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06/03/2018 19:49 CET | Aktualisiert 07/03/2018 11:44 CET

Essener Tafel: Warum kein Essen für Ausländer?

Wer kategorisch Menschen aufgrund ihrer Herkunft ausschließt, hat das Grundgesetz nicht verstanden. Doch hinter der Debatte um die Essener Tafel steckt viel mehr.

Im Video oben erfahrt ihr, wie der Tafel-Chef auf die Kritik von Kanzlerin Angela Merkelan der Essener Tafel reagiert

Es geht um eine postindustrielle Ökonomie, die neue Gewinner und Verlierer schafft. Eine Analyse.

Warum eigentlich kein Essen für Deutsche?

Man könnte es auch umdrehen und fragen: Warum eigentlich kein Essen für Deutsche? Warum ist nicht das Kriterium der Bedürftigkeit herangezogen worden? Warum musste die Herkunft herhalten? Warum gibt es nicht einfach Hausverbote für die einzelnen Gruppen, die sich offenbar daneben benommen haben?

Ein Grund ist dieser: “Wenn Ihre Mutter hier aus der Trambahn steigt, mittwochs, und da stehen fünfzig Araber, stellt die sich in die Schlange?“ Der Essener Tafel-Chef Jörg Sartor will für ein “ausgewogenes Verhältnis“ sorgen, berichtet die “Zeit” und will deshalb keine Ausländer mehr aufnehmen

Doch warum macht er das an dem Anteil der vor der Tafel anstehenden “Ausländer“ fest? Ein Hungernder ist ein Hungernder – ganz gleich, aus welchem Land sein Magen herkommt.

 Die Sensibilitätswüste

“In den vergangenen Jahren entwickelte sich ein Gefühl dafür, dass es Rassismus auch im eigenen Alltag und Umfeld gibt“, schrieb 2014 die in Berlin lehrende Erziehungswissenschaftlerin Iman Attia. Dieses Gefühl ist spätestens nach September 2015 wie eine dünne Wolke im Wind verweht.

Wir befinden uns scheinbar in einer Sensibilitätswüste. Dabei geht es hier um ein Grundbedürfnis: Essen. Wer darf was bekommen und wer entscheidet das?

Es stellen sich hier grundlegende Fragen, die durch das Grundgesetz eigentlich längst geklärt sind. Das Diskriminierungsverbot besagt, dass niemand aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden darf. Aber so funktioniert die Gesellschaft offenbar nicht.

Es gibt eine neue Wand, die zwei Gruppen trennt. Auf der einen Seite sind die Weltoffenen und auf der anderen Seite die nationalen Kommunitarier oder anders gesagt: hier die Weltoffenen, dort die Nicht-Weltoffenen. Oder ist das zu kurz gedacht?

Sachsen-Anhalt zeigt, dass es anders geht

Jörg Sartor von der Essener Tafel ist zumindest davon überzeugt, dass die “Ausländer“ die “deutsche Oma“ verdrängen, “weil sie sich unwohl fühlt mit den ausländischen Männern in der Schlange, die dann alle Arabisch sprechen“.

Diese Sätze zeigen, dass sich Sartor von einer diskriminierungsfreien Sicht auf die Dinge längst verabschiedet hat. Dass es anders gehen kann, zeigen die 32 Tafeln in Sachsen-Anhalt. Dort hat der Vorsitzende Andreas Stepphuhn auf die Praxis verwiesen, wonach alle zu Versorgenden gleich behandelt werden.

Zahlen müssen alle, denen es besser geht

Doch all das zeigt ein anderes Problem: Wir bewegen uns in einer postindustriellen Ökonomie.

Laut dem Kultursoziologen Andreas Reckwitz haben viele Menschen den Sprung in eine Gesellschaft nicht geschafft – andere wiederum doch. Die Aufsteiger stammen aus der alten Mittelklasse, die sich heute in einer neuen Mittelklasse zusammenfinden. Heute sind sie Akademiker und haben das nötige soziale und kulturelle Kapital, um mit den gegenwärtigen Herausforderungen fertigzuwerden.

Aus der alten Mittelklasse sind dagegen Menschen abgehängt worden. Sie sind benachteiligt auf allen Märkten – Arbeits-, Wohnungs- und Bildungsmarkt.

Das zeigt sich auch in Essen. Dort prallen Menschen aufeinander, die abgehängt worden sind, die der Staat nicht mehr alleine lassen darf. Wir brauchen daher eine Verteilungsgerechtigkeit, die die Menschen mit niedrigem Einkommen stärker im Blick hat.

Zahlen müssen dafür alle, denen es besser geht – ganz gleich, wo sie herkommen.