ELTERN
21/05/2018 19:16 CEST | Aktualisiert 21/05/2018 21:01 CEST

Ich mag meine Suppe nicht: Experten beantworten 7 Fragen zur Kinderernährung

Kein Kind muss ständig essen.

© Santiago Urquijo via Getty Images
Ernährungsexpertin: “Wenn ich mein Kind immer zum Essen zwinge, dann kann es keine gesunde Beziehung zum Essen aufbauen.”
  • Viele Eltern sind verunsichert, weil ihr Kind nicht richtig isst – dabei sind viele Sorgen unbegründet. 
  • Die HuffPost hat zwei Expertinnen sieben Fragen rund um Kinderernährung gestellt. 

Dicke Tränen kullern über Vlads Gesicht. Der Fünfjährige presst seine Lippen fest zusammen und schiebt den Kopf zurück. “Nur ein Stück, du musst nur einen Happen essen”, bettelt seine Mama.

Sie steht neben seinem Hochstuhl, beugt sich über ihn. Ihre braunen Haare hängen ihm ins Gesicht, während sie versucht, ihm ein Stückchen Gemüsequiche in den Mund zu schieben.

Er dreht den Kopf zur Seite: “Nein, nein Mama. Da ist grün drin. Ich will das nicht!” Vlads Mama gibt auf. Völlig entnervt lässt sie ihren Sohn am Tisch sitzen.

Mehr zum Thema: Neue Studie zeigt: Es kann fatale Folgen haben, wenn ein Kind vegan oder vegetarisch ernährt wird

Diese Situation kennen wahrscheinlich viele Eltern. Und einige Kinder können sich womöglich in die Lage von Vlad hineinversetzen.

Heute geht es dem Jungen gut, er isst auch gerne Gemüse. Über den Zank mit seiner Mutter kann der mittlerweile 20-Jährige herzhaft lachen.

Essen wird über die Beziehung geprägt

Bei vielen Kindern prägen jedoch solche Ereignisse das zukünftige Essverhalten und können im Extremfall für eine ungesunde Beziehung zum Essen sorgen.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychatrie (DGKJP) erkranken besonders häufig junge Menschen, oft zwischen elf und 17 Jahren, an einer Essstörung. 

Auch Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts stützen diese These: Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland in dieser Altersspanne weist Symptome einer Essstörung auf. Dies entspreche etwa 1,4 Millionen Kindern und Jugendlichen.

► Selbstverständlich sind die Gründe für eine Essstörung vielfältig. 

Mehr zum Thema: Studie zeigt: Das passiert mit Kindern, die früh in die Kita kommen

Doch geht aus vielen Studien hervor, dass vor allem die Erfahrungen in der Kindheit, die Erziehung und das Umfeld das zukünftige Verhältnis zum Essen beeinflussen.

Und das kann auch der tägliche Kampf mit den Eltern sein.

Nur, was sollen Eltern machen, wenn es mit dem Essen einfach nicht klappen will?

Im Gespräch mit der HuffPost klären die Leitende Oberärztin der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Klinikum Schwabing, Petra Sobanski, und die Ernährungsexpertin Edith Gätjen sieben Fragen rund um das Thema Ernährung von Kleinkindern.

1. Warum macht mein Kind beim Essen plötzlich Probleme?

Mit etwa zwei Jahren würden Kinder anfangen, ihre Autonomie auszuleben, erklärt Edith Gätjen, Ernährungsexpertin. Und dies geschehe auch über das Essen, denn hier hätten die Kinder den Hebel in der Hand.

Das können die meisten Eltern sicherlich nachvollziehen: Wer schon einmal versucht hat, seinem Kind einen Löffel in den Mund zu schieben, kennt die Herausforderung.

Dass Kinder über das Essen ihre Freiheit erkämpfen wollen, passiere häufig, wenn die Eltern viel Druck ausübten: “Die Kinder merken dann: ‘Denen ist es jetzt total wichtig, dass ich dieses Gemüse esse. Und deswegen mache ich das jetzt mal nicht’”, sagt Gätjen.  

