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09/07/2018 16:41 CEST | Aktualisiert 09/07/2018 16:41 CEST

Europa - Der Club der Egomanen

Marlene Buchinger
Europa - Der Club der Egomanen

Viele Dinge laufen momentan gehörig schief in Europa und vielleicht auch insgesamt auf der Welt. Und man muss sich unweigerlich fragen, warum die Bürgerinnen und Bürger so viele Profilneurotiker in verantwortungsvolle Ämter gehoben haben, diese aber jeden Sinn für Verantwortung vermissen lassen. Aber alles der Reihe nach.

Aktuell gibt es in Deutschland einen richtigen Konflikt innerhalb der so genannten Union, der Vereinigung von CDU und CSU auf Bundesebene. Besonders die CSU hat mit dem “C” in ihrem Namen, was eigentlich für “christlich” steht, absolut nichts mehr zu tun. Auch das “S” für “sozial” ist bestenfalls eine Farce. Der Innenminister Horst Seehofer von eben dieser Partei und Markus Söder, der ihm nachgefolgte Ministerpräsident in Bayern, lassen nichts unversucht, ihren Wahlkampf in Bayern auf die großen Politbühnen zu bringen. 

Und immer wieder geht es nur um ein Thema: Migration und Flüchtlinge

Verbündete finden die beiden Herren in Personen, wie dem amtierenden Bundeskanzler Sebastian Kurz aus Österreich. Außerdem ist allen Genannten ein enges Verhältnis zum ungarischen Diktator Viktor Orbán sehr wichtig. Sebastian Kurz hat sich nach seinem durch Paranoia und Inhaltslosigkeit durchsetzten Wahlkampf im vergangenen Jahr in eine Koalition mit einer demokratieverachtenden und teils faschistischen Partei, der rechtsextremen FPÖ, begeben. Das zeigt, dass Kurz für die Erlangung von Macht wirklich jedes Mittel recht zu sein scheint. Die CSU möchte die rechtsextreme und ebenfalls demokratieverachtende AfD am liebsten rechts überholen. Mittlerweile gesellen sich noch Rechtsextreme aus Italien dazu, die in die das gleiche asoziale Horn blasen. Darüber hinaus treiben Menschen, wie Vladimir Putin auf russischer Seite und Donald Trump auf amerikanischer Seite, ebenfalls ihr menschenunwürdiges Unwesen.

Nationalismus

Die Welt ist momentan in vielen Bereichen durchsetzt von blanker Egomanie, einer Form der Egomanie, die sich Nationalismus nennt. Alle denken nur an sich selbst und suggerieren dabei, dass Einigkeit herrscht. Sie nehmen sich gemeinsame Feindbilder vor: 

  • Die “Eliten”, zu denen sie meist selbst gehören,
  • die EU, die sicher ihre Fehler hat, aber deren Vorteile und Notwendigkeit dabei komplett ignoriert werden, 
  • und natürlich Flüchtlinge, die in deren Augen immer böse sind und ganz besonders dann, wenn es Muslime sind.

Feindbilder sind so schön einfach

Man kann andere hassen und abwerten und kann sich in seiner Inhaltslosigkeit, Inkompetenz und Armseligkeit schön aufgewertet fühlen, weil man ja „besser ist“. Lösungen braucht man nicht, denn es gibt “Feinde”, die böse sind und wenn diese eliminiert wären, ist aus Sichtweise dieser Egomanen alles gut. In dem Moment, wenn deren Feindbilder aber zusammenbrechen, bekriegen sie sich ganz sicher selbst. Denn es ist das wesentliche Charakteristikum von Egomanie, dass man immer nur an sich selbst denkt und andere dabei übergeht - irgendwann auch die “Freunde”.

Die wesentlichen Probleme werden kaum beachtet

Flüchtlinge und Migration sind dabei überhaupt kein essentielles Thema. Wenn Herr Kurz von einer “Katastrophe” spricht und sein Koalitionspartner und andere rechtsextreme Parteien eine “Islamisierung” herbeibeschwören, dann fällt das in den Bereich von Paranoia und vielleicht auch von Wahnvorstellungen. 

Ja, Migration ist eine Herausforderung, aber eben nicht unsere größte, und sie wurde und wird sowohl in Deutschland als auch in Österreich und vielen anderen Ländern dank Ehrenamt und vieler engagierter Menschen hervorragend gemeistert. Diejenigen, die am lautesten gegen Migranten wettern, haben in den meisten Fällen nie einen gesehen, geschweige denn persönlich kennengelernt. Diese Schwarzmaler stürzen sich auf die Fälle, in denen Migranten straffällig werden und ignorieren die vielen gleichartige Fälle, in denen die Täter nicht in ihr Feindbild passen. Straftaten sind nur dann interessant, wenn die Täter das Feindbild erfüllen. Echte Anteilnahme sieht anders aus.

