtlicher würde.

Das stellte sich jedoch als Irrtum heraus, denn nun war ein 4-Seitiger Hauptantrag mit 12 gesonderten Anträgen nötig. Ansonsten fielen auch viele Leistungen weg, wie zum Beispiel das Bekleidungs- oder Weihnachtsgeld.

Ein Verein für Hartz-IV-Empfänger

2005 saß ich wieder in einer Maßnahme, die mir zu einem Wiedereinstieg ins Berufsleben helfen sollte: meinem sechsten Computer-Kurs – obwohl ich damals schon fortgeschrittene Computerkenntnisse hatte.

Einige weitere Kursteilnehmer, die ebenfalls mit dem System unzufrieden waren, und ich schlossen uns dann zusammen, um unseren Verein zu gründen. Arbeitslos zu sein bedeutet schließlich nicht, beschäftigungslos zu sein.

Seitdem habe ich quasi in Vollzeit oder auch mehr gearbeitet – nur, dass ich immer noch von SGB II lebte. Manchmal habe ich ganze Wochenenden damit verbracht, Fälle zu prüfen, Gesetze zu recherchieren, Urteile miteinander zu vergleichen. 

Da unser Verein keine staatliche Förderung erhält, musste ich alles, was ich für unsere Kunden brauchte, selbst bezahlen. Wenn ich nun zum Beispiel einen Fall in fünffacher Ausführung für das Sozialgericht ausdrucken muss, muss ich dafür selbst in die Tasche greifen. Für einen ALG-II-Bezieher sind das erhebliche Kosten.

Zumindest ein gemeinsames Vereinsauto wurde uns vom Wirtschaftsministerium finanziert, damit wir so unsere Kunden erreichen und zu Terminen, zum Beispiel beim Gericht oder Jobcenter, fahren konnten. Dumm nur, dass keiner auf die Idee kam, dass der Unterhalt eines Autos Geld kostet!

Hartz-IV-Beratung: große psychische Belastung

Die psychische Belastung in der gesamten Zeit war groß. Das Schlimmste an ALG II und Hartz IV ist, dass man sozial isoliert wird, keinen Zugang mehr zu Freizeitaktivitäten hat, keinen seelischen Ausgleich findet. Mich hat es dazu psychisch auch noch mitgenommen, wenn ich andere ALG-II-Bezieher beraten habe.

Um andere ALG-II-Bezieher beraten zu können, darf man die Fälle nicht an sich ranlassen, da man sonst selber einen Knacks bekommt. 

Wenn man da emotional nicht abschaltet, hat man keine Chance.

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Fall: Da kam eine Frau zu mir, die schon völlig am Ende war, weil ihre Sachbearbeiterin sie regelrecht kleingemacht hat.

Die Frau hatte schon Angst, zu ihren Jobcenter-Terminen zu fahren. Also habe ich angeboten, mitzufahren und sie als Zeuge zu begleiten.

Die Sachbearbeiterin wurde gleich wütend, als ich gemeinsam mit der Kundin den Raum betrat, und wollte mich sofort wieder vor die Tür setzen. Aber ich habe mich durchgesetzt und bin geblieben.

Recht für ALG-II-Bezieher durchsetzen

Ich habe gelernt, mich nicht mehr zu leicht einschüchtern zu lassen. Ich kenne mittlerweile meine Rechte und fordere sie auch ein – das ist das wichtigste, was ich aus meiner Zeit als ALG-II-Bezieher und Berater mitgenommen habe.

Ich hatte stets und habe auch immer noch den Eindruck: ALG-II-Bezieher werden so behandelt, als hätten sie keine Rechte. Wir werden vom Jobcenter eher verwaltet, als dass uns geholfen wird: fordern statt fördern.

ALG II fühlt sich an, wie ein Leben im offenen Strafvollzug – nur, dass man im Knast immerhin noch drei Mahlzeiten am Tag bekommt.

Deswegen will ich mich auch jetzt, da ich wieder in Vollzeit arbeite, in meinem Verein weiter für ALG-II-Bezieher einsetzen. Ich bin mir sicher, dass es weder vom Jobcenter noch von den Politikern erwünscht ist, dass sich ALG-II-Bezieher über ihre Rechte aufklären lassen und untereinander vernetzen.

Dennoch werde ich weiterhin für sie kämpfen. Es gibt viel zu tun, packen wir es an!

Dieser Artikel ist Teil der HuffPost-Heiligabend-Aktion. Anlässlich des 15. Jahrestags von Hartz IV am 24. Dezember 2018 stellen wir Menschen vor, deren Leben durch Hartz IV verändert wurde. Weitere Beiträge findet ihrhier.

(tb)