Auch sei nicht zu vernachlässigen, dass viele Kinder einfach keinen Hunger hätten. “Kinder essen so viel anderes, bei uns gibt es ja eine regelrechte Snacking-Kultur”, sagt die Ernährungsexpertin.

Mehr zum Thema: Die Ursache von Depressionen geht auf fünf Erfahrungen aus der Kindheit zurück

“Auf dem Spielplatz gibt es mal einen Keks, da ein Äpfelchen oder eine Reiswaffel und zum Schluss noch einen Dinkelring”, erklärt Gätjen. “Kein Wunder, dass die Kinder danach nicht mehr richtig hungrig sind.”

Deshalb könnten sie es sich auch leisten, das Abendessen zu verweigern und später vielleicht im Kinderwagen nach einer übriggebliebenen Reiswaffel zu suchen.

2. Mein Kind sagt ständig: “Mag ich nicht!” Was soll ich tun?

Erstmal sollten Eltern einfach akzeptieren, wenn das Kind nicht essen wolle, sagt Gätjen. “Okay, du möchtest das nicht essen? Wenn du auf dem Esstisch nichts findest, dann gibt es hier einen Korb mit Vollkornbrot. Davon kannst du so viel essen, wie du willst. In zwei Stunden gibt es dann die nächste Mahlzeit.”

► Wichtig sei, den Kindern zu zeigen, dass niemand zum Essen gezwungen wird.

Selbst Probieren sieht die Expertin kritisch: “Eltern sollten sich immer überlegen, wie die Situation für sie selbst wäre: Wie fühle ich mich, wenn mich jemand zum Probieren drängt?

Auch frage ich die Eltern oft: Wollen Sie alles probieren, was ich Ihnen hier auf dem Tisch vorsetze? Nein! Warum dann das Kind?” 

Für brave Kinder, die beim Essen gehorchen, gibt es von den Eltern nur allzu gerne eine Belohnung. Ein Schokolädchen für den Brokkoli, ein Eis für den Grünkohl. Gätjen wertet dieses Vorgehen als Erpressung und würde es von der Strategieliste streichen. 

Und umgekehrt ebenso: Das Kind zu bestrafen, wenn es nicht “richtig” essen möchte, führt nur zu größerem Unmut.

Denn wer setzt sich schon gerne an den Tisch und würgt Karotten runter, nur, um einer Strafe zu entgehen?

3. Sollte ich mein Kind zum Essen zwingen?

Bei der Zwangs-Frage haben sowohl die Kinderärztin als auch die Ernährungsexpertin eine eindeutige Haltung: Nein, gezwungen wird niemand.

Zwang sei sogar gefährlich, sagt Gätjen.

► “Wenn ich mein Kind immer zum Essen zwinge, dann kann es keine gesunde Beziehung zum Essen aufbauen.”

Dies würde sich auch in späteren Jahren zeigen. “Die Konsequenzen können sein, dass Kinder gar nichts mehr essen, wenn sie es selbst bestimmen können. Oder sie essen später viel zu viel.”

Für Petra Sobanski ist Zwang auch ein deutliches Zeichen, dass die Essenssituation allmählich aus dem Ruder laufe. “Wenn ich anfange, mit Zwang zu füttern, mein Kind im Stühlchen festschnalle oder ihm sogar hinterherrenne, dann sollte ich mir überlegen, dass hier etwas nicht stimmt.”

► Die Oberärztin empfiehlt in diesem Fall, dass sich Eltern therapeutisch unterstützen lassen sollten.

4. Kann ich mein Kind ablenken, damit es isst?

Was für viele Eltern ein Erfolgsrezept darstellt, ist für beide Expertinnen ein No-Go: Ablenkung sollte nicht als Mittel eingesetzt werden, um die Kinder zum Essen zu bewegen.

Seit den vergangenen Jahren gebe es ein ganz neues Ablenkungstool: das Tablet oder das Smartphone, erklärt Ernährungsexpertin Gätjen. “Die Kinder werden davorgesetzt und machen irgendwelche Spiele, während die Eltern das Essen in den Mund schieben.”