Vertreter der CSU, der Kurz-ÖVP und natürlich von all den rassistischen und faschistischen Parteien, wie FPÖ oder AfD, wollen einem ständig vermitteln, dass Migration ein so essentielles Thema sei, da unsere Existenz und unser Wohlstand eben dadurch bedroht wäre. Dabei werden sie nicht müde, durch so genanntes Framing ständig einen nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität zu konstruieren. 

Diese Politiker ignorieren die wesentlichen Herausforderungen und Probleme, die wirklich dringend gelöst werden müssen:

  • Wie gehen wir mit dem offensichtlich anthropogenen Klimawandel um?

  • Wie können wir in einer zunehmend von Vernetzung und Digitalisierung beeinflussten Gesellschaft alle Menschen gleichermaßen mitnehmen?
  • Wie gestalten wir Digitalisierung und das Internet der Dinge so, dass die Gesellschaft als Ganzes davon profitiert?
  • Wie verhindern wir die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich?
  • Wie können wir echte Gleichberechtigung zwischen allen Menschen unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Aussehen herstellen?
  • Wie erlangen wir Chancengleichheit unabhängig von gesellschaftlichen Schichten und Kontostand des Elternhauses?

Es gibt viele Fragen, die uns alle betreffen und einige davon bedingen auch Migration. Es ist scheinheilig, wenn man sich über Migration aus dem Nahen Osten aufregt und gleichzeitig den nächsten stinkenden Diesel kauft und sein Haus mit einer Ölheizung ausstattet. Die Gier nach Öl ist es schließlich, weshalb eine Region, wie der Nahe Osten, instabil ist. Die Ursachen von Migration liegen im Wesentlichen in unserem Konsumverhalten. Dieser Aspekt ist unbequem und man müsste sich mit seinen eigenen Defiziten beschäftigen. Andere Menschen zu hassen ist da viel bequemer.

Mehr Europa, weniger Nationalstaat

Während wir in Europa anfangen, uns in unsere nationalistischen, kleingeistigen Murmeltiergehege zurückzuziehen und glauben, wir könnten so weiter existieren, haben Länder, wie China und Indien, eine langfristige Agenda. Sie arbeiten systematisch daran, die Weltordnung in deren Sinn zu formen und zu beeinflussen. Es ist kein Zufall, dass China deutsche Technologieunternehmen aufkauft und sich in Afrika Zugänge zu den Rohstoffen der Zukunft sichert. 

Deutschland und Österreich zusammen haben gerade mal 90 Millionen Einwohner, ein Land, wie China, weiß nicht, ob es 100 Millionen Menschen mehr oder weniger sind. Indien ist eine Wirtschaft und eine Gesellschaft, die sehr jung ist. Auf einen indischen Pensionisten fallen vier arbeitende Menschen. Bei uns ist es eher umgekehrt.

Wenn wir eine signifikante Rolle in der weltweiten Gesellschaft der Zukunft spielen wollen, müssen wir aufhören, ständig an uns selbst zu denken und Phantomprobleme zu kultivieren. Diese ständige Geschwafel von “Irgendwer First” ist kleingeistig, dumm und egomanisch. Es führt genau zum Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen möchte, nämlich die eigenen Interessen zu wahren. Möchte man die eigenen Interessen schützen, muss man diese unweigerlich im Kontext zu anderen Standpunkten betrachten. 

In dem Moment, wenn jeder nur an sich selbst denkt, sind Konflikte und im Extremfall Kriege die Folge. Themen, wie Flüchtlinge und Migration, sind untergeordnete Sekundärthemen. In der derzeitigen politischen Diskussion gewinnt man aber den Eindruck, als sei dies unser wesentliches Thema, was leider komplett an der Realität vorbei geht. Während einige bei uns den Wettbewerb "Wer verhält sich sich am asozialsten?" veranstalten, können Länder, wie China und Indien, in Ruhe ihre Agenda durchziehen. 

Wenn wir nicht endlich von unserer Egomanie wegkommen, hat Joschka Fischer mit dem Titel seines kürzlich erschienenen Buches leider recht: “Der Abstieg des Westens”. Dann wandert der Wohlstand immer weiter nach Ostasien und wir leben nach deren Gesellschaftsmodell, ob wir wollen oder nicht.

Wir brauchen einander in Europa mehr denn je

Ansätze und Ideen, wie sie Emmanuel Macron formuliert hat, in denen es um eine “Neugründung” Europas geht, sind ein denkenswerter Ansatz. Das große Ganze steht immer über dem kleinen Lokalen. Europa ist immer nur so stark, wie das schwächste Glied. Die Zeit ist überfällig für Gemeinsamkeit statt Kleingeistigkeit, Neid und Egomanie.

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