Die Expertin rät auch in diesem Fall, dass sich die Eltern fragen sollten, ob ihnen diese Situation gefallen würde: “Wichtig ist, zu reflektieren. Würde ich das wollen? Wäre mir das angenehm?”

Auch Sobanski kennt diese Ablenkungs-Strategien nur allzu gut: “Die Essenssituation kann so ausarten, dass der Papa die Marionette spielt, die Oma das Tablet hochhält und die Mama dann den Löffel reinschiebt.”

► So isst das Kind nur noch nebenbei und nicht mehr bewusst.

Stress sei einer der Gründe, warum Eltern in die Trickkiste greifen würden, erklären die Expertinnen. Die Geduld für ein ruhiges Essen komme oftmals zu kurz.

“Zahlreiche Eltern haben heutzutage sehr viel zu tun: Sie haben ein oder zwei Kinder, einen Job, müssen lange arbeiten – da ist die Zündschnur oftmals kürzer”, sagt Gätjen.

Wichtig sei es, sich gemütlich mit den Kindern an den Tisch zu setzen und zu essen. Oder gemeinsam zu kochen, schlägt Gätjen vor. So könnten Kinder früh lernen, dass Essen Spaß macht.

5. Was soll ich machen, wenn mein Kind kein Gemüse mag? 

“Alle wissen, dass Gemüse absolut wichtig und gesund ist”, erläutert Gätjen bei der Vitamin-Frage.

Gemüse scheint wirklich ein heikles Thema zu sein, denn in sämtlichen Ernährungsratgebern für Kinder heißt es: Diese speziellen Vitamine müssen auf dem Speiseplan stehen. Dadurch entsteht für die Eltern ein gesellschaftlicher Druck, welcher an die Kinder weitergegeben wird.

► Doch diese verziehen gerne das Gesicht, wenn es um das Gemüse geht. Alles, was grün ist, kommt den Kleinen nicht in den Mund.

Für Ernährungsexpertin Gätjen scheint dies nicht verwunderlich. “Kinder finden Gemüse eigentlich nicht klasse. Es macht nicht satt, ist nicht süß und könnte auch giftig sein.” Deshalb würden Kinder Brokkoli oder ähnliches ganz intuitiv ablehnen.

Auch der Druck innerhalb der Familie kann belastend wirken. Wenn die Oma beispielsweise wieder die Augenbrauen hochziehe, weil kein Gemüse auf dem Teller liege, erklärt Kinderärztin Sobanski. Das könne auch für Bauchschmerzen bei den Eltern sorgen.

► Bei der Frage nach dem Grünen ist also Geduld, Akzeptanz und Kreativität gefragt.

Die Ernährungsexpertin kann sich nämlich nicht vorstellen, dass ein Kind weder Obst noch Gemüse essen will. “Kinder essen gerne kleine Trauben, Gurken oder auch mal ein Möhrchen.”

Also, am besten alles, was gut mit den Händen gepackt werden kann und dazu noch laut knackt und kracht beim Kauen.

Mehr zum Thema: Familientherapeut Jesper Juul erklärt einen der größten Erziehungsfehler

Und was sollen Eltern machen, wenn selbst kleingeschnittenes, knackiges und handliches Gemüse verweigert wird?

“Es gibt auch Kinder, die essen nur Pizza und Spaghetti. Die haben ihre Eltern in der Hand – meistens nicht nur beim Essen”, sagt die Kinderärztin. Kein Grün ist für Sobanski auch keine Lösung. In diesem speziellen Fall sei es ebenfalls ratsam, sich helfen zu lassen.

“Gemeinsam schauen wir mit den Eltern, wie sie bestimmte Nahrung im Speiseplan unterbekommen.”

6. Wann sollte ich mir Sorgen machen?

Das Thema Essen ist allgemein stark mit dem Thema Sorge verknüpft: Sorge, dass das Kind nicht gut wächst, oder dass es nicht genügend Vitamine isst.

► Und vor allem: Wenn es kaum oder gar nichts essen will.

In erster Linie rät die Ernähungsexpertin dazu, richtig zu schauen und auf das Kind und seine Bedürfnisse einzugehen. “Erstmal wird mit Sorge kein Kind groß”, erklärt Gätjen. “Auch wenn ich mir Sorgen mache, die Kinder essen dadurch auch nicht mehr.”

Verweigert ein Kind komplett die Nahrung, ist dies aus Gätjens Sicht ein Hilferuf des Kleinen: “Hallo! Hier stimmt etwas nicht. Und deswegen will ich nicht mehr essen. So werdet ihr auf mich aufmerksam.” Bei Kindern werde häufig übersehen, dass auch ihnen der Appetit vergehe, wenn sie sich schlecht fühlten.

Die Gründe können vielfältig sein, sei es ein Streit zuhause, die Kita oder auch ein Umzug. Wichtig ist deshalb: Erst einmal Ruhe bewahren. Kinder müssen nicht immer essen.

Mehr zum Thema: Mutter kocht Nudeln – zum Glück erkennen die Kinder nicht, was sie essen

Heutzutage gebe es auch sehr viele verwirrende Informationen in den Medien, die die Sorgen vergrößern würden, erklärt Kinderärztin Sobanski. “Die Eltern denken sich dann beispielsweise ‘Oh nein, wenn das Kind nicht so viel wiegt, entwickelt es sich nicht richtig’. Die Eltern rennen dann zum Kinderarzt und der sagt dann auch noch ‘Ihr Kind ist zu dünn!’ Dann geht die Panik richtig los.”

Eltern würden dadurch ihre innere Kompetenz abgeben, selbst zu entscheiden, wann sie ihr Kind füttern sollten. “Es gibt schon eine App”, schimpft Sobanski, “die sagt den Eltern, wann sie ihr Kind füttern sollten. Das ist ganz furchtbar!”

Durch Informationsüberfluss und Übersorge, glaubt auch Sobanski, entstünden oft unnötige Dramen. Früher hätte sich die Störung vielleicht von alleine gegeben, doch heute könne dies schwieriger werden. “Mittlerweile gibt es nur noch selten Großfamilien, in denen dann die Oma sagt ’Mach mal halblang! Der isst halt nicht so viel.’”

Unterstützung sollten sich Eltern laut Sobanski holen, wenn sie Folgendes bemerken:

► Wenn sie beim Kind über mehrere Wochen Gewichtsverlust oder eine deutliche Gewichtszunahme bemerken.
► Wenn das Essen völlig unlustig ist, kein Spaß, sondern Panik auf beiden Seiten auslöst.
► Wenn die Eltern anfangen, lustlos zu sein und mit Zwang zu füttern.
► Wenn sie bemerken, dass sie mit ihrem Umfeld über die Essgewohnheiten des Kindes diskutieren.

7. Was sollte ich beim Essen mehr beachten?

Beobachten, verstehen, Vertrauen aufbauen – so sollte nach Ansicht beider Expertinnen die oberste Devise lauten.

Für Sobanski ist es wichtig, dass die Eltern verstehen, was eigentlich gerade los ist und wo die Reise hingehen soll. Denn Probleme beim Essen hätten so viele verschiedene Gründe.

Die Kinderärztin rät allen Eltern, sich therapeutische Hilfe zu holen, wenn die Essenssituation für die Beteiligten zur Belastung wird. Gemeinsam könne dann die passende Lösung gefunden werden. 

► Ihre Devise: “Mal schlechter zu essen, gehört zum Leben dazu und es sollte nicht gleich ein Drama daraus gemacht werden.” 

Gätjen rät den Eltern, auf die guten Seiten zu achten. In der Regel würden Erzieher oder die Familie eher das Schlechte bemerken und sich darauf fokussieren. 

Als zweiten Schritt sollten nach Gätjen Sorgen in Vertrauen umgewandelt werden. “Die Sorge ist sichtbar, das Vertrauen ist spürbar. Das merken die Kinder.”

“Mein allgemeines Plädoyer ist Folgendes: Als Elternteil sollte ich schauen, was gut läuft. Und davon mache ich mehr!”

(kap)